Kurzkritik: Nomadland

Drama, 2021

Regie: Chloe Zhao; Darsteller: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May

Worum gehts?
Fern (McDormand) ist um die 60 und Witwe. Ihr langjähriger Wohnort im US-Bundesstaat Nevada hat sich in Folge der Finanzkrise buchstäblich aufgelöst. Arbeitslos und ohne solide Altersvorsorge lebt sie in ihrem Van und schlägt sich mit zahlreichen Jobs durchs Leben. Auf ihren Fahrten durch die endlosen Weiten des amerikanischen Westens trifft sie auf viele Menschen und Communities, die sich ebenfalls für ein modernes Nomaden-Dasein entschieden haben. Eine hemdsärmelige Mentalität, Trailerparks im Nirgendwo, Wohnmobile und Lagerfeuer sind der Gegenentwurf zum behüteten Altwerden in barrierefreien Wohnungen, betreutem Wohnen oder Pflegeheimen.

Was soll das?
„Nomadland“ ist die Verfilmung eines Sachbuchs (Wiki-Eintrag EN) und zeigt ein Milieu, dass in den Nachrichten oder klassischen Hollywood-Filmen unsichtbar bleibt. Die „van dwellers“ (etwa „Kleinbus-Bewohner“) sind hauptsächlich ältere Menschen, die auf der Suche nach saisonalen Jobs durch das Land ziehen. In ihrem Porträt steckt eine Menge Gesellschaftskritik, aber auch eine Liebeserklärung an den ur-amerikanischen Traum einer wahrhaft freien Existenz. Die sich daraus ergebenden Widersprüche spricht der Film allerdings nur selten gezielt an.

Taugt das was?
Ja. Die großartigen Bilder der Badlands, Steppen oder Gebirgszüge, ein passender, melancholischer Soundtrack und die zurückhaltende Inszenierung verbinden sich zu einem stimmigen Außenseiter-Porträt. Hauptdarstellerin McDormand gibt „Nomadland“ mit ihrer schnörkel- und schonungslosen Performance ein emotionales Zentrum. Man muss nicht jede kleine Weisheit, die im Laufe des Geschehens geäußert wird, originell oder auch nur glaubhaft finden, um an der spröden, besinnlichen Reise seine Freude zu haben.

Wo kann ich das gucken?
In Deutschland ist (noch) ein Kinostart für April geplant; je nach Pandemie-Verlauf könnte der aber auch verschoben oder durch einen Streaming-Start ersetzt werden…

4/5

Kurzkritik: Little Fish

Drama, 2021

Regie: Chad Hartigan; Darsteller: Olivia Cooke, Jack O’Connell, Raul Castillo

Worum gehts?
Seattle in der nahen Zukunft. Eine Pandemie ist ausgebrochen. Aber nicht Corona, sondern ein Virus und eine Krankheit (genannt NIA für neuro-inflammatory affliction), die den Menschen Stück für Stück ihre Erinnerungen raubt. Das junge Paar Emma und Jude kämpft gegen das drohende Vergessen ihrer gemeinsamen Geschichte, doch die zur Verfügung stehenden Mittel sind begrenzt und gefährlich…

Was soll das?
„Little Fish“ ist eine traurig-schöne Liebesgeschichte, die Elemente vieler andere Filme verbindet. Es gibt Parallelen zu so unterschiedlichen Filmen wie „Memento“, „Perfect Sense“, „Contagion“ und „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, sowie natürlich vielen klassischen Alzheimer-Dramen wie „Still Alice“ (von denen ich glaube ich keines gesehen habe).

Taugt das was?
Ja! Natürlich kostet es in Zeiten einer Pandemie etwas Überwindung, sich auf den Stoff einzulassen. Aber die Welt in „Little Fish“ ist ganz deutlich eine andere als unsere, was mit der Natur der zentralen Krankheit zusammenhängt. Dem Film gelingt eine bewegende Darstellung der Tragik sowohl der Vergessenden als auch derer, die vergessen werden. Weil die Handlung von zwei Liebenden bestimmt wird, die alles tun, um der Seuche einen Strich durch die Rechnung zu machen, versinkt „Little Fish“ dabei nicht in Depression und Fatalismus.

Getragen wird der Film vor allem von den starken Leistungen der beiden Hauptdarsteller und der wunderbaren Chemie zwischen ihnen. Obwohl mit kleinem Budget inszeniert schafft er es zudem, die globale Tragweite der Pandemie an den Rändern der Handlung greifbar zu machen. Die dadurch gewonnene Glaubwürdigkeit des Szenarios hilft, der zentralen, äußerst emotionalen Story um Emma und Jack ein starkes erzählerisches Fundament zu geben.

Wo kann ich das gucken?
In Deutschland (ohne VPN) noch nicht; hier prüfen, ob sich das geändert hat.

4/5

Kurzkritik: Your Honor

Drama/Krimi, 2020

Creator: Peter Moffat; Darsteller: Bryan Cranston, Hunter Dooham, Michael Stuhlbarg, Hope Davis, Lilli Kay, Carmen Ejogo, Isiah Whitlock Jr., Maura Tierney

Worum gehts?
Richter Michael Desiato (Cranston) steht vor einem drastischen Dilemma. Er will seinen Sohn Adam vor den Folgen eines tragischen Unfalls schützen – muss dafür aber so massiv die eigenen Überzeugungen über Bord werfen, dass es ihn in eine Existenzkrise treibt. Zum Szenario gehören außerdem ein Gangsterboss mit Kindern in Adams Alter, Rassismus, Gang-Kriminalität, eine befreundete Polizistin, mehrere heikle Lovestories, ein Kandidat für die Bürgermeisterwahl, und eine Anwältin, die der Wahrheit Stück für Stück bedrohlich nahe kommt…

Was soll das?
„Your Honor“ präsentiert als Hauptattraktion „Breaking Bad“-Star Bryan Cranston, der sich hier erneut im ‚Dauerausnahmezustand‘ befindet. Daneben setzt die Serie vor allem auf Spannung, die sich aus dem virtuos konstruierten Plot ergibt. Der Schauplatz ist New Orleans, die Besetzung besteht fast ausschliesslich aus den bekannten Gesichtern absolut überzeugender Schauspieler (Stuhlbarg, Ejogo, Whitlock Jr., Tierney).

Taugt das was?
Ja, aber nur bedingt. „Your Honor“ ist eine stimmungsvolle, spannende und ambitionierte Serie, die auch vor einigen schwer zu ertragenden Szenen von Gewalt bzw. deren Folgen nicht halt macht. Die vielen scheinbar parallelen Fäden laufen gegen Ende elegant zusammen, und auch die vielen guten Darsteller machen Eindruck. Gestört hat mich allerdings, dass hier eher die Handlung bestimmt, was die Figuren als nächstes machen, als anders herum. Das Szenario ist eine gekonnt ausgestaltete Versuchsanordnung, der mit zunehmender Dauer irgendwie die Luft zur kreativen Entfaltung abhanden kommt.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

3/5

Kurzkritik: Das Damengambit (The Queen’s Gambit)

Drama, 2020

Creators: Scott Frank, Allan Scott; Darsteller: Anya Taylor-Joy, Marielle Heller, Bill Camp

Worum gehts?
Die im Waisenhaus lebende Beth lernt vom Hausmeister, Schach zu spielen. Wie sich heraus stellt, ist Beth ein Wunderkind – sie startet eine steile Karriere am Spieltisch, die sie über zahlreiche lokale Meisterschaften bis zum Turnier der Großmeister in Moskau führen wird. Auf dem Weg dahin muss Beth unter schwierigen Umständen aber auch erwachsen werden…

Was soll das?
„Das Damengambit“ ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Drama, (Denk-)Sportfilm und Gesellschaftsporträt der USA in den 50er und 60er Jahren. Basierend auf einer Romanvorlage (nicht aber auf „realen Begebenheiten“) erzählt die Serie eine schier unglaubliche Außenseiter-Geschichte. Das Schachspiel muss hier nur bedingt als ‚Metapher für Alles‘ herhalten, und als Zuschauer braucht es auch keine Fachkenntnisse – das Regelwerk sollte man aber schon in etwa kennen.

Taugt das was?
Unbedingt. Ich habe die Show letztes Jahr verschmäht, weil mir das irgendwie nach ungerechtfertigtem Hype aussah. Tatsächlich ist „Das Damengambit“ eine recht altmodisch erzählte, aber gleichzeitig sehr moderne Geschichte. Hauptdarstellerin Taylor-Joy ist brilliant und macht aus Beth trotz der Märchenhaftigkeit des Geschehens eine wunderbar verschrobene und charmante, dabei stets überzeugende Figur. Bis in die Nebenrollen ist die Besetzung stark, die Inszenierung lässt ebenfalls nichts zu wünschen übrig.

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

4/5

Kurzkritik: Lupin

2021, Krimi/Komödie

Creator: George Kay; Darsteller: Omar Sy, Ludivine Sagnier, Vincent Londez

Worum gehts?
Assane Diop (Sy) ist seit seiner Kindheit fasziniert von der Figur des Arsene Lupin. Er tritt in dessen Fußstapfen, indem er seinen Lebensunterhalt mit genialen Gaunereien verdient – wie etwa dem eleganten Juwelendiebstahl in der ersten Folge. Ein Trauma aus Kindheitstagen führt ihn dabei zum mächtigen Konzernchef Pellegrini, gegen dessen mächtiges Netzwerk aus Politik, (korrupten) Behörden, Medien und gewalttätigen Handlangern er alle Register ziehen muss…

Was soll das?
Die Serie baut auf den Anfang des 20 Jahrhunderts erschienenen Romanen von Maurice Leblance über den Meisterdieb Arsene Lupin auf. „Lupin“ ist aber keine moderne Adaption im klassischen Sinne, denn die Titelfigur nimmt sich die literarische Figur hier lediglich zum Vorbild, ist also keine „Verkörperung“ von Arsene Lupin. Der Ton ist zunächst vor allem komödiantisch, wird aber im Verlaufe der fünf Episoden der ersten Staffel deutlich dramatischer. Insgesamt ist die Show jedoch der leichten (aber keinsfalls niveaulosen) Unterhaltung verpflichtet.

Taugt das was?
Ja, „Lupin“ ist eine temporeiche, spannende und lustige Angelegenheit geworden – übrigens auch, wenn man die zugrunde liegenden Werke nicht kennt. Hauptdarsteller Sy hat sichtlich Freude an seiner Rolle, Handlung und Erzählweise bekommen den Spagat zwischen Drama und Komödie ziemlich gut hin. Keine Show, die einen aus den Socken haut, aber gut genug, dass ich mich auf eine Fortsetzung freue.

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

4/5

Kurzkritik: The Kid Detective

Drama/Krimi/Komödie, 2020

Regie: Evan Morgan; Darsteller: Adam Brody, Sophie Nelisse, Kaitlyn Chalmers-Rizzato

Worum gehts?
Abe Applebaum steigt mit 12 Jahren zum gefeierten „Kid Detective“ seiner Highschool und der ganzen Kleinstadt auf. Doch der Ruhm ist nicht von Dauer – mit Anfang 30 ist Abe eine müde belächelte Randexistenz. Als er von einer Schülerin beauftragt wird, den Mord an ihrem Freund aufzuklären, packt ihn der Ehrgeiz, doch die Spuren führen scheinbar ins Nichts…

Was soll das?
„The Kid Detective“ verbindet die Story von einem ungewöhnlichen ‚Wunderkind‘ mit einer Krimihandlung im Milieu einer wohlhabenden amerikanischen Kleinstadt. Die innere Heldenreise von Abe steht dabei im Zentrum, doch weder der Krimi-Plot noch der Humor kommen zu kurz.

Taugt das was?
Ja, definitiv. „The Kid Detective“ ist ein wunderbarer, in vielerlei Hinsicht altmodischer Film. Adam Brody spielt die Hauptrolle mit viel Feingefühl, der Inszenierung gelingt es, die vielen Facetten der Handlung stilistisch unter einen Hut zu kriegen. Weder spektakulär noch subversiv, sondern einfach im besten Sinne solides Storytelling – mit überraschendem Ende.

Wo kann ich das gucken?
Noch kein deutscher (Streaming-)Startermin (und auch noch kein Eintrag bei werstreamt.es, sorry!)

4/5

Kleiner Exkurs: Streaming-Anbieter

Eine der vielen Entwicklungen, die Corona brandbeschleunigt hat, ist der Trend zum Streaming. Ein guter Zeitpunkt also, um sich mit den in Deutschland Anfang 2021 verfügbaren Angeboten mal genauer zu beschäftigen. Denn ohne es so richtig zu bemerken bin ich Kunde von gleich vier Anbietern geworden – Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Apple TV+. Laufen tun die übrigens auf einem Fire TV Stick von Amazon, denn die alte Philips-Glotze von 2010 läuft und läuft und läuft. So viel zum Setup.

Auswahl/Inhalt

In Sachen Auswahl hat klar Netflix die Nase vorn. Mir gefällt außerdem die Einfachheit des Modells – alles, was verfügbar ist, ist im Abo enthalten. Während immer noch sehr viele eingekaufte Produktionen zu finden sind, setzt Netflix seit einigen Jahren vor allem auf selbst produzierte Serien und Filme. Aktuell finde ich nicht so schrecklich viel Neues, was mich wirklich interessiert, aber das kann sich auch schnell wieder ändern…

Bei Amazon Prime Video gibt es ebenfalls eine Menge Auswahl. Allerdings ist mir das immer noch viel zu unübersichtlich, was nun im Abo enthalten ist, und was nicht – denn über die Plattform kann man unzählige andere Filme und Serien leihen oder „kaufen“. Aber Prime Video ist für Amazon ja auch nur eines von vielen Standbeinen seines auf generelle Kundenbindung ausgelegten Prime-Programms, bei dem ich – wegen der wegfallenden Lieferkosten und schnelleren Lieferzeiten – ohnehin Kunde bin.

Apple TV+ gab es zu meinem letzten Smartphone für ein Jahr „geschenkt“. Der Service ist mit überschaubarem eigenen Angebot gestartet, und hat eher Qualität als Quantität im Sinn. Ob das funktioniert, muss man abwarten – die ein oder andere Perle war immerhin schon dabei. Wie bei Prime Video ist das ganze ein Mischangebot (man kann auch Filme & Serien kostenpflichtig leihen oder „kaufen“), Apple ist ja quasi Erfinder der Plattform-Denke und vor allem König im Mitverdienen…

Bei Disney+ habe ich ein wenig gezögert, denn das Angebot baut im Wesentlichen auf drei Säulen auf, die mich alle nur bedingt ansprechen: Die Universen von „Star Wars“ (ich bin kein Fan und habe trotzdem alle Filme gesehen) und „Marvel“ (selbe Begründung), sowie die Animationsfilme (nicht mein Beuteschema). Am Ende waren es die guten Kritiken für „The Mandalorian“, die mich dazu bewogen haben, es mal zu probieren. Wie man liest, wird Disney bald eine vierte Säule namens „Star“ integrieren.

Die Apps (auf dem Fire TV Stick)

Netflix ist aufgeräumt und übersichtlich. Mir fehlt allerdings ein Weg, schnell in die Tiefen des Contents abzusteigen. Die Vorschläge sind irgendwie immer dieselben, und wenn der Algorithmus eine Verbindung nicht herstellt (oder die dafür nötige Info halt nicht da ist, weil man Filme/Serien außerhalb von Netflix gesehen hat), bleibt nur die Suche per gezielter Eingabe. Die wiederum hilft aber nicht, wenn man nur stöbern will.

Zwei große Nachteile hat die App aus meiner Sicht. Erstens plärrt immer sofort irgendwas los – ein Trailer oder direkt der jeweils ‚ausgewählte‘ Inhalt. Das macht mich irre, und ich drücke immer erstmal die „mute“-Taste, bevor ich die App starte. Zudem kann man die Netflix-App nicht über die „Zurück“-Taste der Fernbedienung beenden, sondern muss auf den „Beenden“-Button navigieren. Ein nerviges und unnötiges Alleinstellungsmerkmal.

Prime Video ist ein komplizierter Fall. Denn auf dem Fire Stick ist man ja ohnehin bereits auf der Startseite im Prime-Universum, und kann darüber Filme und Serien ansteuern. Es gibt aber eine zusätzliche Prime Video App, die zwar im Vergleich zu früher besser geworden ist, aber immer noch nicht wirklich überzeugen kann. Auch hier gilt, dass in den Tiefen des Contents nicht bequem gestöbert werden kann. Schade. Flatrate-Inhalte sind neuerdings besser, aber noch längst nicht optimal von kostenpflichtigen Inhalten getrennt.

Wenig überraschend ist die App von Apple TV+ die eleganteste von allen. Die Trennung zwischen „eigenen“, im Rahmen des Abos kostenlosen, und kostenpflichtigen Inhalten ist okay-ish umgesetzt. Die Bedien-Optionen während der Wiedergabe sind gewöhnungsbedürftig, was problematisch ist, wenn man angesichts des eher dünnen Angebots eher selten bei Apple TV+ landet.

Ziemlich viel richtig macht Disney+. Das quantitativ übersichtliche Angebot ist sinnvoll aufgeteilt, man findet sich schnell zurecht und bekommt sinnvolle Vorschläge. Ich bin gespannt, ob das auch nach der Integration vom „Star“-Channel so bleibt.

Preis & Perspektive

Insgesamt muss an dieser Stelle „Danke, Netflix!“ gesagt werden. Mit Knebel-Abos, wie sie bei etwa bei Sky immer üblich waren, ist Schluss. Alle Dienste lassen sich, wie Netflix es vorgemacht hat, monatlich kündigen. Jahresabos sind bei einigen Anbietern etwas günstiger als die monatliche Zahlweise, was ich aber völlig legitim finde.

Es wird spannend werden, ob Netflix angesichts der massiven Bemühungen der Konkurrenz seine Stellung als Marktführer halten kann. Mit Disney und Warner (siehe Anmerkungen zu HBO Max unten) werden zwei Wettbewerber keine Inhalte mehr an Netflix lizensieren, andere Studios verfolgen ähnliche Pläne. Mit 12€ für das Angebot in HD ist Netflix aktuell der teuerste der hier vorgestellten Anbieter – entsprechend wird der Dienst weiter viel Geld für „Orginals“ ausgeben und dabei nicht wenige Volltreffer landen müssen, um den Preis zu rechtfertigen.

Etwas undurchsichtig ist die Strategie von Amazon mit Prime Video. Einerseits gibt der Konzern eine Milliarde (!) für eine neue „Herr der Ringe“-Serie aus, und will also offenkundig ein großes Publikum gewinnen. Andererseits ist Prime Video aber eben nur eine von mehreren Säulen des Prime-Programms (welches zwischen 6€ und 8€ monatlich kostet), das wiederum nur ein Teil von Amazon ist.

Ähnlich sieht es bei Apple TV+ aus. Der Konzern hat finanziell alle Möglichkeiten, den Dienst mächtig auszubauen. Und die Wachstumsstrategie zielt auch auf Abos für Musik, Filme oder Cloudspeicher. Wie ernst es Apple damit ist, wie rentabel das Geschäftsmodell wäre, ob der aktuelle Preis von 5€/Monat bleiben würde, und ob man nicht doch vorhat, einen Wettbewerber zu kaufen, ist aber unklar. Aktuell scheint es dem Konzern zu reichen, erste Schritte zu machen und die treue Kundschaft ihrer teuren Hardware erstmal kostenlos ins Boot zu holen.

Bei Disney setzt man dagegen offenbar voll und ganz auf den Streaming-Dienst. Das Kinogeschäft ist schwierig dieser Tage, auch wenn Disneys Mega-Blockbuster für die neue Kinowelt nach Corona wohl bestens geeignet sind. Disneys Gelddruckmaschinen haben eine treue Fan-Basis, die man sicher leicht überzeugen kann, monatlich für ein Abo zu bezahlen – sofern es gelingt, beständig echten Mehrwert zu liefern. Von den anfangs verlangten 7€ monatlich geht es mit dem Start des oben erwähnten „Star“-Channels bald hoch auf 9€, und da ist sicher noch lange nicht Schluss.

Am Rande erwähnt: HBO Max & SkyGo

In den USA hat Warner schon 2020 HBO Max gestartet, womit der Markt einen weiteren mächtigen Player bekommen hat. In Deutschland wird der Dienst wohl in der zweiten Jahreshälfte gestartet. Zum Start ist mit einem Abo-Preis von 12€ – 15€ auszugehen, dafür gibt es jede Menge starker (HBO-)Serien, sowie den kompletten Back-Katalog an Filmen von Warner.

Hier unerwähnt geblieben ist außerdem Sky, weil ich A) kein Kunde bin und B) mir scheint, dass sich das Angebot immer eher über Live-Sport definiert hat, als über Filme und Serien. Der größte Pay-TV-Sender des Landes wird sich trotzdem nicht kampflos geschlagen geben. Denn auch im Sportgeschäft hat man mächtig Konkurrenz bekommen, und wenn HBO Max in Deutschland startet, fallen perspektivisch die von dort eingekauften Premium-Inhalte („Game of Thrones“, „Succession“, etc.) weg. Mehr Eigenproduktionen laufen bereits, und günstiger sind die Abos glaube ich auch geworden – aber das ist alles gefährliches Halbwissen…

Fazit

Lässt man Sky aus den oben genannten Gründen außen vor, dann müsste ein an Filmen und Serien interessierter Zuschauer in Deutschland ab Herbst ca. 45€ Euro bezahlen (4K wäre teurer), um alle fünf Dienste schauen zu können: Netflix, Prime Video, Apple TV+, Disney+ und HBO Max. Das wollen und können sicher nicht alle potentiellen Zuschauer zahlen, zumal in dieser Betrachtung die Rundfunkgebühren für das öffentlich-rechtliche Angebot (ca. 6,50€ pro Monat und Haushalt, Kündigung nur im Todesfall) oder einen klassischen Kabelanschluss (ca. 12€ – 20€ pro Monat) noch gar nicht eingerechnet sind.

Eine Möglichkeit ist natürlich, immer nur den Service zu abonnieren, bei dem man gerade etwas schaut. Immerhin kann man ja monatlich kündigen. Für Filme ist das allerdings wohl weniger praktikabel als für Serien. Spart man sich einen Dienst, dann wird man zwangsläufig irgendwas „verpassen“.

Die Strategie für Netflix, Disney+ und HBO Max kann nur sein, sich „unverzichtbar“ zu machen. Denn für sie ist Streaming das neue Kerngeschäft. Die Konzerne hinter Prime Video und Apple TV+ müssen hier nicht zwingend mitziehen – aber doch absehbar die Frage beantworten, was sie mit ihren Diensten eigentlich vorhaben.

Es bleibt also spannend. Noch viel spannender als der geschäftliche und praktische Teil (der hier nur angerissen wurde) ist dabei ja die Frage, ob bei diesem Treiben großartige Filme und Serien produziert werden. Davon wiederum wird dieser Blog natürlich weiter berichten.

PS: Wer – ohne diverse Apps abzuklappern – wissen will, welche Dienste welchen Inhalt anbieten, und ob dieser zum Flatrate-Angebot gehört oder nicht, der gucke beim exzellenten und im Filmriss häufig verlinkten Portal werstreamt.es.

Kurzkritik: The Little Things

Thriller, 2021

Regie: John Lee Hancock; Darsteller: Denzel Washington, Rami Malek, Jared Leto

Worum gehts?
Zwei ungleiche Cops jagen einen Serienkiller. Deacon (Washington) ist einst nach einer ähnlichen Ermittlung aus Los Angeles geflohen, der ambitionierte Baxter (Malek) holt ihn trotzdem – wenn auch inoffiziell – in sein Team. Die beiden haben auch bald einen Verdächtigen gefunden, doch die Beweisführung ist äußerst knifflig. Einige Rückblenden aus Deacons Vergangenheit lassen vermuten, dass zwischen den Fällen eine Verbindung besteht.

Was soll das?
„The Little Things“ beginnt recht konventionell, bringt seine Haupfiguren in Stellung, schafft eine düstere Atmosphäre und breitet die genre-üblichen Greueltaten aus. Doch allmächlich nimmt das Geschehen eine etwas andere Wendung, und die klassische Polizeiarbeit tritt in den Hintergrund.

Taugt das was?
Nicht wirklich. Trotz einiger guter Ansätze (Bilder und Soundtrack sind top) scheitert „The Little Things“ auf vielen Ebenen. Die für die Story essentielle Chemie zwischen den Hauptdarstellern ist dürftig, was nicht zuletzt wohl an den eher zweidimensionalen Figuren liegt. Insbesondere Maleks Figur ist unzureichend und widersprüchlich entwickelt. Trotzdem kommt durchaus Spannung auf, die allerdings den entscheidenden Richtungswechsel der Story nicht überlebt. Genre-fans könnten an dem durchaus ambitionierten Spiel mit den Erwartungen des Publikums Freude haben, allen anderen würde ich hier direkt abraten.

Wo kann ich das gucken?
In Ländern mit HBO Max eben dort, für Deutschland ist kein Starttermin bekannt.

3/5

Kurzkritik: Small Axe Pt. 5 – Education

Drama, 2020

Regie: Steve McQueen; Darsteller: Kenyah Sandy, Sharlene White, Naomi Ackie

Worum gehts?
Der 12-jährige Kingsley ist begabt, aber kein Musterschüler. Die Schulbehörden schicken ihnen kurzerhand auf eine Sonderschule. In den folgenden Wochen stellt sich heraus, dass ein zutiefst rassistisches System dahinter steckt – den Kindern schwarzer Einwanderer wird der Zugang zu ordentlicher Bildung erschwert. Eine Initiative von Eltern und Aktivisten beginnt, sich gegen die Zustände zu wehren…

Was soll das?
„Education“ erzählt – wie man das von „Small Axe“ bereits kennt – unaufgeregt und nüchtern von einem Tiefpunkt der britischen Gesellschaft zu Beginn der 70er Jahre. Kingsleys Weg durch Schule und „Sonderschule“ wird quasi unkommentiert durch seine Perspektive dargelegt, während in der zweiten Hälfte dann die ‚Aufklärung‘ durch die Erwachsenen in den Vordergrund rückt.

Taugt das was?
Ja, erneut richtet Regisseur McQueen seinen Blick auf eine systemische Ungerechtigkeit und tief verwurzelten Rassismus. Die unspektakuläre Art, einen Skandal zu beschreiben, führt dem Zuschauer vor Augen, wie alltäglich und normal solche Vorgänge waren. Ein gelungener, wenn auch nicht krönender Abschluss der sehenswerten „Small Axe“-Reihe.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: One Night in Miami

Drama, 2021

Regie: Regina King; Darsteller: Kingsley Ben-Adir, Eli Goree, Leslie Odom Jr.

Worum gehts?
An einem Abend Ende Februar 1964, nach dem Titelkampf gegen Sonny Liston, trifft der Boxer Cassius Clay (aka Muhammad Ali) in einem Hotelzimmer den Bürgerrechts-Aktivisten Malcolm X, den Musiker Sam Cooke und den NFL-Star Jim Brown. Alle vier stehen an einem persönlichen Scheideweg – und mit ihnen, wie es scheint, die ganze Nation…

Was soll das?
„One Night in Miami“ basiert einerseits auf der Tatsache, dass dieses Treffen wirklich stattgefunden hat, und zudem auf einem Theaterstück von Kemp Powers. Die Dialoge und Details sind reine Fiktion. Die vier Berühmtheiten diskutieren über ihre Probleme, Pläne, Träume und Ängste, insbesondere Cooke und Malcolm X geraten häufiger heftig aneinander. Dabei geht es um den „richtigen“, erfolgversprechende Weg zur Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA. Aber dem Film geht es auch um die Menschlichkeit hinter der Fassade von Stars, um den Umgang mit der Öffentlichkeit und der Gunst des weissen Publikums.

Taugt das was?
Ja. Der Film ist ein packendes Kammerspiel, bei dem höchstens der Drang, bei Wikipedia die historische Faktenlage zu checken, das Publikum abzulenken vermag. In allen vier Hauptrollen stark besetzt gelingt es dem Film von Regisseurin Regina King (bisher vor allem erfolgreiche Schauspielerin, u. a. als Angela Abar in „Watchmen“) aus den Ikonen dreidimensionale Figuren zu formen. Ihr Zusammenspiel bildet einen geistreichen Kommentar zur Lage in den USA anno 1964. Es ist unmöglich zu wissen, wie nah diese Fiktion an der historischen Wahrheit ist, aber „One Night in Miami“ gelingt das Entscheidende: es fühlt sich die ganze Zeit über so an.

PS: Die Wikipedia-Artikel kann man ausgezeichnet auch nach dem Film lesen, fundierte Kenntnis der Biografien von Clay, Cooke, X und Brown sind nicht zwingend erforderlich. Dass JFK 1964 schon tot war und der Vietnamkrieg noch nicht vollends eskaliert sollte man aber schon wissen…

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: Another Round (Der Rausch)

Drama/Komödie, 2021

Regie: Thomas Vinterberg; Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Maria Bonnevie

Worum gehts?
Um vier Lehrer, die alle in ihrer eigenen ‚Midlife Crisis‘ stecken. Im Zentrum steht Martin (Mikkelsen), der über die Jahre zum Langweiler geworden ist, was ihm sowohl seine Schüler (ganz offen) als auch seine Frau (durch Abwesenheit) mitteilen. Die Kollegen beschließen, eine Theorie zu testen, wonach der Mensch immer 0,5 Promille Blutalkohol haben sollte. Tagsüber, wohlgemerkt, also einen Dauerschwips vom Frühstück bis zum Abendessen. Die Wirkung lässt nicht lange auf sich warten, doch nach anfänglichen „Erfolgen“ treten bald auch unschöne „Nebenwirkungen“ auf…

Was soll das?
Das ist in diesem Fall eine spannende Fragen die nicht so leicht zu beantworten ist. Denn weder ist „Der Rausch“ eine Warnung vor dem Alkoholismus, noch feiert oder verharmlost er das Trinken. Das Szenario ist überspitzt, und der Film sich dessen bewusst. Seine Figuren und ihre Probleme aber nimmt er ernst. Die Grenze zwischen Drama und Humor verläuft fließend, zwischen den Charakteren, aber auch durch ihre individuellen Schicksale.

Taugt das was?
Unbedingt. Vinterbergs Film überzeugt durch seinen einfühlsamen Blick auf die Figuren. Unter den starken Darstellern ragt Mads Mikkelsen heraus, dessen Figur die emotionale Schnittstelle zum Publikum ist. Unbeschwerte Lebenslust, das Feiern von wiedergewonnener Freiheit und Freundschaftsrituale zwischen Seelenverwandtschaft und Gruppenzwang verbinden sich mit ernsten bis traurigen Tönen. Denn „Der Rausch“ schaut auch dahin, wo es richtig weh tut. Der Alkohol ist weder Teufel noch Heilsbringer, eher ein Brennglass, unter dem eine Reihe alltäglicher (aber nicht banaler) Probleme und Fragestellungen sichtbar gemacht werden.

Wo kann ich das gucken?
Irgendwann nach dem Lockdown im Kino.

4/5

Kurzkritik: Small Axe Pt. 4 – Alex Wheatle

Drama, 2020

Regie: Steve McQueen; Darsteller: Sheyi Cole, Jonathan Jules, Johann Myers

Worum gehts?
Im vierten Teil von McQueens „Small Axe“-Reihe geht es um den auf wahren Begebenheiten beruhenden Werdegang des späteren Schriftstellers Alex Wheatle. Nach einer trostlosen Kindheit bei Pflegeeltern und Waisenhäusern in der englischen Provinz entdeckt er im Londoner Stadtteil Brixton seine Liebe zur (Reggae-)Musik und wird Teil einer Community. Es dauert jedoch nicht lange, bis er sich nach dem „Brixton Uprising“ von 1981 im Gefängnis wiederfindet…

Was soll das?
„Alex Wheatle“ ist am ehesten mit dem unmittelbaren Vorgänger „Red, White and Blue“ vergleichbar. Der Film beleuchtet Identität, Erfahrungen und Schmerz seiner Hauptfigur, und zeichnet das Selbstverständnis einer Gesellschaft nach, in der diese zum Außenseitertum geradezu verdammt ist.

Taugt das was?
Ja, wie schon „Mangrove“ und „Red, White and Blue“ funtioniert auch „Alex Wheatle“ vor allem wegen der scharfen Milieu- und Figurenzeichnung und den Verzicht auf Sentimentalität. Allerdings bleibt die Hauptfigur selbst immer ein bisschen unnahbar, der Film wagt bis zum Schluss keinen „Blick hinter die Maske“.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Filmriss wieder bei Twitter aktiv

Quasi in eigener Sache, wie es so schön heisst: der Twitter-Account vom Filmriss sendet wieder.

Warum? Weil Trump da endlich weg ist! Not really… Tatsächlich habe ich hin und wieder den Impuls, Kommentare, Empfehlungen oder ähnliches zu teilen, halte eigene Blog-Beiträge aber nicht für das probate Mittel.

Wer also bei Twitter ist – und auch wer da nicht ist, die Tweets sind öffentlich im Browser erreichbar – der schaue künftig gern hier vorbei: https://twitter.com/EdzardE

Ich mache mich jetzt mal im WordPress-Dashboard auf die Suche nach einer Twitter-Box, die man doch sicher irgendwo hier einbauen kann…

Kurzkritik: Red, White and Blue (Small Axe Pt. 3)

Drama, 2020

Regie: Steve McQueen; Darsteller: John Boyega, Assad Zaman, Steve Toussaint

Worum gehts?
Leroy Logan ist der Sohn karibischer Einwanderer in England. Gegen den Willen seines Vaters beschliesst er nach dem Studium, Polizist zu werden – um den Rassismus der Truppe von innen zu bekämpfen.

Was soll das?
Dritter Teil von Steve McQueens „Small Axe“-Reihe. Erneut legt der Regisseur viel Wert auf die akribisch genau Inszenierung des Milieus, und setzt auf eine fast lakonische, unaufgeregte Erzählweise.

Taugt das was?
Ja, man darf hier allerdings weder einen Krimi noch ein zugespitztes Plädoyer gegen Rassismus erwarten. „Red, White and Blue“ erzählt eine sehr persönliche Geschichte, und konzentriert sich auf die (innere und äußerliche) Entwicklung seiner Hauptfigur. Das ist im positiven Sinne interessant und vielschichtig, aber bewusst unspektakulär.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: I May Destroy You

Drama, 2020

Creator: Michaela Coel; Darsteller: Michaela Coel, Weruche Opia, Paapa Essiedu

Worum gehts?
Die aufstebende junge Autorin Arabella (M. Coel) lebt mit ihren zwei besten Freunden in London und schreibt an einem Roman. Als sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt wird entzieht das ihrer weitgehend sorglosen Existenz den Boden.

Was soll das?
„I May Destroy You“ zeigt die Welt großstädtischer Millenials, die drei Hauptfiguren stammen aus der Karibik bzw. aus Afrika. Im Zentrum steht ihr Umgang mit Sex und Beziehungen, aber es geht auch um die Rolle der Geschlechter, die sozialen Medien sowie den latenten Rassismus der Gesellschaft. Es geht also so ziemlich um alles, was die Welt aktuell bewegt (mit Ausnahme der Corona-Pandemie).

Taugt das was?
Ja, tut es. Schöpferin Michaela Coel gelingt es, die Figuren und ihre Geschichten nicht als offensichtliche Versuchsanordnung zu inszenieren. Sondern einen Alltag (wenn auch einen sehr ereignisreichen) zu porträtieren, in dem sich die Dinge aus sich selbst heraus entwickeln. Die schonungslose Offenheit der Darstellung/Inszenierung ist nicht immer leicht zu ertragen, für das Gelingen von „I May Destroy You“ aber von großer Bedeutung.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

5/5

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