Kurzkritik: Silence

Silence FilmplakatDrama, USA/Taiwan/Mexico 2016

Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Der neue Film von Martin Scorsese ist kein leichte Kost. Von den ausladenden 160 Minuten Laufzeit über das Thema (Erlebnisse von christlichen Missionaren im Japan des 17. Jahrhunderts) bis zu einigen schwer verdaulichen Szenen von Leiden und Gewalt – „Silence“ gibt sich keine Mühe, leicht verdaulich zu sein.

Die zwei jungen katholischen Priester Rodrigues (A. Garfield) und Garupe (A. Driver) machen sich von Macao aus auf den Weg nach Japan, wo ihr Mentor angeblich vom Glauben abgefallen ist, was die beiden nicht wahrhaben wollen. In Japan ist das Christentum verboten, Missionaren und Gläubigen drohen grausame Strafen. Der Film ist somit auch eine Geschichtsstunde, den wenigsten Zuschauern (mich eingeschlossen) dürfte dieser Teil der Geschichte – das Ganze fußt weitgehend auf wahren Begebenheiten – ein Begriff gewesen sein…

Wie man es von Scorsese nicht anderes erwartet bietet „Silence“ großartige Bilder, die sich durch den Kontrast zwischen wunderbaren Landschaften (gefilmt wurde nicht in Japan, sondern in Taiwan) und den ausgemergelten Körpern der Hauptdarsteller auszeichnen. Einen klassischen Soundtrack gibt es nicht, eher eine sehr gut passende Geräuschkulisse.

Die Story lässt sich viel Zeit, gerade in der ersten Hälfte des Films, die man sicher etwas hätte straffen können – auch wenn die kontemplative Stimmung (keine Sorge, so arg wie bei “Tree of Life” ist es nicht) natürlich nicht im Zeitraffer erzeugt werden kann.

Die ‚innere Reise‘ von Pater Rodrigues ist das Zentrum der Handlung und wird bestimmt durch Gedanken und Dialoge über die Stärke des Glaubens, persönliche Freiheit und politische Macht. “Silence” ist zwar das Werk eines vom Christentum geprägten Regisseurs (der Priester werden wollte), schafft es aber, die zwei hier aufeinander treffenden, sehr unterschiedlichen Kulturen differenziert zu betrachten.

Im letzten Teil des Films verdichten sich alle Motive in faszinerenden Szenen und Dialogen. Das Ende kann man als „offen“ bezeichnen, zumindest lässt es sich nicht einfach deuten. Doch es trägt definitiv eher zur Faszination des Stoffes bei, als das es einen frustriert zurück lassen würde.

4/5

Kurzkritik: Moonlight

Moonlight FilmplakatDrama, USA 2016

Regie: Barry Jenkins; Darsteller: Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali

Chiron lebt in einem Armenbezirk von Miami, mit seiner drogensüchtigen Mutter (N. Harris) aber, das versteht sich fast von selbst, ohne Vater. Seine Mitschüler hänseln den sensiblen Jungen, der zudem langsam begreift, dass er schwul ist – was seine soziale Stellung in dem schwierigen Milieu ebenso wenig fördert wie sein Selbstwertgefühl. Als der Drogendealer Juan (M. Ali) eine Art Ziehvater für ihn wird, scheinen sich die Dinge zum Guten zu wenden.

In drei Teilen und mit drei verschiedenen Hauptdarstellern (alle im Cover zu sehen, wenn man nur genauer hinsieht…) erzählt „Moonlight“ Chirons Geschichte. Das ‚Coming-of-Age“-Drama besticht durch die starken Darsteller und die lebensechte Inszenierung mit glaubwürdigen Dialogen. Ob das „lebensecht“ ist kann ich natürlich nicht wirklich beurteilen – aber das ist beim Thema „Authentizität in Spielfilmen“ ja immer eher eine Frage des Gefühls.

Durch die Schilderung einer – vorsichtig ausgedrückt – schwierigen Kindheit und Jugend eines Vertreters zweier Minderheiten wird „Moonlight“ zwangsläufig auch zum politischen Statement. Doch er ist deutlich stärker ein ergreifendes Drama um individuelle Figuren, als eine Anklage oder ein Gesellschaftsportrait.

4/5

PS: Die gestern gewonnenen Oscars („Bester Film“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“ und den „Bester Nebendarsteller“) sind sicherlich verdient, wobei es natürlich in allen Kategorien auch andere würdige Preisträger gegeben hätte.

Kurzkritik: T2 Trainspotting

T2 Trainspotting FilmplakatDrama/Komödie, UK 2017

Regie: Danny Boyle; Darsteller: Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Robert Carlisle, Ewen Bremner

Die Fortsetzung von Danny Boyles Kultfilm von 1996 kommt irgendwie überraschend. Andererseits hat Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die Story bereits 2002 mit „Porno“ fortgesetzt. Da ich dieses Buch nie gelesen habe kann ich nur vermelden, was ich darüber gelesen habe – die Handlung um Renton, Sick Boy, Spud & Begby wird zehn Jahre nach „Trainspotting“ weitergeführt.

Allerdings ist „T2 Trainspotting“ wie man liest keine Adaption dieser Fortsetzung, sondern basiert nur sehr vage darauf. Die ‚Neuen Helden‘ (na, erinnert sich noch jemand an den beknackten Untertitel des Originals?) sind hier nicht 10, sondern 20 Jahre älter geworden, leben noch (bzw. in Rentons Fall wieder) in Edinburgh und sind recht leicht wiederzuerkennen.

Im Vergleich zum Vorgänger gibt es relativ viel Handlung, was aber ja nur bedeutet, dass überhaupt eine solche erkennbar ist. Diese wiederum gehört nicht zu den Stärken des Films, was aber kein großes Problem darstellt – wegen eines ausgefeilten Plots geht hier sicher kaum jemand ins Kino.

Im Vordergrund steht aber ganz wie im Original das Interesse für die Figuren und alles, was sie den lieben langen Tag lang so tun. Dazu gehören wieder einige absurd zugespitzte Situationen, und auch das erste Wiedersehen (man ging ja damals nicht gerade in Freundschaft auseinander) bringt ordentlich Konfliktpotential mit sich.

Der Soundtrack ist noch ein wenig lauter und wilder geworden (sie haben im Kino International vielleicht auch einfach ungewöhnlich laut aufgedreht), das Tempo ist hoch, auch wenn „T2 Trainspotting“ gegen Ende recht ungehemmt die eigene ‚Vergangenheit“ abfeiert und sogar einige Szenen des Originals zeigt.

Es darf, soll und wird viel gelacht werden, wobei es Boyle und seine gut aufgelegten Darsteller (es sind alle wichtigen wieder dabei) hier insgesamt fast ein bißchen übertreiben, zumal nicht alle Tumulte überzeugen. Der Ton bzw. die Stimmung des Originals war ernster, doch das hatte auch mit dem Zeitgeist und dem erzählerischen Ansatz zu tun. Beides hat sich ganz offensichtlich gewandelt.

Unter dem Strich ist „T2 Trainspotting“ eine würdige und gelungene Fortsetzung, die den Faden auf hohem Niveau weiterspinnt. Ein Wiedersehen, das tatsächlich Freude macht. Ob man darauf euphorisiert gewartet hat, den Film eher wohlwollend und amüsiert zur Kenntnis nimmt, oder – aus Prinzip – als kommerzielle Ausschlachtung komplett ablehnt, muss jeder mit sich selbst ausmachen.

4/5

Kurzkritik: Manchester by the Sea

Filmplakat - Manchester by the SeaDrama, USA 2016

Regie: Kenneth Lonergan; Darsteller: Casey Affleck, Kyle Chandler, Michelle Williams, Lucas Hedges

Als sein großer Bruder plötzlich verstirbt muss sich Lee (C. Affleck) um seinen Neffen Patrick kümmern. Lee ist sichtlich bemüht, wenn auch nicht begeistert dabei, die neue Rolle als „legal guardian“ für den 16-jährigen anzunehmen. Warum das dem als Hausmeister jobbenden, etwas introvertiert wirkenden Onkel so schwer fällt, erzählt „Manchester by the Sea“ Stück für Stück in Rückblenden. Durch die Szenen aus der Vergangenheit erscheint das Geschehen des Films zunehmend in einem anderen Licht.

„Manchester by the Sea“ ist keineswegs ein langsames oder gar ermüdendes Trauerstück geworden – was wiederum nicht zuletzt an Hauptdarsteller Casey Affleck liegt, der für seine ruhige, intensive Darstellung einer komplexen Figur völlig zurecht für einen Oscar nominiert wurde. Genau wie seine Kollegen Michelle Williams, die seine Ex-Frau spielt, und Newcomer Lucas Hedge als Patrick.

Eine große Stärke des Films liegt darin, dass er nicht so sehr auf tränenreiche Dialoge und Reden seiner Figuren setzt, sondern für deren Innenleben und ihre Kommunikation treffende Bilder und Szenen findet. „Manchester by the Sea“ schafft es sein Publikum emotional tief zu berühren, ohne dabei sentimental zu sein – ein seltenes Kunststück.

4/5

Kurzkritik: Nocturnal Animals

Nocturnal Animals FilmplakatDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Tom Ford; Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon

Die Galeristin Susan (A. Adams) bekommt von ihrem Ex-Mann Edward (J. Gyllenhaal) das Manuskript eines Romans geschickt. Sie vertieft sich in das Buch (in dem Susan und Edward eine tragende Rolle spielen), während sie ein einsames Wochenende in ihrem extrem luxuriösen Anwesen in L.A. verbringt.

Der Film entfaltet seine Story auf drei Ebenen. Neben der oben genannten sind das einige Rückblenden, die Susans und Edwards gemeinsame Vergangenheit beleuchten, sowie die albtraumhafte Handlung des Romans, die als ‚Film im Film‘ große Teile der Spielzeit von „Nocturnal Animals“ einnimmt.

Darin fährt ein Ehepaar mit seiner Tochter durch die nächtliche Einöde von Texas. Bald treffen sie auf dem Highway auf drei aggressive junge Männer – und für die Familie beginnt eine Tour de Force des willkürlichen Schreckens.

„Nocturnal Animals“ hat einige offensichtliche Vorbilder bzw. Inspirationen. Visuell erinnert vieles an die Filme von David Lynch, die Story wiederum macht Anleihen bei „Mindfuck“-Filmen wie etwa „Frailty“ oder „Identity“. Die verschachtelte Erzählweise fordert das Publikum geradezu auf Anspielungen und Verknüpfungen der drei Handlungsebenen zu finden. Weil der Film dazu atmosphärisch dicht und durchweg spannend inszeniert ist fällt es leicht, sich auf die Handlung richtig einzulassen.

Die Darsteller sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, der Vorspann allein ist eine Attraktion (aber Vorsicht – keine leichte Kost!). Natürlich will ich hier wie gewohnt ohne Spoiler auskommen, was nicht so ganz einfach ist. Es darf immerhin gesagt werden, dass „Nocturnal Animals“ erzählerisch ein hohes Niveau erreicht, es am Ende aber sicher nicht allen Zuschauern recht macht. Sicher ist, dass man vorzüglich darüber diskutieren kann, worum es (in) dem Film hier eigentlich geht…

4/5

Filmkritik: Arrival

Arrival FilmplakatSci-Fi/Drama, USA 2016

Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker

Die Ankunft von Aliens auf der Erde mal nicht als patriotisch-pathetisches Schlachtenepos – mir schien „Arrival“ eine interessante Idee zu sein, als ich den Trailer (halb) gesehen habe. Tatsächlich ist es ein spannender Film geworden, der sich bemüht, ein realistisches Szenario zu entfalten. Zumindest, was die Reaktionen der Menschheit auf die Landung von 12 UFOs auf der Erde angeht. Im Bezug auf die Aliens – Aussehen, Absichten, Sprache, etc. – beweisen die Autoren Einfallsreichtum, auch wenn sie es definitiv nicht allen damit recht machen werden.

Nach der Landung der Raumschiffe (aus unbekanntem Material, 300 Meter hoch und geformt wie gigantische konkave Gewürzgurken) organisieren die großen Nationen der Erde eine Telko. Gemeinsam diskutieren sie, was die Unbekannten wollen könnten – und wie man das herausfinden kann, ohne die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Denn natürlich gibt es Stimmen, die nichts lieber täten, als dem ganzen Treiben mit einem gewaltigen Bombenhagel ein jähes Ende zu setzen.

Der befehlshabende General der USA (F. Whitaker) holt sich zwei Wissenschaftler zu Hilfe, die Linguistik-Expertin Louise (A. Adams) und den Physiker Ian (J. Renner). Die beiden dürfen ein Team von Soldaten ins Innere des in Montana gelandeten Raumschiffs begleiten. Dass dort die Gesetze der Schwerkraft nicht zu gelten scheinen, ist eine Überraschung – der Verlauf der Zusammentreffen mit den Aliens die andere, weitaus folgenreichere…

Den weiteren Handlungsverlauf werde ich hier nicht weiter beschreiben, „Arrival“ lebt davon, dass man sich auf das Szenario und seine Überraschungen einlässt. Dabei setzt Regisseur Villeneuve („Prisoners“, „Sicario“) auf einen inneren und einen äußeren Spannungsbogen, die früher oder später zusammen geführt werden. Das „guessing game“ des „Wie?“ und „Warum?“ ist Teil des Plans und beginnt bereits sehr früh.

Zu den Stärken des Films zählt die sorgfältige Entwicklung des Szenarios, welches als erzählerisches Fundament von entscheidender Bedeutung ist. Auch die Hauptdarsteller überzeugen und harmonieren. In beinahe vollkommener Abwesenheit von Actionsequenzen baut „Arrival“ seine Spannung um die Frage auf, wie man mit den unerwarteten Gästen kommunizieren kann.

Die Story ist clever und verdient es, entdeckt zu werden. Ob ihre Logik kritischen (oder gar wissenschaftlichen) Blicken wirklich standhalten kann, wage ich zu bezweifeln. Doch spielt das letztlich auch keine große Rolle, weil es „Arrival“ nicht um das stolze Herausposaunen bisher unbekannter Wahrheiten geht, sondern um eine faszinierende und fantastische Geschichte, die als Film wunderbar funktioniert. Die Art und Weise der Auflösung am Ende hat mir nicht so sehr gefallen, und zuweilen erscheint der Film (bzw. die Attitude seiner Macher) einen Tick zu überzeugt von sich und seinen Tricks. Dennoch werden Sci-Fi-Fans an „Arrival“ sicherlich großen Gefallen finden.

4/5

Kurzkritik: The Edge of Seventeen

Filmplakat - The Edge of SeventeenDrama, USA 2016

Regie: Kelly Fremon Craig; Darsteller: Hailee Steinfeld, Blake Jenner, Kyra Sedgwick, Woody Harrelson

Teenagerin Nadine durchlebt eine turbulente Zeit, in der sie viele Weichen für ihr Leben neu stellen muss. Familie, Freunde, Liebesleben, überall kriselt es gewaltig. Rotzfrech, clever, voller Selbstzweifel und verletzlich navigiert sich Nadine durch ihren Alltag, der immer noch bestimmt wird durch den plötzlichen Tod ihres Vaters einige Jahre zuvor.

Nichts an „The Edge of Seventeen“ ist neu, doch darum geht es dem Film (und auch dem Genre selbst) gar nicht. Glaubwürdigkeit, Witz und überzeugende Figuren sind gefragt, und die liefern Autorin/Regisseurin Kelly Fremon Craig und ihre Darsteller. Der Film verpackt seine Themen und Konflikte in eine schlüssige, witzige Story, und vermeidet Plattitüden (die ein oder andere ist aber wohl unvermeidlich). Erfreulich auch, dass mal eine weibliche Perspektive im Zentrum des Highschool-Geschehens steht.

4/5

Kurzkritik – Hell Or High Water

Filmplakat: Hell or High WaterDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Scott Mackenzie; Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges

Zwei Brüder (C. Pines und B. Foster) begehen eine Reihe von Banküberfällen in texanischen Kleinstädten, bei denen sie jeweils nur das „Kleingeld“ abstauben – nicht die großen Scheine, die die Banken nachverfolgen können. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger (J. Bridges) nimmt sich des Falles an. So unspektakulär lässt sich das grobe Handlungsgerüst von „Hell Or High Water“ beschreiben.

Regisseur Scott Mackenzie („Perfect Sense„) gelingt es, aus dieser einfachen Konstellation einen erstaunlich guten Film zu machen. Die atmosphärisch dichte Inszenierung fesselt das Interesse des Publikums, die pointierten und doch realistischen Dialoge kommen vor allem der Glaubwürdigkeit der (großartig gespielten) Figuren zugute. Die beeindruckenden Bilder und der passende Soundtrack überzeugen ebenso wie die einfache, dabei spannende und in sich schlüssige Story.

Jeff Bridges ist die Rolle als knarziger Ranger quasi auf den Leib geschrieben, er wandelt hier aber nicht im Autopilot durch den Film, sondern hat sich seine erneute Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller redlich verdient. Chris Pine überrascht positiv, schön ihn mal in einem anspruchsvollen und gut geschriebenen Film zu sehen. Ben Foster, zuletzt noch im miesen „Inferno“ in einer Nebenrolle, ist ebenfalls überzeugend.

„Hell Or High Water“ verbindet Elemente von bekannten Filmen wie Eastwoods „Perfect World“ und „No Country For Old Men“, besteht aber als eingeständiges Werk. Es geht hier nur vordergründig um Banküberfälle und Verbrecherjagd – die Taten, Worte und Motive der Figuren bringen eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik mit. Nur wer hier einen Action-Thriller erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden.

4/5

 

Kurzkritik: Die Taschendiebin

Die Taschendiebin FilmplakatDrama, Südkorea 2016

Regie: Park Chan-Wook; Darsteller: Kim Min-Hee, Kim Tae-Ri, Ha Jung-Woo

Mit Anleihen und Zitaten von Hitchcocks „Vertigo“ und Kurosawas „Rashomon“, in Verbindung mit der Regisseur Park („Oldboy“, „Thirst“) eigenen Lust an psychologisch etwas abseitigen, brutalen und dabei merkwürdig eleganten Geschichten ist „Die Taschendiebin“ ein mehr als würdiger Start ins Kinojahr 2017.

Der Film handelt von einer Intrige, in der ein südkoreanischer Hochstapler mithilfe einer Kammerdienerin (die „Taschendiebin“ des Titels) ein reiche junge Japanerin heiraten und um ihr Vermögen bringen will. Im Spiel ist dabei auch deren böser Onkel, sowie dessen sonderbare Vorlieben, spielen tut das Ganze in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Die Taschendiebin“ ist in drei großartige Akte unterteilt, wobei es Park gelingt, trotz vieler Wendungen und Kniffe eine psychologisch stimmige Story mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. In wunderbar komponierten Bildern – darunter auch explizite Gewalt- und Sexszenen – entspannt sich ein spannendes, doppelbödiges Spiel um Liebe, Lust und blutige Rache. Getragen von den Charakteren entwickelt sich vom ersten Moment an ein mitreißender Erzählfluss, dessen Faszination in den knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit nie wirklich nachlässt.

5/5

Kurzkritik: Closet Monster

Closet Monster FilmplakatDrama, Canada 2015

Regie: Stephen Dunn; Darsteller: Connor Jessup, Aaron Abrams, Aliocha Schneider, Joanne Kelly

Coming-of-Age Drama um einen Teenager in einer kanadischen Kleinstadt. Oscar hat in seiner Kindheit eine traumatische Entdeckung gemacht, die ihn – eben so wie die frühe Scheidung seiner Eltern – eindringlich geprägt hat. Beseelt vom Wunsch seine Heimatstadt zu verlassen muss sich Oscar den Dämonen von Vergangenheit und Gegenwart stellen.

„Closet Monster“ ist ein sehr gelungener Beitrag zu einem schwierigen Genre. Die „magische“ Komponente des Films (u. a. kann hier ein Hamster sprechen) ist mit einfachen Mitteln auf kreative Art integriert, Darsteller und die Story können überzeugen. Die thematisierten Motive sind nicht neu, werden aber glaubwürdig und intensiv erlebbar gemacht – ohne dass es plakativ oder sonst wie ärgerlich würde.

4/5

Die Top 10 Filme des Jahres 2016 [Update]

Alle Jahre wieder hier meine Top 10 Filme des just zu Ende gegangenen Jahres. Wie immer habe ich viel verpasst und werde gegebenenfalls nachbessern.

1. Everybody Wants Some!!
2. The Big Short
3. Paterson
4. Where To Invade Next
5. Toni Erdmann
6. Captain Fantastic
7. Doctor Strange
8. Hail, Caesar!
9. Midnight Special
10. The Revenant

Knapp dahinter:
A Bigger Splash, Arrival (NEU), Der Staat gegen Fritz Bauer, Eye in the Sky, The Hateful Eight, The Nice Guys

Kurzkritik: Toni Erdmann

Toni Erdmann FilmplakatDrama/Comedy, DE 2016

Regie: Maren Ade; Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller

Ines (Sandra Hüller) ist Unternehmensberaterin in Bukarest, ein totaler Workaholic ohne wirkliches Privatleben. Ihr Vater Winfried (Peter Simonischek) führt daheim in Deutschland das Leben eines verschrobenen Pensionärs mit einem ausgeprägten Faible für falsche Zähne und alberne Scherze. Als Winfrieds Hund stirbt macht er sich auf nach Bukarest, um seine Tochter zu sehen.

Diese Wiederannäherung von Vater und Tochter ist das erzählerische Herz von „Toni Erdmann“. Während Ines ein wichtiges Projekt zu Ende bringen will, mischt sich Winfried zunächst vorsichtig, später dreist und recht grotesk in ihr Leben ein. Er erfindet sich als kauziger „Coach“ namens Toni Erdmann neu, zum Erstaunen, Entsetzen, aber auch zur Erheiterung und Bewunderung seiner Tochter.

Dass die waghalsige Gradwanderung zwischen einer Farce mit fast schon Helge-Schneider-artigen Szenen und echtem emotionalem Drama funktioniert liegt an den großartigen Hauptdarstellern. Egal wie hoch der Fremdschäm-Faktor einzelner Situationen ausfällt (und er ist definitiv beträchtlich), die beiden sind als Figuren immer glaubwürdig. Auch das unsichtbare Band einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung wird, gemeinsam mit einigen geteilten Charakterzügen, langsam offenkundig.   

In den weit über zwei Stunden Laufzeit finden sich viele komödiantische und dramatische Höhepunkte – meist fallen sie gleich zusammen. Nicht selten überrascht „Toni Erdmann“ mit bizarren Momenten, die den Film prägen, ohne ihn komplett zu beherrschen. Hier geht es nicht um Schock-Effekte oder das Ausloten von Grenzen, diese Momente kommen aus dem Innenleben der Charaktere. Vor Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade kann man nur den Hut ziehen, ihr Film ist ungewöhnlich, ideenreich, witzig und ergreifend.

4/5

Kurzkritik: Paterson

Paterson FilmplakatDrama/Comedy, USA/DE/FR 2016

Regie: Jim Jarmusch; Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani

Nach dem großartigen Vampir-Drama „Only Lovers Left Alive“ geht Jim Jarmuschs neuer Film einen Schritt „back to the roots“. In gemächlichem Tempo, ohne einen wirklichen Plot und mit untrüglichem Gespür für die kleinen, großen Szenen des Alltags folgt „Paterson“ einem Busfahrer namens Paterson in der unweit von NYC gelegenen 150 000-Einwohner-Stadt namens – Paterson.

Paterson (Adam Driver) schreibt in seinen Pausen Gedichte, während er Tag für Tag einen Linienbus durch das Untere-Mittelschicht-Suburbia von New Jersey steuert. Seine Freundin Laura arbeitet derweil in ihrem kleinen gemeinsamen Haus an der Inneneinrichtung (sie hat mehr als nur ein Faible für schwarz-weisse Dinge…), perfektioniert ihre selbstgebackenen Cupcakes und entdeckt ihre Liebe zur Gitarre (und Country-Musik).

Jarmusch erzählt ihre Geschichte gewohnt lakonisch, ohne Eile, und mit großem Interesse an den Gedichten der Hauptfigur, die immer wieder per Off-Kommentar eingesprochen werden. Es bleibt lange offen wie der Film eigentlich zu seinen Hauptfiguren und deren Beziehung steht, die gleichzeitig wunderbar schräg und total normal daher kommen.

Der Humor ist mal hintersinnig und mal an der Grenze zum Slapstick, dabei aber nie platt. Patersons Alltag besteht fast ausschliesslich aus Ritualen (eine Katastrophe passiert sich nicht zufällig in einem seltenen Moment der Spontanität), vom morgendlichen Aufstehen über die Arbeit, bei der die Gespräche der Fahrgäste in den Fokus rücken, bis zur abendlichen Gassi-Runde mit dem kauzigen Hund – die immer über eine gemütliche Bar führt, in der sich Paterson ein Bierchen gönnt.

Für Fans des Regisseurs (zu denen ich mich definitiv zähle) ist „Paterson“ eine zutiefst zufrieden stellende Variation bekannter Jarmusch-Themen und -Szenarien. Man fühlt sich schnell heimisch in dem Mikrokosmos, nicht zuletzt weil die Darsteller es hervorragend verstehen, ihren Figuren eine emotionale Aufrichtigkeit zu verleihen, die selten geworden ist im Kino. Wer jedoch bei Jarmusch nur an „Ghost Dog“ oder „Broken Flowers“ denkt könnte (leicht) enttäuscht werden.

4/5

Kurzkritik: Doctor Strange (3D)

Filmplakat Doctor StrangeAction/Fantasy, USA 2016

Regie: Scott Derrickson; Darsteller: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Tilda Swinton, Rachel McAdams, Mads Mikkelsen

Am Beispiel von „Doctor Strange“, dem neuesten Film aus dem Hause Marvel, kann man sehr gut ablesen, was die Faszination des Superhero-Genres ausmacht. Und auch – ich wette sobald der gute Dr. seinen nächsten Auftritt hat – wo dessen Probleme liegen.

Benedict „Sherlock“ Cumberbatch ist die Rolle des arroganten Chirurgen Stephen Strange geradezu auf den Leib geschrieben, die Besetzung ist eindeutig ein Glücksfall. Nach einem Unfall, der ihn die Feinmotorik seiner Finger kostet, macht sich Strange auf die Suche nach Hilfe – jenseits der von ihm vertretenen Schulmedizin. Die Reise führt ihn nach Kathmandu, wo er bald am eigenen Leib sagenhafte Kräfte und Mächte erlebt.

Die Story ist – trotz der starken metaphysischen Note – im Grunde eine bekannte Heldenreise. Initiierung, Lernphase, Läuterung und schließlich die Geburt des Helden. „Doctor Strange“ macht einiges richtig. Die insgesamt hervorragende Besetzung macht Laune, die Konzentration auf wenige Figuren, welche weitgehend glaubhaft miteinander interagieren, hilft bei der ‚Glaubwürdigkeit‘. Und auch beim Humor trifft der Film den richtigen Ton (die besten Szenen gehen hier auf das Konto des Umhangs sowie der Kollegin am OP-Tisch…).

Die gekonnte Inszenierung des mysteriösen „Geheimbunds“ kokettiert mit dem Image der fernöstlichen Binsenweisheiten. Und nicht zuletzt schafft es der Film, Spezial-Effekte zu produzieren, die wirklich sehenswert sind. Dass sie wie eine Mischung aus „Inception“ und „Transformers“ daherkommen stört dabei nicht. Sie bieten großartige Schauwerte und sind sauber in die Story integriert. Die Story des Films hat dabei sicher genau so viele Lücken wie andere Comic-Verfilmungen auch, aber nach denen schaut ja niemand, wenn man so gut unterhalten wird. Die 3D-Effekte sind ebenfalls gut, wichtiger ist allerdings der Gang ins Kino im Vergleich zum – für diese Bilder so oder so zu kleinen – Heimkino.

Wie üblich bei Marvel gibt es nach dem gelungenen, wenn auch nicht großartigen Finale und dem Abspann einen Ausblick wohin die Reise weitergeht. Und damit sind wir beim Problem des Marvel-Universums: nur die ersten Filme der einzelnen Helden besitzen die Fähigkeit, das Publikum für die neue Figur wirklich zu begeistern. Es braucht einen ungestörten Alleinunterhalter (mit Sidekick, ok, aber nicht mit echter Konkurrenz) dafür.

Nun wird Dr. Strange – kaum ein echter Spoiler – also Teil der kommenden „Avengers“-Dauerberieselung. In dieser aber tummeln sich sowieso schon arg viele Helden.  Und der darin mehr oder weniger fortlaufend erzählte Plot ist mittlerweile nur noch für Hardcore-Fans im Ansatz ernst zu nehmen. So ergänzt Marvel hier das Universum um eine weitere wirklich gut gemachte Figur, von der wir den spannendsten Teil bereits gesehen haben – wie sie entstanden ist.

4/5

Kurzkritik: Captain Fantastic

captain-fantastic-filmplakatDrama/Comedy, USA 2016

Regie: Matt Ross; Darsteller: Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

In den Wäldern irgendwo im Nordwesten der USA lebt eine Familie, die der Zivilisation abgeschworen hat. Ben und Leslie bringen ihren sechs Kindern (die allesamt Fantasienamen tragen) das Jagen und Musizieren bei, auch Literatur, Geschichte und Naturwissenschaften stehen auf dem Plan. Dazu treibt Ben sie zu sportlichen Höchstleistungen. Doch das Leben aus dem Hippie-Bilderbuch bekommt einen Riss. Leslie ist manisch-depressiv, sie liegt seit einigen Monaten im Krankenhaus.

Aus dem Porträt einer Außenseiter-Familie wird alsbald ein Road-Movie. In einem umgebauten Schulbus machen sich Ben und die Kinder auf Richtung Süden. Das Geschehen läuft auf eine Konfrontation mit Leslies Familie hinaus, die mit dem alternativen Lebensweg so ihre Probleme hat…

Es steckt eine Menge wohltuender Zivilisationskritik in „Captain Fantastic“ und seinen Figuren. Der Film spricht damit eindeutig ein Publikum an, das seine Kritik am US-amerikanischen Mainstream-Leben teilt und punktet mit vielen treffsicheren Szenen, die der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Doch mit zunehmender Spielzeit rückt die Kehrseite des gelebten Aussteiger-Traums, die insbesondere die Kinder zu spüren bekommen, in den Focus.

Dass der Film nicht zu einem verkopften Diskurs über die ‚richtige‘ Art zu leben wird, sondern als echtes Drama funktioniert, liegt an den durchweg großartigen Schauspielern und den glaubwürdigen Figuren. Mit viel Humor und Offenheit erzählt schafft es „Captain Fantastic“, das Publikum emotional zu packen. Die zahlreichen inneren und äußeren Konflikte, sich die im Verlaufe der Reise zuspitzen, entwickeln sich glaubwürdig und überzeugend.

Am Ende jedoch verliert Autor und Regisseur Matt Ross das richtige Gespür für Timing und Story. Dabei ist weniger ein Problem, was passiert, sondern wie es passiert und erzählt wird. Der richtige Zeitpunkt für ein stimmiges Ende wird verpasst, die Handlung etwas inkohärent. Vielleicht wurden hier auch im Schneideraum die falschen Entscheidungen getroffen…

Dass der Film auf etwas unbefriedigende Weise endet ist schade, schmälert aber nicht den Genuss der hervorragenden ersten 90 Minuten. Die Verbindung aus Entertainment und Message geht insgesamt sehr gut auf, und damit gehört „Captain Fantastic“ für mich trotz seiner Schwächen zu den besten Filmen des Jahres.

4/5

 

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