Kurzkritik: Watchmen

Drama/Fantasy, 2019

Creator: Damon Lindelof; Darsteller: Regina King, Tim Blake Nelson, Jeremy Irons, Jean Smart

Worum gehts?
Der Mord an einem Polizeichef in Oklahoma setzt eine Reihe von Ereignissen in Bewegung. Rechtsextreme Gruppen treffen auf maskierte Polizisten, Superhelden verfolgen eine weit in die Vergangenheit reichende Spur – und das ist noch längst nicht alles…

Was soll das?
„Watchmen“ basiert auf der bereits vor Jahren verfilmten Graphic Novel, bedient sich allerdings nur aus dem darin geschliderten ‚Universum‘ und geht storytechnisch eigene Wege.

Taugt das was?
Sehr viel sogar. Die ersten Folgen von „Watchmen“ stellen in gemächlichem Tempo ein recht bizarres Szenario vor. Dann folgen zwei Episoden, die sich mit der Vergangenheit der (hervorragend entwickelten) Hauptfiguren beschäftigen – sie gehören zu den besten, die das Genre bisher hervorgebracht hat. Und bereiten ein sehenswertes Finale vor, das bei aller Skurrilität sowohl dem Szenario als auch den Figuren gerecht wird. Ich habe eigentlich keine Lust mehr auf Superhelden-Stoffe, aber für „Watchmen“ eine Ausnahme zu machen war definitiv die richtige Entscheidung.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

5/5

Kurzkritik: The Outsider

Drama/Horror, 2020

Creator: Richard Price; Darsteller: Ben Mendelsohn, Cynthia Erivo, Paddy Considine, Julianne Nicholson

Worum gehts?
Ein mysteriöser Mordfall erschüttert die Kleinstadt Cherokee City. Die widersprüchliche Beweislage verwirrt die Ermittler – dann wird der Tatverdächtige selbst ermordet. Und nach einem erneuten Todesfall stellt sich die Frage, ob da eine Kraft am Werk ist, die sich nicht mit konventionellen (wissenschaftlichen) Methoden erklären lässt.

Was soll das?
„The Outsider“ ist die Verfilmung eines Romans von Stephen King. Zentrale Motiv der Show sind Trauer, finstere Doppelgänger und der Kampf gegen eine unbegreifliche Kraft des Bösen. Der Cop Ralph will an letztere nicht glauben, die private Ermittlerin Holly macht ihm das allerdings zunehmend schwerer.

Taugt das was?
Ja. „The Outsider“ ist eine stark gespielte, stimmungsvolle und spannende Krimi-/Horror-/Mysteryserie. An sich ist das nicht ganz mein Genre, und daher bin ich auch kein großer Fan der Auflösung. Doch das hohe handwerkliche Niveau sowie das überzeugende Ensemble machen die Show zu einem lohnenswerten Erlebnis.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: Knives Out – Mord ist Familiensache

Krimi/Komödie, 2019

Regie: Rian Johnson; Darsteller: Daniel Craig, Ana de Armas, Chris Evans, Don Johnson, Christopher Plummer

Worum gehts?
Ein steinreicher Schriftsteller wird in der Nacht seines 85. Geburtstags tot aufgefunden. Seine durchgehend recht schrulligen Angehörigen werden von der Polizei verhört, und auch der berühmte Privatdetektiv Benoit Blanc (Craig) nimmt die Ermittlungen auf…

Was soll das?
„Knives Out“ bedient sich stilistisch und inhaltlich bei vielen Klassikern des Krimi-Genres, insbesondere Agatha-Christie-Verfilmungen. Von der ersten Szene an lässt der Film keinen Zweifel daran, was er vor hat: das Publikum ist zum fröhlichen Miträtseln eingeladen, während in Rückblenden Stück für Stück die entscheidenden Szenen der Todesnacht präsentiert werden. Und auch an falschen Fährten mangelt es selbstverständlich nicht.

Taugt das was?
Das tut es. Der Film von Rian Johnson („Brick„, „Looper„) erfüllt alle Erwartungen, die man an das Genre stellen kann. Er präsentiert ein starkes Darsteller-Ensemble, eine knifflige Story, ist witzig, kurzweilig und spannend. Die Neuerfindung des Genres ist „Knives Out“ ganz sicher nicht. Sondern ein absolut gelungener Beitrag dazu.

Sonst noch was?
„Mord ist Familiensache“ kriegt definitiv einen Ehrenplatz in der Galerie der dämlichsten, unnötigsten und einfallslosesten deutschen Titel-Zusätze.

4/5

Kurzkritik: Jojo Rabbit

Komödie/Drama, 2019

Regie: Taika Waititi; Darsteller: Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Taika Waititi, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Rebel Wilson

Worum gehts?
Eine Kleinstadt im Zweiten Weltkrieg. Der elfjährige Jojo ist ein echter Bilderbuch-Nazi. Eines Tages findet er heraus, dass seine Mutter im Dachstuhl das jüdische Mädchen Elsa versteckt. Kann ihm sein imaginärer Freund Adolf (Regisseur Waititi als alberner Hitler-Verschnitt) helfen, mit der Situation umzugehen?

Was soll das?
Gute Frage. Mir scheint, dass „Jojo Rabbit“ eine „mutige, politisch unkorrekte“ Komödie werden sollte, oder eine „Nazi-Satire mit Herz“. In die albern-überdrehte Darstellung des Dritten Reichs bettet der Film ein klassisches ‚coming of age‘-Drama ein, in dem ein Junge seine Gefühle für ein Mädchen zu verstehen lernt.

Taugt das was?
Nein: Don’t believe the hype (Oscar-Nominerungen, Peoples Choice Award in Toronto). Für mich hat der Ton des Films von Anfang an nicht funktioniert. Als Satire ist er zu albern, die Darstellung der Nazis zwischen dümmlich und verrückt überzeugt nicht – und witzig ist „Jojo Rabbit“ leider auch nur selten. Das eher nach ‚Schema F‘ verlaufende Drama wiederum – obwohl von den jungen Darstellern gut gespielt – verliert durch das verquere Szenario an Überzeugungskraft.

2/5

Kurzkritik: Der Schwarze Diamant (Uncut Gems)

Drama/Thriller, 2019

Regie: Bennie Safdie, Josh Safdie; Darsteller: Adam Sandler, LaKeith Stanfield, Julia Fox, Kevin Garnett

Worum gehts?
Howard Ratners Leben ist ein einziges Spektakel. Der New Yorker Juwelenhändler jongliert mit Waren und Kunden, setzt nebenbei Riesensummen auf Basketballspiele, während seine Ehe in die Brüche geht, die Dinge mit seiner Geliebten ebenfalls nicht zum Besten stehen, und er seinem Schwager einen Haufen Geld schuldet.

Was soll das?
„Der Schwarze Diamant“ ist eine Tour-de-Force von einem Film. Stilistisch erinnert er deutlich an „Good Time„, den vorigen Film der Safdie-Brüder. Doch die Ereignisse hier werden weniger von Außen getrieben als von Innen. Denn es ist Howards unfokussierte Rastlosigkeit und Risikosucht, die das Geschehen bestimmen.

Taugt das was?
Ja, das tut es. Der Film baut kontinuierlich Spannung auf, steigert die Intensität gekonnt bis zum Ende und kann sein Publikum dabei immer wieder überraschen. Adam Sandler, der in fast jeder Szene zu sehen ist, überzeugt in einer ungewohnt ernsten Rolle. Es ist sein Verdienst, dass Howard nicht als Karikatur daherkommt, sondern als zwar ungewöhnliches, aber glaubwürdiges emotionales Zentrum von „Der Schwarze Diamant“.

4/5

Kurzkritik: Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers

Sci-Fi/Fantasy, 2019

Regie: J. J. Abrams; Darsteller: Daisy Ridley, Oscar Isaac, John Boyega, Adam Driver

Worum gehts?
Rey, Finn, Poe Demeron und die übrigen Rebellen finden eine letzte Chance, den Aufstieg der Ersten Ordnung zu verhindern. Kylo Ren verfolgt seine eigenen Pläne, in denen Rey eine Schlüsselrolle spielt…

Was soll das?
Mit dem neunten Teil findet die „Star Wars“-Reihe ihren Abschluss, ebenso wie die dritte Trilogie, die Disney 2015 mit „Das Erwachen der Macht“ gestartet hat. Die Produktion des Films war schwierig, Drehbuch und Regisseur wurden ausgetauscht.

Taugt das was?
Nein. Ich bin nie ein großer Fan der Reihe gewesen, aber „Der Aufstieg Skywalkers“ ist insgesamt eine Enttäuschung. Die Dialoge sind so platt, dass sie oft unfreiwillig komisch sind, mit Ausnahme von Rey und Kylo Ren findet keine Figurenentwicklung statt. Die Story ist austauschbar, die Spezialeffekte zwar überzeugend, aber ohne „Wow!“-Faktor. Das Finale selbst darf man wohlwollend als unglücklich oder wenig beeindruckend bezeichnen.

2/5

Sonst noch was [SPOILERS]?
Der größte Fehler, den man bei Walt Disney mit der finalen Trilogie gemacht hat, war sicher, die Filme einzeln anzugehen. Es fehlt eine kohärente Vision. Zwischen dem Fan-Service (durch das Reaktivieren alter Helden) sowie neuen Gimmicks und Figuren ging es munter hin und her. Dem Finale fehlt nun der Mut, sich für eine Richtung zu entscheiden. Die große Feier am Ende von „Der Aufstieg Skywalkers“ zeigt das ganze Ausmaß des Elends. Sie sollte sich nach etwas Großem, kaum mehr für möglich gehaltenen anfühlen – erinnert in ihrer hohlen Fröhlichkeit aber eher an eine Fanta-Werbung, als an die finalen Momente einer der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten.

Kurzkritik: Ray Donovan (Staffel 7)

Drama/Krimi, 2019

Creator: Ann Biderman; Darsteller: Liev Schreiber, Eddie Marsan, Kerris Dorsey, Pooch Hall

Worum gehts?
Der Donovan-Clan wird von der Vergangenheit eingeholt, während eine Polizistin nicht aufgibt, die Cop-Killer des letzten Staffel-Finales zu jagen.

Was soll das?
„Ray Donovan“ besinnt sich auf seine Stärken und konzentriert sich auf die Hauptfiguren. Natürlich nicht ohne zahlreiche neue Handlungsstränge aufzumachen, von denen die meisten jedoch eher nach innen gerichtet sind – mitten rein in die vielen schwelenden Konflikte, die Ray, Terry, Butchie, Daryll, Bridget und Micky untereinander und mit sich selbst austragen.

Taugt das was?
Ja, wer der Serie bis hierhin die Treue gehalten hat, der wird nicht enttäuscht werden. Liev Schreiber und der Rest des starken Ensembles sind mit ihren Rollen inzwischen so sehr verwachsen, dass sich „Ray Donovan“ – trotz der nicht enden wollenden Gewalt, aus deren Mitte sich der Clan nicht lösen kann – zu einem ernsthaften und nuancierten Drama entwickelt hat.

Sonst noch was?
Ich habe die komplette Staffel über geglaubt, dass dies die finale Staffel von „Ray Donovan“ ist. Und wähnte die Serie auf dem Weg zu einem guten Finale… Nun wird es wohl noch eine achte Staffel geben, nach der es dann aber auch vorbei sein sollte. Die Show hat es bereits einmal geschafft, sich neu zu erfinden – doch inzwischen haben die Figuren ein echtes Finale verdient.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: Leid und Herrlichkeit

Drama, 2019

Regie: Pedro Almodovar; Darsteller: Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Penelope Cruz

Worum gehts?
Der berühmte Filmregisseur Salvador (Banderas) lebt extrem zurückgezogen. Körperliche Schmerzen und eine Vielzahl von Gebrechen machen ihm zu schaffen. Für eine Filmvorführung setzt er sich mit seiner Vergangenheit (in Person eines unbequemen Hauptdarstellers) auseinander, und grübelt zusätzlich ausgiebig über seine Kindheit nach.

Was soll das?
Regisseur Almodovar beschäftigt sich in „Leid und Herrlichkeit“ mit seiner eigenen Geschichte, von der Kindheit bis zur Gegenwart. Wie nah die Story um sein von Antonio Banderas gespieltes Alter Ego an der ‚Wahrheit‘ ist, kann man hier genauer nachlesen

Taugt das was?
Sogar sehr. „Leid und Herrlichkeit“ gehört zu Almodovars besten Filmen. Die sehr persönliche Natur des Dramas wird von den herausragenden Darstellern wundervoll getragen, und steigert das für den Regisseur typische hohe Maß an Intimität und Intensität zusätzlich. Das „Innen“ und das „Außen“ des Films treffen sich am Ende in einer großartigen Pointe.

5/5

Kurzkritik: Motherless Brooklyn

Krimi/Drama, 2019

Regie: Edward Norton; Darsteller: Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin, Bobby Cannavale, Willem Dafoe

Worum gehts?
New York in den 50er Jahren. Als der Chef eines Privatdetektiv-Büros ermordet wird, nimmt dessen Zögling Lionel die Ermittlungen auf. Lionel leidet am Tourette-Syndrom, sein unkontrolliertes Verhalten macht ihm zum Außenseiter. Die Spur führt ihn schnell in die Politik – genauer gesagt zu massiven Umsiedlungsprogrammen im Rahmen der Stadtentwicklung..

Was soll das?
„Motherless Brooklyn“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jonathan Lethem aus dem Jahr 1999. Angekündigt und immer wieder verschoben wurde der Film bereits seit ca. 15 Jahren. Ein wichtiger Unterschied zur Vorlage ist, dass Norton die Ende der Neunziger spielende Handlung in die 50er Jahre „versetzt“ hat. Der damit einhergehende Look, in Verbindung mit dem jazzigen Soundtrack, gehen deutlich in die „Film Noir“-Richtung, eben so wie einige Änderungen bei der Story.

Taugt das was?
Ja, „Motherless Brooklyn“ ist bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt, atmosphärisch inszeniert, spannend und schön anzusehen. Die eigentliche Story/Krimihandlung ist dabei nicht sonderlich aufregend, dient aber im Wesentlich ohnehin dazu, den Hauptfiguren eine Bühne zu bieten. Es fehlt vielen Figuren aber etwas an Tiefenschärfe, unter anderem weil der Film einen dafür bedeutenden Teil der Vorlage arg eingedampft hat. Die emotionale Schlagkraft des Films ist daher leider eher überschaubar.

4/5

Meine Top-10 Filme des Jahres 2019 [Update 9.2.20]

Zur Jahreshälfte wäre diese Liste gefühlt noch beinahe leer gewesen. Doch nach hinten raus ist 2019 noch ein richtig gutes Filmjahr geworden…

Wie üblich habe ich so einige Filme verpasst, oder besser schlicht keine Zeit für sie gefunden. Aber im Vergleich zur Auswahl der „wichtigsten“ Serien ist mir die Filmauswahl relativ leicht gefallen.

  1. Parasite“ gehört definitiv zu den Filmen, die immer besser werden, wenn man an sie zurück denkt.
  2. [Update] Ein absolutes Vergnügen für Herz, Auge und Verstand war Pedro Almodovars „Leid und Herrlichkeit„, den ich erst im Januar diesen Jahres gesehen habe.
  3. Knapp dahinter landet „Once Upon A Time In Hollywood„, der mir auch beim zweiten mal schauen noch viel Spaß gemacht hat.
  4. Blaze“ ist die stark inszenierte Geschichte eines faszinierenden Künstlers und feinstes Independent-Kino.
  5. Eine Tour-de-Force durch das Ende einer Ehe kann spannend, unterhaltsam und witzig zugleich sein – siehe Noah Baumbachs „Marriage Story„.
  6. The Irishman“ steht im Lexikon unter „gelungenes Spätwerk“, was in diesem Fall sowohl für den Regisseur (Martin Scorsese) als auch für seine drei Hauptdarsteller (Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci) gilt.
  7. Knives Out“ ist ein wunderbarer Krimi, witzig, charmant und spannend, niveauvolles Genre-Kino wie Hollywood es leider fast verlernt hat..
  8. Joker“ war der Aufreger des Jahres und lotete neue Wege aus, Comic-Verfilmungen auf ein erwachsenes Publikum zuzuschneiden. Und ja – Joaquin Phoenix war mega…
  9. Roma“ ist anspruchvolles Kino mit viel Herz und großartigen Bildern.
  10. Booksmart“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die unglaublich clever ist, und dabei auch noch sehr witzig.

Auch gut waren:
The Peanut Butter Falcon, Ad Astra, Arctic, Hustlers, The Lighthouse, Green Book, Long Shot, Motherless Brooklyn, The Favourite

Updates:
„The Irishman“ rein, „Ad Astra“ raus
„Knives Out“ rein, „The Peanut Butter Falcon“ raus



Kurzkritik: The Irishman

Gangsterdrama, 2019

Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci

Worum gehts?
Um die Geschichte des Gewerkschaftsfunktionärs und Mafiosis Frank Sheeran (De Niro), von den 50er Jahren bis ins neue Jahrtausend. Erzählt aus der Sicht von Sheeran selbst, basiert er auf dessen in „I Heard You Paint Houses“ niedergeschriebenen Erinnerungen – die keinesfalls unbestritten sind. Sheeran gesteht darin unter anderem den Mord am berühmt-berüchtigten Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa, der in „The Irishman“ von Al Pacino verkörpert wird.

Was soll das?
„The Irishman“ bringt viele bekannte Zutaten von Scorseses berühmten Gangsterdramen mit, erinnert oft insbesondere an „Goodfellas“ und „Casino“. Doch der Regisseur verfolgt hier offensichtlich einen etwas anderen Ansatz. Der Film ist deutlich interessierter an der „bottom line“ am Ende eines Gangsterlebens – sofern es nicht (wie sehr viele in „The Irishman“) vorzeitig und abrupt zu Ende geht. Schon durch die narrative Struktur ist der Rückblick das zentrale Element.

Taugt das was?
Ja. Scorsese ist ein beeindruckendes Spätwerk (der Mann ist 77 Jahre alt) gelungen. Scorsese, der für seine Abneigung gegen am Computer gefertigte Spezialeffekte bekannt ist, lässt hier gleich drei ungefähr gleichaltrige Schauspiel-Legenden digital verjüngen. Was insgesamt hervorragend funktioniert, von wenigen Ausnahmen (meist in den Augen der Akteure zu erkennen) abgesehen. Vor allem aber lenken die digitalen Effekte nicht von der ausladenden (dreineinhalb Stunden langen) Story ab, welche – ähnlich wie Oliver Stones „JFK“ – eine spannende, aber hoch spekulative Neu-Interpretation eines beinahe sagenumwobenen Abschnitts US-amerikanischer Geschichte bietet.

Sonst noch was?
„The Irishman“ war mit einem Budget von 159 Millionen Dollar (Quelle: IMDb) kein günstiges Unterfangen. Finanziert wurde der Film von Netflix, wobei man den Film bereits vor dem Start auf der Streaming-Plattform auch in die Kinos gebracht hat. Ich habe ihn sehr gerne zuhause gesehen, frage mich allerdings, womit – wenn nicht hiermit – Hollywood ein erwachsenes Publikum eigentlich noch in die Kinos locken will. Aber wahrscheinlich haben die Studios diesen Kampf längst verloren gegeben…

4/5

Kurzkritik: Hustlers

Drama/Krimi/Comedy, 2019

Regie: Lorene Scafaria; Darsteller: Constance Wu, Jennifer Lopez, Julia Stiles

Worum gehts?
Um eine Gruppe von befreundeten Stripperinnen, die in einem Club mit Kundschaft von der Wall Street ordentlich Geld verdient. Nach der Finanzkrise bricht das Geschäft ein – und die vier Frauen finden einen neuen, allerdings illegalen Weg, um sich hohe Einkünfte zu sichern…

Was soll das?
„Hustlers“-Regisseurin Scafaria erzählt ihre (auf einer wahren Begebenheit basierende) Story komplett aus der Perspektive der Stripperinnen. Diese für Hollywood untypische Konstellation bringt einen frischen, authentischen Blick in ein Milieu, das sonst nur durch die Augen männlicher Figuren eingefangen wird.

Taugt das was?
Ja, tut es. Den Darstellerinnen gelingt es, die Wandlung ihrer Figuren in dem langsam eskalierenden Szenario glaubhaft zu gestalten. Für das Genre typische Szenen unglaubwürdiger Handlungen oder Entwicklungen fehlen dankbarerweise vollständig. „Hustlers“ erzählt sicher keine weltbewegende Geschichte, aber er erzählt sie unterhaltsam und ohne langweilige Klischees zu bedienen.

4/5

Die besten Mini-Serien der 2010er Jahre

Mit „Mini-Serien“ meine ich hier all jene TV-Shows, die nicht über mehrere Staffeln hinweg eine Geschichte erzählen. Das schließt also Serien ein, die nur aus einer einzigen Staffel bestehen (z. B. „Chernobyl“), also auch solche, die über mehrere Staffeln unterschiedliche Geschichten aus der selben Reihe erzählen (z. B. „Fargo“).

„Twin Peaks – The Return“ ist ein Sonderfall, die habe ich hier eher aus dem Gefühl heraus einsortiert – wem das lieber ist, der sortiere die Show geistig bitte einfach hier ein…

Und natürlich ist auch die Liste rein subjektiv und naturgemäß unvollständig – schon weil ich nicht im Ansatz alle Mini-Serien der letzten 10 Jahre gesehen habe…


Chernobyl“ (2019) – Wie man aus einer größten Katastrophen der jüngeren Geschichte eine mitreißende, berührende und unglaublich unterhaltsame Serie macht, hat „Chernobyl“ eindrucksvoll bewiesen. Vom ersten Moment bis zum Abspann – über fünfeinhalb Stunden Laufzeit – hat das Publikum selten Zeit zum Luft holen. Ich bin selten von Serien oder Filmen „wie gebannt“, doch bei dieser Serie war das definitiv der Fall.


Twin Peaks – The Return“ (2017) – Ich habe es schon oft kund getan, und tue das auch gern noch einmal. David Lynch, dessen „Twin Peaks“ Anfang der 90er das ‚Qualitätsfernsehen‘ begründete, hat mit dieser Fortsetzung ein bemerkenswertes Biest geschaffen. „The Return“ ist bizarr und kryptisch, gleichzeitig altmodisch und äußerst humorvoll. Vor allem aber ist die Serie unberechenbar, und legt das immense kreative Potential seines Schöpfers offen. Nebenbei ist „Twin Peaks“ wohl die einzige Serie, die es (als Gesamtheit) mit der Komplexität und Rätselhaftigkeit von „Game of Thrones“ aufnehmen kann, wenngleich der Wind hier natürlich aus einer ganz anderen Richtung weht…


Sherlock“ (2010 – 2017 – vielleicht geht es noch weiter…) – Die moderne Neu-Erfindung des bekanntesten aller Detektive ist eine der größten Erfolge der BBC gewesen, die sich im neuen Serien-Universum mit der Serie etablieren konnte. Benedict Cumberbatch glänzt als inselbegabter, arroganter Sonderling, ein neuer Holmes für eine neue Zeit. Dass der spannendere Sherlock nicht im Kino (wer erinnert sich noch an die durchaus erfolgreichen Verfilmungen mit Robert Downey Jr.?), sondern im Fernsehen zu finden war, ist dabei sinnbildlich für die 2010er Jahre.


American Crime Story“ (2016 – ?) – In bisher zwei Staffeln (die dritte folgt in 2020) hat sich die Serie mit berühmten Morden (Nicole Simpson und Gianni Versace) beschäftigt. „American Crime Story“ setzt darauf, jeweils mehrere spannende Perspektiven zu seiner Story einzunehmen. Ziel der Übung ist eher eine zeitgeschichtliche als die kriminalistische Aufklärung (an der Show ist kein „True Crime“-Podcast verloren gegangen). Damit zeigt „Amercian Crime Story“ aud famose Weise, was Fernsehen zu diesen Themen jenseits von sensationslüsternen Pseudo-News und voyeuristischen Reality-Shows bieten kann.

Fargo“ (2014 – ?) – Aus dem Film der Coen-Brüder eine Serie zu machen, die mit diesem nur eine Art ‚geistiges Universum‘ teilt, schien anfangs eine fragwürdige Idee zu sein. Doch „Fargo“ hat in allen drei Staffeln bewiesen, dass das Motiv der Bürger, die in einen schrecklichen Kriminalfall verwickelt werden (oder diesen überhaupt erst auslösen), definitiv ausreicht, um 10-stündige Geschichten darum zu bauen. Die große Kunst besteht hier vor allem in der Zeichnung verschrobener Figuren und der Lust, immer wieder Erwartungen zu unterlaufen.

Auch gut waren: „True Detective“, „Sharp Objects“, „Show Me a Hero“, „Top of the Lake“, „The Night Of“

Kurzkritik: Chernobyl (Mini-Serie)

Drama, 2019

Creator: Craig Mazin; Darsteller: Jared Harris, Stellan Skarsgard, Emily Watson

Worum gehts?
Um die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986.

Was soll das?
Die Serie zeichnet die Geschehnisse des Super-GAUs im Jahre 1986 nach. Von den entscheidenden Momenten im Kontrollraum des Reaktors, über die verzweifelten Versuche der „Rettung“ und Eindämmung der Katastrophe, die fürchterlichen Konsequenzen für die Menschen in der Region, bis zur Informationspolitik der allmächtigen Partei. Dabei beruht die Mini-Serie zu großen Teilen auf dem Buch „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch, in dem vor allem Augenzeugeberichte geschildert werden.

Taugt das was?
Jawoll. Die gekonnte Verdichtung der Geschehnisse bietet gleichzeitig eine (zumindest gefühlt) umfassende Schilderung der Katastrophe. Der dokumentarische Stil ist eingebettet in ein mitreißendes Drehbuch. Im Zentrum stehen ein Wissenschaftler und ein ihm zur Seite gestellter Parteifunktionär. Gemeinsam versuchen sie, das Schlimmste zu verhindern. Die Beziehung zwischen diesen beiden dient auch als emotionales Zentrum.

„Chernobyl“ ist voll von erschreckenden, verstörenden, schockierenden und herzzerreissend traurigen Bildern. Und dabei spannend wie ein Thriller. Hauptdarsteller Jared Harris übertrifft sich dabei selbst – was gar nicht so leicht ist, wenn man ihn in „Mad Men“ oder „The Terror“ gesehen hat. Insgesamt ist das Schauspieler-Ensemble überragend.

Sonst noch was?
Ein kleiner Wermutstropfen dabei: Die Serie nimmt sich mehr „künstlerische Freiheiten“ als meines Erachtens nötig gewesen wäre, um die packende Geschichte zu erzählen. Da wird nicht nur verdichtet, sondern auch dazugedichtet, vereinfacht und verändert. Das ist nicht ungewöhnlich bei Verfilmungen dieser Art, erhält aber ein bisschen ein Geschmäckle, wenn die Serie am Ende den unschätzbaren Wert der Wahrheit preist…

Wo kann ich das gucken?
Hier.

5/5

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