Meine Top-10 Filme 2015

Weniger Filme als in diesem Jahr habe ich seit bestimmt 15 Jahren nicht gesehen. Ein Hauptgrund dafür sind die vielen starken Serien, ein anderer die Tatsache, dass es schwieriger geworden ist, Mitstreiter fürs Kino zu finden. Auch die Zahl der Filme, die ich unbedingt im Kino (ich war vielleicht 5 oder 6 mal da) sehen wollte, hat definitiv abgenommen. Und schlicht Kino-faul war ich 2015 auch.

Sei es drum, für eine Top-10 reicht es noch, wie üblich ist es gut möglich, dass mir ernsthafte Kandidaten entgangen sind. Und 2016 geht es dann hoffentlich wieder häufiger ins Lichtspieltheater!

1. Inherent Vice
2. Das Ewige Leben
3. Birdman
4. Whiplash
5. Ex Machina
6. Citizenfour
7. Sicario
8. Straight Outta Compton
9. Spectre
10. It Follows

Knapp dahinter: Youth, Nightcrawler, What We Do in the Shadows, Mission Impossible: Rogue Nation, Mad Max – Fury Road, Going Clear, Star Wars – The Force Awakens.

PS: Diverse Filme habe ich bisher nicht gesehen, so z. B. “Black Mass” und viele andere. Könnte also sein dass ich die Liste noch anpasse.

Kurzkritik: Straight Outta Compton

Straight Outta Compton FilmplakatMusikdrama, USA 2015

Regie: F. Gary Gray; Darsteller: O’Shea Jackson Jr, Corey Hawkins, Jason Mitchell, Paul Giamatti

In aller Kürze: Gelungenes Portrait einer musikalischen Ära, das innere und äußere Dramaturgie sehr stimmig zu vereinen weiss.

Worum gehts? Um Gründung, Erfolge und Trennung der umstrittenen Rap-Combo NWA und die Geschichte ihrer Mitglieder bis zum Tod von Eazy E Mitte der Neunziger.

Die gute Nachricht: Ausgezeichnete Darsteller, ein gutes Drehbuch, ein (wenig überraschend) hervorragender Soundtrack.

Die schlechte Nachricht: Nach meinem Empfinden wäre eine kurze Geschichte des titelgebenden Stadtviertels sinnvoll gewesen, um den gesellschaftlichen Kontext besser herauszustellen.

4/5

Kurzkritik: Going Clear – Scientology and the Prison of Belief

Going Clear FilmplakatDokumentation, USA 2015

Regie: Alex Gibney; Darsteller: Paul Haggis, Alex Gibney, Mike Rinder

In aller Kürze: Gespräche mit ehemaligen Scientologen und filmische Zeugnisse aus dem Innenleben von Scientology geben erschreckend klare Einblicke in Alltag und Geschichte der „Kirche“.

Worum gehts? Der wohl bekannteste Scientology-Aussteiger, Filmemacher Paul Haggis, sowie andere ehemalige aus dem inneren Kreis von Scientology schildern ihre Erfahrungen. Im Focus stehen außerdem Gründer Ron L. Hubbard, der „CEO“ David Miscavige sowie Tom Cruise.

Die gute Nachricht: So glaubwürdig (und verstörend) die Aussagen der zu Wort kommenden Aussteiger klingen, es sind die vielen (extrem gruseligen) filmischen Dokumente aus der Geschichte von Scientology, die lange im Gedächtnis bleiben.

Die schlechte Nachricht: Aktuell unter dem mächtigen Einfluss der Organisation stehende Menschen wird der Film wohl nicht erreichen – was aber gewiss kein Verschulden der Filmemacher ist. Große neue Erkenntnisse werden zudem (soweit ich das beurteilen kann) nicht gewonnen.

4/5

Kurzkritik: Sicario

Sicario FilmplakatThriller/Drama, USA 2015

Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio del Toro

In aller Kürze: Ambitionierter Drogenkrimi über die Eskalation der Gewalt an der Grenze zwischen USA und Mexiko.

Worum gehts? Eine FBI-Agentin wird Teil einer neuen Task-Force, die mit unkonventionellen Methoden gegen die Kartelle vorzugehen scheint.

Die gute Nachricht: Visuell und schauspielerisch eindrucksvoll zeichnet „Sicario“ ein düsteres und spannendes Portrait der Drogenkriminalität, wobei auf altbekannte Schwarzweiss-Malerei weitgehend verzichtet wird.

Die schlechte Nachricht: Ein etwas unspektakuläres und – im Detail – wenig glaubwürdiges Ende.

4/5

Wer diese Filme mochte sollte sich den Film anschauen:
Traffic„, „No Country For Old Men“

Filmkritik: It Follows

It Follows FilmplakatHorror, USA 2014

Regie: David Robert Mitchell; Darsteller: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Olivia Luccardi

Es kommt selten vor, dass ich mir mal einen Horrorfilm ansehe. Im Falle von „It Follows“ habe ich eine Ausnahme gemacht, weil der Film einige extrem positive Reaktionen und Kritiken bekommen hat – völlig zu Recht, wie ich finde.

Von der ersten Minute an bestimmt eine beklemmende Atmosphäre das Geschehen. Eine Teenagerin rennt kreischen und verstört aus ihrem Haus in der Vorstadt, offenbar ziellos im Kreis, ihr Vater kann nur verständnislos den Kopf schütteln. Schließlich fährt sie im Auto davon. Allein am Strand sitzend ruft sie ihre Familie an. Kurze Zeit später ist sie grausam zugerichtet. Schnitt.

„It Follows“ beginnt nun mit der jungen Jay, die im Swimmingpool badet, mit Freunden scherzt und abends auf ein Date geht. Eine scheinbare Idylle, mit leicht morbider Anmutung. Schauplatz sind vor allem die Suburbs von Detroit, das Jahr der Handlung bleibt vage. Smartphones etwa gibt es nicht, aber die Klamotten lassen sich auch nicht genau den 80ern oder 90ern zuordnen. Es dauert nicht lange – in bester Genre-Tradition spielt Sex eine wichtige Rolle – bis Jay von einem namenlosen Grauen heimgesucht wird.

Wie genau das Element des Bösen in „It Follows“ dargestellt wird und welcher Logik es folgt, will ich hier nicht weiter präzisieren. Es ist ein große Stärke des Films, wie er diesen erlebbar und glaubwürdig macht, ohne mit Taschenspieler-Tricks zu arbeiten. Story und Inszenierung passen hervorragend zusammen. Statt auf visuelle Effekte setzt der Film auf stark komponierte Bilder, in denen die Bedrohung so banal wie omnipräsent ist. Blut fliesst verhältnismäßig wenig, doch für zarte Gemüter sind einige sehr drastische Szenen sicher nicht geeignet. Ein gelungener, von massiven Klangteppichen bestimmter Score, verstärkt das Gefühl der Beklemmung.

Die unbekannten Darsteller wirken natürlich, die Figuren sind weitgehend klischeefrei geschrieben. Auch in Sachen Timing und Plot macht Regisseur und Autor David Robert Mitchell alles richtig. Die Elemente, die „It Follows“ zu einem unterhaltsamen und effektiven Filmerlebnis machen, sind alle nicht neu. Es ist vielmehr der äußerst stimmige Mix, der den Erfolg diese Low-Budget-Films ausmacht.

4/5

Filmkritik: Ex Machina

Ex Machina FilmplakatSci-Fi, UK 2015

Regie: Alex Garland; Darsteller: Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Alicia Vikander

In aller Kürze: Spannendes, intensiv gespieltes Kammerstück über einen weiblichen „A.I.“-Roboter, das interessante Facetten der Thematik auslotet.

Worum gehts? Ein junger Mann soll in einem abgelegenen Komplex die von einem reichen Technik-Guru entworfene künstliche Intelligenz „Ava“ testen – hat sie wirklich ein Bewusstsein entwickelt?

Die gute Nachricht: Überzeugend gespielt, mit Anleihen von Horror bis schräger Comedy, entwickelt „Ex Machina“ mit gemächlichem Tempo intensive Spannung. Auch die Effekte überzeugen, indem sie der Story dienen, ohne ihr Konkurrenz zu machen.

Die schlechte Nachricht: An einigen Stellen durchaus vorhersehbar.

Wer diese Filme mocht kann einen Blick riskieren:
„Splice“, „Under the Skin“, „Her“

4/5

Filmkritik: Das Ewige Leben

Das Ewige Leben FilmplakatDrama/Komödie, Österreich 2015

Regie: Wolfgang Murnberger; Darsteller: Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten

Ich gebe es gerne zu, ich bin großer Fan von Wolf Haas’ Brenner-­Romanen und den bisherigen Leinwandadaptionen von Wolfgang Murnberger. Nach “Komm Süsser Tod”, “Silentium” und “Der Knochenmann” ist “Das Ewige Leben” der vierte Krimi, der mit Josef Hader in der Hauptrolle verfilmt wird. Und der Film braucht sich vor den starken Vorgängern nicht verstecken.

Simon Brenner ist in dieser Geschichte nicht gerade in Topform. Ohne Job, Geld und Aussichten auf Besserung kehrt er in seine alte Heimat zurück. In dem verkommenen Einfamilienhaus seiner verstorbenen Eltern und Großeltern im Grazer Stadtteil Puntigam fristet Brenner eine extrem trostlose, schon penner-artige Existenz. Kenner der Reihe ahnen es schon – es dauert nicht lange und “jetzt ist schon wieder was passiert”.

Die Reise in die Vergangenheit ist für Brenner eine in mehrfacher Hinsicht schmerzliche Angelegenheit. Ehemalige Freunde und Kollegen sind ihm entweder wenig freundlich gesinnt oder bald ein Fall für die Mordkommission. Der Ton des Films ist düster und melancholisch, nicht nur die Figuren sind von Krankheit und Zerfall gezeichnet, auch die Stadt selbst ist etwa so charmant eingefangen wie Mühlheim an der Ruhr im letzten Film von Helge Schneider.

Josef Hader zeigt eine weitere Glanzleistung in der Rolle seines Lebens. Er verkörpert Brenner nicht überzeugend, er ist Brenner. Ein rauhbeiniger, aber nicht herzloser, unverschämter, schlagfertiger, von Migräne geplagter Individualist und Skeptiker, mit einem Faible für Dosenbier. Ein sympathischer Antiheld, nach bester Tradition ein Einzelgänger mit seinem ureigenen moralischen Kompass.

Ihm zur Seite stehen mir unbekannte Schauspieler, die ebenfalls Großes leisten. Tobias Moretti spielt den Polizeichef Aschenbrenner als Machtmensch mit allzu menschlichen Makeln, Nora von Waldstätten seine junge Ehefrau, Johannes Silberschneider Brenners gutmütigen Nachbarn.

Großartige Dialoge und tiefschwarzer Humor waren immer das Fundament dieser Reihe, und dabei bleibt es natürlich. Von Brennes betrunkenener Ausfahrt auf dem Moped (ohne Helm und Nummernschild, fährt Schlangenlinien, erwidert den Polizisten trotzig “oan Warnkreuz hob i oa keins dabei”), den herrlichen Off-­Kommentaren, der humorvollen Milieuzeichnung bis zur Frittenbude “Endstation” in der letzten Einstellung – durch alles weht der lakonische und auch bissige Geist des Brenner-­Universums.

5/5

Filmkritik: Inherent Vice – Natürliche Mängel

Inherent Vice FilmplakatDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Paul Thomas Anderson; Darsteller: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Owen Wilson

Auf kaum einen Film habe ich mich in den letzten Jahren so sehr gefreut wie auf diese Adaption von Thomas Pynchons gleichnamigem Roman. Man kann auch sagen, dass ich den Film mögen wollte, ganz egal wie er werden würde. Ich schreibe das hier vorweg, weil „Inherent Vice“ recht spezielle Kost ist. Wer ’nur‘ den Trailer gesehen hat könnte eine Art 70er-Jahre „Lebowski“ erwarten – doch obwohl es Gemeinsamkeiten gibt ist das eine arg grobe Annäherung.

Die Handlung spielt 1970 in Los Angeles und Umgebung. Doc Sportello (J. Phoenix) ist ein lizensierter, dauerbekiffter Privatdetektiv; warum dieser gemütliche Hippie seine Brötchen ausgerechnet als Private Eye verdient bleibt – wie so vieles im Film – eher rätselhaft. Er bekommt zu Beginn Besuch von seiner Ex-Freundin Shasta, die von einer Verschwörung gegen den Immobilien-Tycoon Mickey Wolfman (E. Roberts) erzählt. Wenig später taucht ein Ex-Knacki bei Doc auf, der Beef mit Wolfmans Leibwächter hat.

Nach einer Stunde ist die Anzahl der Nebenfiguren auf ein gutes Dutzend angewachsen. Eine Auswahl daraus: der Hippie-hassende Bulle ‚Bigfoot‘ (J. Brolin), der untergetauchte heroinabhängige Saxophonist Coy (O. Wilson) und dessen Frau Hope (J. Malone), Docs neue Freundin, die Staatsanwältin Penny (R. Witherspoon), sein ‚Anwalt‘ Sauncho (B. Del Toro), ein chinesisches  Callgirl, ein koksender Zahnarzt, ein mächtiger ehemaliger Klient von Doc sowie dessen fidele Tochter und zwei FBI-Beamte. Eine Spur führt zu dem mysteriösen Schiff „The Golden Fang“, von Drogenhandel ist die Rede, aber auch von fiesen Immobiliendeals und subversiven anti-amerikanischen Gruppen.

Doc Sportello taumelt durch den labyrinthischen Plot (hierin liegt die größte Gemeinsamkeit mit „The Big Lebowsi“), der wie schon im Roman eher der Weg als das Ziel ist. Joaquin Phoenix leistet großartige Arbeit indem er es schafft, die vielen (aber-)witzigen, in Richtung Slapstick tendierenden Szenen mit soviel Würde zu spielen, dass Doc eine ernst zu nehmende Figur bleibt. Dem zwischen melancholischer Gesellschaftskritik, bitterbösem Sittenportrait und Hommage an die großen Kriminalromane von Chandler („The Big Sleep“) oder Ellroy (Autor vom L.A. Quartet) angesiedelten Geist der Vorlage bleibt „Inherent Vice“ weitgehend treu, auch wenn er sich bei der Ausgestaltung der Story seine Freiheiten nimmt (die Szenen im Nightclub in Las Vegas habe ich durchaus vermisst).

Der Film ist voll von Kuriositäten und einzigartigen Szenen mit großartigen Dialogen und perfektem Timing. Dabei ist der Erzähl-Ton immer ein bißchen neben der Spur, wegen der geistigen (zuweilen sogar sichtbaren) Dauerbenebelung vieler Figuren, aber auch weil es niemanden gibt (auch nicht Docs Freundin Sortilege, die das Geschehen herzlich-süffisant aus dem Off kommentiert), der durchblickt, was eigentlich gespielt wird. Der bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätigen Besetzung gelingt es, dass die viel Freak-artigen, bunten Charaktere nicht zu Karikaturen geraten.

Mit zweieinhalb Stunden Laufzeit nimmt sich „Inherent Vice“ viel Zeit. Dabei geht es dem Film spürbar mehr um ein Gefühl für die geradezu sehnsüchtig portraitierte Ära (Regisseur Anderson ist Wiederholungstäter, der sich schon in „Boogie Nights“ in dieser Dekade umsah) und ihren Spannungen sowie die Befindlichkeiten der Hauptfigur, als um die Auflösung der diffusen Krimi-Story. Obwohl das mit viel Witz und auch unterhaltsam inszeniert ist, wird das nicht alle Zuschauer begeistern. Mir hat es mächtig gut gefallen – mit Ansage, aber auch von ganzem Herzen.

5/5

Filmkritik: Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Birdman FilmplakatDrama/Comedy, USA2014

Regie: Alejandro G. Innaritu; Darsteller: Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton, Zach Galifianakis, Naomi Watts

Riggan Thompsons beste Zeiten als Hollywood-Star sind lange vorbei. Bis Anfang der 90er verkörperte er den Superhelden „Birdman“, danach ging es mit der Karriere bergab. Zu Beginn des Films sitzt Thompson (gespielt von Ex-„Batman“ Michael Keaton, Übereinstimmungen zwischen Schauspieler und Rolle sind Teil des Plans) in einem Theater am Broadway und arbeitet an seinem Comeback. Als Regisseur und Star einer Raymond-Carver-Adaption will er Kritik und Publikum zurück erobern.

Regisseur Innaritu („21 Grams“, „Amores Perros“) inszeniert das Innenleben des Theaters als heimlichen Hauptdarsteller. Es dauert lange, bis mal eine Figur einen Schritt aus den Gängen und Garderoben hinaus wagt – und dann nicht sehr weit kommt. Die Kamera ist extrem mobil und dicht an den Darstellern dran, es herrscht über weite Strecken eine beinahe klaustrophobische Atmosphäre. Der Score des Films besteht überwiegend aus teils wuchtigem, improvisiertem Schlagzeugspiel. Eine ungewöhnliche Kombination, die im Zusammenspiel mit den großartigen Darstellern für ein intensives Kinoerlebnis sorgt.

Bevölkert wird das Szenario von einem schillernden Ensemble. Die nervöse Lesley (N.Watts), Hauptdarstellerin des Stücks, hat für die vakant gewordene zweite männliche Hauptrolle ihren Ex, den renommierten Bühnenschauspieler Mike (E. Norton), gewinnen können. Der wiederum ist künstlerisch zweifellos ein Gewinn, aber nicht ohne menschliche Macken. Laura ist ebenfalls Schauspielerin und gleichzeitig Thompsons Geliebte. Dazu gesellen sich sein Manager Jake (Z. Galifianakis) und seine frisch aus der Entzugsklinik entlassene Tochter Sam (E. Stone).

Die große Stärke von „Birdman“ sind die faszinierenden und durchweg grandios gespielten Figuren, denen das Drehbuch überzeugende und witzige Dialoge liefert. Und natürlich ist er auch ein leidenschaftlicher Kommentar zum Stand der Dinge in der Unterhaltungsindustrie, ihren Mechanismen, Gewinnern und Verlierern. Doch gerade die dafür wichtigen Szenen sind nicht Selbstzweck, sondern überzeugende Teile der Handlung.

Die einzige echte Schwäche des Films liegt darin, dass er nach ca. 90 absolut famosen Minuten ein wenig den Faden verliert. Der Focus der Handlung verschiebt sich, wobei einige Motive und Figuren zu kurz kommen. Andere Elemente (der „magische Realismus“ mit Thompsons inneren ‚Dialogen‘), die bis dahin bloße Zwischentöne waren, rücken in der Vordergrund, konnten mich aber ebenso wie das Finale selbst nicht überzeugen. Vielleicht wird die Message des Films bei einem zweiten Durchgang etwas klarer, wenn man von der Virtuosität der Inszenierung weniger geblendet ist.

Ein absolut lohnenswerter, im beste Sinne interessanter und ungewöhnlicher Film ist „Birdman“ dennoch geworden. Mit so großen Ambitionen kann man in Details scheitern und trotzdem ein einzigartiges, mitreißendes Kinoerlebnis schaffen. Cast und Crew geben hier ein Stück weit ihrem beachtlichen Talent an –mehr als nur die Reise wert ist das allemal.

 5/5

Filmkritik: What We Do in the Shadows (5 Zimmer, Küche, Sarg)

What We Do in the Shadows FilmplakatKomödie, Neuseeland 2014

Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi; Darsteller: Jemaine Clement, Taika Waititi, Jonathan Brugh

Auf die Idee, eine Mockumentary über eine Vampir-WG in Wellington, Neuseeland, zu drehen, muss man erst einmal kommen. Wer mit „Flight of the Conchords“ vertraut ist, der ahnt vielleicht schon, dass das Ergebnis eine ziemliche Farce sein würde. Jemaine Clement, die bebrillte Hälfte der Slacker-Band aus der gleichnamigen Serie, stand hier vor und hinter der Kamera, und seine Handschrift ist klar zu erkennen.

Die Vampir-WG besteht aus vier Männern im Alter zwischen knapp 200 bis 8000 Jahren und schlägt sich zum Großteil mit alltäglichen Problemen herum. Deacon hat sein 5 Jahren keinen Abwasch mehr gemacht und fühlt sich auch nicht zuständig. Vladislav hat seit seinem legendären Kampf mit „The Beast“ seine Superkräfte verloren, der herrlich bescheuert dreinblickende Viago (rechts oben auf dem Poster) ist der gute Geist im Haus. Peter, der schon das Mittelalter miterlebt hat, fristet sein Dasein in einem steinernen Sarg im Keller.

Die Runde erweitert und dezimiert sich im Laufe der Zeit, denn die Vampire sind keine ganz großen Strategen in Sachen „Geheimhaltung“. So gesellen sich einige Kandidaten zu ihnen, die selbst gern unsterblich wären. „What We Do in the Shadows“ nimmt seine Helden in gewisser Hinsicht ernster, als das andere Vampirfilme tun, stellt sie aber auch auf liebevolle Art und Weise als Kinder-im-Geiste dar. Auch ein Treffen mit Werwölfen ist an einer Stelle nicht zu vermeiden, nur gut, dass Neuseeländer einfach immer so nette Charaktere sind.

„What We Do in the Shadows“ lässt sich am ehesten als eine Mischung aus „Only Lovers Left Alive“ und „Flight of the Conchords“ beschreiben. Schrullige Typen, anarchischer und oft alberner Humor, sowie die Lust an liebevoll inszenierten, völlig dämlichen Situationen zeichnen den Film aus. Die Idee, das ganze als Fake-Dokumentation zu präsentieren, passt sehr gut zur Selbstironie der Sache. Nicht jeder wird den speziellen Humor mögen und an den ‚Kiwi-Vampiren‘ seinen Spaß haben – mir hat es jedenfalls hervorragend gefallen.

4/5

Kurzkritik: Dear White People

Dear White People FilmplakatComedy/Drama, USA 2014

Regie: Justin Simien; Darsteller: Tyler James Williams, Tessa Thompson, Kyle Gallner

In aller Kürze: Pointierte, clevere und amüsante Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Rassismus in den USA.

Worum gehts? Die Geschichte von 4 schwarzen Studenten an einem fiktiven Elite-College. Interne Macht- und Grabenkämpfe unter Studenten und der Administration laufen langsam aber sicher aus dem Ruder – wobei die Fronten nie so richtig klar sind…

Die gute Nachricht: Starke Darsteller und Dialoge, sowie ein gutes Drehbuch, das sich seinem Thema von vielen Seiten nähert und geschickt Anspruch mit Humor mischt.

Die schlechte Nachricht: Für ein deutsches Publikum sind die verhandelten Probleme und Befindlichkeiten nicht leicht zu durchschauen – man sollte sich mit dem Thema zumindest schon einmal befasst haben.

Wer diese Filme mochte sollte einen Blick riskieren:
„Higher Learning“, „The Rules of Attraction“

4/5

Filmkritik: Whiplash

Whiplash FilmposterDrama, USA 2014

Regie: Damien Chazelle; Darsteller: Miles Teller, J.K. Simmons

Der 19-jährige Andrew (Teller) ist besessen von seinem großen Traum – er will ein berühmter Jazz-Schlagzeuger werden. Er studiert an einer Elite-Hochschule für Musik und gerät dort auch schnell ins Blickfeld von Fletcher (Simmons), dem berüchtigten Dirigenten der renommierten „Studio Band“. Fletcher ist ein charismatischer, strenger Über-Vater, der seine Schüler bis an die Grenzen fordert, sie quält und öffentlich lächerlich macht.

Andrews ist fasziniert und entwickelt den manischen Ehrgeiz, den manipulativen Fletcher von sich zu überzeugen. Es entwickelt sich ein – von beiden Hauptdarstellern fantastisch gespielter – Schlagabtausch, der zunehmend ins Extreme abgleitet.

Eine sehr simple Prämisse, wenige Darsteller und eine überschaubare Anzahl von Schauplätzen: „Whiplash“ ist sicher nicht das, was man ein cineastisches Spektakel nennt. Der Film verlangt seinem Publikum ab, dass es sich auf die – für viele sicher eher wenig vertraute – Materie einlässt. Dazu gehören auch die vielen sich wiederholenden Szenen der Orchesterproben.

„Whiplash“ mischt geschickt Elemente von Coming-of-Age-Filmen, Comedy, Musikfilm (artverwandt mit dem Sportfilm) und klassischem Drama. Dem jungen Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle gelingt eine intensive Inszenierung, die in einem fulminanten Finale ihren Höhepunkt findet. Mir persönlich blieben Zweifel, ob ich die Aussage des Films unterstützen kann (oder sie richtig verstanden habe). Unter dem Strich kein sonderlich zugänglicher Film, der sein Publikum jedoch belohnt und den zumindest Musik-Fans so schnell nicht vergessen werden.

4/5

Update 15.1.15: Mehr Publikum ist nun garantiert. Der Film wurde in den Kategorien „Bester Film“ und „Bester Nebendarsteller“ für den Oscar nominiert. Dass J.K. Simmons nicht wirklich eine Nebenrolle spielt dürfte den Machern zurecht egal sein…

Meine Top-10 Filme 2014

Copyright: Indigo Films

Copyright: Indigo Films

Alle Jahre wieder ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit hier meine Top-10 für 2014. Wenn ich mir die Liste so ansehe sieht es nach einem großartigen Kinojahr aus – kam mir allerdings überhaupt nicht so vor. Liegt aber sicher auch daran, dass ich mehr denn je auf Serien ausgewichen bin.

  1. La Grande Bellezza – Die große Schönheit
  2. Gone Girl
  3. The Wolf of Wall Street
  4. The Grand Budapest Hotel
  5. Her
  6. Interstellar
  7. Boyhood
  8. Edge of Tomorrow
  9. Under the Skin
  10. Calvary

Auch gut: Predestination, The Two Faces of January, Nymphomaniac

 

Filmkritik: Boyhood

Boyhood PosterDrama, USA 2014

Regie: Richard Linklater; Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater

Man ist es bei Filmen gewohnt, dass Figuren bei Bedarf von verschiedenen Darstellern gespielt werden oder durch massig Make-up bzw. CGI jünger bzw. älter gemacht werden. In Richard Linklaters neuem Film überrascht es daher, dass alle Figuren im Laufe der elf Jahre, welche die Handlung umfasst, tatsächlich ganz natürlich altern. Der ‚Trick‘ dahinter ist keiner – der Film entstand in Etappen von 2002 bis 2013, die Schauspieler altern also ganz natürlich.

Aus dieser interessanten Herangehensweise ist ein gelungener Film entstanden, der erstaunlich natürlich daher kommt. Fast zwangsläufig hat „Boyhood“ einen dokumentarischen Charakter, doch macht er nie einen Hehl daraus, dass die Story aus einem Drehbuch stammt (auch wenn sicherlich einige Szenen und Entwicklungen eher spontan entstanden).

Linklaters Werk ist häufig geprägt von der Abwesenheit klassischer Plots („Dazed & „Confused“), auch hat er in der „Before Sunrise“-Reihe schon einmal den Faktor Zeit einfließen lassen. In „Boyhood“ erzählt er nun im positiven Sinne authentisch und unaufgeregt eine Allerweltsgeschichte von Auf- und Heranwachsen eines Jungen und seiner Familie.

Großartig gespielt – von den Laien-Darstellern wie von den Profis – ist dem Film seine lange Entstehungsgeschichte durch die entspannte Erzählweise anzumerken, die unterschiedlich lange Zeiträume in nicht näher definierten Abständen behandelt. Was nicht bedeutet, dass es keinen Spannungsbogen gäbe oder im Leben von Mason, Samantha und ihren getrennt lebenden Eltern (gespielt von P. Arquette und E. Hawke) nichts aufregendes passieren würde.

Böse Zungen können dies das längste Homevideo aller Zeiten nennen, ein nicht mal verkehrter Eindruck, den „Boyhood“ durchaus erweckt. Andere sehen (so wie ich) einen ungewöhnlichen, spannenden, nachdenklichen und recht einzigartigen Film.

5/5

Filmkritik: Interstellar [Keine Spoiler]

Interstellar PosterScience-Fiction, USA 2014

Regie: Christopher Nolan; Darsteller: Matthew McConaughey, Michael Caine, Anne Hathaway, Wes Bentley, Jessica Chastain, John Lithgow

Wenn „Gone Girl“ und „Interstellar“ einen neuen Trend verkörpern, dann bin ich absolut dafür. Denn wie zuletzt für David Finchers Film gilt auch bei „Interstellar“: je weniger man über den Plot vorher weiss, desto besser. Es kann echte Spannung aufkommen, weil die Trailer wenig bis keinen Aufschluss darüber geben. Daher werde ich hier auch nichts verraten und zwangsläufig wenig zur Handlung schreiben. Die Macher des Films haben alles richtig gemacht, denn die größte Freude bereitet bei „Interstellar“ die Neugier, wohin die Story wohl noch führen könnte – die Möglichkeiten scheinen endlos.

Die Erde steht in „Interstellar“ in einer nicht sehr fernen Zukunft am Abgrund, der Planet wird von gigantischen Sandstürmen heimgesucht. Die Nahrungsmittel werden knapp, die Regierungen sind machtlos. Der Familienvater und Witwer Cooper (McConaughey), ein ehemaliger Ingenieur und Pilot, bewirtschaftet eine Farm im ‚corn belt‘ der USA. Eine Reihe kleinerer mysteriöser Vorkommnisse führt ihn zur ‚top secret‘-Location eines Geheimprojekts, das einen Ausweg aus der Misere sucht. Mehr sollte man zur Story nicht wissen, ich kann jedoch versprechen, dass der Film seinem Namen in der Folge alle Ehre machen wird.

Elemente aus bekannten Werken des Genres (von „Armageddon“ über „2001“ bis zu „Gravity“, „Apollo 11“ und vielen anderen) werden dabei von Christopher Nolan, der gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan auch das Drehbuch schrieb, geschickt zu einer epischen Story vermischt, die freilich auch eigene gute Ideen mitbringt. Den Film als ambitioniert zu beschreiben wäre drastisch untertrieben, verhandelt werden die größtmöglichen Themen, die das Szenario (und Science-Fiction allgemein) hergeben.

Visuell beeindruckend, ohne dass die Schauwerte die Geschichte übertrumpfen würden, mit einer starken Star-Besetzung, einem wuchtigen Score (die Tonspur allein rechtfertigt fast den Gang ins Kino) und vielen überraschenden Wendungen kommt „Interstellar“ in den knapp drei Stunden Laufzeit ohne nennenswerte Längen aus. Nicht jedes Detail oder jede Erklärung mag dabei für sich stehend überzeugen. Als ganzes jedoch ist der Film ein brillantes Beispiel dafür, dass es möglich ist, große Blockbuster für ein großes Publikum zu drehen, ohne die ewig gleichen Erzähl-Schablonen zu benutzen.

5/5

PS: Ob das ganze im IMAX-Kino noch deutlich mehr Freude macht kann ich nicht beurteilen, schaden wird es aber ganz sicher nicht…

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