Die besten Filme 2020

2020 ist das mit Abstand schwächste Filmjahr seit … immer. Die Menge an starken Kinofilmen hat ohnehin die letzten Jahre abgenommen. Zumindest war immer weniger nach meinem Geschmack dabei. Dann kam Corona, und hat dafür gesorgt, dass kaum ein (kommerziell) ambitionierter Film überhaupt ins Kino kam.

Natürlich habe ich wie üblich auch viel einfach verpasst – auf meinem Zettel stehen hier z. B. noch „Wir Können Nicht Anders“ von Detlev Buck, die Neuverfilmung von „Berlin, Alexanderplatz“, sowie die Teile drei bis fünf von „Small Axe“. Weitere Tipps für großes Kino des Seuchenjahrgangs 2020 gern in den Kommentaren hinterlassen!

Ich habe überhaupt nur mit Mühe zehn Filme zusammen bekommen. Viele davon hätten es letztes Jahr sicherlich nicht in die Liste geschafft. Und eine Aufzählung von Filmen „knapp an den Top 10 vorbei“ konnte ich mir entsprechend direkt sparen.

  1. „Da 5 Bloods“ (Netflix)
  2. „Possessor“ (Streaming, DVD/BluRay)
  3. Small Axe Pt. 2 – Lover’s Rock“ (BBC/Amazon)
  4. Small Axe Pt. 1 – Mangrove“ (BBC/Amazon)
  5. „The Trial of the Chicago 7“ (Netflix)
  6. „I’m Thinking of Ending Things“ (Netflix)
  7. „On the Rocks“ (Apple TV+)
  8. „The Invisible Man“ (Kino)
  9. „Monsieur Killerstyle“ (Streaming, DVD/BluRay)
  10. „Mank“ (Netflix“)

Kurzkritik: Small Axe („E01 – Mangrove“ & „E02 – Lover’s Rock“)

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Drama, 2020

Regie: Steve McQueen; Darsteller: Shaun Parkes, Letitia Wright, Malachi Kirby (Mangrove), Amarah-Jae St. Aubyn, Micheal Ward, Shaniqua Okwok (Lover’s Rock)

Mangrove“ ist in vieler Hinsicht das britische Pendant zu „The Trial of the Chicago Seven“. Im anno 1970 vor allem karibischstämmigen Einwanderen bevölkerten Londoner Stadtteil Notting Hill eröffnet ein neues Restaurant. Das „Mangrove“ wird zum Dreh- und Angelpunkt der Community, der Polizei ist der Laden ein Dorn im Auge. Nach einer Reihe von unbegründeten und brutalen Razzien kommt es zu Protesten, die alsbald eskalieren. Neun Menschen landen als angebliche „Anstifter“ vor Gericht.

Der Film erzählt seine Geschichte unaufgeregt und bedächtig. „Mangrove“ ist kein auftrumpfendes Star-Kino, sondern eine eindringliche Schilderung eines bemerkenswerten Prozesses, in dem der allgegenwärtige Rassismus der Gesellschaft verhandelt wird. Spannend (zumindest für all jene, die nie was von den ‚Mangrove 9‘ gehört haben), mitreißend gespielt und insgesamt absolut sehenswert.

Lover’s Rock„, der zweite Film der für die BBC & Amazon produzierten fünfteiligen „Small Axe“-Reihe, spielt im selben Milieu, allerdings etwa zehn Jahre später. Und anstelle einer Gerichtsverhandlung steht hier eine Party im Mittelpunkt. Tatsächlich spielt der Film in seinen knapp 70 Minuten Laufzeit fast ausschließlich auf dieser Party, bei der junge Menschen zu Reggae- und Diskoklängen tanzen, flirten, streiten, sich kennenlernen, Red Stripe trinken und in rauen Mengen Joints rauchen.

Man muss die Musik (u. a. Lee Perry, Sister Sledge, Bob Marley) schon mögen, sonst wird man wohl nicht viel Freude an „Lover’s Rock“ haben. Während man zunächst noch glaubt, die Vorbereitungen und die Party selbst wären Teil einer Exposition oder des ersten Akts, lädt der Film immer weiter dazu ein, sich mit den Figuren in die stimmungsvolle Party fallen zu lassen. Dabei ist es nicht so, dass ’nichts passiert‘. Doch das Geschehen ist eben kein Plot, vergleichbar eher mit Richard Linklaters „Dazed and Confused“ oder „Everbody Wants Some!!“, dabei aber wegen der räumlichen Einschränkung noch deutlich radikaler. Ich wusste nicht, worauf ich mich bei diesem Film eingelassen habe, und war ziemlich begeistert.

(beide:) 5/5

Kurzkritik: I’m Thinking Of Ending Things

Drama, 2020

Regie: Charlie Kaufman; Darsteller: Jessie Buckley, Jesse Plemons, Toni Collette, David Thewlis

Worum gehts?
Wenn ich das wüsste! Die Eckdaten der Handlung sind folgende: Eine junge Frau fährt mit ihrem neuen Freund Jake aufs Land, um dort seine Eltern kennen zu lernen. Nach dem gemeinsamen Dinner fahren die beiden weiter in Jakes alte High School, wo dann … äh … weitere Dinge passieren. Dazu muss man allerdings wissen, dass der Film keine „einfache Wirklichkeit“ abbilden will, sondern eher eine Gedankenwelt – es geht also ähnlich phantastisch zu wie in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, dessen Drehbuch ebenfalls von Kauman stammt.

Was soll das?
„I’m Thinking of Ending Things“ ist wie oben bereits erwähnt nicht daran interessiert, eine lineare Story zu erzählen. Die Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander verschieben sich laufend – werden älter oder jünger, vereinen sich, tauchen in alternativen Realitäten wieder auf. Zusammengehalten wird das Konstrukt durch das äußerlich recht begrenzte Szenario mit drei Schauplätzen: Jakes Auto, die Farm seiner Eltern und seine ehemalige High School.

Taugt das was?
Ja, wenn man mit der Abwesenheit einer klassischen Handlung leben kann. Und Vorsicht: der Film kann und will auch nicht einfach „enträtselt“ werden, wenn man nur genau genug aufpasst. Die absolut herrlichen Schauspieler sorgen dafür, dass man die ungewöhnliche Reise sehr gerne mitmacht, und dabei auch vorzüglich unterhalten wird. Die Bilder im ungewöhnlichen alten 4:3-Fernsehformat verstärken die oft klaustrophobische Stimmung des Films. Für mich gehört „I’m Thinking of Ending Things“ zu den Filmen, die im besten Sinne interessante neue Wege ausloten, ohne dabei nur an sich selbst interessiert zu sein. Wer also zum Beispiel die Filme von David Lynch mag, der sollte hier einen Blick risikieren.

4/5

Kurzkritik: Da 5 Bloods

Drama/Thriller, 2020

Regie: Spike Lee; Darsteller: Delroy Lindo, Clarke Peters, Isiah Whitlock Jr., Norm Lewis, Melanie Thierry, Jean Reno

Worum gehts?
Vier schwarze Vietnamkriegsveteranen kehren für eine private Mission nach fast 50 Jahren zurück an die ehemalige Front. Sie wollen die Gebeine ihres Kameraden und Anführers bergen. Und nebenbei einen Haufen Gold finden, den sie ganz in dessen Nähe vermuten. Ganz allein können die „Bloods“ das nicht stemmen, was schnell zu Irritationen führt.

Was soll das?
Spike Lee mischt in „Da 5 Bloods“ Elemente und Motive verschiedener Genres. Vertreten sind etwa das Buddy Movie, der Abenteuerfilm, sowie jede Menge Dramen mit politischen, kulturellen, historischen und psychologischen Schwerpunkten. Trotzdem ist der Film keine kopflastige oder überwiegend konstruiert wirkende Angelegenheit. Das Szenario bietet dem Regisseur vielmehr die Möglichkeit für eine facettenreiche Tour de Force.

Taugt das was?
Fuckin‘ A. Getragen von dem unglaublich starken Ensemble (neben Delroy Lindo ragen für mich vor allem die „The Wire“-Stars Clarke Peters und Isiah Whitlock Jr. heraus), pointierten Dialogen und unterlegt von einem großartigen Score, überzeugt „Da 5 Bloods“ von Anfang an. Die großen Ambitionen des Regisseurs treten dabei ebenso deutlich zu Tage, wie die für ihn charakteristische erzählerische Wut. Der Kunstgriff, seine alten Haudegen in den Kriegsszenen von 1969 nicht von jungen Lookalike-Darstellern spielen zu lassen, sondern von sich selbst (OHNE sie digital zu verjüngen), funktioniert bestens. Sie wirken dadurch eher wie reale Erinnerungen als wie klassische Rückblenden.

Nicht jede Szene und jeder Halbsatz trifft hier ins Bull’s Eye, aber die Quote ist angesichts des unkonventionellen Stil-Mix‘ dennoch beeindruckend. Es fällt fast schwer zu glauben, dass der Film vor den jüngsten Ereignissen von Minneapolis erdacht und gedreht wurde. Doch andererseits sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dadurch wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit geraten sind, lange bekannt. Und Spike Lee beweist erneut, dass er nicht müde wird, den Finger in die Wunden der US-Gesellschaft zu legen.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

5/5

Kurzkritik: Knives Out – Mord ist Familiensache

Krimi/Komödie, 2019

Regie: Rian Johnson; Darsteller: Daniel Craig, Ana de Armas, Chris Evans, Don Johnson, Christopher Plummer

Worum gehts?
Ein steinreicher Schriftsteller wird in der Nacht seines 85. Geburtstags tot aufgefunden. Seine durchgehend recht schrulligen Angehörigen werden von der Polizei verhört, und auch der berühmte Privatdetektiv Benoit Blanc (Craig) nimmt die Ermittlungen auf…

Was soll das?
„Knives Out“ bedient sich stilistisch und inhaltlich bei vielen Klassikern des Krimi-Genres, insbesondere Agatha-Christie-Verfilmungen. Von der ersten Szene an lässt der Film keinen Zweifel daran, was er vor hat: das Publikum ist zum fröhlichen Miträtseln eingeladen, während in Rückblenden Stück für Stück die entscheidenden Szenen der Todesnacht präsentiert werden. Und auch an falschen Fährten mangelt es selbstverständlich nicht.

Taugt das was?
Das tut es. Der Film von Rian Johnson („Brick„, „Looper„) erfüllt alle Erwartungen, die man an das Genre stellen kann. Er präsentiert ein starkes Darsteller-Ensemble, eine knifflige Story, ist witzig, kurzweilig und spannend. Die Neuerfindung des Genres ist „Knives Out“ ganz sicher nicht. Sondern ein absolut gelungener Beitrag dazu.

Sonst noch was?
„Mord ist Familiensache“ kriegt definitiv einen Ehrenplatz in der Galerie der dämlichsten, unnötigsten und einfallslosesten deutschen Titel-Zusätze.

4/5

Kurzkritik: Der Schwarze Diamant (Uncut Gems)

Drama/Thriller, 2019

Regie: Bennie Safdie, Josh Safdie; Darsteller: Adam Sandler, LaKeith Stanfield, Julia Fox, Kevin Garnett

Worum gehts?
Howard Ratners Leben ist ein einziges Spektakel. Der New Yorker Juwelenhändler jongliert mit Waren und Kunden, setzt nebenbei Riesensummen auf Basketballspiele, während seine Ehe in die Brüche geht, die Dinge mit seiner Geliebten ebenfalls nicht zum Besten stehen, und er seinem Schwager einen Haufen Geld schuldet.

Was soll das?
„Der Schwarze Diamant“ ist eine Tour-de-Force von einem Film. Stilistisch erinnert er deutlich an „Good Time„, den vorigen Film der Safdie-Brüder. Doch die Ereignisse hier werden weniger von Außen getrieben als von Innen. Denn es ist Howards unfokussierte Rastlosigkeit und Risikosucht, die das Geschehen bestimmen.

Taugt das was?
Ja, das tut es. Der Film baut kontinuierlich Spannung auf, steigert die Intensität gekonnt bis zum Ende und kann sein Publikum dabei immer wieder überraschen. Adam Sandler, der in fast jeder Szene zu sehen ist, überzeugt in einer ungewohnt ernsten Rolle. Es ist sein Verdienst, dass Howard nicht als Karikatur daherkommt, sondern als zwar ungewöhnliches, aber glaubwürdiges emotionales Zentrum von „Der Schwarze Diamant“.

4/5

Kurzkritik: Leid und Herrlichkeit

Drama, 2019

Regie: Pedro Almodovar; Darsteller: Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Penelope Cruz

Worum gehts?
Der berühmte Filmregisseur Salvador (Banderas) lebt extrem zurückgezogen. Körperliche Schmerzen und eine Vielzahl von Gebrechen machen ihm zu schaffen. Für eine Filmvorführung setzt er sich mit seiner Vergangenheit (in Person eines unbequemen Hauptdarstellers) auseinander, und grübelt zusätzlich ausgiebig über seine Kindheit nach.

Was soll das?
Regisseur Almodovar beschäftigt sich in „Leid und Herrlichkeit“ mit seiner eigenen Geschichte, von der Kindheit bis zur Gegenwart. Wie nah die Story um sein von Antonio Banderas gespieltes Alter Ego an der ‚Wahrheit‘ ist, kann man hier genauer nachlesen

Taugt das was?
Sogar sehr. „Leid und Herrlichkeit“ gehört zu Almodovars besten Filmen. Die sehr persönliche Natur des Dramas wird von den herausragenden Darstellern wundervoll getragen, und steigert das für den Regisseur typische hohe Maß an Intimität und Intensität zusätzlich. Das „Innen“ und das „Außen“ des Films treffen sich am Ende in einer großartigen Pointe.

5/5

Meine Top-10 Filme des Jahres 2019 [Update 9.2.20]

Zur Jahreshälfte wäre diese Liste gefühlt noch beinahe leer gewesen. Doch nach hinten raus ist 2019 noch ein richtig gutes Filmjahr geworden…

Wie üblich habe ich so einige Filme verpasst, oder besser schlicht keine Zeit für sie gefunden. Aber im Vergleich zur Auswahl der „wichtigsten“ Serien ist mir die Filmauswahl relativ leicht gefallen.

  1. „Parasite“ gehört definitiv zu den Filmen, die immer besser werden, wenn man an sie zurück denkt.
  2. [Update] Ein absolutes Vergnügen für Herz, Auge und Verstand war Pedro Almodovars „Leid und Herrlichkeit“, den ich erst im Januar diesen Jahres gesehen habe.
  3. Knapp dahinter landet „Once Upon A Time In Hollywood“ der mir auch beim zweiten mal schauen noch viel Spaß gemacht hat.
  4. „Blaze“ ist die stark inszenierte Geschichte eines faszinierenden Künstlers und feinstes Independent-Kino.
  5. Eine Tour-de-Force durch das Ende einer Ehe kann spannend, unterhaltsam und witzig zugleich sein – siehe Noah Baumbachs „Marriage Story“.
  6. „The Irishman“ steht im Lexikon unter „gelungenes Spätwerk“, was in diesem Fall sowohl für den Regisseur (Martin Scorsese) als auch für seine drei Hauptdarsteller (Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci) gilt.
  7. „Knives Out“ ist ein wunderbarer Krimi, witzig, charmant und spannend, niveauvolles Genre-Kino wie Hollywood es leider fast verlernt hat..
  8. „Joker“ war der Aufreger des Jahres und lotete neue Wege aus, Comic-Verfilmungen auf ein erwachsenes Publikum zuzuschneiden. Und ja – Joaquin Phoenix war mega…
  9. „Roma“ ist anspruchvolles Kino mit viel Herz und großartigen Bildern.
  10. „Booksmart“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die unglaublich clever ist, und dabei auch noch sehr witzig.

Auch gut waren:
The Peanut Butter Falcon, Ad Astra, Arctic, Hustlers, The Lighthouse, Green Book, Long Shot, Motherless Brooklyn, The Favourite

Updates:
„The Irishman“ rein, „Ad Astra“ raus
„Knives Out“ rein, „The Peanut Butter Falcon“ raus



Kurzkritik: The Irishman

Gangsterdrama, 2019

Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci

Worum gehts?
Um die Geschichte des Gewerkschaftsfunktionärs und Mafiosis Frank Sheeran (De Niro), von den 50er Jahren bis ins neue Jahrtausend. Erzählt aus der Sicht von Sheeran selbst, basiert er auf dessen in „I Heard You Paint Houses“ niedergeschriebenen Erinnerungen – die keinesfalls unbestritten sind. Sheeran gesteht darin unter anderem den Mord am berühmt-berüchtigten Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa, der in „The Irishman“ von Al Pacino verkörpert wird.

Was soll das?
„The Irishman“ bringt viele bekannte Zutaten von Scorseses berühmten Gangsterdramen mit, erinnert oft insbesondere an „Goodfellas“ und „Casino“. Doch der Regisseur verfolgt hier offensichtlich einen etwas anderen Ansatz. Der Film ist deutlich interessierter an der „bottom line“ am Ende eines Gangsterlebens – sofern es nicht (wie sehr viele in „The Irishman“) vorzeitig und abrupt zu Ende geht. Schon durch die narrative Struktur ist der Rückblick das zentrale Element.

Taugt das was?
Ja. Scorsese ist ein beeindruckendes Spätwerk (der Mann ist 77 Jahre alt) gelungen. Scorsese, der für seine Abneigung gegen am Computer gefertigte Spezialeffekte bekannt ist, lässt hier gleich drei ungefähr gleichaltrige Schauspiel-Legenden digital verjüngen. Was insgesamt hervorragend funktioniert, von wenigen Ausnahmen (meist in den Augen der Akteure zu erkennen) abgesehen. Vor allem aber lenken die digitalen Effekte nicht von der ausladenden (dreineinhalb Stunden langen) Story ab, welche – ähnlich wie Oliver Stones „JFK“ – eine spannende, aber hoch spekulative Neu-Interpretation eines beinahe sagenumwobenen Abschnitts US-amerikanischer Geschichte bietet.

Sonst noch was?
„The Irishman“ war mit einem Budget von 159 Millionen Dollar (Quelle: IMDb) kein günstiges Unterfangen. Finanziert wurde der Film von Netflix, wobei man den Film bereits vor dem Start auf der Streaming-Plattform auch in die Kinos gebracht hat. Ich habe ihn sehr gerne zuhause gesehen, frage mich allerdings, womit – wenn nicht hiermit – Hollywood ein erwachsenes Publikum eigentlich noch in die Kinos locken will. Aber wahrscheinlich haben die Studios diesen Kampf längst verloren gegeben…

4/5

Kurzkritik: Marriage Story

Drama, 2019

Regie: Noah Baumbach; Darsteller: Scarlett Johansson, Adam Driver, Ahzy Robertson

Worum gehts?
Die Ehe von Theater-Regisseur Charlie und Schauspielerin Nicole geht in die Brüche. Obwohl sich die beiden friedlich trennen wollen, wird die Sache bald kompliziert. Denn neben der Sorgerechtsfrage für den 8-jährigen Henry, müssen sich die beiden auch einigen, wo sie künftig leben wollen. In Los Angeles, wo Nicole ihre Fernsehkarriere in Gang bringen will, oder in New York, wo Charlie kurz vor dem Durchbruch am Broadway steht…

Was soll das?
Regisseur Baumbach verarbeitet in „Marriage Story“ das Scheitern seiner Ehe mit Schauspieler Jennifer Jason Leigh, hat aber auch seinen Hauptdarstellern Freiheiten gegegeben, ihre Figuren auszugestalten. Dabei interessiert sich der Film vor allem für die Details, Widersprüche und Grauzonen, welche der Beziehung ihren Stempel aufgedrückt haben.

Taugt das was?
Eine ganze Menge sogar. Der Film ist das schauspielerisch wie formell überzeugende Portrait einer Beziehung, die der Zeit nicht Stand halten kann. Obgleich mit viel Humor inszeniert, ist „Marriage Story“ ein ernsthafter Film, der sich bemüht, alle Facetten seiner Geschichte zu durchleuchten. Seine größte Stärke sind die glaubwürdigen Dialoge, vorgetragen von den beiden Hauptdarstellern, zwischen denen die Chemie absolut stimmt. Trotz seiner 137 Minuten Laufzeit würde ich ihn fast kurzweilig nennen, wenn er sich nicht kurz vor dem Ende doch noch ein wenig ziehen würde…

4/5

Kurzkritik: Ad Astra (mit kleinen Spoilern)

Drama/Science-Fiction, 2019

Regie: James Gray; Darsteller: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Liv Tyler, Ruth Negga

Worum gehts?
Rätselhafte elektrische Schockwellen aus dem Weltall drohen die Erde ins Chaos zu stürzen. Eine vor über 25 Jahren gestartete, angeblich gescheiterte Expedition an den Rand des Sonnensystems scheint damit in Verbindung zu stehen. Die Weltraum-Behörde schickt Roy McBride (Pitt), Sohn des damaligen Kommandanten und selbst Astronaut, auf eine Mission, um Verbindung mit seinem Vater aufzunehmen…

Was soll das?
„Ad Astra“ ist ein Vater-Sohn-Drama im Gewand eines Science-Fiction-Films. Im Off-Kommentar sowie durch Rück- und Vorblenden erzählt der Film dabei von Roys innerem Ringen, das Verhältnis zu seinem Vater und die eigenen Lebensentscheidungen zu hinterfragen. Parallen zu Motiven aus „Apocalypse Now“ sind dabei nicht zu übersehen, was aber keinesfalls negativ gemeint ist.

Taugt das was?
Ja. Bildgewaltig und opulent setzt „Ad Astra“ seine Effekte nie als blossen Selbstzweck ein. Brad Pitt überzeugt durch eine weitgehend nach innen gerichtete Darstellung, Tommy Lee Jones als eine Art „Colonel Kurtz am Rande des Universums“. Selten hat ein Film die äußere und innere Reise seines Protagonisten so offensichtlich „übereinandergelegt“. Die psychologische Pointe des Films ist wenig überraschend, kann aber trotzdem (oder vielleicht eben deshalb) überzeugen.

4/5

Kurzkritik: Joker

Drama/Thriller, 2019

Regie: Todd Phillips; Darsteller: Joaquin Phoenix, Robert de Niro, Zazie Beetz

Worum gehts?
Der einsame, an einer merkwürdigen Lach-Krankheit leidende Arthur Fleck fristet sein Dasein als Gelegenheits-Clown in Gotham City. Die Stadt erlebt schwere Zeiten, Armut, Gewalt und Klassenkampf beherrschen den Alltag. Fleck träumt von einer Karriere als Stand-up Komiker, erleidet aber allerlei herbe Rückschläge an vielen Fronten.

Was soll das?
„Joker“ ist eine – angeblich alleinstehende – ‚Origin-Story‘ aus dem Universum von DC. Wo bzw. ob sich die hier erzählte Version der Figur in den Comic-Vorlagen findet entzieht sich meiner Kenntnis… Ungewöhnlich ist dabei, dass das Warner-Studio eine seiner berühmtesten Figuren mit einem überschaubarem Budget und ohne echten Blockbuster-Appeal ins Rennen schickt. Der Mut wurde an der Kinokasse belohnt.

Taugt das was?
Ja. Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und das Drehbuch schaffen es, der Figur ein komplett anderes Profil zu geben, als die vorigen „Joker“ der Filmgeschichte. Es gibt kaum Action und keine Spezialeffekte, dafür einige extrem verstörende Szenen. Auch der Ton ist für eine Comic-Verfilmung ungewöhnlich, liegt irgendwo zwischen Tragikomödie, Satire und Farce. So ganz stimmig finde ich das Ergebnis dieser Mixtur nicht, unter anderem weil einige Schlüsselszenen für mich nicht funktioniert haben. Trotzdem setzt „Joker“ einen sehenswerten Gegenpol zu der end- und sinnlosen Daueraction der allermeisten Comic-Adaptionen.

4/5

Kurzkritik: Parasite

Drama, 2019

Regie: Bong Joon Ho; Darsteller: Kang-ho Song, Sun-kyun Lee, Yeo-jeong Jo

Worum gehts?
Die Wege der in Armut lebenden Familie Kim und der reichen Familie Park kreuzen sich auf bemerkenswerte Art und Weise. Nach und nach erschleichen sich die Kims alle Positionen als Haushaltshelfer, die die Parks zu vergeben haben. Dabei ahnen die vornehmen Parks nicht, dass ihre neuen Angestellten tatsächlich eine Familie sind – und für ihre Positionen zum Teil in keiner Weise ausgebildet sind…

Was soll das?
„Parasite“ beginnt als Gesellschaftsdrama mit komödiantischen Zügen, biegt dann aber scharf in Richtung Satire und Horror ab. Die Kritik an den sozialen Verhältnissen in Südkorea ist dabei auch für Europäer zumindest zum Teil verständlich – auch wenn sicher viele Nuancen und Details verloren gehen.

Taugt das was?
Sehr wohl. „Parasite“ ist spannend, witzig und voller Überraschungen. Über weite Strecken übernimmt in dem Kammerspiel-artigen Szenario das ultra-moderne und luxuriöse Haus der Parks die heimliche Hauptrolle. Das Drehbuch schafft es dabei, die Intensität der herrlich subversiven Handlung sowie der Konflikte kontinuierlich zu steigern, so dass trotz 130 Minuten Laufzeit niemals Langeweile aufkommt.

5/5

Kurzkritik: The Peanut Butter Falcon

Drama, 2019

Regie: Tyler Nilson, Michael Schwatz; Darsteller: Shia LaBeouf, Dakota Johnson, Zack Gottsagen

Worum gehts?
Zack, ein junger Mann mit Down-Syndrom, reisst aus seinem Wohnheim aus, um seinen großen Traum zu verwirklichen – er will Wrestler werden. Seine Betreuerin Eleanor macht sich auf die Suche nach ihm. Doch Zack hat sich dem Außenseiter Tyler angeschlossen, der seinerseits auf der Flucht vor dunklen Gestalten ist, und eher unkoventionelle Arten der Fortbewegung bevorzugt…

Was soll das?
„The Peanut Butter Falcon“ ist eine Mischung mit vielen Zutaten. Road Movie, Buddy Movie, Romanze, Behinderten-Drama und Feel-good-Movie wären alles passende Beschreibungen. Doch er wirkt dabei keineswegs wie ein Flickenteppich, sondern weiss genau, was er erzählen will.

Taugt das was?
Ja, unbedingt. Die Story ist simpel, aber überzeugend, die Figuren sind gelungen und hervorragend gespielt. Dass „The Peanut Butter Falcon“ nicht mit recht einfachen Lebensweisheiten geizt, und am Ende (fast) den Schritt ins Märchenhafte wagt, hat mich dabei wenig bis gar nicht gestört. Auch das ist schon eine Leistung…

4/5

Kurzkritik: Booksmart

Drama/Comedy, 2019

Regie: Olivia Wilde; Darsteller: Kaitlyn Deaver, Beanie Feldstein, Jessica Williams

Worum gehts?
Die Teenies Amy und Molly sind in der High School unzertrennlich. Sie haben sich zu schulischen Höchstleistungen getrieben – und sind echte Streberinnen. Vor ihrem Abschluss wird ihnen schmerzlich bewusst (gemacht), dass sie dabei so einiges verpasst haben. Was sie so schnell wie möglich nachholen wollen.

Was soll das?
Das Regie-Debut von Schauspielerin Olivia Wilde („Tron – Legacy“) ist ein Coming-of-Age Drama mit zwei für dieses Genre herrlich unkonventionellen Hauptfiguren. Der Ton ist überwiegend komödiantisch, und doch ist „Booksmart“ ein ernsthafter Film, der viel über sein Milieu (Mittelklasse-Kids am Rande von Los Angeles) zu erzählen hat.

Taugt das was?
Yep. Es ist allein ein großes Vergnügen, den beiden Hauptdarstellerinnen zuzusehen und zuzuhören. Auch die gelungenen Nebenfiguren und der Soundtrack bleiben im Gedächtnis. Auf einige „Over the Top“-Momente hätte ich verzichten können, aber die sind zu verschmerzen und allemal unterhaltsam. Wer „Superbad“ mochte, der wird an „Booksmart“ seine Freude haben.

4/5

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