Kurzkritik: Parasite

Drama, 2019

Regie: Bong Joon Ho; Darsteller: Kang-ho Song, Sun-kyun Lee, Yeo-jeong Jo

Worum gehts?
Die Wege der in Armut lebenden Familie Kim und der reichen Familie Park kreuzen sich auf bemerkenswerte Art und Weise. Nach und nach erschleichen sich die Kims alle Positionen als Haushaltshelfer, die die Parks zu vergeben haben. Dabei ahnen die vornehmen Parks nicht, dass ihre neuen Angestellten tatsächlich eine Familie sind – und für ihre Positionen zum Teil in keiner Weise ausgebildet sind…

Was soll das?
„Parasite“ beginnt als Gesellschaftsdrama mit komödiantischen Zügen, biegt dann aber scharf in Richtung Satire und Horror ab. Die Kritik an den sozialen Verhältnissen in Südkorea ist dabei auch für Europäer zumindest zum Teil verständlich – auch wenn sicher viele Nuancen und Details verloren gehen.

Taugt das was?
Sehr wohl. „Parasite“ ist spannend, witzig und voller Überraschungen. Über weite Strecken übernimmt in dem Kammerspiel-artigen Szenario das ultra-moderne und luxuriöse Haus der Parks die heimliche Hauptrolle. Das Drehbuch schafft es dabei, die Intensität der Handlung und Konflikte kontinuierlich zu steigern, so dass trotz 130 Minuten Laufzeit niemals Langeweile aufkommt.

4/5

Kurzkritik: The Beach Bum

Comedy/Drama, 2019

Regie: Harmony Korine; Darsteller: Matthew McConaughey, Isla Fisher, Snoop Dogg

Worum geht’s?
Moondog (McConaughey) ist ein Freigeist und Poet, mit einer Vorliebe für Frauenklamotten. In wilder Ehe, ohne jegliche Verpflichtungen und finanziell (über seine Ehe) bestens versorgt, genießt er in Key West, Florida ein Leben aus Drogen, Sex und Strandpartys.

Was soll das?
An einem Plot ist „The Beach Bum“ ganz offensichtlich nicht interessiert, der Film setzt auf Stimmungen, Dialoge, traumhafte Bilder und ausgefallene Charaktere. Eine innere Heldenreise gibt es trotzdem, die allerdings nicht weniger chaotisch ausfällt als die Lebensweise der Hauptfigur.

Taucht das was?
Auch wenn es durchaus Spaß macht McConaughey dabei zuzuschauen, wie er sich mit spürbarem Enthusiasmus in der Rolle des Moondog verliert, ist „The Beach Bum“ nur bedingt zu empfehlen. Gerade im Vergleich mit Korines großartigem Generationsporträt-meets-Gangstermärchen „Springbreakers“ fällt auf, dass es dem Film an erzählerischen Ideen mangelt. Jenseits der (absolut sehenswerten) schillernden Oberflächen gibt es nicht sonderlich viel zu entdecken – und so hat man nach 90 Minuten Laufzeit auch längst genug gesehen…

3/5

Kurzkritik: Us

Horror, 2019

Regie: Jordan Peele ; Darsteller: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Elisabeth Moss

Worum gehts?
Die vierköpfige Familie Wilson urlaubt in ihrem kalifornischen Sommerhaus. Die Urlaubslaune wird bald getrübt – die Wilson treffen auf unheimliche Doppelgänger von sich, deren Mission zunächste ein Rätsel bleibt…

Was soll das?
„Get Out“-Regisseur Jordan Peele hat mit „Us“ einen temporeichen Horrorfilm geliefert, der über zwei (offensichtlich mit einander verbundene) Zeitstränge eine etwas wirre Story erzählt..

Taugt das was?
Ja, schon wegen der Darsteller (insbesondere Lupita Nyong’o) sowie dem bemerkenswerten Gespür des Regisseurs für gruseligen Situationen und Figuren. Allerdings ist bei „Us“ die Punchline am Ende kein Vergleich zu „Get Out“, weswegen viele Zuschauer ein wenig enttäuscht sein dürften. Immerhin, ich als nicht-Horrorfan wähnte mich gut unterhalten…

3/5

Kurzkritik: Glass

Fantasy, 2019

Regie: M. Night Shyamalan; Darsteller: James McAvoy, Bruce Willis, Sarah Paulson, Samuel L. Jackson

Worum gehts?
Der unkaputtbare David (B. Willis) ist dem schizophrenen „Beast“ Kevin (J. McAvoy) auf der Spur, der vier Teenies entführt hat. Bevor es zum Showdown kommt tritt allerdings in Person der Psychiaterin Dr. Staple (S. Paulson) eine neue Kraft auf den Plan. Und auch Davids Gegenspieler Elijah (S. Jackson) will noch ein Wörtchen mitreden..

Was soll das?
Regisseur M. Night Shyamalan hat nach im Überraschungserfolg „Split“ (2016) eine Verbindung zum ‚Universum‘ seines Erfolgsfilms „Unbreakable“ (2000) hergestellt. In „Glass“ treffen die vermeintlichen Superhelden nun aufeinander…

Taugt das was?
Nicht so richtig. Der Film ist – wie fast immer bei Shyamalan – handwerklich absolut top, atmospärisch dicht und baut in oft sehenswerten Bildern Spannung auf. Plot und Figurenentwicklung können da aber nicht im Ansatz mithalten, und so geht dem Film vor allem nach hinten raus arg die Luft aus. Schade.

2/5

Kurzkritik: BlacKkKlansman

Drama/Comedy, 2018

Regie: Spike Lee; Darsteller: John David Washington, Adam Driver, Topher Grace, Laura Harrier

Worum gehts?

Colorado, Mitte der Siebziger. Der junge schwarze Cop Ron Stallworth (Washington) infiltriert den örtlichen Ku Klux Klan – per Telefon. Um wirklich in die Organisation einzusteigen muss sein weisser Kollege Flip Zimmerman (Driver) ran, der sich als Stallworth ausgibt. Die Klanmitglieder erweisen sich als recht chaotischer Haufen, der allerdings vielleicht einen Anschlag auf die ‚Black Power‘-Bewegung plant…

Was soll das?

Basierend auf wahren (wenn auch kaum zu glaubenden) Begebenheiten entwickelt Spike Lee den Stoff als dramatische Farce, die immer wieder den Bogen in die Gegenwart schlägt.

Taugt das was?

Total. „BlacKkKlansman“ ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte mit starken Darstellern, die Mischung aus Drama und Humor gelingt bemerkenswert gut. Einige der längeren Sequenzen (wie der Auftritt des Aktivisten Kwame Toure, oder die Parallelmontage von Klan-Meeting und dem Treffen der ‚Black Students Union‘) sorgen für echte Höhepunkte. Selbiges gilt für Vor- und Abspann, die dem Zuschauer im Gedächtnis bleiben. Insgesamt ist der Film trotzdem einen Tick zu lang geraten.

4/5

Kurzkritik: Mandy

Horror/Thriller, 2018

Regie: Panos Cosmatos; Darsteller: Nicolas Cage, Andrea Riseborough

Worum gehts?

Eine irre Sekte tötet die Frau eines Mannes – der sofort einen blutigen Rachefeldzug startet. Setting des Geschehens sind die Wälder im Westen der USA im Jahre 1983.

Was soll das?

Gute Frage. „Mandy“ ist ein irres, wirres und blutiges Spektakel. Die Mischung aus Mad Max, Filmen von David Cronenberg oder David Lynch, sowie dem „Texas Chainsaw Massacre“ kommt wie ein filmgewordenes Metal-Album der 80er Jahre daher.

Taugt das was?

Durchaus. Wenn Nic Cage eines kann, dann in so einem „over the top“-Szenario glänzen, und das tut er auch. Allerdings muss man schon eine Menge Gefallen an total schrägen Szenen mitbringen, um an „Mandy“ Freude haben zu können. Ich bin etwas unsicher, ob ich in Sachen Hintergrund-Story einiges verpasst habe (es wird viel genuschelt und gezischt im Original), oder ob man sich da selbst seinen Teil denken soll.

Insgesamt sicher eher was für Freunde kruder Horrorfilme oder Fans des unzerstörbaren Nicolas Cage. Mir stand der Sinn nach Kino außerhalb des Mainstreams, und in dieser Hinsicht kann „Mandy“ definitiv ‚überzeugen‘..

3/5

Kurzkritik: You Were Never Really Here

Drama/Thriller, 2018

Regie: Lynne Ramsay; Darsteller: Joaquin Phoenix, Judith Roberts, John Doman

Worum gehts?

Der traumatisierte ehemaliger Soldat und FBI-Agent Joe (J. Phoenix) verdient sein Geld mit dem Aufspüren verschwundener Kids/Teenager – und dem „Bestrafen“ ihrer Peiniger. Sein aktueller Auftrag hat Verbindungen ins politische Milieu und läuft bald übel aus dem Ruder…

Was soll das?

„You Were Never Really Here“ ist eher Psychogramm als klassischer Krimi. Das in meditativem Tempo voranschreitende Erzähltempo wird von zahlreichen Rückblenden (die Joes Vergangheit zeigen, ohne sie je wirklich aufzuklären) unterbrochen, sowie von einzelnen Szenen sehr drastischer Brutalität.

Taugt das was?

Jep. Man muss alerdings schon ein Faible für das Independent-Kino mitbringen, denn der Film gibt sich nicht im Ansatz Mühe ein breites Publikum zufrieden zu stellen. Auch Vergleiche mit „Drive“ sind daher nur bedingt zutreffend, denn dessen Coolness fehlt hier (abgesehen vom Soundtrack).

Wie muss ich mir das vorstellen?

„Taxi Driver“ meets „Spartan“ meets „The Indian Runner“

4/5

 

Kurzkritik: Annihilation

Sci-Fi/Drama, 2018

Regie: Alex Garland; Darsteller: Natalie Portman, Oscar Isaac, Tessa Thompson, Jennifer Jason Leigh

Worum gehts?

In einem entlegenen Winkel der USA breitet sich ein mysteriöser und bedrohlicher „Schimmer“ aus. Mehrere Missionen des Militärs in das Gebiet, in dem die Naturgesetze nicht zu gelten scheinen, endeten ergebnislos, bis eines Tages ein Soldat es zurück auf die andere Seite schafft – doch was ist mit ihm passiert?

Was soll das?

„Annihilation“ variiert viele bekannte Motive aus Science-Fiction und Abenteuer (siehe unten), geht dabei mit der Story (in der vier Wissenschaftlerlinnen eine weitere Mission ins Unbekannte starten) einen Weg, der nicht von Maschinengewehren und Testosteron geprägt ist.

Taugt das was?

Ja, der Film ist spannend, stimmungsvoll und visuell sehenswert. Die Handlung hat eine sehr gelungene psychologische Komponente in den Taten und Motiven seiner Hauptfigur(en). Das Ende wird sicher nicht jedem gefallen (und genau so sicher nicht jeden überraschen), aber die Kombination aus Rückblenden, „found footage“ und linearer Handlung bietet immer mindestens niveauvolle Unterhaltung.

Wie muss ich mir das vorstellen?

„Predator“ meets „Arrival“ meets „Ex Machina“ meets „Jurassic Park“

4/5

Kurzkritik: Downsizing

Sci-Fi/Drama/Komödie, 2018

Regie: Alexander Payne; Darsteller: Matt Damon, Kristen Wiig, Christoph Waltz

Worum gehts?

In einer Welt von „Downsizing“ können sich Menschen schrumpfen lassen (auf ca. 12 cm Körpergröße), um dann in speziellen Miniaturwelten luxuriöse und dabei sehr günstige Existenzen zu führen. Ein zunehmend von finanziellen Problemen geplagtes Ehepaar (Damon & Wiig) entschließt sich zur unumkehrbaren Verwandlung in Mini-Menschen…

Was soll das?

„Downsizing“ ist in erster Linie eine Satire, schon wegen des Szenarios. Die Menschheit als konsumversessene, Unmengen von Müll und Abgasen produzierende Masse, die den Klimawandel nicht aufhalten kann und kein (anderes) Mittel gegen Überbevölkerung findet – das birgt zweifellos Potential…

Taugt das was?

Zwar sind viele interessante Ideen drin, und das Szenario wird einigermaßen plausibel eingeführt. Doch mich hat weder das Setting noch die enttäuschende Story wirklich gefesselt. Zwischen den komischen und tragikomischen Aspekten klafft eine große Lücke, die weder Inszenierung noch Darsteller überzeugend schließen können. Auch die ‚Message‘ des Films überzeugt nicht. Einzelne Teile sind sehenswert (sowohl Sci-Fi-Anteile als auch dramatische und komische), insgesamt aber enttäuscht „Downsizing“ leider.

3/5

Kurzkritik: The Shape of Water

Drama/Fantasy, 2017

Regie: Guillermo del Toro; Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Richard Jenkins

Worum gehts?

Die stumme Putzfrau Elisa trifft in einem Forschungszentrum auf ein vom Militär gefangenes Amphibien-Wesen. Während die Militärs und Wissenschaftler darüber streiten, wie das Forschungsobjekt am besten ausgewertet werden kann, beginnt Elisa dem Geschöpf langsam näher zu kommen.

Was soll das?

„The Shape of Water“ ist ein Märchen für Erwachsene, das Elemente von Liebesdrama, Fantasy und Spionage (das ganze spielt in den USA Anfang der 60er Jahre, mitten im Kalten Krieg) zu einem ungewöhnlichen, aber stimmigen Film verbindet.

Taugt das was?

Ja, „The Shape of Water“ ist handwerklich nahezu perfekt, grandios gespielt (neben Hauptdarstellerin Sally Hawkins hat mir Michael Stuhlbarg am besten gefallen) und mit einigem Mut zur Groteske inszeniert. Zwar ist das definitiv nicht mein Lieblingsgenre, und ich würde dem Film auch nicht unzählige Oscars hinterherschmeissen – aber ansehen wird sich das so ziemlich jeder Filmfreund sicher gerne.

4/5

Kurzkritik: The Killing of a Sacred Deer

Drama/Mystery/Thriller, 2017

Regie: Yorgos Lanthimos; Darsteller: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan

Worum gehts?

Herzchirurg Steven stellt seiner Frau und den beiden Kindern den ominösen Teenager Martin vor. Was harmlos beginnt nimmt bald eine überraschende Wendung, die mit Stevens Vergangenheit zusammenhängt…

Was soll das?

Je weniger man über „The Killing of a Sacred Deer“ weiss, desto besser. Zwischen Drama, Thriller und Horror entfaltet sich eine faszinierende Geschichte, bei der man hinterher fast zwangsläufig mal nach den zugrunde liegenden Mythen und Geschichten googelt.

Taugt das was?

Der Film lebt – neben den großartigen Darstellern – von seiner Spannung, die zunächst durch Atmosphäre, Stimmung und Setting erzeugt wird, bevor die (hier absichtlich verschwiegenen) Überraschungen der Story dem ganzen einen sehr speziellen Drive geben. Wer als Zuschauer nicht gern während des Films (und auch danach) über die Handlung rätselt, sollte hier lieber Verzicht üben. Alle anderen bekommen stark inszenierte, ungewöhnliche Kost geboten. Durchaus vergleichbar in dieser Hinsicht war zuletzt „Mother!“ (der noch etwas extremer ist), wobei mir dieser Film insgesamt mehr Spass gemacht hat.

4/5

Kurzkritik: Mother!

Mother! FilmplakatDrama/Mystery, 2017

Regie: Darren Aronofsky; Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer

Worum gehts?

Das einsame Leben eines Ehepaars in einem abgelegenen Haus gerät aus den Fugen, als eines Abends ein mysteriöser Fremder an der Tür klingelt. Bald sind mehrere Gäste im Hause, die der Hausherrin äußerst suspekt sind…

Was soll das?

„Mother!“ erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die es dem Publikum nicht leicht macht. Von Anfang an ist klar, dass alles und jeder im Film eine Metapher oder eine Anspielung ist. Zu erraten, was das Ganze eigentlich bedeuten soll, ist dabei die dem Zuschauer zugewiesene Rolle (ein Brudermord sei als Hinweis auf die Stoßrichtung hier genannt).

Taugt das was?

Es geht so. Zwar überzeugen die Darsteller, und auch die Ideen (wenn man sie denn langsam aber sicher erkennt, oder sich hinterher ein bißchen was anliest) sind nicht ohne Reiz. Doch „Mother!“ bleibt insgesamt ein verkopftes Vergnügen, die wirr anmutende Story mit ihren Rätseln und Bildern entfaltet keine hypnotische Sogwirkung, wie man sie etwa aus David Lynchs besten Filmen kennt (oder auch von Aronofskys „The Fountain“). Ein interessantes Experiment, aber keines was richtig Spaß macht.

3/5

Serien-Kritik: Twin Peaks – The Return

Twin Peaks The Return PosterIch war gleichermaßen erfreut wie skeptisch, als ich erfuhr, dass David Lynch eine Fortsetzung von“Twin Peaks“ dreht. Von der Serie, ohne die die heutige ‚goldene Ära‘ der Fernsehserien nicht vorstellbar wäre. Würde Lynch in der Lage sein, die eigene Legende fortzuführen, ohne sich zu wiederholen?

Obwohl „The Return“ nicht ohne Macken ist waren alle Zweifel unbegründet. Die Serie ist – mindestens für Lynch-Fans – das mit Abstand Beste und Spannendste, was in diesem Jahr bisher über die Bildschirme geflimmert ist.

Schon in den ersten Folgen von „Twin Peaks – The Return“ wird deutlich, dass Lynch und Autor Mark Frost definitiv nicht vor haben, die Story im Stile des Originals fortzuführen. Spätestens mit der schon jetzt legendären achten Episode „White Light White Heat“ (eher Experimentalfilm als Serienfolge) ist klar, dass der Publikumserfolg kein wichtiger Faktor für die Macher war.

Das Unterbewusste, Träume, die Entstehung und Ausübung von Gewalt, das Doppelgänger-Motiv, non-lineare Erzählungen, surreale Sequenzen und Effekte – Lynch feuert in „The Return“ aus allen Rohren. Die Story der Serie ist nicht kompliziert im klassischen Sinne, sie entzieht sich (zumindest auf den ersten Blick) jeder klassischen Handlungslogik.

Es ist allein oft nicht auszumachen, welche Handlungsstränge und Personen eigentlich „dazu“ gehören. Da passieren Dinge, die allem Anschein nach zentral für den Plot sind, sich aber später als reine Randerscheinungen entpuppen. Und denen Lynch nicht mal den Versuch einer Erklärung hinterher schickt. Unzählige völlig groteske Dinge passieren einfach so. Man kennt das vom Regisseur, zum ‚Mainstream‘ aber taugt die Serie schon deshalb nicht.

Nun hat man in den letzten Jahren viele gute Serien gesehen, die sich etwas getraut haben, die mit Konventionen gebrochen haben, und ihr Publikum nicht nur unterhalten, sondern fordern wollten. „Twin Peaks – The Return“ geht einen Schritt weiter. Die Show unterläuft ständig die Erwartungen des Publikums, setzt dabei auf visuelle Effekte, die völlig außerhalb jeder etablierten Ästhetik liegen – ohne bemüht ‚hip‘ zu wirken. Sie lässt sich zudem an vielen Stellen als süffisanter bis bissiger Kommentar auf die Form der Unterhaltung verstehen, der sie selbst angehört.

An vielen Stellen könnte die Serie in völlig andere Richtungen gehen als sie es dann tut. Überall an ihren Rändern liegen potentielle Welten und Geschichten. Den einen, vermeintlich „stimmigen“ oder gar „logischen“ Weg, den die (eine) Story gehen muss, gibt es schlicht nicht.

Die vielen ins Leere laufenden Handlungsstränge muss man nicht mögen, aber sie sind definitiv nicht zufällig da. Ihr ’nicht-weitergeführt-werden‘ ist ein wichtiger Teil des Plans, denn Lynch ist an einer linearen Erzählung, bei der am Ende alle Stränge zusammen laufen, nicht interessiert. Die Story von „Twin Peaks“ – so verstehe ich auch das Ende – hat keinen Anfang und kein Ende. Sie steht eher zeitlos im Raum.

(Hier klicken alle, die es genauer wissen und verstehen wollen.)

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lynch den Fans einige echte „Geschenke“ macht (Norma und Eds großer Moment, Dale Coopers „Rückkehr“, das ‚kleine Finale‘ im Büro des Sheriffs, alle Szenen mit Lucy, Andy, Hawk und der Log Lady, um nur einige zu nennen), und er die Geschichte um die dunkle Macht aus der Black Lodge tatsächlich weiterführt (oder zumindest fortsetzt).

Wie fast alle Fans der Serie finde ich es äußerst schade, dass einige der alten Figuren nur als rätselhafte Randerscheinungen auftauchen. Auch dass Agent Cooper über weite Strecken nur als grenzdebile Reinkarnation Dougie Jones in einem unterhaltsamen, aber wenig weiterführenden Subplot zu sehen ist, ging mir mit zunehmender Dauer auf die Nerven (auch wenn Kyle MacLachlan das großartig spielt, und ja zusätzlich als „Evil Cooper“ zu sehen ist).

Nicht zuletzt ist der Ton kühler geworden, denn die ‚Neuzugänge‘ von „The Return“ sind keine liebevoll entworfenen Charaktere wie der Großteil der alten Garde – und auch weit weniger sympathisch.

Und doch bin ich von „Twin Peaks – The Return“ äußerst begeistert. Es gab kaum eine Folge ohne großartigen „WTF?!“-Moment, immer wieder schien wunderbar warmer, leiser Humor durch. Visuell außergewöhnlich und oft unvorhersehbar hat die Serie gezeigt, was wahrhaft kreative Unterhaltung sein kann, wenn man es versteht ihre Kräfte zu entfesseln.

 

 

 

Kurzkritik: Colossal

Filmplakat ColossalDrama/Sci-Fi, USA 2016

Regie: Nacho Vigalondo; Darsteller: Anne Hathaway, Jason Sudeikis, Tim Blake Nelson

Nachdem ihr versnobbter Freund sie aus seinem New Yorker Apartment geworfen hat, macht sich Gloria (A. Hathaway) auf den Weg in die heimische Provinz. Es ist für das dauertrinkende Partygirl Zeit für eine schmerzliche Neubewertung der Gesamtsituation.

Es dauert nicht lange, bis Gloria ein paar alte Schulfreunde wieder trifft und – ausgerechnet – einen Job in einer Bar annimmt. Vom anderen Ende der Welt, aus Südkorea, kommen derweil finstere News. Dort treibt ein Godzilla-ähnliches Riesenmonster sein Unwesen. Der Witz bei der Sache ist, dass zwischen Glorias nächtlichen Sauf-Eskapaden und dem Auftreten des Monsters eine Verbindung besteht…

Man muss, um den Film genießen zu können, Gefallen an der wahrlich ausgefallenen Prämisse des Films finden (über die man definitiv nicht mehr als das oben stehende wissen sollte). Zum Glück macht „Colossal“ einem das sehr leicht, denn trotz des fantastischen Elements funktioniert die Story auch als klassisches Drama.

Nacho Vigalondo, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, hat mit bescheidenen Mitteln, viel Einfallsreichtum und einem beeindruckenden Gespür für die Qualitäten (und Grenzen) seiner Geschichte einen absolut ungewöhnlichen, dabei aber in keiner Weise sperrigen Film geschaffen. Sicherlich der kreativste Monster-Film des Jahres – aber für ein ganz anderes Publikum gemacht.

4/5

 

 

 

Kurzkritik: Get Out

Get Out FilmplakatMystery/Horror, USA 2017

Regie: Jordan Peele; Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford

Das erste Treffen mit den Eltern seiner (weissen) Freundin Rose wird für den jungen (schwarzen) Chris Stück für Stück zum Alptraum. Obwohl er oberflächlich freundlich aufgenommen wird merkt er schnell, dass mit der vermeintlichen Idylle auf dem herrschaftlichen Landsitz etwas nicht so ganz stimmt.

Geschickt gelingt es „Get Out“, satirisch und bitterböse das Thema Rassismus in eine recht klassische Horrorstory zu integrieren. Obwohl der Film aus seiner Stoßrichtung keinen Hehl macht erzeugt er viel Spannung aus der ausführlichen Exposition. Regisseur Jordan Peele hat sichtlich Spass daran, immer wieder neue Merkwürdigkeiten zu präsentieren.

Dank der überzeugenden Darsteller und dem starken Timing der Inszenierung wandelt der Film souverän auf dem schmalen Grat zwischen Satire, Horror und Comedy. Wunderbar unterhaltsam treibt er sein überspitztes Spiel bis zum gelungenen Finale. Dass hier zudem ein unbequemes, kontroverses Thema in einem ungewöhnlichen Format behandelt wird, macht den Erfolg des Films in den USA umso verdienter.

4/5

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