Kurzkritik: Der Fremde

Drama, 2026

Regie: Francois Ozon; Darsteller: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin

Ich habe Albert Camus‘ Roman immer für eher Kino-untauglich gehalten. Nicht weil er klassisch „unverfilmbar“ wäre, sondern weil nicht sonderlich viel Spektakuläres passiert. Schließlich ist „Der Fremde“ nicht bekannt für seinen spannenden Plot, sondern als Ausdruck einer Philosophie. Oder eher noch eines Gefühls, das daraus erwächst. Trotzdem war ich direkt interessiert, als ich gelesen habe, dass Regisseur Francois Ozon bei den Filmfestspielen in Venedig mit einer Adaption an den Start geht.

Ozon („Swimmung Pool“, „8 Frauen“, „5 mal 2“) hat seine Verfilmung in wunderschönen, in grelles Licht getauchten Schwarzweiss-Bildern gedreht. Nach den altmodischen (an die Zeit des Geschehens, also die 1930er Jahre, angepassten) Eingangs-Credits gibt es eine kurze Montage zur Kolonialgeschichte Algeriens, um den Zuschauern ein bisschen Kontext zu vermitteln.

Und dann beginnt die bekannte Geschichte von Meursault, dem apathisch wirkenden jungen Mann, der seine Mutter verliert, eine Romanze beginnt und dann irgendwie zum Mörder wird. „Der Fremde“ erzählt atmosphärisch im Einklang mit der Attitude seines Protagonisten – in gleichmäßigem Tempo, fast stoisch, mit vielen mittellangen Einstellungen und Closeups. Dass Meursault bei allem „Je ne sais pas.“-sagen und genußvollen Zigarettenrauchen nicht wie eine Karikatur rüberkommt, ist auf jeden Fall eine Leistung für sich.

Nach den ersten zwei Dritteln ändert sich der Ton des Films. Wie im Buch verhandelt der Film das eigentliche Geschehen (unter anderem in einem Gerichtsprozess) nun unter weltanschaulichen Gesichtspunkten. Meine Erinnerung an die Vorlage ist zu vage für eine verlässliche Aussage, aber mir scheint als würde der Film hier nicht nennenswert von der Vorlage abweichen.

So ist „Der Fremde“ am Ende natürlich vor allem philosophisch interessante Kost, ohne dass man dafür jedoch ein Experte für den Existenzialismus sein müsste. Mich hat der Film grundsätzlich sehr überzeugt, auch wenn ich zwischen den beiden Teilen einen kleinen Bruch wahrgenommen habe – Meursaults Entwicklung (wenn man es so nennen will) ist für nicht gänzlich nachvollziehbar. Das macht den Film aber fast noch reizvoller. Vielleicht sollte ich doch noch mal ins Buch gucken, ob ich diesen Bruch dort wiederfinden kann…

Wo kann ich das gucken?
Hier.

9/10