Filmkritik: Kingsman – The Secret Service

Filmplakat KingsmanComedy/Action, UK 2015

Regie: Matthew Vaughn; Darsteller: Colin Firth, Taron Egerton, Samuel L. Jackson, Mark Strong

Kruder Action-Klamauk um einen ‘Bund von Gentlemen”, der sich heimlich, still und leise ums Wohlergehen der Welt kümmert. Während eine Reihe junger “Kingsman”-Anwärter um den einen freien Platz in der Organisation kämpfen, muss tatsächlich auch gleich die Welt vor einem “Evil Guy Who Wants To Take Over The World” (Jackson als lispelnder Internet-Milliardär) gerettet werden. Das übernimmt unter anderem Colin Firth in ungewohnter Rolle als Actionheld.

Anständig inszenierte, dabei extrem brutale Action und ein hoher Trashfaktor werden von lustvollem Spiel mit Genre-Zitaten und britischem Klassenkampf der Marke “Snobs vs. Arbeiterkind” flankiert. Unter dem Strich kommt dabei ein durchaus unterhaltsames Potpourri heraus, das Action-Fans trotz Überlänge Spaß machen dürfte. Der Plot und die Charaktere sind keine großen Attraktionen, “Kingsman” ist bewusst als derbe Kost inszeniert und löscht sich mit den End Credits auch gleich selbst aus dem Gedächtnis.

3/5

Filmkritik: Focus

Focus FilmplakatComedy/Crime, USA 2015

Regie: Glenn Ficarra, John Requa; Darsteller: Will Smith, Margot Robbie,

Würde Will Smith hier nicht mitspielen wäre “Focus” ein kleiner Genre-Film mittlerer Qualität. Smiths Status als Superstar hat zuletzt gelitten (lange Pause, dann “After Earth”), aber sein Name ist groß genug, um diesem Film deutlich mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, als er eigentlich verdient hätte. Freunde von ‘Caper Movies’ und eingefleischte Fans von Smith werden hier ein wenig Spaß haben können, ein großes Publikum aber wird “Focus” eher nicht finden, dafür ist er weder gut noch spektakulär genug.

Der altgediente Trickbetrüger und ‘Con Artist’ Nicky (Smith) trifft zu Beginn auf die blutige Anfängerin Jess (Margot Robbie aus “The Wolf of Wall Street”), die unbedingt von ihm lernen will. Zwischen den beiden funkt es, doch so ganz ist Nicky die Sache wohl nicht geheuer. Außerdem muss er – mit seinem eingespielten Team von gewitzten Gaunern und Betrügern – noch einen großen Coup in New Orleans landen. Etwas später ist Nicky dabei in der Autorenn-Szene einen großen Batzen Geld zu machen, als ihm Jess plötzlich wieder über den Weg läuft und seine Pläne zu durchkreuzen droht.

Die vielen Kniffe, Tricks und Drehs von Nicky und Jess’ sind oft reichlich hohl, albern oder schlicht unrealistisch. Was natürlich den Szenen schadet, in denen der Film diese nachträglich präsentiert – das sollten in diesem Genre eigentlich die besten sein. “Focus” scheint aber in dieser Hinsicht auch keine Ambitionen zu haben. Der Film setzt auf andere Stärken, insbesondere den Charme des Hauptdarstellers, einige witzige One-Liner und den betont lässig-gefälligen Look & Feel.

Eine Mischung aus “Out of Sight” und “Oceans Eleven” sollte das wohl werden, doch deren Klasse erreicht “Focus” in keiner Hinsicht. So plätschert das Geschehen die meiste Zeit vor sich hin, tut niemandem weh und ist stets nett anzusehen. Weder die dramatischen noch die emotionalen oder komödiantischen Anteile sind schlecht, können jedoch weder alleine noch in dieser Verbindung überzeugen. Der Mangel an Ideen und echten Höhepunkten ist schon recht enttäuschend, man kann hier von unterhaltsamer Zeitverschwendung reden, aber eben nicht von echtem Vergnügen.

2/5

Filmkritik: Jupiter Ascending (2D)

Jupiter Ascending FilmplakatFantasy/Action, USA 2015

Regie: The Wachoswkis; Darsteller: Mila Kunis, Channing Tatum, Eddie Redmayne, Sean Bean

Eigentlich muss man froh sein, wenn heute noch jemand den Mut aufbringt für mächtig viel Geld einen Film zu machen, der nicht zu einem der großen Franchises gehört. Bei “Jupiter Ascending” wird nicht mit altbewährten, extrem beliebten Figuren das Geld eingesammelt wie bei “Star Trek”, “Star Wars”, dem “Hobbit” oder den Zig Comicverfilmungen von Marvel und DC.

Aber froh sein fällt einem dann doch schwer, wenn man sich mit einer Mischung aus Langeweile, Ungläubigkeit und Verdruss mitten in der kruden Story wiederfindet, die sich die “Matrix”-Geschwister Wachowski ausgedacht haben. Die schillernden Außeridischen, die das Universum beherrschen, die auf der Erde gestrandete Auserwählte Weltenretterin, ein Held auf Power-Hover-Schuhen (quasi Eislaufen in der Luft) und alle möglichen weiteren Versatzstücke aus dem Baukasten des Fantasy/Science-Fiction Genres – das alles wird visuell opulent serviert.

Leider verlangt “Jupiter Ascending”, dass man sich auf Anhieb mit der Welt, in der das alles spielt, anfreundet, die Prämisse für bare Münze nimmt und sich in das flotte Geschehen fallen lässt. Das geht alles sehr schnell, weder für die äußere Handlung noch für die innere (will sagen für die Figurenentwicklung) bleibt genug Zeit. Blass und vage, angereichert mit ziemlich platten Dialogen und Motiven, nimmt die Story ihren vorhersehbaren Lauf.

Nun ist es sicher nicht leicht, eine frische, innovative Story ins Kino zu bringen, denn es müssen ja auch Finanziers gefunden werden. Und doch wundert es mich, dass “Jupiter Ascending” so komplett ohne Alleinstellungsmerkmal daherkommt. Bei “Matrix” waren Story und Effekte einigermaßen neu, und außerdem kunstvoll verbunden. Hier war die Hoffnung offenbar, dass man mit einem “Star Wars” für Arme irgendwie durchkommt. Gemessen am Einspielergebnis und dem IMDB-Rating von niedrigen 5,8 ergibt sich folgende Antwort: Nein. Fail.

2/5

Filmkritik: Avengers – Age of Ultron (3D)

Age of Ultron - FilmplakatAction/Comedy, USA 2015

Regie: Joss Whedon; Darsteller: Robert Downey Jr., Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Chris Evans, Scarlett Johansson, Jeremy Renner, Elizabeth Olsen

Meine Erwartungen an DEN Marvel-Blockbuster des Jahres waren recht hoch, nicht zuletzt weil ich mir –  nachdem zuletzt im zweiten “Captain America” die Geschichte von SHIELD quasi zu ende erzählt wurde – ein spannendes neues Kapitel von “Age of Ultron” versprochen habe. Nicht spannend a la Hitchcock, sondern spannend im Rahmen eines riesigen Superhelden-Universums: neue Welten, neue Bösewichter, und natürlich spektakuläre 3D- Action.

Leider ist die Story die größte (und einzige) wirkliche Enttäuschung des Films. Tony Starks Idee, eine künstliche Intelligenz zur Verteidigung der Erde zu installieren, geht mächtig schief. Die “Avengers” müssen alle ihre Kräfte aufbieten, um “Ultron” an der Vernichtung des Planeten zu hindern. Der arg dünne Plot sorgt dafür, dass Bruce Banner und Kollegen ordentlich zu tun haben, und am Ende die Weichen für die kommenden Filme (“Captain America: Civil War” in 2016 und “Thor: Ragnarok” in 2017) gestellt werden. Einfallsreich oder aufregend ist das alles aber nicht.

Was nicht bedeutet, dass “Avengers – Age of Ultron” nicht eine Menge guter Actionszenen bieten würde. Ganz im Gegenteil, die Truppe ist fast pausenlos im Einsatz. Die 3D-Effekte sind gut, die Actionszenen setzen aber insgesamt anders als in Teil eins keine neuen Standards. Am besten funktioniert der Film als Buddy-Komödie mit sehr guten One-Linern, dem bekannt feinen Gespür für seine Figuren und deren Eigenheiten. Zwischen zwei Helden beginnt es gar romantisch zu werden, was für heikel-witzige Momente sorgt. Es deuten sich zudem Abschiede an, während gleichzeitig ein wenig frisches Blut hinzukommt.

Ein wenig schade ist es, dass “Age of Ultron” kein echtes Highlight in der Reihe ist, sondern eher wie eine spaßige Klassenfahrt ohne echtes Ziel daherkommt. Es bleibt zu hoffen, dass in den schon erwähnten nächsten Filmen storytechnisch ein starke Vorlage für die angekündigten “Avengers – Infinity Wars” (2018 und 2019 im Kino) geliefert wird. In völliger Unkenntnis der Comics ist es mir dabei ziemlich egal, in welche Richtung es geht – so lange es mich wenigstens oberflächlich zu fesseln vermag.

(knapp) 4/5

 

Filmkritik: Mortdecai

Mortdecai FilmplakatComedy/Action, UK/USA 2015

Regie: David Koepp; Darsteller: Johnny Depp, Gwyneth Paltrow, Paul Bettany, Ewan McGregor

Ungläubiges Kopfschütteln ist die natürliche Reaktion auf das Trashfest namens “Mortdecai”. Selten habe ich einen A-List Hollywood-Film gesehen, der auf so vielen Ebenen versagt wie dieser. Da wäre etwa Johnny Depp als englischer Kunsthändler/Betrüger Mortdecai – die Titelfigur des Films fällt gleich in den ersten Szenen in sich zusammen. Die krude Mischung aus Weinerlichkeit, Snobismus und albernem Gekasper geht nicht auf. Das ist nicht komisch, sondern daneben.

Auch die von Gwyneth Paltrow (hochnäsige Ehefrau), Paul Bettany (unterwürfiger Butler und Casanova) und Ewan McGregor (schleimiger MI5-Agent) gespielten Rollen sind nicht viel besser. Die Story ist ebenfalls ein Desaster, wobei das ganz offensichtlich eingeplant war. “Mortdecai” setzt auf den Spaß, den Figuren & Dialoge verbreiten sollen – was so vollends scheitert, dass es kaum zum Fremdschämen reicht. Die vielen Ortswechsel und Figuren verstärken den Eindruck der Ziellosigkeit noch.

Die interessantesten Fragen sind bei dem Ganzen folgende: Wie konnte das Projekt jemals grünes Licht bekommen konnte? Und warum ist auch den Darstellern nicht aufgefallen, wie schlecht die Idee zum Film in allen Belangen ist? Ich würde was dafür geben, bei der ersten Vorführung dieses jämmerlichen Streifens vor den Geldgebern (Johnny Depp war selbst einer davon) dabei gewesen zu sein. Die haben sicher weinend ihre Buchhalter angewiesen, einen großen Batzen Kohle abzuschreiben…

1/5

Filmkritik: American Sniper

American Sniper FilmplakatKriegsdrama, USA 2014

Regie: Clint Eastwood; Darsteller: Bradley Cooper, Sienna Miller, Kyle Gellner

“American Sniper” erzählt ‘based on true events’ die Geschichte des Navy Seals-Scharfschützen Chris Kyle, der in seinen vier Touren im Irak über 160 “confirmed kills” verbucht hat. Für viele US-Amerikaner ist Kyle einer der wenigen Helden, die der Krieg im Irak hervorgebracht. Clint Eastwoods Film war in den USA nicht nur unfassbar erfolgreich (bestes Einspielergebnis eines Kriegsfilms seit Anbeginn der Zeit), sondern auch ein echtes Politikum.

Die Handlung ist schnell erzählt. Kyle steigt im Irak unter den Soldaten schnell zur Legende auf. Seine Treffsicherheit erledigt reihenweise Gegner und rettet gleichzeitig vielen Kameraden der Bodentruppen das Leben. Zuhause bei Frau und Kind(ern) läuft es weniger rund. Zu anders ist das zivile Leben, zu groß der Druck, im Irak auch seinen ärgsten Widersacher “The Butcher” zu erwischen.

“American Sniper” ist nicht ganz die ultrapatriotische Heldengeschichte, die ich befürchtet hatte. Weder ist in jeder zweiten Einstellung die US-Flagge zu sehen noch werden die US-Soldaten besonders heroisch dargestellt. Die Gefechtsszenen sind denen aus “The Hurt Locker” nicht unähnlich und spannend inszeniert. Auch Chris Kyle selbst wird nicht zum übermächtigen Rambo stilisiert, sondern als überaus begabter Scharfschütze mit “exzellenten Arbeitsergebnissen” dargestellt. Ein Soldat, der glaubt, dass seine Taten die Mitbürger in San Diego oder New York sicherer machen.

Das Problem bei der Sache ist somit weniger, was der Film über die US-Truppen und die Heimatfront erzählt, sondern was er über die Gegenseite und den Krieg an sich nicht erzählt. Die politische “Lage” wird bequem mit den Bildern vom 11. September abgekürzt, die “Aufständischen” im Irak sind weitgehend namen- und gesichtslose Bösewichter, die alle irgendwie zu al-Qaida gehören und ihren Kindern Granaten in die Hand drücken.

Die gezeigten Gefechte mögen realistisch dargestellt sein, trotzdem verstellt diese Einseitigkeit den Blick auf den Konflikt als ganzes. Der Film setzt den Hollywood-Trend fort, über die Soldaten nur gutes und über den Krieg als ganzes lieber nichts zu erzählen. Das aggressive Auftreten der US-Truppen als Besatzer (in der Wahrnehmung der Iraker), der fehlende Plan für die Zukunft des Landes, Skandale wie Abu Ghraib, oder die nicht vorhandene, von der Politik ersponnene Verbindung zwischen 9/11 und Saddam Hussein sowie dessen ebenso wenig vorhandenen Massenvernichtungswaffen – das alles findet im Film nicht statt. Kein Wunder, denn das würde Kyle und seine Kameraden zu traurigen Figuren in einem fragwürdigen Konflikt machen, zu Kollegen von Folterknechten und marionettenhaften Handlangern unfähiger bis überforderter Politiker und Generäle.

Regisseur Eastwood sieht eine extrem starke Antikriegsbotschaft seines Films darin, dass er zeigt wie die Familien der Soldaten leiden, und wie schwer es ist aus dem Krieg ins zivile Leben zurückzukehren (siehe hier). Damit liegt er sicher nicht falsch. Die Darstellung seiner Figuren als aufrechte Kämpfer für die ‘Freiheit der westlichen Welt’ und ihrer Verbündeten wirkt angesichts der bekannten Hintergründe trotzdem mächtig hohl.

Handwerklich und schauspielerisch ist an “American Sniper” wenig auszusetzen. Der immense Erfolg des Film sagt dennoch mehr über die Befindsamkeiten der amerikanischen Volksseele aus als über die Klasse des Films, der außerhalb der USA zurecht schnell in Vergessenheit geraten wird.

3/5

Kurzkritik: The Gambler

The Gambler FilmplakatDrama, USA 2014

Regie: Rupert Wyatt; Darsteller: Mark Wahlberg, John Goodman, Brie Larson, Michael Kenneth Williams

In aller Kürze: Das Zocker-Drama ohne Höhepunkte leidet an einem lauen Script und der Fehlbesetzung der Hauptrolle.

Worum gehts? Ein Literaturprofessor bekommt seine Spielsucht nicht in den Griff und schuldet bald mehreren Unterwelt-Bossen ein Vermögen.

Die gute Nachricht: Die Nebendarsteller, allen voran Michael Kenneth Williams (Omar aus “The Wire”) und John Goodman als Kredithaie. Die Prämisse hat Potential, das aber weitgehend verschenkt wird.

Die schlechte Nachricht: Wahlberg ist ein guter Schauspieler, aber hier findet er nicht den richtigen Dreh – weder als Spieler noch als Dozent kann er überzeugen, was dem Film letztlich das Genick bricht.

Wer diese Filme mocht kann einen Blick riskieren:
“21”, “The Gambler” (Orginal von 1974 mit James Caan)

2/5

Kurzkritik: Kill Me Three Times

Kill Me Three Times FilmplakatComedy/Crime, USA/Australien 2014

Regie: Kriv Stenders; Darsteller: Simon Pegg, Teresa Palmer, Alice Braga, Luke Hemsworth, Sullivan Stapleton

In aller Kürze: Belangloser Möchtergern-Tarantino ohne zündende Ideen, der nie wirklich Fahrt aufnimmt.

Worum geht’s? Ein halbes Dutzend Provinz-Australier in einer Posse um Geld, Gier, Verrat und Sex.

Die gute Nachricht: Nicht schlecht gespielt, schöne Locations.

Die schlechte Nachricht: Weder wirklich witzig noch spannend, weil die Figurenzeichnung zu oberflächlich ist. In zwei, drei Szenen zudem mit unnötig grottigen CGI-Effekten (die einem besseren Film aber nichts angetan hätten).

Wer diese Filme mochte kann einen Blick riskieren:
“2 Days in the Valley”, “Thursday”

2/5

Filmkritik: Das Ewige Leben

Das Ewige Leben FilmplakatDrama/Komödie, Österreich 2015

Regie: Wolfgang Murnberger; Darsteller: Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten

Ich gebe es gerne zu, ich bin großer Fan von Wolf Haas’ Brenner-­Romanen und den bisherigen Leinwandadaptionen von Wolfgang Murnberger. Nach “Komm Süsser Tod”, “Silentium” und “Der Knochenmann” ist “Das Ewige Leben” der vierte Krimi, der mit Josef Hader in der Hauptrolle verfilmt wird. Und der Film braucht sich vor den starken Vorgängern nicht verstecken.

Simon Brenner ist in dieser Geschichte nicht gerade in Topform. Ohne Job, Geld und Aussichten auf Besserung kehrt er in seine alte Heimat zurück. In dem verkommenen Einfamilienhaus seiner verstorbenen Eltern und Großeltern im Grazer Stadtteil Puntigam fristet Brenner eine extrem trostlose, schon penner-artige Existenz. Kenner der Reihe ahnen es schon – es dauert nicht lange und “jetzt ist schon wieder was passiert”.

Die Reise in die Vergangenheit ist für Brenner eine in mehrfacher Hinsicht schmerzliche Angelegenheit. Ehemalige Freunde und Kollegen sind ihm entweder wenig freundlich gesinnt oder bald ein Fall für die Mordkommission. Der Ton des Films ist düster und melancholisch, nicht nur die Figuren sind von Krankheit und Zerfall gezeichnet, auch die Stadt selbst ist etwa so charmant eingefangen wie Mühlheim an der Ruhr im letzten Film von Helge Schneider.

Josef Hader zeigt eine weitere Glanzleistung in der Rolle seines Lebens. Er verkörpert Brenner nicht überzeugend, er ist Brenner. Ein rauhbeiniger, aber nicht herzloser, unverschämter, schlagfertiger, von Migräne geplagter Individualist und Skeptiker, mit einem Faible für Dosenbier. Ein sympathischer Antiheld, nach bester Tradition ein Einzelgänger mit seinem ureigenen moralischen Kompass.

Ihm zur Seite stehen mir unbekannte Schauspieler, die ebenfalls Großes leisten. Tobias Moretti spielt den Polizeichef Aschenbrenner als Machtmensch mit allzu menschlichen Makeln, Nora von Waldstätten seine junge Ehefrau, Johannes Silberschneider Brenners gutmütigen Nachbarn.

Großartige Dialoge und tiefschwarzer Humor waren immer das Fundament dieser Reihe, und dabei bleibt es natürlich. Von Brennes betrunkenener Ausfahrt auf dem Moped (ohne Helm und Nummernschild, fährt Schlangenlinien, erwidert den Polizisten trotzig “oan Warnkreuz hob i oa keins dabei”), den herrlichen Off-­Kommentaren, der humorvollen Milieuzeichnung bis zur Frittenbude “Endstation” in der letzten Einstellung – durch alles weht der lakonische und auch bissige Geist des Brenner-­Universums.

5/5

Kurzkritik: The Imitation Game

The Imitation Game FilmplakatDrama, USA/UK 2014

Regie: Morten Tyldum ; Darsteller: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode

In aller Kürze: Grundsolide Mischung aus History, Bio-Pic-Drama und Thriller. Clever und flott erzählt – wenngleich ohne große Überraschungen – für Freunde des gepflegten Geschichtsdramas genau das richtige.

Worum gehts? “The Imitiation Game” erzählt die Geschichte des (schwulen und eigenwilligen) Mathe-Genies Alan Turing, der im 2. Weltkrieg die ‘Enigma’-Maschine der Nazis knackte.

Die gute Nachricht: Eine starke Besetzung und eine gelungene Inszenierung, die einen guten Mittelweg zwischen Anspruch und Unterhaltung  findet.

Die schlechte Nachricht: Man hat nach dem Trailer das Gefühl, schon den ganzen Film zu kennen – und das trifft auch ziemlich genau zu. Es fehlt an besonderen Momenten, die man nicht schon sehr ähnlich woanders gesehen hat.

Wer diese Film mochte könnte einen Blick riskieren:
“Enigma”, “Argo”, “The Reader”

4/5

Kurzkritik: A Most Violent Year

A Most Violent Year FilmplakatDrama, USA 2014

Regie: J.C. Chandor; Darsteller: Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oleyowo

In aller Kürze: Stilvolles & ambitioniertes Drama vom Regisseur von “Margin Call“, das leider nie in Fahrt kommt und insgesamt (auch wegen hoher Erwartungen) enttäuscht.

Worum gehts? Anno 1981 versucht in NYC ein Ölhändler mit ‘Migrationshintergrund’ sich gegen zahlreiche Feinde zu behaupten.

Die gute Nachricht: Gut gespielt und handwerklich top feiert und zitiert der Film das Kino der 70er Jahre.

Die schlechte Nachricht: “A Most Violent Year” kann das Publikum nicht ernsthaft für die Figuren interessieren, die Story zieht vorbei, während man emotional distanziert zusieht.

Wer diese Filme mochte kann einen Blick riskieren:
“The Yards”, “The Drop”

2/5

Filmkritik: Exodus – Götter & Könige

Exodus - Gods & Kings FilmplakatDrama/Abenteuer, USA/UK/SP 2014

Regie: Ridley Scott; Darsteller: Christian Bale, Joel Edgerton, Ben Kingsley, Sigourney Weaver

Es ist nicht so, dass ich sehnsüchtig auf Ridley Scotts Moses-Film gewartet hätte. Aber auch nicht so, dass ich nicht grundsätzlich interessiert gewesen wäre. Nach eher mauen Kritiken habe ich den Gang ins Kino sein gelassen und mir “Exodus – Gods & Kings” nun zuhause angesehen. Zum Glück, wie ich leider sagen muss. Denn der Film macht irgendwie alles falsch, was man falsch machen kann.

Das geht mit der Besetzung los. John Turturro ist ein genialer Schauspieler, aber einen Pharao im alten Ägypten nehme ich ihm nicht ab – ich verbinde ihn viel zu sehr mit Stoffen der Gegenwart. Zudem meist mit komischen Stoffen (dieser Film hingegen ist so bierernst, dass man es fast wieder komisch finden muss). Ähnliches gilt für Sigourney Weaver und Aaron “Jesse Pinkman” Paul (als Joshua), Ben Kingsley (als Nun) und Ewen Bremner, dessen 15 Minuten Ruhm aus “Trainspotting” stammen und sich in keiner Weise mit seiner Rolle als Berater im Palast vertragen. Joel Edgerton als leicht transiger Ramses gefällt mir da noch am besten, überzeugt aber auch nicht.

Christian Bale als Moses wiederum macht langsam ernsthaft Daniel Day-Lewis Konkurrenz in Sachen erzwungener Intensität und maximalem Körpereinsatz. Solche “larger than life”-Rollen verlangen schon fast nach dieser “Over-acting”-Methode, trotzdem scheitert seine Darstellung in meinen Augen. Für einen altmodischen Mose im Stil alter Bibelschinken ist das zu modern, doch eine glaubwürdige “echte” Figur wird hier auch nicht draus. Dafür sieht das alles (anders als etwa Aronofskys “Noah”) zu sehr nach Hollywood-Sandalenfilm-Spektakel aus.

Man kann sich auch fragen, warum Ridley Scott den Film überhaupt gedreht hat. Zumindest ist mir nicht klar, welchen Dreh oder welche persönliche Note/Interpretation er der Geschichte hier geben wollte. Das ganze ist im Hochglanz-Look gedreht und bemüht sich nicht wirklich um Authentizität (nicht das dies unbedingt ein Gewinn gewesen wäre). Die Spezial-Effekte sind überzeugend, in 3D vielleicht sogar überwältigend.

Wenn man sich das alles als interessierter Ungläubiger ansieht, kommt “Exodus – Gods & Kings” recht blutleer daher. Ich nehme an, dass alle wesentlichen Elemente der zugrunde liegenden Geschichte zu finden sind, kann das aber im Detail nicht beurteilen. Der Erzählung fehlt Dynamik, die meisten Szenen laufen recht episodenhaft nacheinander ab, die Übergänge sowie die Dramaturgie ingesamt können nicht überzeugen. Man kann sich das alles schon gut angucken, nur eben überwiegend teilnahmslos.

Es bleibt die Erkenntnis, dass mir ein mit (wenngleich zweifelhafter) Leidenschaft gemachter Film wie “Die Passion Christi” – gedreht vom erzkonservativen Katholiken Mel Gibson – sehr viel besser gefallen hat. Den haben die Zuschauer entweder geliebt oder gehasst. Dieser Film wird dagegen fast allen ganz einfach egal sein.

2/5

Kurzkritik: The Loft

The Loft FilmplakatThriller, USA/Belgien 2014

Regie: Erik Van Looy; Darsteller: Karl Urban, James Marsden, Isabel Lucas, Rachael Taylor

In aller Kürze: Recht plakativer Thriller, der ein Mindestmaß an Spannung bietet – nicht aber an Glaubwürdigkeit.

Worum geht’s? Fünf Freunde mieten ein Loft für ihre Seitensprünge – und finden darin recht bald eine tote Blondine vor. Wer von Ihnen ist der Mörder?

Die gute Nachricht: An Tempo mangelt es nicht, auch das Produktions- und Setdesign (hauptsächlich gut aussehende Menschen in glänzenden Luxus-Settings) ist in Ordnung. Wahrscheinlich ist das belgische Original sehenswerter.

Die schlechte Nachricht: Die Figuren sind zunächst platt gezeichnet und gewinnen erst nach zu vielen Twists und wenig überzeugend etwas “Tiefe”. Geschlechtsspezifische Rollenklischees gibt es dafür zuhauf.

Wer diese Filme mochte kann einen Blick riskieren:
“Perfect Stranger”, “Very Bad Things”

2/5

Kurzkritik: The Theory of Everything

The Theory of Everthing FilmplakatDrama, UK 2014

Regie: James Marsh; Darsteller: Eddie Redmayne, Felicity Jones, Charlie Cox

In aller Kürze: Gefühlsbetontes bis sentimentales, dabei grandios gespieltes Bio-Pic.

Worum geht’s? Kaum hat der angehende Physiker Stephen Hawking seine Traumfrau getroffen befällt ihn eine seltene Nervenkrankheit.

Die gute Nachricht: Die Hauptdarsteller. Redmayne geht physikalisch bis an die Grenzen (man könnte sagen darüber hinaus, das ist letztlich Geschmackssache), Jones glänzt als charakterstarke, sympathische Ehefrau.

Die schlechte Nachricht: Von Hawkings Werk ist eher am Rande die Rede, alles ordnet sich der Liebes- und Leidensgeschichte unter. Und der Subtext “Gebt Eddie Redmayne einen Oscar!” ist so deutlich, dass er manchmal fast stört.

Wer diese Filme mochte kann einen Blick riskieren:
“Hector and the Search for Happiness”, “Becoming Jane”, “50/50″

4/5

Filmkritik: Inherent Vice – Natürliche Mängel

Inherent Vice FilmplakatDrama/Comedy, USA 2014

Regie: Paul Thomas Anderson; Darsteller: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Owen Wilson

Auf kaum einen Film habe ich mich in den letzten Jahren so sehr gefreut wie auf diese Adaption von Thomas Pynchons gleichnamigem Roman. Man kann auch sagen, dass ich den Film mögen wollte, ganz egal wie er werden würde. Ich schreibe das hier vorweg, weil “Inherent Vice” recht spezielle Kost ist. Wer ‘nur’ den Trailer gesehen hat könnte eine Art 70er-Jahre “Lebowski” erwarten – doch obwohl es Gemeinsamkeiten gibt ist das eine arg grobe Annäherung.

Die Handlung spielt 1970 in Los Angeles und Umgebung. Doc Sportello (J. Phoenix) ist ein lizensierter, dauerbekiffter Privatdetektiv; warum dieser gemütliche Hippie seine Brötchen ausgerechnet als Private Eye verdient bleibt – wie so vieles im Film – eher rätselhaft. Er bekommt zu Beginn Besuch von seiner Ex-Freundin Shasta, die von einer Verschwörung gegen den Immobilien-Tycoon Mickey Wolfman (E. Roberts) erzählt. Wenig später taucht ein Ex-Knacki bei Doc auf, der Beef mit Wolfmans Leibwächter hat.

Nach einer Stunde ist die Anzahl der Nebenfiguren auf ein gutes Dutzend angewachsen. Eine Auswahl daraus: der Hippie-hassende Bulle ‘Bigfoot’ (J. Brolin), der untergetauchte heroinabhängige Saxophonist Coy (O. Wilson) und dessen Frau Hope (J. Malone), Docs neue Freundin, die Staatsanwältin Penny (R. Witherspoon), sein ‘Anwalt’ Sauncho (B. Del Toro), ein chinesisches  Callgirl, ein koksender Zahnarzt, ein mächtiger ehemaliger Klient von Doc sowie dessen fidele Tochter und zwei FBI-Beamte. Eine Spur führt zu dem mysteriösen Schiff “The Golden Fang”, von Drogenhandel ist die Rede, aber auch von fiesen Immobiliendeals und subversiven anti-amerikanischen Gruppen.

Doc Sportello taumelt durch den labyrinthischen Plot (hierin liegt die größte Gemeinsamkeit mit “The Big Lebowsi”), der wie schon im Roman eher der Weg als das Ziel ist. Joaquin Phoenix leistet großartige Arbeit indem er es schafft, die vielen (aber-)witzigen, in Richtung Slapstick tendierenden Szenen mit soviel Würde zu spielen, dass Doc eine ernst zu nehmende Figur bleibt. Dem zwischen melancholischer Gesellschaftskritik, bitterbösem Sittenportrait und Hommage an die großen Kriminalromane von Chandler (“The Big Sleep”) oder Ellroy (Autor vom L.A. Quartet) angesiedelten Geist der Vorlage bleibt “Inherent Vice” weitgehend treu, auch wenn er sich bei der Ausgestaltung der Story seine Freiheiten nimmt (die Szenen im Nightclub in Las Vegas habe ich durchaus vermisst).

Der Film ist voll von Kuriositäten und einzigartigen Szenen mit großartigen Dialogen und perfektem Timing. Dabei ist der Erzähl-Ton immer ein bißchen neben der Spur, wegen der geistigen (zuweilen sogar sichtbaren) Dauerbenebelung vieler Figuren, aber auch weil es niemanden gibt (auch nicht Docs Freundin Sortilege, die das Geschehen herzlich-süffisant aus dem Off kommentiert), der durchblickt, was eigentlich gespielt wird. Der bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätigen Besetzung gelingt es, dass die viel Freak-artigen, bunten Charaktere nicht zu Karikaturen geraten.

Mit zweieinhalb Stunden Laufzeit nimmt sich “Inherent Vice” viel Zeit. Dabei geht es dem Film spürbar mehr um ein Gefühl für die geradezu sehnsüchtig portraitierte Ära (Regisseur Anderson ist Wiederholungstäter, der sich schon in “Boogie Nights” in dieser Dekade umsah) und ihren Spannungen sowie die Befindlichkeiten der Hauptfigur, als um die Auflösung der diffusen Krimi-Story. Obwohl das mit viel Witz und auch unterhaltsam inszeniert ist, wird das nicht alle Zuschauer begeistern. Mir hat es mächtig gut gefallen – mit Ansage, aber auch von ganzem Herzen.

5/5