Kurzkritik – Hell Or High Water

Filmplakat: Hell or High WaterDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Scott Mackenzie; Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges

Zwei Brüder (C. Pines und B. Foster) begehen eine Reihe von Banküberfällen in texanischen Kleinstädten, bei denen sie jeweils nur das „Kleingeld“ abstauben – nicht die großen Scheine, die die Banken nachverfolgen können. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger (J. Bridges) nimmt sich des Falles an. So unspektakulär lässt sich das grobe Handlungsgerüst von „Hell Or High Water“ beschreiben.

Regisseur Scott Mackenzie („Perfect Sense„) gelingt es, aus dieser einfachen Konstellation einen erstaunlich guten Film zu machen. Die atmosphärisch dichte Inszenierung fesselt das Interesse des Publikums, die pointierten und doch realistischen Dialoge kommen vor allem der Glaubwürdigkeit der (großartig gespielten) Figuren zugute. Die beeindruckenden Bilder und der passende Soundtrack überzeugen ebenso wie die einfache, dabei spannende und in sich schlüssige Story.

Jeff Bridges ist die Rolle als knarziger Ranger quasi auf den Leib geschrieben, er wandelt hier aber nicht im Autopilot durch den Film, sondern hat sich seine erneute Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller redlich verdient. Chris Pine überrascht positiv, schön ihn mal in einem anspruchsvollen und gut geschriebenen Film zu sehen. Ben Foster, zuletzt noch im miesen „Inferno“ in einer Nebenrolle, ist ebenfalls überzeugend.

„Hell Or High Water“ verbindet Elemente von bekannten Filmen wie Eastwoods „Perfect World“ und „No Country For Old Men“, besteht aber als eingeständiges Werk. Es geht hier nur vordergründig um Banküberfälle und Verbrecherjagd – die Taten, Worte und Motive der Figuren bringen eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik mit. Nur wer hier einen Action-Thriller erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden.

4/5

 

Kurzkritik: Die Taschendiebin

Die Taschendiebin FilmplakatDrama, Südkorea 2016

Regie: Park Chan-Wook; Darsteller: Kim Min-Hee, Kim Tae-Ri, Ha Jung-Woo

Mit Anleihen und Zitaten von Hitchcocks „Vertigo“ und Kurosawas „Rashomon“, in Verbindung mit der Regisseur Park („Oldboy“, „Thirst“) eigenen Lust an psychologisch etwas abseitigen, brutalen und dabei merkwürdig eleganten Geschichten ist „Die Taschendiebin“ ein mehr als würdiger Start ins Kinojahr 2017.

Der Film handelt von einer Intrige, in der ein südkoreanischer Hochstapler mithilfe einer Kammerdienerin (die „Taschendiebin“ des Titels) ein reiche junge Japanerin heiraten und um ihr Vermögen bringen will. Im Spiel ist dabei auch deren böser Onkel, sowie dessen sonderbare Vorlieben, spielen tut das Ganze in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Die Taschendiebin“ ist in drei großartige Akte unterteilt, wobei es Park gelingt, trotz vieler Wendungen und Kniffe eine psychologisch stimmige Story mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. In wunderbar komponierten Bildern – darunter auch explizite Gewalt- und Sexszenen – entspannt sich ein spannendes, doppelbödiges Spiel um Liebe, Lust und blutige Rache. Getragen von den Charakteren entwickelt sich vom ersten Moment an ein mitreißender Erzählfluss, dessen Faszination in den knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit nie wirklich nachlässt.

5/5

Kurzkritik: Closet Monster

Closet Monster FilmplakatDrama, Canada 2015

Regie: Stephen Dunn; Darsteller: Connor Jessup, Aaron Abrams, Aliocha Schneider, Joanne Kelly

Coming-of-Age Drama um einen Teenager in einer kanadischen Kleinstadt. Oscar hat in seiner Kindheit eine traumatische Entdeckung gemacht, die ihn – eben so wie die frühe Scheidung seiner Eltern – eindringlich geprägt hat. Beseelt vom Wunsch seine Heimatstadt zu verlassen muss sich Oscar den Dämonen von Vergangenheit und Gegenwart stellen.

„Closet Monster“ ist ein sehr gelungener Beitrag zu einem schwierigen Genre. Die „magische“ Komponente des Films (u. a. kann hier ein Hamster sprechen) ist mit einfachen Mitteln auf kreative Art integriert, Darsteller und die Story können überzeugen. Die thematisierten Motive sind nicht neu, werden aber glaubwürdig und intensiv erlebbar gemacht – ohne dass es plakativ oder sonst wie ärgerlich würde.

4/5

Die Top 10 Filme des Jahres 2016 [Update]

Alle Jahre wieder hier meine Top 10 Filme des just zu Ende gegangenen Jahres. Wie immer habe ich viel verpasst und werde gegebenenfalls nachbessern.

1. Everybody Wants Some!!
2. The Big Short
3. Paterson
4. Where To Invade Next
5. Toni Erdmann
6. Captain Fantastic
7. Doctor Strange
8. Hail, Caesar!
9. Midnight Special
10. The Revenant

Knapp dahinter:
A Bigger Splash, Arrival (NEU), Der Staat gegen Fritz Bauer, Eye in the Sky, The Hateful Eight, The Nice Guys

Kurzkritik: Toni Erdmann

Toni Erdmann FilmplakatDrama/Comedy, DE 2016

Regie: Maren Ade; Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller

Ines (Sandra Hüller) ist Unternehmensberaterin in Bukarest, ein totaler Workaholic ohne wirkliches Privatleben. Ihr Vater Winfried (Peter Simonischek) führt daheim in Deutschland das Leben eines verschrobenen Pensionärs mit einem ausgeprägten Faible für falsche Zähne und alberne Scherze. Als Winfrieds Hund stirbt macht er sich auf nach Bukarest, um seine Tochter zu sehen.

Diese Wiederannäherung von Vater und Tochter ist das erzählerische Herz von „Toni Erdmann“. Während Ines ein wichtiges Projekt zu Ende bringen will, mischt sich Winfried zunächst vorsichtig, später dreist und recht grotesk in ihr Leben ein. Er erfindet sich als kauziger „Coach“ namens Toni Erdmann neu, zum Erstaunen, Entsetzen, aber auch zur Erheiterung und Bewunderung seiner Tochter.

Dass die waghalsige Gradwanderung zwischen einer Farce mit fast schon Helge-Schneider-artigen Szenen und echtem emotionalem Drama funktioniert liegt an den großartigen Hauptdarstellern. Egal wie hoch der Fremdschäm-Faktor einzelner Situationen ausfällt (und er ist definitiv beträchtlich), die beiden sind als Figuren immer glaubwürdig. Auch das unsichtbare Band einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung wird, gemeinsam mit einigen geteilten Charakterzügen, langsam offenkundig.   

In den weit über zwei Stunden Laufzeit finden sich viele komödiantische und dramatische Höhepunkte – meist fallen sie gleich zusammen. Nicht selten überrascht „Toni Erdmann“ mit bizarren Momenten, die den Film prägen, ohne ihn komplett zu beherrschen. Hier geht es nicht um Schock-Effekte oder das Ausloten von Grenzen, diese Momente kommen aus dem Innenleben der Charaktere. Vor Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade kann man nur den Hut ziehen, ihr Film ist ungewöhnlich, ideenreich, witzig und ergreifend.

4/5

Kurzkritik: Paterson

Paterson FilmplakatDrama/Comedy, USA/DE/FR 2016

Regie: Jim Jarmusch; Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani

Nach dem großartigen Vampir-Drama „Only Lovers Left Alive“ geht Jim Jarmuschs neuer Film einen Schritt „back to the roots“. In gemächlichem Tempo, ohne einen wirklichen Plot und mit untrüglichem Gespür für die kleinen, großen Szenen des Alltags folgt „Paterson“ einem Busfahrer namens Paterson in der unweit von NYC gelegenen 150 000-Einwohner-Stadt namens – Paterson.

Paterson (Adam Driver) schreibt in seinen Pausen Gedichte, während er Tag für Tag einen Linienbus durch das Untere-Mittelschicht-Suburbia von New Jersey steuert. Seine Freundin Laura arbeitet derweil in ihrem kleinen gemeinsamen Haus an der Inneneinrichtung (sie hat mehr als nur ein Faible für schwarz-weisse Dinge…), perfektioniert ihre selbstgebackenen Cupcakes und entdeckt ihre Liebe zur Gitarre (und Country-Musik).

Jarmusch erzählt ihre Geschichte gewohnt lakonisch, ohne Eile, und mit großem Interesse an den Gedichten der Hauptfigur, die immer wieder per Off-Kommentar eingesprochen werden. Es bleibt lange offen wie der Film eigentlich zu seinen Hauptfiguren und deren Beziehung steht, die gleichzeitig wunderbar schräg und total normal daher kommen.

Der Humor ist mal hintersinnig und mal an der Grenze zum Slapstick, dabei aber nie platt. Patersons Alltag besteht fast ausschliesslich aus Ritualen (eine Katastrophe passiert sich nicht zufällig in einem seltenen Moment der Spontanität), vom morgendlichen Aufstehen über die Arbeit, bei der die Gespräche der Fahrgäste in den Fokus rücken, bis zur abendlichen Gassi-Runde mit dem kauzigen Hund – die immer über eine gemütliche Bar führt, in der sich Paterson ein Bierchen gönnt.

Für Fans des Regisseurs (zu denen ich mich definitiv zähle) ist „Paterson“ eine zutiefst zufrieden stellende Variation bekannter Jarmusch-Themen und -Szenarien. Man fühlt sich schnell heimisch in dem Mikrokosmos, nicht zuletzt weil die Darsteller es hervorragend verstehen, ihren Figuren eine emotionale Aufrichtigkeit zu verleihen, die selten geworden ist im Kino. Wer jedoch bei Jarmusch nur an „Ghost Dog“ oder „Broken Flowers“ denkt könnte (leicht) enttäuscht werden.

4/5

Kurzkritik: Doctor Strange (3D)

Filmplakat Doctor StrangeAction/Fantasy, USA 2016

Regie: Scott Derrickson; Darsteller: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Tilda Swinton, Rachel McAdams, Mads Mikkelsen

Am Beispiel von „Doctor Strange“, dem neuesten Film aus dem Hause Marvel, kann man sehr gut ablesen, was die Faszination des Superhero-Genres ausmacht. Und auch – ich wette sobald der gute Dr. seinen nächsten Auftritt hat – wo dessen Probleme liegen.

Benedict „Sherlock“ Cumberbatch ist die Rolle des arroganten Chirurgen Stephen Strange geradezu auf den Leib geschrieben, die Besetzung ist eindeutig ein Glücksfall. Nach einem Unfall, der ihn die Feinmotorik seiner Finger kostet, macht sich Strange auf die Suche nach Hilfe – jenseits der von ihm vertretenen Schulmedizin. Die Reise führt ihn nach Kathmandu, wo er bald am eigenen Leib sagenhafte Kräfte und Mächte erlebt.

Die Story ist – trotz der starken metaphysischen Note – im Grunde eine bekannte Heldenreise. Initiierung, Lernphase, Läuterung und schließlich die Geburt des Helden. „Doctor Strange“ macht einiges richtig. Die insgesamt hervorragende Besetzung macht Laune, die Konzentration auf wenige Figuren, welche weitgehend glaubhaft miteinander interagieren, hilft bei der ‚Glaubwürdigkeit‘. Und auch beim Humor trifft der Film den richtigen Ton (die besten Szenen gehen hier auf das Konto des Umhangs sowie der Kollegin am OP-Tisch…).

Die gekonnte Inszenierung des mysteriösen „Geheimbunds“ kokettiert mit dem Image der fernöstlichen Binsenweisheiten. Und nicht zuletzt schafft es der Film, Spezial-Effekte zu produzieren, die wirklich sehenswert sind. Dass sie wie eine Mischung aus „Inception“ und „Transformers“ daherkommen stört dabei nicht. Sie bieten großartige Schauwerte und sind sauber in die Story integriert. Die Story des Films hat dabei sicher genau so viele Lücken wie andere Comic-Verfilmungen auch, aber nach denen schaut ja niemand, wenn man so gut unterhalten wird. Die 3D-Effekte sind ebenfalls gut, wichtiger ist allerdings der Gang ins Kino im Vergleich zum – für diese Bilder so oder so zu kleinen – Heimkino.

Wie üblich bei Marvel gibt es nach dem gelungenen, wenn auch nicht großartigen Finale und dem Abspann einen Ausblick wohin die Reise weitergeht. Und damit sind wir beim Problem des Marvel-Universums: nur die ersten Filme der einzelnen Helden besitzen die Fähigkeit, das Publikum für die neue Figur wirklich zu begeistern. Es braucht einen ungestörten Alleinunterhalter (mit Sidekick, ok, aber nicht mit echter Konkurrenz) dafür.

Nun wird Dr. Strange – kaum ein echter Spoiler – also Teil der kommenden „Avengers“-Dauerberieselung. In dieser aber tummeln sich sowieso schon arg viele Helden.  Und der darin mehr oder weniger fortlaufend erzählte Plot ist mittlerweile nur noch für Hardcore-Fans im Ansatz ernst zu nehmen. So ergänzt Marvel hier das Universum um eine weitere wirklich gut gemachte Figur, von der wir den spannendsten Teil bereits gesehen haben – wie sie entstanden ist.

4/5

Kurzkritik: Captain Fantastic

captain-fantastic-filmplakatDrama/Comedy, USA 2016

Regie: Matt Ross; Darsteller: Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

In den Wäldern irgendwo im Nordwesten der USA lebt eine Familie, die der Zivilisation abgeschworen hat. Ben und Leslie bringen ihren sechs Kindern (die allesamt Fantasienamen tragen) das Jagen und Musizieren bei, auch Literatur, Geschichte und Naturwissenschaften stehen auf dem Plan. Dazu treibt Ben sie zu sportlichen Höchstleistungen. Doch das Leben aus dem Hippie-Bilderbuch bekommt einen Riss. Leslie ist manisch-depressiv, sie liegt seit einigen Monaten im Krankenhaus.

Aus dem Porträt einer Außenseiter-Familie wird alsbald ein Road-Movie. In einem umgebauten Schulbus machen sich Ben und die Kinder auf Richtung Süden. Das Geschehen läuft auf eine Konfrontation mit Leslies Familie hinaus, die mit dem alternativen Lebensweg so ihre Probleme hat…

Es steckt eine Menge wohltuender Zivilisationskritik in „Captain Fantastic“ und seinen Figuren. Der Film spricht damit eindeutig ein Publikum an, das seine Kritik am US-amerikanischen Mainstream-Leben teilt und punktet mit vielen treffsicheren Szenen, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Doch mit zunehmender Spielzeit rückt die Kehrseite des gelebten Aussteiger-Traums, die insbesondere die Kinder zu spüren bekommen, in den Focus.

Dass der Film nicht zu einem verkopften Diskurs über die ‚richtige‘ Art zu leben wird, sondern als echtes Drama funktioniert, liegt an den durchweg großartigen Schauspielern und den glaubwürdigen Figuren. Mit viel Humor und Offenheit erzählt schafft es „Captain Fantastic“, das Publikum emotional zu packen. Die zahlreichen inneren und äußeren Konflikte, sich die im Verlaufe der Reise zuspitzen, entwickeln sich glaubwürdig und überzeugend.

Am Ende jedoch verliert Autor und Regisseur Matt Ross das richtige Gespür für Timing und Story. Dabei ist weniger ein Problem, was passiert, sondern wie es passiert und erzählt wird. Der richtige Zeitpunkt für ein stimmiges Ende wird verpasst, die Handlung etwas inkohärent. Vielleicht wurden hier auch im Schneideraum die falschen Entscheidungen getroffen…

Dass der Film auf etwas unbefriedigende Weise endet ist schade, schmälert aber nicht den Genuss der hervorragenden ersten 90 Minuten. Die Verbindung aus Entertainment und Message geht insgesamt sehr gut auf, und damit gehört „Captain Fantastic“ für mich trotz seiner Schwächen zu den besten Filmen des Jahres.

4/5

 

Kurzkritik: Everybody Wants Some!!

Everybody Wants Some FilmplakatComedy/Drama, USA 2016

Regie: Richard Linklater; Darsteller: Blake Jenner, Tyler Hoechlin, Ryan Guzman

Richard Linklater hat mit „Everybody Wants Some!!“ eine Art inoffizielle Fortsetzung von „Dazed & Confused“ gedreht. Und ich bin froh berichten zu können, dass er es dabei tatsächlich schafft, die Fans nicht zu enttäuschen. Die Mittel sind dieselben wie vor über 20 Jahren: eine Handlung ohne Plot, ein großartiger Soundtrack, dazu eine unbekümmerte Darstellerriege, wunderbare Charaktere und brilliante Dialoge.

Zu Beginn des Films kommt Jake (B. Jenner) als Erstsemester in einer kleinen Universitätsstadt an, wo er ein Baseball-Stipendium bekommen hat. Gemeinsam mit seinen neuen Teamkameraden geniesst er die freien Tage vor Beginn des Semesters. Die Jungs hüpfen von Party zu Party, messen sich in allen erdenklichen großen und kleinen Spielen miteinander, rennen Mädels hinterher, reden Blödsinn und geben im Training mehr oder weniger viel Gas.

Man darf das alles unspektakulär und sogar langweilig finden, denn an einer klassischen Figurenentwicklung ist der Film ebenso wenig interessiert wie an einer Story. Es sind die Details und die Zwischentöne, die „Everybody Wants Some“ auszeichnen, das geniale Gespür des Regisseurs für die Details und sensible Innenleben der Figuren.

Bei allem – bisweilen auch derben – Humor wirft Linklater einen mitfühlenden bis liebevollen Blick auf seine Charaktere, gibt selbst die spleenigsten nie der Lächerlichkeit Preis und nimmt das Publikum für seine bunte Truppe mit spielerischer Leichtigkeit ein. „Everybody Wants Some!!“ kommt zeitlos und als authentisches Portrait einer Generation daher, die zwei Stunden Laufzeit vergehen schon wegen des vielen Gelächters wie im Flug.

5/5

 

Kurzkritik: Midnight Special

 

Midnight Special FilmplakatDrama/Sci-Fi/Thriller, USA 2016

Regie: Jeff Nichols; Darsteller: Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver

Zwei Männer und ein Kind flüchten mit dem Auto durch den Südwesten der USA. Die Polizei und sogar das Militär ist ihnen auf den Spuren, die Nachrichten berichten landesweit. Aber nur langsam lässt „Midnight Special“ sein Publikum wissen, was eigentlich gespielt wird.

Das Szenario hat man so ähnlich durchaus schon mal im Kino gesehen. Das besondere liegt hier darin, dass der Film einen Spagat zwischen ernstem Drama und klassischem Unterhaltungskino versucht – und dieser fast durchweg gelingt.

Mit Elementen aus Fantasy bzw. Science-Fiction, Road Movie, Thriller und Familiendrama geht „Midnight Special“ einen eigenen Weg. Gut dosiert setzt er visuelle Effekte ein, die das Geschehen bereichern, ohne den dramatischen (und mysteriösen) Szenen die Show zu stehlen.

Für ein Mainstream-Publikum ist der Film sicher nichts, dafür erwartet er vom Publikum zu viel Geduld, liefert zu wenige Erklärungen oder Schock-Effekte. Wer sich auf den Film einlässt, ohne diese Dinge zu erwarten, wird ziemlich sicher seine Freude an „Midnight Special“ haben.

4/5

Kurzkritik: Eye in the Sky

Eye in the Sky FilmplakatThriller/Drama, UK 2015

Regie: Gavin Hood; Darsteller: Helen Mirren, Alan Rickman, Aaron Paul

In aller Kürze: Cleverer und spannender Blick auf den aktuellen Kampf gegen Terrorismus und die Rolle moderner Kriegstechnik.

Worum gehts? In einer gemeinsamen Aktion wollen britische, amerikanische und kenianische Soldaten eine Terrorzelle bei Nairobi hochnehmen. Dabei kommt es zu Komplikationen – sowohl beim Einsatz selbst als auch hinter den Kulissen bei den militärischen und politischen Entscheidungsträgern.

Die gute Nachricht: „Eye in the Sky“ arbeitet mit einem glaubwürdigen Szenario (leichte Abstriche muss man hin und wieder machen), in dem starke Darsteller agieren. Dabei wird eine Menge ‚Suspense‘ geboten, aber auch die Themen der zwiespältigen Legitimität und Notwendigkeit vom Antiterror-Kampf ausgewogen behandelt.

Die schlechte Nachricht: An einigen wenigen Stellen scheint die Logik der Handlung unterbrochen – was zum Glück nie den Erzählfluss als ganzes unterläuft.

4/5

Kurzkritik: The Nice Guys

The Nice Guys FilmplakatRegisseur Shane Black wiederholt in der Krimi-Komödie „The Nice Guys“ weitgehend die Erfolgsformel von „Kiss Kiss Bang Bang“. Ein verworrener Plot, der wenig Sinn, dafür eine Menge Spaß macht, ein ungewöhnliches Detektiv-Duo, viele gute Sprüche, slapstickhafte Gewaltausbrüche, vorgetragen von gut gelaunten Darstellern. Angesiedelt ist die Handlung diesmal Ende der 70er Jahre.

Russell Crowe spielt Healey, einen kantigen Brutalinski, der als inoffizieller Privatdetektiv sein Geld mit der Einschüchterung von vermeintlichen Bösewichtern verdient. Sein Weg kreuzt sich mit dem von March (Ryan Gosling), einem tölpelhaften „echten“ Privatdetektiv und alleinerziehenden Vater. In was für einen Plot die beiden geraten ist müßig zusammenzufassen – es geht um eine oder zwei verschwundene junge Frauen, die Pornoszene und Politik. Das ist aber auch egal, der Weg ist das Ziel.

Was den Film trägt sind die beiden Hauptdarsteller, die weitgehend gelungenen – oftmals reichlich albernen – Dialoge, das stimmungsvolle Setting und das hohe Tempo. Glaubwürdigkeit und Kohärenz sind nicht die Stärke von „The Nice Guys“, als Comedy funktioniert der Film ausgezeichnet. Vorausgesetzt, man kann über derbe Sprüche und „witzig“ inszenierte, drastische Gewaltszenen lachen.

Wie schon in „Kiss Kiss Bang Bang“ wird Los Angeles zum heimlichen Hauptdarsteller, kreuz und quer fahren die Protagonisten in schicken „Vintage“-Kisten durch den hügeligen Teil der Stadt, ohne je wirklich ein Ziel zu erreichen. Ihnen dabei zuzusehen ist äußerst unterhaltsam – sofern man nur nicht das Niveau des großartigen (und nicht unähnlichen) „Inherent Vice“ erwartet.

4/5

 

Heimkino – Michael Moores „Where To Invade Next“

Where To Invade Next FilmplakatJa, es gibt Michael Moore noch. Tatsächlich ist ihm mit „Where To Invade Next“ ein richtig guter Film gelungen, wenn auch vielleicht keiner, auf den die Filmwelt gewartet hat. Immerhin beschäftigt sich der Filmemacher hier nicht mit einer Katastrophe der jüngsten Vergangenheit. Oder besser gesagt mit keiner konkreten Katastrophe. Moore fährt – nach einer provokanten, witzig vorgetragenen Einleitung – in die alte Welt, um dort politische Ideen zu finden, die die USA voranbringen können.

Der Hintergedanke ist denkbar einfach. Die „City Upon A Hill“ ist längst in vielerlei Hinsicht kein leuchtendes Vorbild von Demokratie, Freiheit und Wohlstand mehr. Moore nimmt diesen Faden auf. Seine „Entdeckungsreise“ changiert zwischen gespielter Ungläubigkeit seinerseits und ernsthafter Fassungslosigkeit seitens der Polizisten, Politiker, Arbeiter und weiteren Personen, die Moore vor die Kamera bringt.

Dabei hat er wenig von seiner Kompromisslosigkeit verloren, schlägt aber einen insgesamt doch etwas versöhnlicheren Ton an. Zur Sprache kommen das Schulessen Frankreichs, die Gefängnisse Norwegens, die deutsche Erinnerungskultur und viele ähnliche Themen. Moore macht keinen Hehl daraus, dass er besonders positive Eigenheiten von anders tickenden Nationen präsentiert, keine simplen Lösungsansätze.

Natürlich ist diese Herangehensweise nicht wissenschaftlich, sondern politisch aufgeladen und pointiert. Doch es gibt viele Momente im Film (oft sind es die ruhigen, sorgfältig vorbereiteten) die im besten Sinne vor Augen führen, wie man anno 2016 noch einen relevanten politischen Dokumentarfilm drehen kann.

Moore gibt hier weniger den linken Demagogen als in früheren Filmen. Stattdessen verweigert er sich der negativen politischen Debatte der USA komplett, und führt positive Beispiele dafür an, was kluge Politik für seine Bürger leisten kann. Dass es überhaupt in einer Demokratie genau darum gehen sollte, gerät angesichts der alltäglichen Grabenkämpfe oft genug in Vergessenheit. „Where To Invade Next“ ist eine willkommene Erinnerung daran.

4/5

Filmkritik: The Big Short

The Big Short FilmplakatDrama/Comedy, USA 2015

Regie: Adam McKay; Darsteller: Christian Bale, Steve Carell, Ryan Gosling

Zur Finanzkrise wurden einige sehenswerte Filme gemacht, „Margin Call“ etwa, oder zuletzt „99 Homes“. Hier reiht sich auch „The Big Short“ ein, der basierend auf dem gleichnamigen Buch die Geschichte mehrerer Finanz-Akteure kurz vor der Subprime-Krise in den USA erzählt. Dabei wagt der Film den Spagat zwischen gesellschaftskritischem Drama und beschwingten Comedy-Elementen – was überraschend gut gelingt.

Der exzentrische Hedgefond-Manager Michael Burry (Bale) kommt zwei Jahre vor dem Ausbruch der Krise auf die Idee, sich die im Bündel gehandelten Hauskredit-Pakete mal ganz genau anzuschauen. Was er dabei entdeckt führt ihn direkt in die Management-Etagen der großen Bankhäuser. Durch Zufall bekommen weitere Finanz-Player Wind von Burrys These, dass da mit den Zahlen was nicht stimmt – sind aber erstmal skeptisch, ob diese der Realität standhält.

Mit Leichtigkeit und erzählerischem Witz geht „The Big Short“ den Dingen auf den Grund. Der Film gibt sich redlich Mühe, die komplizierteren Produkte und Mechanismen der Finanzmärkte spielerisch auf den Punkt zu bringen. Dazu werden auch mal Prominente bemüht, die sich – wie der Erzähler des Films – direkt ans Publikum wenden.

Dass die Story des Films funktioniert hat mit den stark gespielten Underdogs zu tun, die hier gegen die globale Banking-Industrie inkl. Rating-Agenturen (wenig überraschend die Bösewichter des Films) antreten. Das sind keine „kleinen Leute“ mit Hass auf den Kapitalismus. Sondern kluge Köpfe, die die Märkte kennen und fassungslos mit dem Kopf schütteln, als sie das wahre Ausmaß der Fehlleistungen und Täuschungen erkennen, die maßgeblich für die Krise verantwortlich waren.

Dass die Hauptfiguren von der sich anbahnenden Megakrise finanziell profitieren wollen macht sie nicht sympathischer. Doch genau damit gewinnt „The Big Short“ etwas ganz essenzielles – Glaubwürdigkeit. Es werden nicht einfach alle Menschen, die im Kapitalismus Geld verdienen wollen, an den Pranger gestellt. Die Sache ist deutlich komplizierter.

Sicher ist es leicht nach ein paar Jahren mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen und „Skandal“ zu schreien. Doch der Film findet die richtigen Bilder, erweckt das Zahlenspiel in vielen starken Szenen zum Leben. Es geht nicht um sensationelle neue Erkenntnisse, sondern um die systemimmanenten Mechanismen des Versagens von Märkten und allzu menschlichen Marktteilnehmern.

5/5

Filmkritik: Hail, Caesar!

Hail, Caesar! FilmplakatComedy, USA 2016

Regie: Joel & Ethan Coen; Darsteller: Josh Brolin, George Clooney, Alden Ehrenreich, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson

Einen neuen Film der Coen-Brüder schaue ich immer gern. Bei „Hail, Caesar!“ hatte ich allerdings leichte Zweifel, ob mir das so richtig Spaß machen würde – der Trailer sah gut aus, dabei aber ziemlich glatt und gefällig. Doch clever wie sie nun mal sind haben die Coens im Trailer einiges verschwiegen – und sich die besten Szenen und Überraschungen für den Film aufgespart.

Das Setting ist Hollywood in den 50er Jahren. Eddie Mannix (Brolin) leitet das „Capitol“-Filmstudio, muss die Stars bei Laune halten, mit den Klatschreportern fertig werden, dann zusehen, dass der neueste Jesus-Film keine Religion beleidigt (eine der besten Szenen des Films) und schließlich einem wichtigen Regisseur (Fiennes) dringend einen neuen Hauptdarsteller besorgen. Als wär das alles nicht genug wird Baird Whitlock (Clooney), einer der größten Stars des Studios, entführt.

Die Coens haben großen Spaß daran, sich in dem Setting – und den wunderbar gestalteten Sets – des alten Hollywood auszutoben. Bei aller Komik sind die Figuren liebevoll geschrieben und durchweg perfekt besetzt; sicher wurden die meisten davon den Schauspielern auf den Leib geschrieben. Es gibt einige Musical-artige Szenen, die aber selbst ausgemachten Film-Musical-Muffeln wie mir nicht sauer aufgestoßen sind.

Die Entdeckung des Films ist ohne Zweifel Alden Ehrenreich als schauspielerisch talentfreier Western-Star Hobie Doyle, der sich auf zwei neuen Bühnen beweisen muss und sich dabei großartig schlägt. Scarlett Johansson und Channing Tatum haben eher Cameo-artige Auftritte, wobei Tatum in einer unschlagbar absurden Szene im Mittelpunkt steht.

In dem kurzweiligen Vergnügen voll von herrlichen Dialogen haben die Coens (knapp am Spoiler vorbei jetzt hier) gar noch einige eher tiefgründige Gedanken untergebracht. Wie sie das genau schaffen, ohne damit „Hail, Caesar!“ die Leichtfüßigkeit und Verspieltheit auszutreiben (die im Gegenteil dadurch erheblich gewinnt) ist schlicht und ergreifend großes Kino.

5/5

PS: Ich glaube das letzte mal, dass ich im Kino so viel gelacht habe, war bei „Burn After Reading“… Obwohl nee, stimmt nicht, es war bei „Im Wendekreis der Eidechse“!

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