Kurzkritik: Die Taschendiebin

Die Taschendiebin FilmplakatDrama, Südkorea 2016

Regie: Park Chan-Wook; Darsteller: Kim Min-Hee, Kim Tae-Ri, Ha Jung-Woo

Mit Anleihen und Zitaten von Hitchcocks „Vertigo“ und Kurosawas „Rashomon“, in Verbindung mit der Regisseur Park („Oldboy“, „Thirst“) eigenen Lust an psychologisch etwas abseitigen, brutalen und dabei merkwürdig eleganten Geschichten ist „Die Taschendiebin“ ein mehr als würdiger Start ins Kinojahr 2017.

Der Film handelt von einer Intrige, in der ein südkoreanischer Hochstapler mithilfe einer Kammerdienerin (die „Taschendiebin“ des Titels) ein reiche junge Japanerin heiraten und um ihr Vermögen bringen will. Im Spiel ist dabei auch deren böser Onkel, sowie dessen sonderbare Vorlieben, spielen tut das Ganze in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Die Taschendiebin“ ist in drei großartige Akte unterteilt, wobei es Park gelingt, trotz vieler Wendungen und Kniffe eine psychologisch stimmige Story mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. In wunderbar komponierten Bildern – darunter auch explizite Gewalt- und Sexszenen – entspannt sich ein spannendes, doppelbödiges Spiel um Liebe, Lust und blutige Rache. Getragen von den Charakteren entwickelt sich vom ersten Moment an ein mitreißender Erzählfluss, dessen Faszination in den knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit nie wirklich nachlässt.

5/5

Kurzkritik: Toni Erdmann

Toni Erdmann FilmplakatDrama/Comedy, DE 2016

Regie: Maren Ade; Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller

Ines (Sandra Hüller) ist Unternehmensberaterin in Bukarest, ein totaler Workaholic ohne wirkliches Privatleben. Ihr Vater Winfried (Peter Simonischek) führt daheim in Deutschland das Leben eines verschrobenen Pensionärs mit einem ausgeprägten Faible für falsche Zähne und alberne Scherze. Als Winfrieds Hund stirbt macht er sich auf nach Bukarest, um seine Tochter zu sehen.

Diese Wiederannäherung von Vater und Tochter ist das erzählerische Herz von „Toni Erdmann“. Während Ines ein wichtiges Projekt zu Ende bringen will, mischt sich Winfried zunächst vorsichtig, später dreist und recht grotesk in ihr Leben ein. Er erfindet sich als kauziger „Coach“ namens Toni Erdmann neu, zum Erstaunen, Entsetzen, aber auch zur Erheiterung und Bewunderung seiner Tochter.

Dass die waghalsige Gradwanderung zwischen einer Farce mit fast schon Helge-Schneider-artigen Szenen und echtem emotionalem Drama funktioniert liegt an den großartigen Hauptdarstellern. Egal wie hoch der Fremdschäm-Faktor einzelner Situationen ausfällt (und er ist definitiv beträchtlich), die beiden sind als Figuren immer glaubwürdig. Auch das unsichtbare Band einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung wird, gemeinsam mit einigen geteilten Charakterzügen, langsam offenkundig.   

In den weit über zwei Stunden Laufzeit finden sich viele komödiantische und dramatische Höhepunkte – meist fallen sie gleich zusammen. Nicht selten überrascht „Toni Erdmann“ mit bizarren Momenten, die den Film prägen, ohne ihn komplett zu beherrschen. Hier geht es nicht um Schock-Effekte oder das Ausloten von Grenzen, diese Momente kommen aus dem Innenleben der Charaktere. Vor Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade kann man nur den Hut ziehen, ihr Film ist ungewöhnlich, ideenreich, witzig und ergreifend.

4/5

Kurzkritik: War Dogs

War Dogs FilmplakatDrama, USA 2016

Regie: Todd Phillips; Darsteller: Jonah Hill, Miles Teller, Kevin Pollak

Efraim Diveroli (J. Hill) ist ein ehrgeiziger, eigenwilliger junger Mann von Anfang 20. Eher zufällig entdeckt er anno 2005 eine Website, auf der das US-Militär ihre Ausschreibungen veröffentlicht – und stellt verblüfft fest, dass er bei dem Millionenspiel mit Ausrüstung, Waffen und Munition mitmachen kann.

Bald schließt sich ihm, angetrieben von seiner beruflichen Planlosigkeit und leeren Taschen, sein alter Schulfreund David (M. Teller) an. Die beiden arbeiten sich langsam aber sich zu immer lukrativeren und größeren Deals hoch, wobei sie immer zwielichtigere Kontakte nach Osteuropa knüpfen – wo nach dem Ende des Kalten Kriegs massig Waffen und Munition ‚übrig geblieben‘ sind.

Mit deutlichen Anleihen bei Martin Scoresese (Soundtrack, Off-Kommentar, Kamerafahrten/-einstellungen) inszeniert erzählt „War Dogs“ seine – auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte – mit Witz und Tempo. Die Schauplätze sind zahlreich, denn die beiden Antihelden müssen ihre Waren nicht nur im Ausland inspizieren auch schon mal selbst an Ziel (sprich Irak) bringen

Weniger gelungen sind die Hauptfiguren, die trotz der interessanten Story eher eindimensional daherkommen. Man versteht, was die beiden da machen und auch warum – aber man fiebert nicht mit ihnen mit. Vielleicht liegt das auch am kühlen Blick des Films auf seine recht irrwitzige Story. Die Nebenfiguren sind insgesamt nicht der Rede wert.

So kann man sich hier ein unterhaltsam aufbereitetes und ziemlich kurioses Stück neuerer Geschichte einverleiben, dieses aber mangels herausragender Merkmale auch schnell wieder vergessen.

3/5

Kurzkritik: The Neon Demon

The Neon Demon FilmplakatThriller/Drama, DÄN/FRA/USA 2016

Regie: Nicolas Winding Refn; Darsteller: Elle Fanning, Jenna Malone, Keanu Reeves

In aller Kürze: Zwischen Horrorfilm und Glamour-Groteske erzählte Aschenputtel-Story, die arg schleppend und ziellos daher kommt.

Worum gehts? Eine Teenagerin aus der Provinz taucht ein in die traumhaft-bizarre Modelszene von L.A., deren Vertreter (Agentin, Makeup-Artist, Fotograf, Kolleginnen) sie geradezu besessen in ihre Mitte nehmen.

Die gute Nachricht: Regisseur Refn („Drive“) liefert betörende bis verstörende, dabei oft eindrucksvolle Bilder.

Die schlechte Nachricht: Hinter den virtuos komponierten Bildern und den nicht immer gelungenen Schockmomenten kann man nur ansatzweise eine erzählerische Idee erkennen. „The Neon Demon“ bleibt eine Fingerübung (auf handwerklich hohem Niveau), die den Zuschauer nicht berühren kann oder will…

2/5

Kurzkritik: Criminal

Criminal FilmplakatThriller/Action, USA/UK 2016

Regie: Ariel Vromen; Darsteller: Ryan Reynolds, Kevin Costner, Gal Gadot, Gary Oldman, Tommy Lee Jones

Der deutsche Titel „Das Jericho-Projekt – Im Kopf des Killers“ passt tatsächlich besser zu diesem trashigen Thriller als der minimalistische Originaltitel. Der Plot ist selten bekloppt: CIA-Agent Bill (R. Reynolds) ist in London einem Mega-Bösewicht auf der Spur, der per Hackerangriff die Welt zerstören will (oder zumindest einen Teil davon). Bevor Bill wertvolles Wissen, wie die Katastrophe zu verhindern ist, weitergeben kann, wird er ermordet.

Deshalb werden seine Erinnerungen operativ dem Soziopathen und Gewaltverbrecher Tom Jericho (Kevin Costner) eingepflanzt, der – extra aus den USA eingeflogen – den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Natürlich spielt der das Spiel der CIA-Bosse nicht lang mit und macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Batzen Geld, den Bill für irgendeine Art von Übergabe vor seinem Tod versteckt hat.

Vollkommen ‚over the top‘ und (trotz der hochkarätigen Besetzung) zu keiner Zeit ernst zu nehmen ist „Criminal“ ein gutes Beispiel für einen schlechten Film, der trotzdem Spaß machen kann (mir fällt zum Vergleich am ehesten „Face/Off“ ein, wobei der noch einen Tick beknackter ist). Zugegeben, die Erwartungen muss man entsprechend runterschrauben, damit das funktionieren kann. Das Publikum wird von Anfang an dazu animiert mit dem Brutalinski Jericho zu sympathisieren, dessen Verkörperung Kevin Costner sichtlich Spass macht (ohne dass er Jerichos „Wandlung“ wirklich überzeugend spielen könnte, dafür ist die Story aber auch viel zu dämlich).

Es fliegen schnell die Fetzen, das Erzähltempo ist hoch genug, um die vielen Ungereimtheiten des Plots in den Hintergrund zu drängen. „Criminal“ nimmt sich selbst nicht ganz ernst, was der Handlung zwar irgendwie in den Rücken fällt, wegen deren offenkundiger Rammdösigkeit jedoch auch nicht stört. Die Stars holen sich hier weitgehend auf Autopilot ihre Gagen ab, was man ihnen kaum verübeln kann (Tommy Lee Jones und Gary Oldman etwa sind aber auch auf Autopilot noch großartige Schauspieler).

Insgesamt ein Film, den die Welt nicht braucht. Und gleichzeitig einer, der sich zur niveauarmen Berieselung zum Ende eines anstrengenden Arbeitstages ziemlich gut eignet – sofern man eine kleine Schwäche für trashige Thriller mitbringt…

3/5

Filmkritik: The Hateful Eight

The Hateful Eight FilmplakatWestern, USA 2015

Regie: Quentin Tarantino; Darsteller: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins

Die Zeit: Das 19. Jahrhundert. Die Location: die Rocky Mountains im Nordwesten der USA. Hmm, da klingelt doch was? Kurz nach „The Revenant“ kommt dieses eigentlich ungewöhnliche Setting erneut ins Kino (auch wenn die Stories zeitlich locker 50 Jahre auseinander liegen). Es ist offenbar einfach Zufall, aber trotzdem bemerkenswert, dass sich gleich zwei große Regisseure quasi zeitgleich mit dem Wilden (Nord-)Westen beschäftigen. Soviel Eiseskälte in Verbindung mit extremer Brutalität war selten im Kino.

Die Unterschiede zwischen den beiden Filmen überwiegen dann allerdings insgesamt deutlich. Tarantino erzählt in „The Hateful Eight“ von einem Kopfgeldjäger (Russell), der in einer Kutsche eine Gefangene (Leigh) in die Kleinstadt Red Rock bringen will. Auf dem Weg gesellen sich zwei weitere Gestalten dazu, schließlich treibt ein Schneesturm die vier in ‚Minnies Haberdashery‘ – wo sich von da an fast die komplette Handlung abspielt.

Eine Stärke des Films ist, dass man lange rätselt, was Tarantino hier eigentlich im Schilde führt. Der Film nimmt sich viel Zeit die Figuren einzuführen und in langen (wie üblich extrem pointierten) Dialogen die Spannungen zwischen ihnen ans Licht zu bringen. Da ist der schwarze Ex-Major der Nordstaaten (Jackson), ein alter Veteran der Südstaaten (Bruce Dern), ein fadenscheiniger Fremder (Michael Madsen), der örtliche Henker (Tim Roth) und ein Mexikaner, der die ‚Haberdashery‘ in Vertretung für dessen Besitzerin führt. Der achte im Bunde wird gespielt von Walton Goggins, der sich als ’nächster Sheriff von Red Rock‘ vorstellt.

Mit knapp 3 Stunden Spielzeit (in der Kurzversion, die 70mm-Version ist sechs Minuten länger plus 12-minütige Intermisson) ist „The Hateful Eight“ eindeutig einen Tick zu lang geraten. Nicht, dass es am Ende kein großes Finale mit einigen Überraschungen gäbe, welches von dem ausführlichen Setup profitiert. Das gibt es in der Tat – man kann aber ohne Spoiler nicht drüber schreiben. Aber zwischendurch ergeben sich Längen, bei denen die Dialoge – wenn auch nur scheinbar – zum Selbstzweck werden und die Geduld des Publikums etwas überstrapazieren.

Auf einige Dinge ist bei Tarantino immer Verlass, das ist bei seinem neuesten Streich nicht anders. Der Regisseur zementiert seinen Ruf als Casting-Genie, der Soundtrack von Ennio Morricone ist ein Volltreffer. Es gibt explosive Gewalt, die hier nicht nur schwarzhumorig, sondern auch verstörend rüberkommt, und eine Vielzahl von Details und Anspielungen, die sich sicher erst beim x-ten Durchlauf vollständig erschließen lassen. Auch überraschen kann Tarantino sein Publikum, wenngleich hier Anleihen bei seinem eigenen Schaffen zu erkennen sind (vor allem „Reservoir Dogs“).

Ich denke „The Hateful Eight“ wird nicht zu meinen Lieblingsfilmen von Tarantino gehören, wenn ich mir nach dem zweiten oder dritten mal ansehen ein ‚endgültiges‘ Urteil anmaße. Ganz ausschließen will ich es aber auch nicht – denn angesichts der Story-Drehs ergibt sich für einen Zuschauer, der das Finale kennt, ganz sicher ein neuer und interessanter Blick auf die ersten zwei Stunden der Handlung. In ein paar Monaten werde ich das gespannt ausprobieren…

4/5

 

 

 

Kurzkritik: Black Mass

Black Mass FilmplakatGangsterdrama, USA 2015

Regie: Scott Cooper; Darsteller: Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon

In aller Kürze: Solides Gangsterdrama mit starker Besetzung, aber ohne die ganz großen Momente…

Worum gehts? Ein FBI-Agent und der irischstämmige Gangsterboss James ‘Whitey’ Bulger, die sich seit den Kindertagen kennen, gehen eine heikle Kooperation ein. Bald ist fraglich, wer hier eigentlich wem und womit behilflich ist…

Die gute Nachricht: Johnny Depp ist mal wieder als echter Schauspieler tätig, die Inszenierung ist gelungen – ein durchaus überdurchschnittlicher Beitrag zum Genre.

Die schlechte Nachricht: Trotz guter Darsteller springt der sprichwörtliche Funke nicht wirklich über, u. a. weil keine Figur zum Mitfühlen einlädt und es verschiedene Erzähler gibt.

4/5

Kurzkritik: Knock Knock

Knock Knock FilmplakatThriller/Horror, USA 2015

Regie: Eli Roth; Darsteller: Keanu Reeves, Ana de Armas, Lorenza Izzo

In aller Kürze: Psychologisch wenig überzeugendes Psycho-Kammerspiel um Sex & Gewalt.

Worum geht’s? Zwei schöne junge Frauen klingeln bei einem Architekten, dessen Familie einen Wochenend-Ausflug macht. Was als harmloses Treffen beginnt wird bald zum bösen Spiel aus Verführung, Gewalt und Chaos.

Die gute Nachricht: Handwerklich ist an „Knock, Knock“ nicht viel auszusetzen, und die Darsteller sind bemüht.

Die schlechte Nachricht: Nach gutem Beginn wird es in Sachen Story und Charaktere krass unglaubwürdig, was durch die nur mäßig gelungenen Schock- und Überraschungseffekte nicht kompensiert werden kann.

Wer eine maue Variation dieser Filme sehen möchte kann sich das angucken:
“Panic Room”, “Funny Games”, “Straw Dogs”

2/5

Filmkritik: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach - PosterKomödie, Schweden 2014

Regie: Roy Andersson; Darsteller: Holger Andersson, Nils Westblom

Ohne zu wissen was mich erwartet habe ich mir „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ angesehen. Dass ein schwedischer Low-Budget-Film eher nicht Mainstream sein würde war mir immerhin klar – nicht aber das Ausmaß der Schrägheit dieser zwischen allen Genre-Stühlen angesiedelten Produktion.

Erzählt werden viele (zum Teil lose miteinander verbundene) Episoden, in denen manchmal sehr wenig passiert (eine Tanzlehrerin begrapscht ihren Vortänzer) und manchmal sehr viel (in einer Kneipe rauscht plötzlich König Karl XII. herein, um ein Mineralwasser zu bestellen, während seine Armee im Hintergrund durch die Straße zieht). Zwei dickliche und eher schwermütige Herren mittleren Alters, die Scherzartikel verkaufen („Wir sind in der Unterhaltungsbranche.“, „Wir wollen die Leute zum Lachen bringen.“) treten in mehreren Episoden auf.

Der Humor ist durch die Bank so abseitig, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Zwar ist „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ offensichtlich nicht im klassischen Sinne ernst gemeint (dazu sind die meisten Szenen auch viel zu abwegig), aber es lässt sich eben auch nicht so leicht sagen, was genau denn an ihnen komisch sein soll.

Zeit und Raum sind seltsam entrückt, kein Schauplatz wirkt authentisch und doch ist es weniger das Kulissenhafte der Ausstattung als die außergewöhnlich triste Stimmung und die Verschrobenheit der Figuren, die den Betrachter faszinieren.

„Faszinieren“ ist hier eher neutral gemeint. Mir hat der Film durchaus gefallen, gar Spaß gemacht, ich war auch in der richtigen Laune dazu. Angesichts seiner Sperrigkeit und der Abwesenheit einer Story sowie jeglichen Erklärungen werden viele Zuschauer eher wenig bis nichts mit dem Treiben auf der Leinwand zu tun anfangen können – und sich in der Folge sehr krass langweilen. Interessant wird es auf jeden Fall, wenn man darüber nachdenkt, was Regisseur Roy Andersson (der für solch besondere Kost unter Cineasten bekannt ist) seinem Publikum eigentlich sagen will.

4/5*

*[Eigentlich „Außer Konkurrenz“, aber er muss ja auch im Archiv auftauchen…]

Filmkritik: Ex Machina

Ex Machina FilmplakatSci-Fi, UK 2015

Regie: Alex Garland; Darsteller: Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Alicia Vikander

In aller Kürze: Spannendes, intensiv gespieltes Kammerstück über einen weiblichen „A.I.“-Roboter, das interessante Facetten der Thematik auslotet.

Worum gehts? Ein junger Mann soll in einem abgelegenen Komplex die von einem reichen Technik-Guru entworfene künstliche Intelligenz „Ava“ testen – hat sie wirklich ein Bewusstsein entwickelt?

Die gute Nachricht: Überzeugend gespielt, mit Anleihen von Horror bis schräger Comedy, entwickelt „Ex Machina“ mit gemächlichem Tempo intensive Spannung. Auch die Effekte überzeugen, indem sie der Story dienen, ohne ihr Konkurrenz zu machen.

Die schlechte Nachricht: An einigen Stellen durchaus vorhersehbar.

Wer diese Filme mocht kann einen Blick riskieren:
„Splice“, „Under the Skin“, „Her“

4/5

Kurzkritik: Nightcrawler

Nightcrawler FilmplakatDrama/Thriller, USA 2014

Regie: Dan Gilroy; Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed

In aller Kürze: Stylisch-düsterer Thriller mit satirischen Tendenzen.

Worum geht’s? Ein Soziopath entdeckt sein Talent und seine Vorliebe für nächtliche Fahrten durch L.A., immer auf der Suche nach dem nächsten Unfall oder Verbrechen, um Videos davon an sensationsgierige TV-Sender zu verkaufen.

Die gute Nachricht: Formal beeindruckend konsequent, mit starkem Hauptdarsteller und cleverem Drehbuch.

Die schlechte Nachricht: Hätte möglicherweise einen Tick kürzer sein können.

Wer diese Filme mochte sollte einen Blick riskieren:
„American Psycho“, „Collateral“

4/5

Filmkritik: Predestination

Predestination PosterSci-Fi/Drama, 2014

Regie: Michael & Peter Spierig; Darsteller: Ethan Hawke, Sarah Snook, Noah Taylor

In aller Kürze: Clevere Zeitreisen-Story im Retro-Look

Worum gehts? Ein Geheimdienst nutzt Zeitreisen, um Verbrechen vor Ihrer Entstehung zu verhindern. Ein Agent gerät bei der Jagd auf einen Bombenleger in eine komplizierte Story um Identität, Loyalität und die Paradoxa des Phänomens Zeitreisen.

Die gute Nachricht: In einem ungewöhnlichen, stimmigen Mix aus Science-Fiction und klassischem Drama entwickelt der Film einen großen erzählerischen Sog. Hervorragend gespielt von Ethan Hawke und der australischen Newcomerin Sarah Snook

Die schlechte Nachricht: Ich kann nicht garantieren, dass die Story bei (zu) genauem Hinsehen keine erheblichen Logik-Fehler aufweist.

Wer diese Filme mochte sollte einen Blick riskieren:
„Dark City“, „Donnie Darko“, „Gattaca“

4/5

[PS: Diese „neue“ Kritik-Kurzform wollte ich mal ausprobieren. Gern in den Kommentaren Feedback geben!]

Kurzkritik: The One I Love

The One I Love FilmposterDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Charlie McDowell; Darsteller: Elisabeth Moss, Mark Duplass, Ted Danson

Obwohl ansonsten überhaupt nicht  vergleichbar mit David Finchers „Gone Girl“ gibt es eine große Gemeinsamkeit – man sollte möglichst nichts über den Plot des Films (über die ersten 15 Minuten hinaus) wissen. Ethan und Sophie (Duplass und Moss) haben Eheprobleme, die sie beim Paartherapeuten zu lösen versuchen. Dieser rät Ihnen zu einem Wochenend-Ausflug in ein idyllisches Ferienhaus, wohin sich die beiden prompt aufmachen.

Es entwickelt sich nun ein Beziehungsdrama, allerdings eines, in dem die Rollen nicht so richtig klar verteilt sind. „The One I Love“, so viel darf ich verraten, geht in Richtung Charlie-Kaufman-Territorium, will sagen „Vergiss Mein Nicht“, „Adaption“ oder auch „Being John Malkovich“ lassen grüßen. Stark gespielt und geschickt inszeniert ist der Film kein reines Kopfkino und keine bloße Stilübung, sondern eine im besten Sinne interessante Variation der filmgewordenen Beziehungskrise.

4/5

Filmkritik: Sin City – A Dame To Kill For (2D)

Sin City A Dame To Kill ForFantasy/Action, USA 2014

Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller; Darsteller: Josh Brolin, Eva Green, Mickey Rourke, Jessica Alba, Joseph Gordon-Levitt

Die gute Nachricht ist diese: Wer „Sin City“ wegen der Stimmung, der Effekte und den finsteren Gestalten mochte, der wird auch diese Fortsetzung mögen. Die weniger gute Nachricht: „A Dame To Kill For“ erreicht erzählerisch nicht das Niveau des ‚Originals‘ und bringt keine sonstigen Ideen neu ins Spiel. Die gnadenlose, düstere Welt von „Sin City“ ist dieselbe geblieben, auch viele Figuren treten erneut wieder auf.

Brutalinski Marv (M. Rourke) eröffnet den Film, der auf bekannte Weise vier Geschichten miteinander verwebt. Die längste und beste davon erzählt von Dwight (im ersten Teil von Clive Owen gespielt, hier in der Timeline DAVOR angesiedelt und mit Josh Brolin besetzt) und seiner schönen Ex-Freundin Ava (Eva Green), die „Dame To Kill For“ des Titels. Neu dabei ist der Glücksspieler Johnny (J. Gordon-Levitt), der sich mit dem übermächtigen Senator Roarke anlegt, zudem nimmt der Film den Faden von Stripperin Nancy (J. Alba) wieder auf, die eine lange offene Rechnung begleichen will.

Der Ton wird wie gewohnt bestimmt durch lakonische Off-Kommentare, von kräftigen Blutspritzern (teilweise eher Blutfontänen) durchbrochenen Schwarz-Weiss-Bildern, viel Reizwäsche und nackter Haut (Eva Green stellt einen persönlichen Nackigkeits-Rekord auf, was etwas heissen will), die krass stilisierten Actionszenen und äußerst brutale Gewalt-Orgien.

Dass dies alles nicht mehr neu ist, bedeutet nicht, dass es nicht noch einmal funktionieren würde. Rodriguez gelingen einige virtuose Szenen, die sich hinter dem Vorgänger nicht verstecken müssen. Die Stories ergeben allerdings kein so gelungenes Gesamtbild, was jedoch das Vergnügen (zumal für Fans des Stoffes) nur leicht schmälert.

4/5

 

 

Filmkritik: The Zero Theorem

The Zero Theorem PosterSci-Fi/Drama, USA/Rumänien/Frankreich/UK 2013

Regie: Terry Gilliam; Darsteller: Christoph Waltz, Melanie Thierry, David Thewlis, Matt Damon, Tilda Swinton

In der nicht allzu fernen Zukunft oder Parallelwelt von „The Zero Theorem“ sieht es aus, wie es nur bei Terry Gilliam aussehen kann. Der technische Fortschritt ist dem aktuellen Stand einerseits weit voraus (Virtual Reality, interaktive Werbebanden in der ganzen Stadt); andererseits ist vieles in bizarrer Retro-Optik gehalten, wie etwa ein gigantisches Rechenzentrum, Hamsterrad-ähnliche Arbeitsplätze oder die herrlich schrillen Klamotten.

In dieser Welt fristet Computer-Experte Qohen Leth (C. Waltz) sein einsames Dasein. Als Angestellter bei der allmächtigen „ManCom“ ist er von seiner Arbeit genervt, zuhause – Qohen wohnt in einer alten Kirche – wartet er wie besessen auf einen obskuren Anruf, der ihm die Bedeutung seiner Existenz erklärt. Auf sein wiederholtes Drängen erklärt sich Management (verkörpert von Matt Damon) bereit, Qohen ins Home Office zu entlassen – wenn er dort am Projekt „Zero Theorem“, einer ziemlich endlosen Gleichung, arbeitet.

Parallel tritt die schöne Bainsley (M. Thierry) in Qohens Leben, die er bei einer Party kennenlernt und irgendwie nicht wieder los zu werden scheint. Weitere handelnde Personen sind Managements hochbegabter Sohn Bob, Qohens Vorgesetzter Joby (D. Thewlis) und Tilda Swinton als ‚Dr. Shrink-Rom‘, einer Psychiater-Software, mit der Qohens Depressionen und Ängste behandelt werden sollen.

Terry Gilliam hat „The Zero Theorem“ im britischen ‚Guardian‘ als Abschluss einer dystopischen Satire-Trilogie bezeichnet (deren erste Teile „Brazil“ und „12 Monkeys“ waren). Hier geht es ihm eindeutig um Kritik an der fortschreitenden Digitalisierung unseres Alltags und des damit einhergehenden Verlusts von echter zwischenmenschlicher Nähe und wahren, analogen Erlebnissen.

Zum Glück für all jene, denen Gilliams Filme nicht ohnehin immer zu wild und irre waren, gibt es in „The Zero Theorem“ unzählige skurrile Ideen und Einfälle, in denen Gilliam seine Ansichten verpackt. Handlung, Set-Design, Spezialeffekte und Schauspieler greifen wunderbar ineinander in einem Film, der weder Komödie noch Drama noch Science Fiction ist, sondern eine ganz eigene, verschrobene Symbiose dieser Genres.

4/5

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