Kurzkritik: Small Axe Pt. 4 – Alex Wheatle

Drama, 2020

Regie: Steve McQueen; Darsteller: Sheyi Cole, Jonathan Jules, Johann Myers

Worum gehts?
Im vierten Teil von McQueens „Small Axe“-Reihe geht es um den auf wahren Begebenheiten beruhenden Werdegang des späteren Schriftstellers Alex Wheatle. Nach einer trostlosen Kindheit bei Pflegeeltern und Waisenhäusern in der englischen Provinz entdeckt er im Londoner Stadtteil Brixton seine Liebe zur (Reggae-)Musik und wird Teil einer Community. Es dauert jedoch nicht lange, bis er sich nach dem „Brixton Uprising“ von 1981 im Gefängnis wiederfindet…

Was soll das?
„Alex Wheatle“ ist am ehesten mit dem unmittelbaren Vorgänger „Red, White and Blue“ vergleichbar. Der Film beleuchtet Identität, Erfahrungen und Schmerz seiner Hauptfigur, und zeichnet das Selbstverständnis einer Gesellschaft nach, in der diese zum Außenseitertum geradezu verdammt ist.

Taugt das was?
Ja, wie schon „Mangrove“ und „Red, White and Blue“ funtioniert auch „Alex Wheatle“ vor allem wegen der scharfen Milieu- und Figurenzeichnung und den Verzicht auf Sentimentalität. Allerdings bleibt die Hauptfigur selbst immer ein bisschen unnahbar, der Film wagt bis zum Schluss keinen „Blick hinter die Maske“.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Filmriss wieder bei Twitter aktiv

Quasi in eigener Sache, wie es so schön heisst: der Twitter-Account vom Filmriss sendet wieder.

Warum? Weil Trump da endlich weg ist! Not really… Tatsächlich habe ich hin und wieder den Impuls, Kommentare, Empfehlungen oder ähnliches zu teilen, halte eigene Blog-Beiträge aber nicht für das probate Mittel.

Wer also bei Twitter ist – und auch wer da nicht ist, die Tweets sind öffentlich im Browser erreichbar – der schaue künftig gern hier vorbei: https://twitter.com/EdzardE

Ich mache mich jetzt mal im WordPress-Dashboard auf die Suche nach einer Twitter-Box, die man doch sicher irgendwo hier einbauen kann…

Kurzkritik: Red, White and Blue (Small Axe Pt. 3)

Drama, 2020

Regie: Steve McQueen; Darsteller: John Boyega, Assad Zaman, Steve Toussaint

Worum gehts?
Leroy Logan ist der Sohn karibischer Einwanderer in England. Gegen den Willen seines Vaters beschliesst er nach dem Studium, Polizist zu werden – um den Rassismus der Truppe von innen zu bekämpfen.

Was soll das?
Dritter Teil von Steve McQueens „Small Axe“-Reihe. Erneut legt der Regisseur viel Wert auf die akribisch genau Inszenierung des Milieus, und setzt auf eine fast lakonische, unaufgeregte Erzählweise.

Taugt das was?
Ja, man darf hier allerdings weder einen Krimi noch ein zugespitztes Plädoyer gegen Rassismus erwarten. „Red, White and Blue“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte, und konzentriert sich auf die (innere und äußerliche) Entwicklung seiner Hauptfigur. Das ist im positiven Sinne interessant und vielschichtig, aber bewusst unspektakulär.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: Mank

Drama, 2020

Regie: David Fincher; Darsteller: Gary Oldman, Amanda Seyfried, Tuppence Middleton, Tom Pelphrey

Worum gehts?
„Mank“ ist der Spitzname von Herman Mankiewicz, seines Zeichens Alkoholiker, Drehbuchautor und Hollywood-Urgestein auf dem Abstellgleis. Angelpunkt des Films ist die Zeit, in der Mank für Orson Welles das Drehbuch des legendären „Citizen Kane“ schreibt. In Rückblenden erfährt man dabei die Vorgeschichte(n), die sich vor allem um Manks Bekanntschaft mit dem Medienmogul Randolph Hearst und Studio-Boss Louis B. Mayer drehen.

Was soll das?
Der Film ist in erster Linie eine stylishe cineastische Fingerübung, eine Nummernrevue mit reichlich Gelegenheiten für Gary Oldman, um ganz groß aufzuspielen. Die Titelfigur „Mank“ ist ein Antiheld, dessen versoffene Selbstgefälligkeit schwer auszuhalten ist. Das Herz aber trägt er unzweifelhaft am rechten Fleck, ist außerdem unfassbar witzig und talentiert. Einen Menschen aus Fleisch und Blut hinter der Darstellung zu erkennen ist allerdings nicht so einfach.

Taugt das was?
Jein. Man muss das alte Hollywood, die damalige Zeit und am besten auch „Citizen Kane“ schon kennen und mögen, um an „Mank“ Freude haben zu können, befürchte ich. Dabei ist der Film handwerklich- wie bei Fincher nicht anders zu erwarten – schon eine große Freude, die Dialoge sprühen vor Witz und die gut zwei Stunden Laufzeit gehen schnell vorbei. Aber es bleibt ein Film für „Eingeweihte“, ein erzählerisches Spiel auf drei Ebenen – den verbrieften historischen Fakten, der lustvollen Nacherzählung in diesem Film, und eben „Citizen Kane“, in dem besagter Medienmogul, seine Kindheit, sein Werdegang in der Politik und seine Liebschaften thematisiert werden. Mir hat „Mank“ – ausgestattet mit unvollständigem Filmnerd-Wissen – durchaus Spaß gemacht.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: The Midnight Sky

Drama/Sci-Fi, 2020

Regie: George Clooney; Darsteller: George Clooney, Felicity Jones, David Oyelowo, Kyle Chandler, Demian Bechir

Worum gehts?
Eine globale Katastrophe hat die Erde anno 2049 komplett verwüstet und unbewohnbar gemacht. Ein an einer Polarstation ausharrender Wissenschaftler versucht verzweifelt, die aus dem Weltall zurückkehrende Mission „Aether“ zu warnen. Die Crew dieser Mission wiederum beginnt sich zu wundern, warum der Funkkontakt zum Kontrollzentrum abgebrochen ist…

Was soll das?
„The Midnight Sky“ erzählt zwei parallele Geschichten, die sich langsam, aber sicher annähern und überschneiden. Clooney spielt Augsitine, den Forscher im ewigen Eis, der unerwartet Gesellschaft bekommt. Die Crew der „Aether“ hat auf der Heimreise zur Erde mit einigen Rückschlägen zu kämpfen. Und dann gibt es eine dritte Ebene, die sich in Rückblenden aus Augustines Leben zusammen setzt.

Taugt das was?
Leider nur in Einzelteilen. „The Midnight Sky“ überzeugt lediglich visuell. Die schönen Bilder sind auf der Suche nach einer Geschichte, die sie zusammenhalten würde. Beide Erzählstränge sind für sich nicht schlecht gemacht, und sie werden am Ende recht elegant (wenn auch nicht sonderlich überraschend) zusammengeführt. Aber nichts am Geschehen bis dahin hat mich richtig gepackt. Das grundsätzliche Szenario ist eher vage, bleibt jedoch als „Gleichnis“ blass. Das zentrale persönliche Drama verschwimmt darin, ohne dass die Figuren ausreichend Konturen gewinnen. Währenddessen können die von ausgezeichneten, ziemlich unterforderten Schauspielern gespielten Nebenfiguren nichts wirklich beitragen. Schade.

3/5

Kurzkritik: Tenet

Sci-Fi/Action, 2020

Regie: Christopher Nolan; Darsteller: John David Washington, Kenneth Branagh, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki

Worum gehts?
Im Fall von „Tenet“ eine klare Fangfrage. In ein paar Sätzen lässt sich das nicht beschreiben, was mich aber nicht davon abhält, es wenigstens zu probieren – ohne massiv zu spoilern Ein Agent bekommt den Auftrag, die Welt zu retten. Vor einer Bedrohung, die sagen wir mal „metaphysischer Natur“ ist. Oder pseudo-physikalischer. Es ist ein bisschen so, als käme ihm die Zukunft entgegen. Codename: „Tenet“. Egal. Jedenfalls muss dieser Agent die Bedrohung erst verstehen lernen, um ihr auf die Schliche kommen zu können. Konkret muss er mit einer indischen Waffenhändlerin und einigen Unterhändlern & (hoffentlich) Verbündeten einen Plan ersinnen, wie der ukrainische Trillionär Sator daran gehindert werden kann, die Welt zu zerstören.

Der Weg dorthin führt über London, die Amalfi-Küste, Oslo, Vietnam, Talinn und Siberien, wo der Gute auf einer Luxusjacht, einem Katamaran, auf halsbrecherischen Autoverfolgungsjagden, in einem vorgetäuschten Terroranschlag auf einen Flughafen und beim Angriff auf eine unterirdische sowjetische Geisterstadt beweisen muss, dass er es drauf hat. Zwischendurch fordert Michael Caine ihn auf, sich einen besseren Schneider zu suchen.

Was soll das?
Christopher Nolan hat einen ultra-coolen und ultra-stylishen Agententhriller gedreht – und den dann quasi als Zeitreisen-Drama direkt geremixed. In der Welt von „Tenet“ ist der Lauf der Welt auf den Kopf gestellt, und im Ergebnis sitzt man oft kopfkratzend da und probiert, sich einen Reim drauf zu machen. Zeitlich gegeneinander laufende Bildelemente (und Figuren) erschweren die Orientierung in den Actionszenen. Das ist Teil des Plans und technisch brilliant gelöst, ermüdet aber auch mächtig. Der maßlos brachiale Soundtrack erlaubt es nur selten, die Dialoge ungestört zu verfolgen, und zwischendurch gibt es immer wieder „Erklärungen“ für die aberwitzigen Phänomene, die es dabei zu bestaunen gibt.

Taugt das was?
Für jeden, der wie ich in Zeiten von Corona das ganz große Kino vermisst hat, ist „Tenet“ einen Blick wert. Nolans Talent für die virtuose Inszenierung von Action springt einem förmlich ins Gesicht (mein Favorit ist gleich die erste Szene in der Oper, die wie ein Bunker aussieht). „Tenet“ reiht sich ein in die allzu kurze Liste teurer Blockbuster, die etwas neues probieren, schon dafür muss man dankbar sein.

Gleichzeitg nervt vieles an dem Film. Der Soundmix ist so bekloppt, dass man alle fünf Sekunden zur Fernbedienung greifen muss und zudem Untertitel braucht, um die Dialoge verfolgen zu können. Das ist einfach nur unnötig. Die Story mit all ihren Kniffen ist mindestens genau so bescheuert wie sie clever ist. Und größere Teile der Handlung bzw. des Szenarios zerbröseln bei genauerem Hinsehen/Nachdenken zu erzählerischer Asche. Oder ergeben erst ganz am Ende einen Sinn, was den angestauten Frust der vorangegangenen zwei Stunden nur bedingt auffangen kann.

Nicht falsch verstehen: der Plot ist sehr akribisch konstruiert, und einige Kniffe machen richtig Spaß. Aber genau das ist eben auch der stärkste Eindruck – nicht die Charaktere treiben den Plot voran, sondern andersrum. Zwar passt das zum insgesamt klinischen und distanzierten Look & Feel von „Tenet“, aber es verhindert auch, dass die Figuren der Handlung ein emotionales Zentrum geben. John David Washington, Kenneth Branagh und Robert Pattinson können trotz dieser Tatsache durchaus überzeugen, einzig Elizabeth Debickis Figur ist so eindimensional, dass es beinahe weh tut.

3/5

Kurzkritik: Kajillionaire

Drama, 2020

Regie: Miranda July; Darsteller: Evan Rachel Wood, Richard Jenkins, Debra Winger, Gina Rodriguez

Worum gehts?
Eine junge Frau mit dem schrulligen Namen Old Dolio lebt mir ihren ebenso schrulligen Eltern Robert und Theresa in ganz merkwürdiges Leben. Die Familie lebt von kleinen Betrügereien, Diebstählen oder ähnlichen Gaunereien und wohnt in einem fensterlosen Kabuff. Durch ihre sonderbare Kindheit (der Lebenswandel der Familie war wohl nie anders als in der Gegenwart) und ihre merkwürdig distanzierten Eltern ist Old Dolio eine ungewöhnliche Frau geworden – die sich dann auch noch damit abfinden muss, dass die lebenslustige Latina Melanie die Familie neuerdings bei ihren Aktivitäten begleitet. Und dabei deutlich herzlicher behandelt wird als sie selbst…

Was soll das?
„Kajillionaire“ erzählt eine Familiengeschichte der etwas anderen Art. Das Geschehen ist zu großen Teilen am ehesten eine Tragikomödie, wobei der Film seine Figuren niemals der Lächerlichkeit preisgibt. Während anfangs die zunehmend verzweifelten Versuche der Familie, an Geld zu kommen (sie liegen drei Mieten im Rückstand) im Mittelpunkt stehen, nimmt der Film im letzten Drittel eine überraschende Wendung.

Taugt das was?
Ja. Es braucht zwar ein wenig, um mit dem skurillen Szenario warm zu werden. Doch die guten Darsteller, die einfühlsame Inszenierung und das starke Drehbuch ergeben als ganzes ein sehenswertes Außenseiter-Drama mit viel Sinn für Humor.

Wo kann ich das gucken?
„Kajillionaire“ lief tatsächlich im Kino und wird bald auf DVD/BluRay und sicher auch per Streaming erhätlich sein (hier checken).

4/5

Kurzkritik: Wander

Thriller, 2020

Regie: April Mullen; Darsteller: Aaron Eckhartt, Tommy Lee Jones, Katheryn Winnick, Heather Graham

Worum gehts?
Ex-Cop Arthur hat bei einem Unfall seine Familie verloren. Doch Arthur glaubt nicht daran, dass es ein Unfall war. Er sieht einen Zusammenhang zu dem Fall, in dem er zeitgleich ermittelt hat – und bei dem eine Leiche unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Nun wohnt er in einem Trailer in der Wüste von New Mexico und produziert mit dem alten Jimmy einen Verschwörungs-Podcast. Als eine Frau wegen eines ungewöhnlichen Todesfalls anruft kann Arthur nicht widerstehen und nimmt die Ermittlungen in der nahe gelegenen Kleinstadt Wander auf…

Was soll das?
„Wander“ ist ein Verschwörungsthriller, bei dem sich alles um die Frage dreht, was wirklich passiert ist und was nicht. Hinter dem „was“ steht dabei natürlich noch ein ebenso wichtiges „warum“. Welchen Bildern (oder Figuren) man dabei vertrauen kann, muss man selbst herausfinden. An klassischen Motiven des Genres besteht keine Knappheit – Arthur ist psychisch instabil und nimmt Tabletten, es gibt eine Menge Rückblenden, die Kleinstadt Wander ist voll von merkwürdigen Gestalten, Agenten in dunklen SUVs treten ebenso auf wie ein vermeintliches Überwachungsprogramm und eine Reihe weiterer Leichen.

Taugt das was?
Na ja. Die temporeiche Inszenierung, die stylishen Bilder und die starken Darsteller können durchaus überzeugen. Es steckt eine Menge Energie in „Wander“, langweilig wird es in den knapp 90 Minuten eigentlich nie. Leider kann die Story nicht überzeugen, der Film bedient sich munter aus dem Verschwörungsbaukasten, ohne dabei wirklich zu überraschen. Der „Wow“-Moment, auf den man lange hofft, er kommt einfach nicht. Verschwörungstheorien sind in Zeiten von Trump und Corona ja deutlich auf dem Vormarsch, doch „Wander“ schafft es nicht, wenigstens ein paar treffende Kommentare dazu abzugeben – zu sehr ist er mit seiner eigenen (ziemlich lamen und willkürlichen) Verschwörung beschäftigt. Schade.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

3/5

Kurzkritik: Possessor

Horror/Sci-Fi/Drama, 2020

Regie: Brandon Cronenberg; Darsteller: Andrea Riseborough, Christopher Abbott, Jennifer Jason Leigh, Sean Bean

Worum gehts?
Tas (A. Riseborough) ermordet im Auftrag einer ominösen Organisation Zielpersonen. Durch den Einsatz von Gehirnimplantaten übernimmt sie von einem Labor aus die Kontrolle über Menschen, die diesen Zielpersonen nahe stehen. Nach dem Mord wird die Übernahme beendet – und die übernommene Person ebenfalls getötet.

Für ihren aktuellen Auftrag übernimmt Tas den Ex-Dealer Colin (C. Abbott), der als zukünftiger Schwiegersohn nah an einen misanthropischen Konzern-Chef (S. Bean) gesteuert werden kann. Dabei scheint es allerdings Probleme mit der Technik zu geben, was zu schwerwiegenden Komplikationen führt…

Was soll das?
„Possessor“ ist ein Genre-Mix aus Horror, Science-Fiction, Thriller und Drama. Regisseur und Drehbuchautor Brandon Cronenberg bedient sich sicher nicht zufällig bei vielen Stilelementen aus den Werken seines Vaters David („eXistenZ“, „The Fly“, „Crash“). Das Setting erinnert an die letzten Romane von William Gibson (wenn auch mit weniger Futurismus), die außerordentliche blutige Inszenierung ist sicher nicht jedermanns Sache. Das zentrale Thema des „Mind-Hacking“ ist ebenfalls keine leichte Kost, erst recht in dieser Ausprägung als Werkzeug für Auftragsmorde.

Taugt das was?
Ja. Der Film ist mit großer Präzision inszeniert und gespielt, dabei trotz des relativ gemächlichen Tempos von Anfang an spannend. Die verstörende Handlung entwickelt sich in der ersten Hälfte absolut stringent, bevor „Possessor“ langsam Grenzen überschreitet und die Zuschauer ihre eigenen Schlüsse aus dem eskalierenden Geschehen ziehen müssen. Über das Ende kann und will ich hier nichts schreiben, außer dass es einlädt, über den Plot noch einmal genauer nachzudenken.

Wo kann ich das sehen?
Aktuell nur als DVD/BluRay in Deutschland erhältlich.

5/5

Kurzkritik: The Trial of the Chicago 7

Drama, 2020

Regie: Aaron Sorkin; Darsteller: Mark Rylance, Eddie Redmayne, Sacha Baron Cohen, Jeremy Strong

Worum gehts?
Beim Parteitag der Demokratischen Partei 1968 in Chicago eskalieren die Proteste. Unter der Regierung von Richard Nixon werden kurz darauf verschiedene Anführer der Protestbewegungen vor Gericht gestellt. Es beginnt ein langer und kurioser Prozess, der von Anfang an unter dem Verdacht steht, politisch motiviert zu sein.

Was soll das?
„The Trial of the Chicago 7“ blickt auf einen spannenden Abschnitt amerikanischer Geschichte. Dabei gibt sich der Film keine Mühe, „unparteiisch“ zu sein. Die Angeklagten sind hier die Guten, die Polizisten und Strafverfolger samt dem politischen Apparat dahinter die Bösen. Mir scheint das durchaus „korrekt“ zu sein, wenn man sich die Fakten dazu anschaut (auch wenn der „Kulturkampf“ dahinter längst nicht vorbei ist, wie ein kurzer Blick in die Nachrichten zeigt). Trotzdem fehlt den Protagonisten so ein überzeugender Gegenpol.

Taugt das was?
Jep. Der Film ist von Anfang an fesselnd und unterhaltsam inszeniert. Die Besetzung ist erstklassig, vom Ensemble haben mir Mark Rylance (als Anwalt der Angeklagten), Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen (als Chefs der ‚Youth International Party‘) am besten gefallen. Die Dialoge sind messerscharf und witzig. Die Wucht und Intensität der Erzählung, die auch 50 Jahre nach den Ereignissen noch einen beängstigend gegenwärtigen Charakter hat, ist der größte Pluspunkt des Films. „The Trial of the Chicago 7“ vermittelt allerdings nur ein Minimum an historischem Kontext – je mehr Vorwissen man mitbringt, umso mehr Spaß macht der Film…

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

4/5

Kurzkritik: On The Rocks

Drama/Comedy, 2020

Regie: Sofia Coppola; Darsteller: Rashida Jones, Bill Murray, Marlon Wayans

Worum gehts?
Laura (R. Jones) hat leise Zweifel, ob ihr Mann Dean (M. Wayans) sie betrügt. Als sie das ihrem Vater Felix (Bill Murray) offenbart, nimmt der direkt private Ermittlungen auf. Während sich die Indizien langsam mehren, geht Felix in der Rolle des Detektivs merklich auf, während Laura die Sache zunehmend unangenehmer wird. Dabei verbringen die beiden mehr Zeit miteinander als je zuvor.

Was soll das?
„On the Rocks“ ist Hauptdarsteller Bill Murray ganz offensichtlich auf den Leib geschrieben. Er glänzt beinahe mühelos als wohlhabender Galerist im Ruhestand, ewiger Charmeur, Scherzkeks – und ehemaliger Rabenvater. Die Frage, ob Felix und Laura wirklich an etwas dran sind, oder Dean völlig zu unrecht verdächtigen, lässt der Film dabei sehr lange offen.

Taugt das was?
Ja. Stilvoll, witzig und kurzweilig erzählt „On The Rocks“ seine Story in eleganten Bildern. Die Schauplätze sind fast ausnahmslos extrem stylisch, es ist vieles fast zu chic und cool um wahr zu sein, in allererster Linie die von Murray gespielte Figur selbst. Und man könnte den Film durchaus als oberflächlich oder gar belanglos bezeichnen. Doch Regisseurin Sofia Coppola und ihre Darsteller schaffen es, an den entscheidenden Stellen – und eher durch kurze Blicke oder Gesten als durch große Melodramatik – den Figuren echtes Leben einzuhauchen. Und dem Film eine kleine, aber feine Moral.

PS: „On The Rocks“ ist auch ein wunderbares Beispiel für einen Film zur rechten Zeit am rechten Ort. Mir war gar nicht klar, wie sehr ich stilvolle Hollywoodfilme vermisst habe. Und ein Fun Fact: Dass der Film in einem Streaming-Dienst läuft, hat übrigens in diesem Fall nichts mit Corona zu tun.

Wo kann ich das gucken?
Bei Apple TV+.

4/5

Kurzkritik: The Invisible Man („Der Unsichtbare“)

Horror/Thriller, 2020

Regie: Leigh Wannell ; Darsteller: Elizabeth Moss, Aldis Hodge, Harriet Dyer, Michael Dorman

Worum gehts?
Cecilia (E. Moss) verlässt fluchtartig ihren Ehemann Adrian, einen kontrollsüchtigen Tech-Millionär. Der begeht kurz darauf Selbstmord. Kurze Zeit später häufen sich allerlei mysteriöse Vorfälle, die nur einen Schluss zulassen: Adrian ist nicht tot, sondern unsichtbar. Und er will sich an seiner „Witwe“ rächen…

Was soll das?
„The Invisible Man“ erzählt keine sonderlich einfallsreiche oder neue Geschichte. Es ist anno 2020 auch kein technisches Meisterstück mehr, eine unsichtbare Figur auf die Leinwand zu bringen. Der Film konzentriert sich eher auf die Figuren und Spannung, als auf die erwartbaren Schockeffekte – ohne dabei komplett auf diese zu verzichten.

Taugt das was?
Ja, durchaus. Elizabeth Moss spielt (wie üblich) eine leidgeprüfte, starke Frau, deren nachvollziehbare Handlungen „The Invisible Man“ ein emotionales Fundament geben. Der Thrill speist sich dabei weniger aus der wortwörtlichen Unsichtbarkeit ihres Gegenspielers, als aus seiner Ungreifbarkeit und Cecilias daraus folgender vermeintlicher Machtlosigkeit – sie wird sehr bald selbst von Freunden und Familie für eine Irre gehalten. Handwerklich und visuell überzeugt der Film ebenfalls, insgesamt überdurchschnittliche Spannungsunterhaltung mit Niveau.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: WASP Network

Drama/Thriller, 2019

Regie: Olivier Assayas; Darsteller: Edgar Ramirez, Penelope Cruz, Gael Garcia Bernal, Ana De Armas, Wagner Moura

Worum gehts?
Um sehr viel. Eine Reihe kubanischer Flüchtlinge/Dissidenten heuert Anfang der 90er in Miami bei Aktivitäten an, die einen Sturz des Castro-Regimes zum Ziel haben. Doch auch der Drogenhandel, die Küstenwache und die kubanische Armee sind involviert. Hinzu kommt allerlei persönliches Drama um die Familien der Flüchtlinge und ihr neues Leben im Kapitalismus.

Was soll das?
„WASP Network“ basiert – wenig überraschend – auf ‚wahren Begebenheiten‘. Und erzählt eine Geschichte, die in allen Aspekten interessant ist. Das Publikum erfährt erst nach der Hälfte der Laufzeit von den wahren Motiven einiger Hauptfiguren, und auch das dann ist noch nicht die ganze Wahrheit…

Taugt das was?
Jein. Vieles an „WASP Network“ ist gelungen, in erster Linie die Figuren, das Setting und die starken Darsteller. In Sachen Story und Spannung hapert es leider ordentlich, denn der Film will einfach zu viel. Dadurch wird das Geschehen unübersichtlich, den politischen Themen fehlt es an Zuspitzung, den Handlungen der Charaktere an ausreichender Erklärung. Mir scheint der Film hätte sowohl in einer kürzeren als auch in einer deutlichen längeren Version mehr Chancen gehabt, als Ganzes zu überzeugen. Schade.

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

3/5

Kurzkritik: The King of Staten Island

Comedy/Drama, 2020

Regie: Judd Apatow; Darsteller: Pete Davidson, Marisa Tomei, Bel Powley, Bill Burr

Worum gehts?
Der „King of Staten Island“ ist Scott, der mit Mitte 20 noch zuhause wohnt, und seine Zeit mit Kiffen, Abhängen und Träumereien verbringt. Seine Mutter gibt sich viel Mühe mit ihm, während seine kleine Schwester kurz davor steht, aufs College zu gehen. Sowohl für seine Familie als auch für seine Freunde steht fest, dass Scott ein tragischer Fall ist, der den Tod seines Vaters vor über 15 Jahren nie verkraftet hat. Doch etwas muss nun langsam passieren in Scotts Leben – die Frage ist nur was…

Was soll das?
Pete Davidson spielt Scott als unkonventionellen, schlagfertigen und melancholischen Antihelden. Er wird dem Publikum quasi „fertig“ serviert, ohne per Rückblenden eingeschobene küchenpsychologische Erklärungen. Was einerseits löblich ist, die Figur aber andererseits unvollendet im Raum stehen lässt.

Taugt das was?
Nicht wirklich. „The King of Staten Island“ ist nur selten wirklich witzig, und den dramatischen Aspekten fehlt es an psychologischer Tiefenschärfe. Das Geschehen plätschert lange ereignis- und erkenntnislos vor sich hin, bis sich am Ende (nach weit über zwei Stunden) doch eine Art erzählerisches Fazit erkennen lässt. Ich mag ja Filme ohne klassischen Plot eigentlich sehr gerne, aber hier fehlt das gewisse Etwas, der Reiz, die Emotionen, um aus dem Ganzen mehr als die Summe einzelner Szenen zu machen.

3/5

Film-Flaute 2020 – Kommt da noch was?

So wenige Filme wie in diesem Jahr habe ich noch nie gesehen. Das lässt sich auch durch Corona nicht vollständig erklären, auch wenn zum Beispiel der (auf Herbst verschobene) neue 007-Film natürlich die Bilanz etwas verbessert hätte.

Weder bei Netflix noch bei Prime noch im Angebot von Disney+ oder Apple TV+ fanden sich Filme, die mich brennend interessiert hätten. Und auch die Heimkino-Releases der Filme des vorigen Winters waren äußerst dürftig. Ob ich mir „Bad Boys For Life“ ohne Corona angeschaut hätte, darf jedenfalls ersnthaft bezweifelt werden.

Höchste Zeit also, mal zu schauen, was denn da noch so kommen soll – und ob die Filme tatsächlich erstmal nur im Kino anlaufen, oder angesichts der besonderen Umstände auch direkt über Streaming veröffentlicht werden….

Ich hoffe inständig, dass 2020 noch viel mehr interessante Filme zu sehen sein werden. Hier sind nur die gelistet, die ich auf die Schnelle gefunden habe…

Autoren-Kino

„The French Dispatch“ (Wes Anderson)
Der Starttermin im Sommer wurde verschoben, aktuell ist wohl ein weltweiter Kinostart im Oktober geplant. Filme von Wes Anderson gehören zu den wenigen verlässlichen Anlässen, mal wieder ins Kino zu gehen – ick freu mir druff!

„Da 5 Bloods“ (Spike Lee)
Schon sehr bald, morgen nämlich, wird dieser Film bei Netflix zu sehen sein. Ein Kinostart war offenbar nie geplant, bei gut zweieinhalb Stunden Laufzeit bin ich fast froh, dass man hier bei Bedarf zu Hause einfach in zwei Etappen gucken kann…

The King of Staten Island“ (Judd Apatow)
Ebenfalls per Streaming wird diese Komödie demnächst verfügbar sein, und es besteht durchaus Hoffnung, dass Apatow („Knocked Up“, „Funny People“) mal wieder einen Hit liefert. Wobei der letzte auch schon eine Weile her ist…

Blockbuster

„Tenet“ (Christopher Nolan)
Optimistisch haben die Produzenten von „Tenet“ am Kinostart Mitte Juli festgehalten. Die Vorliebe des Regisseurs für bildgewaltige Filme, die zwingend auf die große Leinwand gehören, ist bekannt. In der Regel lohnt sich das auch – mal sehen, ob sich so früh wieder viele Menschen ins Kino trauen.

No Time To Die“ (Cary Fukunaga)
Der neue Bondfilm war eine der ersten großen Produktionen, die verschoben wurden. Kein Wunder, die immensen Kosten werden ohne volle Kinokassen eher nicht in ebenso immense Gewinne umgemünzt. Und so werde ich also auch im November mal wieder ins Kino gehen…

Mit „Wonder Woman 1984„, „Black Widow“ und „Top Gun – Maverick“ werden bis Jahresende noch drei weitere Vertreter der Spektakelkinos rauskommen, nach aktuellem Stand auch tatsächlich mit regulärem Kino-Release. Ich freue mich auf alle drei zumindest ein bisschen, für den Gang ins Kino wird die Begeisterung wohl aber nicht ausreichen – unabhängig von der Seuchen-Situation…

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