Filmkritik: Whiplash

Whiplash FilmposterDrama, USA 2014

Regie: Damien Chazelle; Darsteller: Miles Teller, J.K. Simmons

Der 19-jährige Andrew (Teller) ist besessen von seinem großen Traum – er will ein berühmter Jazz-Schlagzeuger werden. Er studiert an einer Elite-Hochschule für Musik und gerät dort auch schnell ins Blickfeld von Fletcher (Simmons), dem berüchtigten Dirigenten der renommierten „Studio Band“. Fletcher ist ein charismatischer, strenger Über-Vater, der seine Schüler bis an die Grenzen fordert, sie quält und öffentlich lächerlich macht.

Andrews ist fasziniert und entwickelt den manischen Ehrgeiz, den manipulativen Fletcher von sich zu überzeugen. Es entwickelt sich ein – von beiden Hauptdarstellern fantastisch gespielter – Schlagabtausch, der zunehmend ins Extreme abgleitet.

Eine sehr simple Prämisse, wenige Darsteller und eine überschaubare Anzahl von Schauplätzen: „Whiplash“ ist sicher nicht das, was man ein cineastisches Spektakel nennt. Der Film verlangt seinem Publikum ab, dass es sich auf die – für viele sicher eher wenig vertraute – Materie einlässt. Dazu gehören auch die vielen sich wiederholenden Szenen der Orchesterproben.

„Whiplash“ mischt geschickt Elemente von Coming-of-Age-Filmen, Comedy, Musikfilm (artverwandt mit dem Sportfilm) und klassischem Drama. Dem jungen Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle gelingt eine intensive Inszenierung, die in einem fulminanten Finale ihren Höhepunkt findet. Mir persönlich blieben Zweifel, ob ich die Aussage des Films unterstützen kann (oder sie richtig verstanden habe). Unter dem Strich kein sonderlich zugänglicher Film, der sein Publikum jedoch belohnt und den zumindest Musik-Fans so schnell nicht vergessen werden.

4/5

Update 15.1.15: Mehr Publikum ist nun garantiert. Der Film wurde in den Kategorien „Bester Film“ und „Bester Nebendarsteller“ für den Oscar nominiert. Dass J.K. Simmons nicht wirklich eine Nebenrolle spielt dürfte den Machern zurecht egal sein…

Kurzkritik: I Origins

I Origins - Im Auge der Wahrheit PosterDrama/Fantasy, USA 2014

Regie: Mike Cahill; Darsteller: Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Berges-Frisbey

In aller Kürze: Der ewige Kampf zwischen Wissenschaft und Spiritualität/Religion am ‚Beispiel‘ von tragisch-mysteriösen Erfahrungen eines jungen Naturwissenschaftlers.

Worum gehts? (Beziehungs-)Drama, in dessen Zentrum ein junger mit der Erforschung des menschlichen Auges befasster „Homo Faber“ steht, der auf ein wissenschaftlich unerklärliches Phänomen stößt.

Die gute Nachricht: Solide inszeniert und gut gespielt schafft es „I Origins – Im Auge des Ursprungs“ die recht konstruierte Handlung zu echtem Leben zu erwecken.

Die schlechte Nachricht: Die großen AHA-Momente bleiben aus, dem bekannten Thema wird keine wirklich neue Seite abgewonnen. Die unten genannten Filme sind interessantere Abhandlungen sehr ähnlicher Motive.

Wer diese Filme mochte kann einen Blick riskieren:
Perfect Sense„, „Hereafter

3/5

Filmkritik: Predestination

Predestination PosterSci-Fi/Drama, 2014

Regie: Michael & Peter Spierig; Darsteller: Ethan Hawke, Sarah Snook, Noah Taylor

In aller Kürze: Clevere Zeitreisen-Story im Retro-Look

Worum gehts? Ein Geheimdienst nutzt Zeitreisen, um Verbrechen vor Ihrer Entstehung zu verhindern. Ein Agent gerät bei der Jagd auf einen Bombenleger in eine komplizierte Story um Identität, Loyalität und die Paradoxa des Phänomens Zeitreisen.

Die gute Nachricht: In einem ungewöhnlichen, stimmigen Mix aus Science-Fiction und klassischem Drama entwickelt der Film einen großen erzählerischen Sog. Hervorragend gespielt von Ethan Hawke und der australischen Newcomerin Sarah Snook

Die schlechte Nachricht: Ich kann nicht garantieren, dass die Story bei (zu) genauem Hinsehen keine erheblichen Logik-Fehler aufweist.

Wer diese Filme mochte sollte einen Blick riskieren:
„Dark City“, „Donnie Darko“, „Gattaca“

4/5

[PS: Diese „neue“ Kritik-Kurzform wollte ich mal ausprobieren. Gern in den Kommentaren Feedback geben!]

Kurzkritik: Begin Again (Can A Song Save Your Life)

Begin Again PosterDrama/Comedy, USA 2013

Regie: John Carney; Darsteller: Mark Ruffalo, Keira Knightley, Adam Levine, Hailee Steinfeld

Eine gute Story mit glaubwürdigen Figuren, einer einfallsreichen Inszenierung, guten Dialogen und bestens aufgelegten Darstellern braucht das Rad nicht neu erfinden, um zu überzeugen. Das führt „Begin Again“ vor Augen. In dem Film trifft der privat und beruflich mächtig kriselnde Musiklabel-Scout Dan (Ruffalo) auf die frisch von ihrem Rockstar-Ehemann (gespielt von Maroon 5-Sänger Adam Levine) getrennte Gretta (Knightley), die zaghafte Ambitionen und nennenswertes Talent als Songschreiberin hat. Schon der Beginn des Films, der kurz die Backstories von Beiden schildert und in ihrem ersten Treffen gipfelt, zeigt, dass der Film mit Herz und Ideen angetreten ist.

Dieses Niveau kann er dann weitgehend halten und dabei die Gefahr, in Klischees abzugleiten, fast immer umschiffen. Auch musikalisch kann „Begin Again“ überzeugen, sowohl mit gutem Songwriting als auch mit einer exzellenten Auswahl für den restlichen Soundtrack.  Letztlich ist der Film eine ‚feelgood relationship dramedy‘ wie zuletzt auch „Chef“ – anstelle der kulinarischen Köstlichkeiten hier im nicht minder spannenden Milieu der Musikszene. Da ist auch die etwas zu simpel gestrickte Darstellung der ’neuen Selbstvermarktung‘ in Zeiten des Internet am Ende locker zu verschmerzen.

4/5

Kurzkritik: The One I Love

The One I Love FilmposterDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Charlie McDowell; Darsteller: Elisabeth Moss, Mark Duplass, Ted Danson

Obwohl ansonsten überhaupt nicht  vergleichbar mit David Finchers „Gone Girl“ gibt es eine große Gemeinsamkeit – man sollte möglichst nichts über den Plot des Films (über die ersten 15 Minuten hinaus) wissen. Ethan und Sophie (Duplass und Moss) haben Eheprobleme, die sie beim Paartherapeuten zu lösen versuchen. Dieser rät Ihnen zu einem Wochenend-Ausflug in ein idyllisches Ferienhaus, wohin sich die beiden prompt aufmachen.

Es entwickelt sich nun ein Beziehungsdrama, allerdings eines, in dem die Rollen nicht so richtig klar verteilt sind. „The One I Love“, so viel darf ich verraten, geht in Richtung Charlie-Kaufman-Territorium, will sagen „Vergiss Mein Nicht“, „Adaption“ oder auch „Being John Malkovich“ lassen grüßen. Stark gespielt und geschickt inszeniert ist der Film kein reines Kopfkino und keine bloße Stilübung, sondern eine im besten Sinne interessante Variation der filmgewordenen Beziehungskrise.

4/5

Kurzkritik: Wish I Was Here

Wish I Was Here FilmposterDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Zach Braff; Darsteller: Zach Braff, Kate Hudson, Mandy Patinkin

„Scrubs“-Star Zach Braff hat vor zehn Jahren mit „Garden State“ einen bittersüssen ‚Coming of Age‘-Film gedreht, der mir großen Spaß gemacht hat. Nun meldet er sich mit dem per crowd funding finanzierten „Wish I Was Here“ zurück, der von ganz ähnlicher Machart ist, aber weniger überzeugen kann. Er spielt darin den erfolglosen Schauspieler Noah Blooms, der sich mit Mitte 30 der traurigen Gewissheit stellen muss, dass sein Leben so nicht weitergehen kann.

Während der Indie-lastige Soundtrack und die Dialoge überzeugen fehlt es dem Drehbuch und auch den Figuren an innerer Logik. Es ist zwar unterhaltsam, dem Treiben zuzusehen, aber nimmt es nie so richtig ernst. Braffs zentrale, von ihm selbst gespielte Figur ist – trotz einiger sympathischer Züge – nicht glaubwürdig. Das ganze Anfangsszenario scheint mir unplausibel.

Das bedeutet keinesfalls, dass „Wish I Was Here“ nicht ein paar starke Momente hätte oder insgesamt schlecht gemacht wäre. Mitfühlend und mit nachdenklichen Untertönen blickt er auf ein kompliziertes (gibt es unkomplizierte?) Familienleben. Vielleicht ist die Planlosigkeit wie schon bei „Garden State“ einfach Teil des Plans – passt aus meiner Sicht aber weniger gut ins Bild.

3/5

Kurzkritik: Automata

Automata PosterSci-Fi, Spanien/Bulgarien 2014

Regie: Gabe Ibanez; Darsteller: Antonio Banderas, Robert Forster, Dylan McDermott

So gut ich es finde, dass man sich auch in Europa mal an das Sci-Fi-Genre herantraut, kann ich doch über „Automata“ nicht viel positives vermelden. Der Film bedient sich kräftig bei bekannten Stoffen (vor allem bei „Blade Runner“) und hat durchaus eigene Ideen – aber trotz einiger ganz ordentlicher Teile ist das entstandene Ganze äußerst unrund geraten.

Dass die Effekte kein Blockbuster-Niveau erreichen ist dabei noch das kleinste Problem. Vor allem mangelt es an einer guten Story, die man sich innerhalb der nicht uninteressanten Welt von „Automata“ durchaus hätte vorstellen können. Düster und trostlos geht es lange daher, aber ohne überzeugenden roten Faden. Der erzählerische Funke springt einfach nie über. Dass es dann am Ende gar noch etwas kitschig wird ist geradezu ärgerlich.

2/5

Filmkritik: The Two Faces of January

The Two Face of January PosterDrama/Thriller, USA/UK/FR 2014

Regie: Hossein Amini; Darsteller: Viggo Mortensen, Kirsten Dunst, Oscar Isaac

„The Two Faces of January“ erinnert nicht zufällig an „The Talented Mr. Ripley“ – beide basieren auf Romanen von Patricia Highsmith, beide handeln von US-Amerikanern in Europa, die Story beginnt hier anno 1962 in Athen. Rydal (Oscar Isaac aus „Inside Llewyn Davis), Yale-Absolvent und Sohn eines kürzlich verstorbenen Harvard-Professors, arbeitet dort als Reiseführer, der sich wo er kann ein paar Scheine dazu verdient. Gerne durch den zu seinen Gunsten gezinkten Wechsel von Dollars in Drachmen.

Rydal trifft auf das glamourös auftretende Ehepaar Chester und Colette MacFarland (Mortensen/Dunst), die es sich in Europa gut gehen lassen. Bald stecken die drei ‚Expatriots‘ gemeinsam in der Klemme, weil die MacFarlands unverhofft von Chesters zwielichtigen Investmentgeschäften eingeholt werden. Hier wird „The Two Faces of January“ zum Roadmovie, dessen erste Etappe die Fähre nach Kreta ist, wo es bald mit dem Bus weiter geht.

Die Spannung in der Story rührt in erster Linie von den Charakteren her. Rydal und Colette sind offensichtlich voneinander angezogen, doch wer in dem Beziehungsdreieck wem – wenn überhaupt – vertrauen kann ist bestenfalls unklar. Den Blick auf die wahren Motive und Loyalitäten gibt der Film nur langsam frei. Die äußere Spannung entwickelt sich ebenfalls gemächlich. Anfangs scheint die Dreierbande ihren Verfolgern bequem zu entkommen, doch ihr Verhalten – nicht zuletzt aufgrund der inneren Spannungen – legt ihnen langsam aber sicher eine Schlinge um den Hals.

Im Vergleich mit „The Talented Dr. Ripley“ fällt der Film von Hossein Amini etwas ab, schon weil er weniger Kniffe, Überraschungen oder interessante Nebenfiguren enthält. Doch die starken Darsteller, das absolut intakte Gefühl der Inszenierung für die Figuren und die sehenswerten, sonnendurchtränkten Bilder (ein schöner Kontrast zur zunehmend düsteren Story, die einem Kammerspiel gleicht) reichen für spannende und überzeugende Unterhaltung, wie es sie im Kino heutzutage viel zu selten gibt. „The Two Faces of January“ ist ein gutes Beispiel für eine Story, die in gut 90 Minuten erschöpfend zu Ende erzählt werden kann, ohne dass sie deshalb seicht oder gehetzt daher käme.

4/5

Kurzkritik: Calvary (Am Sonntag bist Du tot)

Calvary FilmposterDrama, Irland/UK 2014

Regie: John Michael McDonagh; Darsteller: Brendan Gleeson, Kelly Reilly, Aidan Gillen

Düsteres Drama mit komödiantischen Zwischentönen und großartigen Darstellern, allen voran Brendan Gleeson. Ein Priester einer kleinen irischen Gemeinde am Meer, der von einem Unbekannten mit dem Tode bedroht wird, steht im Zentrum eines als Mikrokosmos angelegten Gesellschaftsportraits. Glaube, Trauer, Vergebung, Rache, Hoffnung – die Handlung und ihre Figuren kreisen um große Themen, der Film ergeht sich in zahllosen Anspielungen an die Bibel (der Originaltitel ist nur eine davon). Dass er trotz des unübersehbaren Gleichnis-Charakters auch emotional überzeugen kann und nicht (nur) als verkopftes Lehrstück daher kommt, ist die große, positive Überraschung von „Calvary“.

4/5

Filmkritik: Dom Hemingway

Dom Hemingway PosterDrama/Comedy, UK 2013

Regie: Richard Shepard; Darsteller: Jude Law, Richard E. Grant, Emilia Clarkson

12 Jahre hat Safe-Knacker Dom Hemingway (J. Law) im Knast gesessen. Er hätte seine Strafe verkürzen und den Oberboss Fontaine (D. Bichir) verpfeifen können – aber Dom ist vom alten Schlag. Gesungen wird nicht. Nun ist seine Tochter entfremdet und erwachsen, seine Frau längst früh verstorben. Dom, unterwegs mit seinem schrägen Gangster-Buddy Dickie (Grant), hofft nun auf einen dicken Batzen Geld von Fontaine, der die beiden in seine Villa in Frankreich eingeladen hat.

„Dom Hemingway“ ist ein bemerkenswert unstimmiger Film geworden. Die überdrehten, schrillen Comedy-Szenen mit ihrem Slapstick und derber Gossensprache ergeben in Verbindung mit den emotionaleren Momenten kein funktionierendes rundes Gesamtbild. Zur fehlenden Balance trägt zudem die wenig schlüssige Story bei. Die Figuren (die meisten davon sind grell überzeichnet, andere zu blass) vermögen diese Risse nicht zu kitten; die irgendwie unpassende Note, auf der „Dom Hemingway“ endet, ergibt sich schon fast zwangsläufig.

Ein glänzend aufgelegter Jude Law, witzige Dialoge, ein paar zündende Ideen und der spürbare Elan der Inszenierung machen „Dom Hemingway“ trotz dieser Mängel zu einem recht unterhaltsamen Vergnügen. Wer Spaß an (britischen) Gangsterkomödien hat und sich von der holprigen Story nicht stören lässt, der kann am Film seine Freude haben.

3/5

Filmkritik: La Grande Bellezza – Die große Schönheit

La Grande Bellezza PosterDrama/Komödie, Italien 2013

Regie: Paolo Sorrentino; Darsteller: Toni Servillo, Sabrina Ferilli, Carlo Verdone

„La Grande Bellezza“ wurde jüngst mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Was mir Anlass genug war, mal zu schauen, wem die Academy da attestierte, einen besseren Film als Thomas Vinterbergs „Die Jagd“ gemacht zu haben. Und siehe da, die Damen und Herren haben absolut richtig gelegen – der Film von Paolo Sorrentino ist wirklich fantastisch. Eine grandiose Mixtur, mir fielen vor allem Woody Allen, Robert Altman und Federico Fellini ein, dessen „La Dolce Vita“ hier häufig anklingt, aber keinesfalls kopiert wird.

Der alternde Schriftsteller Jep Gambardella (T. Servillo) hat nach seinem erfolgreichen ersten Roman keinen zweiten mehr zu Papier gebracht. Er arbeitet in Rom als Journalist für ein renommiertes Magazin und umgibt sich mit gebildeten, reichen Menschen. Sein Blick auf die Welt, das Leben und die Menschen ist wehmütig, kritisch, aber immer humorvoll.

In stylischen Bildern folgt ihm der Film auf rauschende Feste, extravagante Kunst-Events, in unfassbar luxuriöse Apartments (sein eigenes hat eine riesige Terrasse mit Blick aufs Kolosseum). Kunst, Literatur, Film, Architektur; all die schönen Dinge des Lebens werden in messerscharfen Dialogen opulent und bittersüss serviert. Jep treibt dabei die Frage um, was er mit seinem Leben noch anfangen möchte – und ob er in seiner Karriere die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Wunderbar komponierte Bilder, dabei schwelgerisch, ohne der gezeigten Dekadenz zu verfallen, mit einer Prise feiner Selbstironie und einem herrlichem Hauptdarsteller (auch die Nebenrollen sind eine Freude) gelingt Sorrentino ein großes Kinoerlebnis. Mit viel Pathos und großen Ambitionen, dabei aber immer zutiefst menschlich und mit einer nur scheinbar ziellosen Geschichte, die bis zum Schluss begeistert.

5/5

Filmkritik: Nebraska

Nebraska PosterDrama/Comedy, USA 2013

Regie: Alexander Payne; Darsteller: Bruce Dern, Will Forte, Stacy Keach

Wie schon in Alexander Paynes „About Schmidt“ geht auch in seinem neuen Film um einen kauzigen, alten Mann, der es irgendwie noch mal wissen will. Hier ist es Woody Grant (B. Dern) aus Montana, ein grantiger, wortkarger (Ex?)-Alkoholiker. Er bekommt eines dieser bekloppten Werbeschreiben, die einem einen satten Gewinn vorgaukeln, aber eigentlich nur irgendwas verkaufen sollen.

Woody nimmt die Sache für bare Münze. Er wähnt sich im Besitz von 1 Million Dollar, weiss aber nicht genau wie er nach Lincoln, Nebraska kommen soll, um das Geld abzuholen. Denn fahren kann der gebrechliche Greis nicht mehr, auch wenn er sehr gern würde. Weil dem Alten die Idee nicht auszutreiben ist fährt ihn schließlich sein Sohn Davis (W. Forte) hin.

„Nebraska“, in schwarzweiss gedreht, entwickelt sich in der Folge zu einem melancholischen und oft traurigen, aber nie herzlosen Road-Movie. Mit viel Humor durchleuchtet er Lebensträume und -lügen, die Kraft der Vergangenheit, das schwierige Verhältnis von Eltern zu ihren (erwachsenen) Kindern sowie innerhalb der lieben Verwandschaft – und die Probleme des alt- und älter werdens.

Der Blick auf die Figuren ist nicht sentimental, sondern sehr genau und mitfühlend.  Die Darsteller überzeugen absolut, der Film kommt trotz des meist eher trüben Settings und der ernsten Thematik beschwingt daher. Man muss sich an die Figuren anfangs schon ein wenig gewöhnen, aber dann liefert „Nebraska“ einen wunderbaren Beweis, dass gute Dramen im Kino immer noch funktionieren können.

4/5

Filmkritik: Byzantium

Byzantium PosterVampirdrama, USA/UK 2012
Regie: Neil Jordan; Darsteller: Gemma Arterton, Saoirse Ronan, Sam Riley

Einen starken Beitrag zum Genre des Vampirfilms liefert Regisseur Neil Jordan (kein Unbekannter in diesem Fach, siehe „Interview with the Vampire“) mit „Byzantium“. Der Film erzählt von zwei Frauen, Mutter und Tochter, die im England der Gegenwart ihr Dasein als unsterbliche Blutsauger führen. Clara (Gemma Arterton) verdient als Stripperin das Geld für sich und ihre 16-jährige Tochter Eleanor (Saoirse Ronan). Das Zusammenleben der zwei Frauen, deren Herkunft und Vergangenheit der Film in Rückblenden erzählt, ist nicht frei von Spannungen. Eleanor ist des ständigen Umziehens (wenn Mama mal wieder gemordet hat) überdrüssig, Clara ist vor allem um die Sicherheit der beiden besorgt – nicht ohne Grund, wie das Publikum bald erfährt.

Die beiden landen nach dem gelungenen und stimmungsvollen Auftakt in einem herunter gekommenen Kurort an der Küste, wo Clara umgehend den etwas hilflosen Noel um den Finger wickelt und mit ihrer Tochter bei ihm Quartier bezieht. Nicht nur das, sie bringt in Noels Räumen gleich ein florierendes Bordell zum Laufen.

„Byzantium“ enthält fast alle bekannten und beliebten Motive aus der Welt der Vampire. Dazu gehört natürlich auch die Geschichte der Vampir-Werdung, die sich hier mit fortlaufender Spielzeit mit den Ereignissen der Gegenwart vermischt. Überzeugen tun dabei sowohl die Haupt- als auch die Nebendarsteller, sowie die sehr gut entwickelten und geschriebenen Figuren.

Der Ton des Films ist ernst, angemessen morbide und melancholisch, aber dabei immer unterhaltsam. Sicher erfindet „Byzantium“ dabei das Rad der Vampir-Story nicht neu, aber wer an guten Geschichten aus dem Reich der Blutsauger nichts auszusetzen hat, darf hier bedenkenlos zugreifen.

4/5

Filmkritik: The Canyons

The Canyons PosterDrama/Thriller/Erotik, USA 2013

Regie: Paul Schrader; Darsteller: Lindsay Lohan, James Deen, Nolan Gerard Funk

Über „The Canyons“ wurde vor dem Start ein ziemlicher Wirbel gemacht, was gleich mehrere Gründe hat. Etwa dass „Taxi Driver“-Autor und „American Gigolo“-Regisseur Paul Schrader Regie geführt hat. Oder dass Skandal-Autor Bret Easton Ellis („American Psycho“) für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Damit nicht genug spielt mit James Deen noch ein Pornostar eine Hauptrolle, an der Seite der notorischen Skandalnudel Lindsay Lohan. Und schließlich wurde der Film zum Teil über Crowdfunding finanziert und mit einem Mini-Budget von kolportierten $ 250 000 gedreht.

Die Handlung des Films kreist um ein halbes Dutzend junger und attraktiver Menschen, die in Los Angeles leben und irgendwie mit der Filmbranche zu tun haben. Da ist der arrogante Christian (J. Deen), Spross einer wohlhabenden Familie und Produzent von (Horror-)Filmen. Seine Freundin ist die schöne, desillusionierte Tara (Lohan), die sich von ihm (freiwillig?) beim Sex mit fremden Partnern beider Geschlechter filmen lässt.. Zu Beginn des Films sitzen die beiden mit dem Schauspieler Ryan und dessen Freundin Amanda, gleichzeitig Christians Assistentin, im Restaurant. Die merkwürdige Stimmung, die dort am Tisch herrscht, wird bald erklärt – zwei der Figuren haben eine gemeinsame Vergangenheit, von der die jeweiligen Partner nichts wissen.

Wer die Romane von Bret Easton Ellis kennt (oder deren Verfilmungen wie etwa „The Rules of Attraction“) ahnt bereits, dass die handelnden Personen wenig sympathisch daher kommen. Zum Teil in gleißender Sonne gefilmt bewegt sich die Handlung durch viele schicke Ecken von Los Angeles, wobei man „The Canyons“ das niedrige Budget so gut wie nie ansieht. Einige starke Momente erinnern an David Lynchs „Mulholland Drive“, was neben den Bildern auch am ähnlichen (und gelungenen) Soundtrack liegt.

Ich gebe mich gern als Fan von Easton Ellis‘ Werk zu erkennen, das oft von vordergründig oberflächlichen und ziellosen Figuren bestimmt wird, die meist aus hochgradig dysfunktionalen Familien kommen. In seinen besten Romanen schafft Ellis daraus eine Mischung aus zynischem Sittenportrait und fundamentaler Zeitgeist-Kritik. „The Canyons“ trägt eindeutig seine Handschrift, kann aber erzählerisch nicht vollends überzeugen.

Es geht von den Figuren und der für Ellis typischen, absolut materialistischen und unterkühlten Welt, in der sie leben, durchaus eine Faszination aus. Lohan spielt Tara (die als ‚gefallener Engel‘ in Hollywood natürlich nah an der Person von Lindsay Lohan angelegt ist) mit einer Mixtur aus Offenheit (zum Teil auch Nacktheit) und stetig schwelender Rätselhaftigkeit. Deen wiederum, der in den USA Berühmtheit als eine neue Art des Pornostars erlangt hat (jungenhaft und aus gutem Hause), besitzt als Christian eine spürbare Präsenz, erstarrt aber oft in immergleichen Posen – die dabei jedoch zur Rolle passen.

Ellis und Schrader haben ihren Film wiederholt als „post-cineastisch“ bezeichnet, als einen Film nach dem Ende der großen Kino-Ära (schon der Vorspann zeigt viele Ruinen alter Kinos). Damit treffen sie durchaus einen Nerv. Die Stärken von „The Canyons“ (die überzeugende Stimmung, die vielen Anspielungen und Zweideutigkeiten bezogen auf den westlichen Lifestyle) rechtfertigen locker, sich den Film anzusehen. Weil er sich aber konsequent keine Mühe gibt, seine Figuren und deren Handlungen richtig zu erklären und entwickeln, hat man als Zuschauer immer eine große Distanz zum Geschehen. Die mag gewollt sein, löst aber keinen (positiven) Reiz beim Betrachter aus. Für mich dennoch knapp

4/5

 

Kurzkritik: Scenic Route

Scenic Route PosterDrama, USA 2013

Regie: Kevin & Michael Goetz; Darsteller: Josh Duhamel, Dan Fogler

Zwei Freunde Anfang 30 unternehmen einen Roadtrip und fahren dabei durch die Wüste Kaliforniens. Mitchell (Duhamel) ist beruflich erfolgreicher Familienvater, Carter (Fogler) schreibt erfolglos Romane. Als ihr Wagen in der Wüste stehen bleibt und die beiden merken, dass sie in der abgelegenen Ecke jenseits der Highways wenig Aussicht auf eine baldige Rettung haben geraten sie mächtig aneinander.

„Scenic Route“ ist ein psychologisches Kammerspiel (wobei die „Kammer“ hier recht weitläufig ist), das ganz von den Dialogen und Schauspielern lebt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen stimmt dabei die Glaubwürdigkeit der (reichlich dramatischen) Ereignisse, auch die schwierige Beziehung der beiden alten College-Freunde ist stimmig entwickelt. Trotz einiger kleiner Ungereimtheiten beschäftigt sich der Film so überzeugend mit den Träumen, Lebensentwürfen und Realitäten seiner Figuren. Das Ende wird einige Zuschauer verwirrt oder enttäuscht zurück lassen – ich halte es mindestens für passend.

4/5

1 3 4 5 6 7 19