Filmkritik: Boyhood

Boyhood PosterDrama, USA 2014

Regie: Richard Linklater; Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater

Man ist es bei Filmen gewohnt, dass Figuren bei Bedarf von verschiedenen Darstellern gespielt werden oder durch massig Make-up bzw. CGI jünger bzw. älter gemacht werden. In Richard Linklaters neuem Film überrascht es daher, dass alle Figuren im Laufe der elf Jahre, welche die Handlung umfasst, tatsächlich ganz natürlich altern. Der ‘Trick’ dahinter ist keiner – der Film entstand in Etappen von 2002 bis 2013, die Schauspieler altern also ganz natürlich.

Aus dieser interessanten Herangehensweise ist ein gelungener Film entstanden, der erstaunlich natürlich daher kommt. Fast zwangsläufig hat “Boyhood” einen dokumentarischen Charakter, doch macht er nie einen Hehl daraus, dass die Story aus einem Drehbuch stammt (auch wenn sicherlich einige Szenen und Entwicklungen eher spontan entstanden).

Linklaters Werk ist häufig geprägt von der Abwesenheit klassischer Plots (“Dazed & “Confused”), auch hat er in der “Before Sunrise”-Reihe schon einmal den Faktor Zeit einfließen lassen. In “Boyhood” erzählt er nun im positiven Sinne authentisch und unaufgeregt eine Allerweltsgeschichte von Auf- und Heranwachsen eines Jungen und seiner Familie.

Großartig gespielt – von den Laien-Darstellern wie von den Profis – ist dem Film seine lange Entstehungsgeschichte durch die entspannte Erzählweise anzumerken, die unterschiedlich lange Zeiträume in nicht näher definierten Abständen behandelt. Was nicht bedeutet, dass es keinen Spannungsbogen gäbe oder im Leben von Mason, Samantha und ihren getrennt lebenden Eltern (gespielt von P. Arquette und E. Hawke) nichts aufregendes passieren würde.

Böse Zungen können dies das längste Homevideo aller Zeiten nennen, ein nicht mal verkehrter Eindruck, den “Boyhood” durchaus erweckt. Andere sehen (so wie ich) einen ungewöhnlichen, spannenden, nachdenklichen und recht einzigartigen Film.

5/5

 

Interstellar [Keine Spoiler]

Interstellar PosterScience-Fiction, USA 2014

Regie: Christopher Nolan; Darsteller: Matthew McConaughey, Michael Caine, Anne Hathaway, Wes Bentley, Jessica Chastain, John Lithgow

Wenn “Gone Girl” und “Interstellar” einen neuen Trend verkörpern, dann bin ich absolut dafür. Denn wie zuletzt für David Finchers Film gilt auch bei “Interstellar”: je weniger man über den Plot vorher weiss, desto besser. Es kann echte Spannung aufkommen, weil die Trailer wenig bis keinen Aufschluss darüber geben. Daher werde ich hier auch nichts verraten und zwangsläufig wenig zur Handlung schreiben. Die Macher des Films haben alles richtig gemacht, denn die größte Freude bereitet bei “Interstellar” die Neugier, wohin die Story wohl noch führen könnte – die Möglichkeiten scheinen endlos.

Die Erde steht in “Interstellar” in einer nicht sehr fernen Zukunft am Abgrund, der Planet wird von gigantischen Sandstürmen heimgesucht. Die Nahrungsmittel werden knapp, die Regierungen sind machtlos. Der Familienvater und Witwer Cooper (McConaughey), ein ehemaliger Ingenieur und Pilot, bewirtschaftet eine Farm im ‘corn belt’ der USA. Eine Reihe kleinerer mysteriöser Vorkommnisse führt ihn zur ‘top secret’-Location eines Geheimprojekts, das einen Ausweg aus der Misere sucht. Mehr sollte man zur Story nicht wissen, ich kann jedoch versprechen, dass der Film seinem Namen in der Folge alle Ehre machen wird.

Elemente aus bekannten Werken des Genres (von “Armageddon” über “2001” bis zu “Gravity”, “Apollo 11″ und vielen anderen) werden dabei von Christopher Nolan, der gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan auch das Drehbuch schrieb, geschickt zu einer epischen Story vermischt, die freilich auch eigene gute Ideen mitbringt. Den Film als ambitioniert zu beschreiben wäre drastisch untertrieben, verhandelt werden die größtmöglichen Themen, die das Szenario (und Science-Fiction allgemein) hergeben.

Visuell beeindruckend, ohne dass die Schauwerte die Geschichte übertrumpfen würden, mit einer starken Star-Besetzung, einem wuchtigen Score (die Tonspur allein rechtfertigt fast den Gang ins Kino) und vielen überraschenden Wendungen kommt “Interstellar” in den knapp drei Stunden Laufzeit ohne nennenswerte Längen aus. Nicht jedes Detail oder jede Erklärung mag dabei für sich stehend überzeugen. Als ganzes jedoch ist der Film ein brillantes Beispiel dafür, dass es möglich ist, große Blockbuster für ein großes Publikum zu drehen, ohne die ewig gleichen Erzähl-Schablonen zu benutzen.

5/5

PS: Ob das ganze im IMAX-Kino noch deutlich mehr Freude macht kann ich nicht beurteilen, schaden wird es aber ganz sicher nicht…

Kurzkritik: Begin Again (Can A Song Save Your Life)

Begin Again PosterDrama/Comedy, USA 2013

Regie: John Carney; Darsteller: Mark Ruffalo, Keira Knightley, Adam Levine, Hailee Steinfeld

Eine gute Story mit glaubwürdigen Figuren, einer einfallsreichen Inszenierung, guten Dialogen und bestens aufgelegten Darstellern braucht das Rad nicht neu erfinden, um zu überzeugen. Das führt “Begin Again” vor Augen. In dem Film trifft der privat und beruflich mächtig kriselnde Musiklabel-Scout Dan (Ruffalo) auf die frisch von ihrem Rockstar-Ehemann (gespielt von Maroon 5-Sänger Adam Levine) getrennte Gretta (Knightley), die zaghafte Ambitionen und nennenswertes Talent als Songschreiberin hat. Schon der Beginn des Films, der kurz die Backstories von Beiden schildert und in ihrem ersten Treffen gipfelt, zeigt, dass der Film mit Herz und Ideen angetreten ist.

Dieses Niveau kann er dann weitgehend halten und dabei die Gefahr, in Klischees abzugleiten, fast immer umschiffen. Auch musikalisch kann “Begin Again” überzeugen, sowohl mit gutem Songwriting als auch mit einer exzellenten Auswahl für den restlichen Soundtrack.  Letztlich ist der Film eine ‘feelgood relationship dramedy’ wie zuletzt auch “Chef” – anstelle der kulinarischen Köstlichkeiten hier im nicht minder spannenden Milieu der Musikszene. Da ist auch die etwas zu simpel gestrickte Darstellung der ‘neuen Selbstvermarktung’ in Zeiten des Internet am Ende locker zu verschmerzen.

4/5

Kurzkritik: The November Man

The November Man (Poster)Thriller, USA 2014

Regie: Roger Donaldson; Darsteller: Pierce Brosnan, Luke Bracey, Olga Kurylenko

Aus der Reihe “Filme, die die Welt nicht braucht” kommt dieser Agententhriller mit Ex-Bond Pierce Brosnan in der männlichen und Ex-Bondgirl Olga Kurylenko in der weiblichen Hauptrolle. Peter Deveraux (Brosnan) ist ein Ex-Agent, der von seinem ehemaligen Chef für einen einmaligen Auftrag reaktiviert wird. Doch der Auftrag in Moskau geht mächtig schief – am Ende steht Deveraux verdutzt und mit gezogener Waffe seinem ehemaligen Junior-Partner gegenüber.

Es entwickelt sich ein solider Agentenfilm-Plot, in dem Alice Fournier (Kurylenko) eine entscheidende Rolle zukommt. Ein russischer Ex-General mit Dreck am Stecken, der in die Politik gewechselt ist, beseitig unangenehme Spuren aus seiner Vergangenheit. Alice ist der entscheidende Link zu einem besonders düsteren Kapitel darin – und westliche Geheimdienste sind daran ebenso interessiert wie der General selbst.

“The November Man” hat alles, was zu einem soliden Film dieses Genres gehört. Er macht nichts verkehrt, aber auch nichts besonders gut. Weil einem manches doch verdammt bekannt vorkommt schwingt hin und wieder ein B-Movie-Touch mit, was dem (überschaubaren) Vergnügen jedoch keinen Abbruch tut. Brosnan hat sichtlich Freude an seiner “neuen” Agentenrolle, die übrige Besetzung erreicht nur Mittelmaß. Insgesamt ist der Streifen nur für Fans zu empfehlen.

3/5

Filmkritik: Dawn of the Planet of the Apes

Dawn of the Planet of the Apes PosterSci-Fi/Action, USA 2014

Regie: Matt Reeves; Darsteller: Jason Clarke, Gary Oldman, Keri Russell

Ich bin ein großer Fan des ersten Teils dieses Neustarts der “Planet der Affen”-Serie. Die Erwartungen an die Fortsetzung waren natürlich entsprechend hoch. Erfüllt wurden sie leider nicht bzw. nur bedingt. Die Reihe bleibt sich immerhin treu und setzt auf Drama und Charaktere, wo man Raumschiffe und Spektakel erwarten könnte. Doch letztlich fühlt sich der Film nicht glaubwürdig an – vielleicht kann er das auch gar nicht sein.

10 Jahre nachdem Ceasar mit seinen ‘Kollegen’ aus dem Labor geflohen ist, hat ein Virus die Menschheit derbe dezimiert. Die Affen – offensichtlich immun gegen die todbringende Krankheit – haben sich im Wald bei San Francisco ihr eigenes Reich errichtet. Den letzten menschlichen Bewohnern der Stadt geht derweil in ihrer Festung langsam der Strom aus. Bei der Suche nach alternativen Energiequellen stoßen sie auf ein abgelegenes Wasserkraftwerk und kommen damit den Affen in die Quere…

Als Laie kann ich nicht sagen, ob die Entwicklung der Affen (sie “sprechen” miteinander, beherrschen die englische Sprache auf dem Level von 3-jährigen und verstehen intuitiv wie Schusswaffen funktionieren) tendenziell realistisch – was immer das heißen könnte –dargestellt wird oder völliger Quatsch ist. Überzeugen konnte sie mich nicht, obwohl mir bewusst war, dass hier ein “Leap of Faith” seitens des Publikums Grundvoraussetzung ist.

Gelungener ist da schon das Portrait der Menschen, die in ihrer Panik von “Schwarmintelligenz” weit entfernt sind und weitgehend als blinder und verängstigter Mob dargestellt werden. Das ist zumindest im Sinne des Szenarios so schlüssig. Die Tricks erreichen durchaus das Niveau des Vorgängers, auch die menschlichen Charaktere (allesamt neu, die alte Crew hatte wohl keinen Vertrag für ein Sequel) können sich durchaus sehen lassen.

Der Plot kreist um die mühsamen Annährungsversuche zwischen den beiden Spezies, die auf beiden Seiten durch massive Störfeuer aus den eigenen Reihen torpediert werden. Im Finale kommt es dann zum absehbaren Kampf um die Vorherrschaft unter den verbliebenen Erdbewohnern (allerdings hier noch nicht auf globaler Ebene), die Inszenierung ist dabei gut gelungen. Als mittlerem Teil (mindestens ein weiterer Film ist geplant) kommt dem Film hier eine etwas undankbare Rolle zu. Die Prämisse wird fast komplett im Vorspann erklärt, das Finale ist kein wirklicher Schluss, und das zentrale Drama kann als eigene “Haupt-Attraktion” nicht so recht überzeugen. Kein Grund, der Reihe den Rücken zu kehren, aber eben doch eine Enttäuschung.

3/5

Kurzkritik: The One I Love

The One I Love FilmposterDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Charlie McDowell; Darsteller: Elisabeth Moss, Mark Duplass, Ted Danson

Obwohl ansonsten überhaupt nicht  vergleichbar mit David Finchers “Gone Girl” gibt es eine große Gemeinsamkeit – man sollte möglichst nichts über den Plot des Films (über die ersten 15 Minuten hinaus) wissen. Ethan und Sophie (Duplass und Moss) haben Eheprobleme, die sie beim Paartherapeuten zu lösen versuchen. Dieser rät Ihnen zu einem Wochenend-Ausflug in ein idyllisches Ferienhaus, wohin sich die beiden prompt aufmachen.

Es entwickelt sich nun ein Beziehungsdrama, allerdings eines, in dem die Rollen nicht so richtig klar verteilt sind. “The One I Love”, so viel darf ich verraten, geht in Richtung Charlie-Kaufman-Territorium, will sagen “Vergiss Mein Nicht”, “Adaption” oder auch “Being John Malkovich” lassen grüßen. Stark gespielt und geschickt inszeniert ist der Film kein reines Kopfkino und keine bloße Stilübung, sondern eine im besten Sinne interessante Variation der filmgewordenen Beziehungskrise.

4/5

 

Kurzkritik: Wish I Was Here

Wish I Was Here FilmposterDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Zach Braff; Darsteller: Zach Braff, Kate Hudson, Mandy Patinkin

“Scrubs”-Star Zach Braff hat vor zehn Jahren mit “Garden State” einen bittersüssen ‘Coming of Age’-Film gedreht, der mir großen Spaß gemacht hat. Nun meldet er sich mit dem per crowd funding finanzierten “Wish I Was Here” zurück, der von ganz ähnlicher Machart ist, aber weniger überzeugen kann. Er spielt darin den erfolglosen Schauspieler Noah Blooms, der sich mit Mitte 30 der traurigen Gewissheit stellen muss, dass sein Leben so nicht weitergehen kann.

Während der Indie-lastige Soundtrack und die Dialoge überzeugen fehlt es dem Drehbuch und auch den Figuren an innerer Logik. Es ist zwar unterhaltsam, dem Treiben zuzusehen, aber nimmt es nie so richtig ernst. Braffs zentrale, von ihm selbst gespielte Figur ist – trotz einiger sympathischer Züge – nicht glaubwürdig. Das ganze Anfangsszenario scheint mir unplausibel.

Das bedeutet keinesfalls, dass “Wish I Was Here” nicht ein paar starke Momente hätte oder insgesamt schlecht gemacht wäre. Mitfühlend und mit nachdenklichen Untertönen blickt er auf ein kompliziertes (gibt es unkomplizierte?) Familienleben. Vielleicht ist die Planlosigkeit wie schon bei “Garden State” einfach Teil des Plans – passt aus meiner Sicht aber weniger gut ins Bild.

3/5

Die 10 besten Fernsehserien der letzten 25 Jahre

Falls es nicht offensichtlich (genug) sein sollte – es handelt sich hier um meine persönlichen Serien-Favoriten, aus Spaß an der Freude zusammengestellt. Die erste Fassung dieser Liste von 2010 (findet sich hier) ist damit also offiziell abgelöst.

1. Twin Peaks
Immer noch die Mutter aller modernen, anspruchsvollen Fernsehserien. War seiner Zeit weit voraus und wird passenderweise 2016 sogar fortgesetzt.

2. The Sopranos
Herrliche Prämisse, nahezu perfekte Umsetzung und Entwicklung. David Chase entzaubert den Hollywood-Glamour von US-Mafiosi mit Humor und großartigen Figuren.

3. The Wire
Scharfe Gesellschaftskritik und extrem vielschichtig. Von einer ‘Krimiserie’ zu sprechen wäre blanker Hohn. “The Wire” deckt mit schonungslosem Blick die sozialen Probleme von US-Großstädten auf.

4. 24
Ich habe zwar nur die ersten drei Staffeln gesehen, aber darin hat “24” gezeigt, dass mutige Fernsehserien Erfolg haben können (und Ex-Kinostars im Fernsehen neu anfangen können).

5. Mad Men
Am Anfang fast zu elegant und bedächtig erzählt fasziniert “Mad Men” seit Jahren durch die vielen starken Charaktere und den entlarvenden Blick auf die USA in den 60ern.

6. Breaking Bad
Aus dem bizarren “Chemielehrer-wird-zum-Drogengangster”-Setting entwickelt sich eine ungemein spannende, finster eskalierende Thriller-Serie mit ganz großem Finale.

7. Game of Thrones
Als Fantasy-Freund kann ich mich nicht bezeichnen, aber die große erzählerische Wucht, die unzähligen, zum Teil großartig geschriebenen Figuren und nicht zuletzt die herrlichen Dialoge haben mich zum Fan gemacht.

8. Bored to Death
Die einzige Comedy-Serie, die in der Neufassung dieser Liste überlebt hat. Aus welchem Grund? Sie ist und bleibt die witzigste!

9. Dexter
Trotz miesem Finale eine große Show, die in stärkerem Maße als je zuvor ein Monster zum Helden macht – und damit durchkam. Eigentlich beängstigend, aber eben auch verdammt witzig.

10. Sherlock
Die BBC hat die alte Spürnase Holmes samt kongenialem Watson in die Gegenwart verfrachtet. Modern, witzig, spannend und reich an erzählerischen Ideen.

Auch gut: True Detective, Homeland, Justified, John from Cincinatti, Flight of the Concords, House of Cards, Treme, Californication, Veronica Mars, Arrested Development, Ray Donovan, Boardwalk Empire

Bevor jemand sie in den Kommentaren vermissen kann, diese Serien habe ich (noch) nicht gesehen: Six Feet Under, Masters of Sex, Deadwood, Downton Abbey (und viele andere)

Kurzkritik: Automata

Automata PosterSci-Fi, Spanien/Bulgarien 2014

Regie: Gabe Ibanez; Darsteller: Antonio Banderas, Robert Forster, Dylan McDermott

So gut ich es finde, dass man sich auch in Europa mal an das Sci-Fi-Genre herantraut, kann ich doch über “Automata” nicht viel positives vermelden. Der Film bedient sich kräftig bei bekannten Stoffen (vor allem bei “Blade Runner”) und hat durchaus eigene Ideen – aber trotz einiger ganz ordentlicher Teile ist das entstandene Ganze äußerst unrund geraten.

Dass die Effekte kein Blockbuster-Niveau erreichen ist dabei noch das kleinste Problem. Vor allem mangelt es an einer guten Story, die man sich innerhalb der nicht uninteressanten Welt von “Automata” durchaus hätte vorstellen können. Düster und trostlos geht es lange daher, aber ohne überzeugenden roten Faden. Der erzählerische Funke springt einfach nie über. Dass es dann am Ende gar noch etwas kitschig wird ist geradezu ärgerlich.

2/5

Filmkritik: Gone Girl

Gone GirlDrama/Thriller, USA 2014

Regie: David Fincher; Darsteller: Ben Affleck, Rosamund Pike, Kim Dickens, Carrie Coon, Tyler Perry, Patrick Fugit

Es ist nicht ganz einfach, über “Gone Girl” zu schreiben, ohne dem werten Leser zuviel zu verraten. Ganz einfach dagegen ist die Frage zu beantworten, ob ich den auf dem gleichnamigen Roman von Gillian Flynn basierenden Film empfehlen kann – ja. Sehr sogar.

“Gone Girl” eröffnet mit dem Verschwinden von Amy Dunne (Pike) aus einer Kleinstadt in Missouri. Am fünften Hochzeitstag mit Ehemann Nick (Affleck) deutet im Hause der Dunnes vieles auf eine Entführung hin. Nick kooperiert mit den ermittelnden Cops, während Amys Eltern aus New York anreisen und einen großen “Findet Amy”-Zirkus veranstalten, inklusive Fernsehberichterstattung und groß angelegten Such-Aktionen.

In Rückblenden erzählt der Film parallel die Geschichte von Amys und Nicks Ehe. Hier lässt “Gone Girl” das Publikum wissen, dass etwas im Argen liegt, gibt aber nicht genug Informationen preis, als das man sich einen kompletten Reim draus machen könnte. In der Gegenwart schreitet die Story indes mit zahlreichen Wendungen und Wechseln der Erzählperspektive voran.

Welche dramaturgischen Haken der Film schlägt kann hier natürlich nicht verhandelt werden. Je weniger man über die Story weiss, desto mehr Vergnügen dürfte “Gone Girl” bereiten. Regisseur David Fincher und seinen Autoren gelingt es, eine spannende Atmosphäre innerhalb eines realistischen Szenarios zu schaffen. Was aber wiederum nur der Ausgangspunkt ist für ein ambitioniertes Drama, das sowohl über zwischenmenschliche wie auch gesellschaftliche Themen einige zugespitzte Beobachtungen anstellt und diese kräftig mit Elementen aus dem Horror- und Satire-Genre würzt. Die Vielschichtigkeit der Erzählung rechtfertigt dabei jederzeit die knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit.

Finchers souveräne, dynamische Inszenierung ist punktgenau auf die Darsteller abgestimmt. Affleck spielt glaubhaft den bodenständig-charmanten Normalo, während Pike ihre ungleich komplexere Rolle der Ex-Society-Schönheit “Amazing Amy” nuanciert ausfüllt. Eine große Stärke des Films ist auch die Besetzung der Nebenrollen, hier glänzen vor allem Kim Dickens und Patrick Fugit als Ermittler, Carrie Coon als Nicks Schwester, Neil Patrick Harris als Amys steinreicher Verflossener, Tyler Perry als Star-Anwalt und Scoot McNairy in einer so kurzen wie großartigen Schlüsselszene.

5/5

Filmkritik: Sin City – A Dame To Kill For (2D)

Sin City A Dame To Kill ForFantasy/Action, USA 2014

Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller; Darsteller: Josh Brolin, Eva Green, Mickey Rourke, Jessica Alba, Joseph Gordon-Levitt

Die gute Nachricht ist diese: Wer “Sin City” wegen der Stimmung, der Effekte und den finsteren Gestalten mochte, der wird auch diese Fortsetzung mögen. Die weniger gute Nachricht: “A Dame To Kill For” erreicht erzählerisch nicht das Niveau des ‘Originals’ und bringt keine sonstigen Ideen neu ins Spiel. Die gnadenlose, düstere Welt von “Sin City” ist dieselbe geblieben, auch viele Figuren treten erneut wieder auf.

Brutalinski Marv (M. Rourke) eröffnet den Film, der auf bekannte Weise vier Geschichten miteinander verwebt. Die längste und beste davon erzählt von Dwight (im ersten Teil von Clive Owen gespielt, hier in der Timeline DAVOR angesiedelt und mit Josh Brolin besetzt) und seiner schönen Ex-Freundin Ava (Eva Green), die “Dame To Kill For” des Titels. Neu dabei ist der Glücksspieler Johnny (J. Gordon-Levitt), der sich mit dem übermächtigen Senator Roarke anlegt, zudem nimmt der Film den Faden von Stripperin Nancy (J. Alba) wieder auf, die eine lange offene Rechnung begleichen will.

Der Ton wird wie gewohnt bestimmt durch lakonische Off-Kommentare, von kräftigen Blutspritzern (teilweise eher Blutfontänen) durchbrochenen Schwarz-Weiss-Bildern, viel Reizwäsche und nackter Haut (Eva Green stellt einen persönlichen Nackigkeits-Rekord auf, was etwas heissen will), die krass stilisierten Actionszenen und äußerst brutale Gewalt-Orgien.

Dass dies alles nicht mehr neu ist, bedeutet nicht, dass es nicht noch einmal funktionieren würde. Rodriguez gelingen einige virtuose Szenen, die sich hinter dem Vorgänger nicht verstecken müssen. Die Stories ergeben allerdings kein so gelungenes Gesamtbild, was jedoch das Vergnügen (zumal für Fans des Stoffes) nur leicht schmälert.

4/5

 

 

In aller Kürze: “God’s Pocket” und “Maps to the Stars”

Um es kurz zu machen habe ich mich auf beide Filme ziemlich gefreut. “God’s Pocket” ist ein Drama mit dem großartigen Philip Seymour Hoffmann in einer seiner letzten Rollen, “Maps to the Stars” ist der neue Film von David Cronenberg, dessen “Cosmopolis” zuletzt eine ziemliche Enttäuschung war.

God’s Pocket” beginnt mit einem Todesfall, der das Leben einer Reihe von Personen in einer kleinen Arbeiter-Nachbarschaft in Philadelphia durcheinander wirbelt. Das Regiedebut von “Mad Men”-Star John Slattery ist hochkarätig besetzt (neben Hoffmann sind Christina Hendricks, John Turturro und Richard Jenkins dabei), bietet aber in seiner düsteren Story wenige bemerkenswerte Szenen und hinterlässt keinen wirklich bleibenden Eindruck. Kein schlechter Film, hat man aber alles schon mal sehr ähnlich gesehen.
3/5

Mit “Maps to the Stars” wagt sich Cronenberg ans Genre der “Hollywood-über-Hollywood”-Filme, eher von der dramatischen als von der satirischen Seite. Wobei die Grenzen da fließend sind und ohnehin eine Frage der Interpretation. Die Familie eines Kinderstars (John Cusack, Olivia Williams) wird von ihrer finsteren Vergangenheit eingeholt, eine alternde Schauspielerin (Julianne Moore) sucht verzweifelt nach der richtigen Rolle für das große Comeback, die Ankunft einer jungen Unbekannten in der Stadt ist mit allem rätselhaft verbunden. Der Blick auf die Charaktere in dem betont schmucklos inszenierten Film ist scharf und gnadenlos. “Maps to the Stars” mag insgesamt ein realistisches Gesellschaftsportrait sein – sich das anzusehen ist allerdings ein recht zähes Vergnügen.
3/5

Filmkritik: Edge of Tomorrow (2D)

Edge of Tomorrow PosterAction/Sci-Fi, USA/Australien 2014

Regie: Doug Liman; Darsteller: Tom Cruise, Emily Blunt, Brendan Gleeson

Gute Actionfilme sind verdammt selten, weil es schwierig ist, Spektakel und Story in Einklang zu bringen. Die größten Explosionen und Schießereien langweilen schnell, wenn Plot und Figuren unzureichend entwickelt werden. Genau diese Balance gelingt “Edge of Tomorrow” von Regisseur Doug Liman (“Swingers”, “The Bourne Identity”) ganz hervorragend.

“Saving Private Ryan” trifft “Groundhog Day” trifft modernes “Alien Invasion”-Spektakel – so lässt sich der Film zusammenfassen. Allerdings hätte genau diese Mixtur auch krass daneben gehen können, wenn die Idee(n) dahinter und die Ausführung weniger gut gewesen wären. Die Prämisse des Films ist folgende: Aliens haben die Erde angegriffen und Europa benahe komplett erobert. Nach überwundenem Schock über den Angriff haben ‘Vereinigte Streitkräfte’ der restlichen Nationen den Kampf angegenommen.

Tom Cruise spielt den US-amerikanischen Major Cage, der unvermittelt an die Front geschickt wird, obwohl er eigentlich als medienwirksamer Charmeur für die Außendarstellung und Rekrutierung zuständig ist. Cage gerät in eine Zeitschleife und erlebt den Angriff (quasi eine Neuauflage der Landung an der Normandie, mit Aliens statt Nazis als Gegner) immer wieder neu. Sobald er stirbt geht es von am Tag vor dem Angriff von vorne los. Bald gewinnt er die toughe Soldatin Rita (Emily Blunt) als Gefährtin, gemeinsam suchen sie nach einem Weg, den Krieg gegen die Aliens (extrem schnelle, Oktopus-aus-Metall-artige Viecher) im Sinne der Menschheit zu entscheiden.

“Edge of Tomorrow” beginnt wie ein Ego-Shooter, bei dem man ständig abnippelt und denselben Level neu anfängt – doch dann zeigen die Macher, dass sie die Stärken des Szenarios auch hinsichtlich der Story erkannt haben. So entwickelt sich ein actionreiches, ausreichend plausibles und äußerst unterhaltsames Action-Spektakel, welches dazu – im Rahmen des für Mainstream-Hollywood möglichen – echte Spannung und Eigendynamik entwickelt.

Tom Cruise ist hier genau richtig besetzt, als charismatischer (anfangs recht unsympathischer) Held wider Willen kommen seine Stärken zur Geltung. Emily Blunt nutzt die Gunst der Stunde, das Potential einer gut geschriebenen weiblichen Actionheldin zu entfalten. Die Spezialeffekte sind gut, müssen aber – wegen des guten Drehbuchs – nicht alleine den Tag retten. “Edge of Tomorrow” zeigt, wie man einen Haufen bekannter Motive und Ideen moderner Action- und Sci-Fi-Filme so miteinander in Einklang bringt, dass am Ende ein sehenswerter Actionfilm herauskommt, der nicht die Intelligenz des Publikum beleidigt. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht nicht nach viel, ist aber im besten Sinne genug.

4/5

In aller Kürze: “Life of Crime”, “The Leftovers”

Als Fan von Kultkrimi-Autor Elmore Leonard (“Get Shorty”, “Out of Sight”) kann ich sagen, dass “Life of Crime” ein gelungener Film geworden ist. Der Plot kreist um Gelegenheits-Gangster, die bei ihrem ersten Kidnapping schnell an ihre Grenzen stoßen. John Hawkes und Mos Def geben die Entführer, Jennifer Aniston das Opfer, Tim Robbins den Ehemann – der nicht im Traum daran denkt, das Lösegeld zu bezahlen. Dazu kommen einige witzige Nebenfiguren, vorgetragen wird die Story in für eine Leonard-Adaption passendem, lakonischen Ton. Kein großer Wurf, aber für Freunde charmanter Krimi-Komödien locker einen Blick wert.
3/5

Serientechnisch kann ich “The Leftovers” empfehlen, wobei hier nur jene zugreifen sollten, die mit offenen Enden und großem Interpretationsspielraum keine Probleme haben. Die betont emotionale Story kreist um das mysteriöse Verschwinden von 2 Prozent der gesamten Weltbevölkerung (in der Serie als “sudden departure” bezeichnet). Genauer von denen, die dabei Angehörige und Freunde verloren haben und von dem unerklärlichen Verlust in schwere Trauer bis Verzweiflung gestürzt wurden.

Am Beispiel einer Kleinstadt im Bundesstaat New York entwickelt sich die Geschichte gemächlich und nimmt sich Zeit für die Charaktere. Angesichts der oft rätselhaften bis ziellosen und unheimlichen Episoden kam Kritik an der Serie auf. Es gäbe keine plausible Story, man bediene sich des ins Nichts führenden “immer-wilder-immer-weiter”-Effekts von “Lost” (dessen Autor hier als Produzent agiert). Doch ich finde, dass “The Leftovers” ein starkes Szenario bietet, dass im positiven Sinne interessant und mit einigen cleveren Ideen und Anspielungen daherkommt. Hier gibt es keinen mehrheitsfähigen Mystery-Stoff, sondern einen ruhigen, zum Teil auch verstörenden Blick auf eine ungewöhnliche (Ausgangs-)Situation. Das Finale der ersten Staffel hat mir gefallen – ich freue mich auf die nächste Runde…

Filmkritik: X-Men – Days of Future Past

X-Men - Days of Future Past PosterAction/Fantasy, USA 2014

Regie: Bryan Singer; Darsteller: Hugh Jackman, Patrick Stewart, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, James McAvoy, …

Im “X-Men”-Universum war zuletzt einiges los. Während die beiden “Wolverine”-Filme eher blass blieben gelang mit “First Class” ein gelungenes Prequel. Nun setzt Bryan Singer, Regisseur der starken ersten beiden Filme, mit “Days of Future Past” zum Versuch an, die alte mit der neuen Crew zusammenzuführen.

Im Kino, erst recht im Fantasy/SciFi-Genre hat es nie einen schöneren Weg gegeben, Gegenwart und Vergangenheit zu verbinden, als die Zeitreise. Eine solche steht im Zentrum des Plots, denn die “X-Men” stehen anno 2023 ebenso wie die Menschheit kurz vor der Vernichtung. Maschinen, die einst die Menschen vor den Mutanten beschützen sollten, sind kurz davor, Magneto, Professor X, Storm und Co endgültig das Lebenslicht auszuknipsen.

So macht sich also Wolverine (trotz der mittelmäßigen Filme besteht offenbar Einigkeit, dass er die ‘beste’ Figur ist) auf ins Jahr 1973, um dort entscheidende Ereignisse im Sinne der X-Men zu beeinflussen. Erstmal muss er dazu allerdings den jungen Prof. X aus einer tiefen Sinnkrise und Magneto aus einem Höchstsicherheitsgefängnis befreien, während seine Kollegen in der Zukunft ein letztes Aufbegehren zustande bringen.

Weil “Days of Future Past” beim Casting der jungen Garde ebenso wie weitgehend beim Casting der Original-Crew gute Arbeit geleistet hat, kann sich der Film auf seine starken Schauspieler verlassen. Das Drehbuch ist ebenfalls gut, auch wenn der Plot letztlich nichts besonderes ist und um sich selbst kreist. Insgesamt bleibt es (zum Glück) auch dabei, dass die X-Men trotz einiger Spritzer Humor eher zu den “ernsten” Superhelden” gehören.

Dynamik, Effekte, Spannung und dramatische Szenen verbindet Regisseur Singer zu einem ausgeglichenen Ganzen, das über die komplette Laufzeit hervorragend zu unterhalten vermag. Ein bißchen schade ist es dennoch, dass bei der Reihe mit dem dritten Teil und den planlosen “Wolverine”-Filmen ein Stück weit der Faden gerissen ist, aber in dieser Formation gelingt ihnen vielleicht auch storytechnisch noch ein großes Comeback – zu sehen gibt es das dann angeblich um 2016 herum in “X-Men: Apocalypse”.

4/5