Kino-Highlights 2011 – Januar bis März

Aus der Drama-Ecke habe ich folgende Streifen rausgepickt, die einen Gang ins Kino lohnen sollten. Es sieht ein wenig nach Matt-Damon-Festspielen aus, denn der spielt gleich in dreien davon mit.

Den Anfang macht „Black Swan“ am 20.1.. Darren Aronofskys neuester Streich spielt zwar im Ballett-Milieu (nicht so ganz mein Fall), aber Kritik und Publikum in den USA haben einstimmig alle Daumen gehoben. Und es macht ja keinen Spaß, die Oscarverleihung zu gucken, wenn man die nominierten Filme nicht kennt. Wie man hört wird mindestens Natalie Portman für ihre Rolle nominiert werden.

Eine Woche später startet „Hereafter“, der neue Film von Clint Eastwood. In drei Erzählsträngen geht es um Verlust, Tod und Nahtod-Erfahrungen, in Hauptrollen sind Matt Damon und Cecile De France zu sehen. An sich bin ich kein so großer Film von solchem Stoff, aber ich könnte wetten, dass Eastwood der alte Fuchs wie immer eine gute Geschichte zu erzählen hat.

Auch „Slumdog Millionaire“-Regisseur Danny Boyle hat einen neuen Film am Start. „127 Hours“ läuft bei uns am 17.2. an, ähnlich wie „Black Swan“ wurde er in den USA in den höchsten Tönen gelobt und macht sich Oscar-Hoffnungen. Der Film erzählt die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte eines Bergsteigers, der in arge Not gerät. James Franco spielt die Hauptrolle in dem Abenteuer-Drama, der Trailer sieht interessant aus, im positiven Sinn.

Die Coen-Brüder, das dürfte inzwischen den meisten Filmfreunden bekannt sein, drehen ihre Filme im Woody-Allen-Rhythmus – also jedes Jahr einen. Dieses Jahr ist es das Remake des John-Wayne-Western „True Grit“, der am 24.2. bei uns startet. Jeff Bridges, Matt Damon und Josh Brolin spielen die Hauptrollen, und auch ansonsten passt soweit alles. Pflichtprogramm.

Mit den verschachtelt erzählten Dramen „Amores Perros“ und „Babel“ hat sich Regisseur Alejandro González Inárritu als Top-Regisseur etabliert. Sein neuer Film „Biutiful“ (Kinostart 10.3.) spielt in Barcelona und kreist um einen todkranken Mann (Javier Bardem), der sich bemüht, vor seinem Ableben alle irdischen Angelegenheiten für seine Kinder zu regeln. Das ganze scheint dem Trailer nach ein ziemlich wilder Ritt zu werden, ich bin gespannt.

Ein weiteres frühes Highlight ist (hoffentlich) „The Adjustment Bureau“, der am 10.3. startet. In der Verfilmung einer Story von Philip K. Dick spielt Matt Damon einen Politiker, der sich in eine junge Frau verliebt – doch unsichtbare Kräfte sabotieren die Beziehung von Anfang an. Gute Sci-Fi-Filme sind ja leider selten, ich hoffe aber ehrlich und inständig, das „The Adjustment Bureau“ einer ist.

Dieses feine Indie-Drama habe ich bereits als DVD-Import vor der Flinte gehabt, am 31.3. bekommt „Winter’s Bone“ aber tatsächlich noch einen Kinostart. Hier geht es zur ausführlichen Rezension, der Film lohnt sich auf jeden Fall – das Buch, auf dem er basiert sicherlich ebenfalls.

Eine weitere Literaturverfilmung läuft in der selben Woche an. „Alles was wir geben mussten“ erzählt die Geschichte dreier junger Menschen, die in einem englischen Internat aufwachsen. Doch das ist nicht alles, denn hinter der vermeintlich herkömmlichen Coming-of-Age-Geschichte hat die Geschichte noch eine völlig andere Dimension. Mit Keira Knightley, Andrew Garfield und Carey Mulligan spielen drei junge Stars die Hauptrollen, doch mit dem eher besinnlichen Drama dürfte sich der kommerzielle Erfolg wohl in Grenzen halten.

Die Zeit für Action und Spektakel im Kino ist traditionell eher im Frühjahr und Sommer, doch auch im Winter wird es mindestens drei mal ordentlich krachen.

Am 13.1. gibt sich die Comic-Verfilmung “The Green Hornet” die Ehre. Der nicht gerade auf Superhelden abonnierte Seth Rogen spielt die Titelrolle, Regie führt der nicht gerade auf Actionfilme abonnierte Michel Gondry (“The Science of Sleep”) – vielleicht hebt sich der Film also aus der Masse des Genres ab. Sollte insgesamt einen Blick wert sein.

Fans des Originals freuen sich schon lange drauf: mit “Tron – Legacy” läuft die Fortsetzung am 27.1. auch bei uns an. Die Cyberspace-Welten haben ein zeitgemäßes Update bekommen, Jeff Bridges spielt auch wieder mit, die Story habe ich nicht so ganz geschnallt – was wohl auch meiner Unkenntnis des Originals geschuldet ist. Wie man so hört ist der Film rein visuell ein großer Wurf, als Effekt-Spektakel nehme ich ihn sicher auch im Kino mit.

Richtig wild wird es dann bei „Sucker Punch“ ab dem 31.3.. „300“-Regisseur Zack Snyder hat einen extrem effektlastigen Actionstreifen um ein Mädchen in einer psychatrischen Anstalt gedreht. Ob „Sucker Punch“ in ganzer Länge Spaß macht und nicht nur als zweiminütiger Trailer muss allerdings bis auf weiteres zumindest leise angezweifelt werden…

Buried

Wenn es jemals einen Film gab, der als Ein-Mann-Show bezeichnet werden muss, dann sicher dieser. In „Buried“ gibt es genau einen Schauplatz und eine handelnde Person. Ryan Reynolds spielt Paul Conroy, einen LKW-Fahrer, der im Irak zivile Lieferungen ausfährt. Sein Konvoi gerät unter Beschuss, Paul verliert das Bewusstsein – und findet sich zu Beginn des Films in einem Sarg unter der Erde wieder. Ausgestattet nur mit einem Zippo und einem Mobiltelefon bemüht er sich verzweifelt Hilfe zu holen. Doch er weiss nicht genau, wo er ist – und schon bald melden sich Erpresser, dessen Forderungen niemand ernsthaft erfüllen will. Wie soll Paul also aus seinem provisorischen Grab entkommen?

Für Menschen mit klaustrophobischen Neigungen ist von „Buried“ dringend abzuraten. Der Film nimmt den Zuschauer durchgehend mit in die enge Holzkiste, aus der Paul entkommen muss. Neben der sich zuspitzenden Lage an der Telefon-Front (Erpresser und US-Verantwortliche sind abwechselnd in der Leitung) rieselt immer mehr Sand in die Kiste, und auch eine Schlange macht Paul das Leben schwer.

Die Thriller-Handlung entfaltet sich komplett aus Pauls Sicht, das Publikum erfährt nie mehr als er. Dadurch ist man als Zuschauer gezwungen, mitzuleiden, denn es wird keine größere, erklärende Perspektive der Handlung präsentiert. Ryan Reynolds, bisher eher bekannt für Komödien a la „The Proposal“, holt alles aus seiner Rolle hinaus. Pauls Leiden ist schwer mit anzusehen, doch seine Entscheidungen und Handlungen wirken stimmig, angesichts der Situation, in der er steckt.

Natürlich ist „Buried“ auch eine Stilübung, wieviel Spannung man mit so minimalen Mitteln erreichen kann. Die Umsetzung ist hervorragend gelungen, handwerklich (etwa durch die raffinierten Einstellungen rund ums Mobiltelefon) und schauspielerisch bleiben keine Wünsche offen. Der Film ist beklemmend, dabei spannend und konsequent zu Ende erzählt. Und er erlaubt sich in seiner Beschreibung des Szenarios ein paar kritische Töne zum US-Einsatz im Irak, die sich viele andere „Kriegsfilme“ nicht getraut haben.

4/5

Nachgereicht: TV-Serie „Mad Men“

Inzwischen könnte sich längst rumgesprochen haben, wie gut diese Serie ist – hätte sie das ZDF nicht in seinem „neo“-Kanal vergraben. Was hilft schon eine (zumindest in Berlin) sehr umfangreiche Werbekampagne, wenn keiner weiss, was das für ein Kanal sein soll, wo das ganze zu sehen ist?

Egal. „Mad Men“ spielt in einer Werbeagentur in Manhattan Anfang der 60er Jahre. Hauptfigur Don Draper (Jon Hamm) ist ein kreatives Genie und macht bei „Sterling Cooper“ Karriere. Mit seiner Frau (January Jones) und den zwei Kindern lebt er in einem Vorort, die Idylle scheint perfekt. Doch natürlich trügt der Schein, und zwar auf jede erdenkliche Weise.

In der Agentur werden Grabenkämpfe ausgefochten, die Chefriege – ausschliesslich Männer natürlich, die Idee einer „Karrierefrau“ wird quasi nebenbei ‚erfunden‘ – schaltet und waltet wie sie will, und alle rauchen und trinken als gäbe es kein Morgen. „Mad Men“ unterhält auf mehreren Ebenen, ist Sozialsatire, Drama und Geschichtsstunde in einem. Hin und wieder zieht sich das Geschehen ein wenig, trotzdem ist die Serie Fernsehen vom Feinsten mit Anspruch und Witz.

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Die Top-10 Filme von 2010

Update: Nachdem ich inzwischen auch den Oscar-Gewinner „In Ihren Augen“ gesehen habe sei angemerkt, dass der auf jeden Fall hier in die Liste gehört.


1. Inception

Mit großen Vorschusslorbeeren und ebenso großer Erwartungshaltung seitens des Publikums gestartet war „Inception“ mit Abstand der beste Blockbuster des Sommers – und der einzige, der irgendwie das Gefühl von etwas neuem vermitteln konnte. Sicher, Traumwelten und verschiedene Handlungsebenen sind keine große Neuheit. Doch ist dem Film anzumerken, dass Regisseur Christopher Nolan eine stimmige Idee hatte, wie er seine Story visuell und dramaturgisch umsetzen wollte. Die  – leider extrem seltene – Mixtur aus Unterhaltung, Action und Anspruch ergibt einen sehenswerten Film, den man auch gerne ein zweites Mal sieht. [Kaufen bei amazon.de]

 

2. Ein Prophet
Die Geschichte eines jungen Arabers, der im Gefängnis zum gefährlichen Berufsverbrecher reift, überzeugt durch erzählerische Wucht, feinem Gespür für die Charaktere und eine packende Story. Der Film unterläuft dabei immer wieder die Erwartungen des Publikums, ohne sich dabei aber selbst im Weg zu stehen oder seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Ein großartiger Gefängnisfilm, der unter die Haut geht und in den Köpfen bleibt. [Kaufen bei amazon.de]

 

3. The Visitor
Die Geschichte eines einsamen Witwers und Professors auf dem Weg zurück ins Leben ist Independent-Kino vom Allerfeinsten. Die Story fesselt ebenso wie die großartigen Schauspieler, der Film ist im besten Sinne des Wortes interessant, außerdem witzig, berührend und bei allem Anspruch trotzdem unterhaltsam. [Kaufen bei amazon.de]

 

4. Winter’s Bone
Die Geschichte einer Teenagerin, die im vergessenen Hinterland der USA auf der Suche nach ihrem Vater ist. Um die letzte Hoffnung auf eine würdevolle Existenz ihrer Familie zu wahren durchstreift sie eine brutale Welt voller verkommener Menschen, karger Landschaften und allgegenwärtigem Verbrechen und Drogenkonsum. Grandios gespielt und mit sehr feinem Gespür erzählt ist „Winter’s Bone“ eine der ganz großen Überraschungen des Jahres. Die Geschichte geht im besten Sinne unter die Haut, ein Film, den man so schnell nicht vergisst. Und ein Oscar für John Hawkes‘ Performance als „Uncle Teardrop“ wäre mehr als gerechtfertigt. [Kaufen bei Amazon.de]

 

5. Shutter Island
Martin Scorsese trägt etwas dicker auf als etwa sein Kollege Polanski (siehe Platz 7), doch auch er konzentriert sich in erster Linie auf das Erzählen. Die recht komplexe Story der Vorlage über Wahn und Wahrnehmung überträgt er souverän ins Kino. Einzig am Ende geht „Shutter Island“ ein wenig die Luft aus. Leonardo DiCaprio ist mindestens so gut wie in „Inception“, wobei er sich damit wohl ironischerweise um alle Oscar-Chance bringt – denn zwei Nominierungen könnten die Stimmen „spalten“… [Kaufen bei Amazon.de]

 

6. A Serious Man
Ich schreibe es glaube ich schon zum dritten oder vierten Mal, aber was wahr ist muss wahr bleiben: Die Coens können einfach keinen langweiligen Film drehen. „A Serious Man“ ist eine Besonderheit in ihrem bisherigen Werk; es fehlen die bekannten Gesichter aus dem Coen-Universum. Die Geschichte eines Mannes in der Krise seines Lebens (und was für eine Krise!) besticht durch die hervorragend gezeichneten Figuren, zahlreiche biblische Anspielungen und den sehr eigenen Humor. Ein Film, den man nicht nur einmal sehen sollte, über den es viel zu diskutieren gibt und der zum Nachdenken anregt, ohne anstrengend zu sein. [Kaufen bei Amazon.de]

 

7. The Ghost Writer
Roman Polanskis neuester Film ist Kammerspiel, Politthriller und Drama zugleich – und funktioniert auf allen drei Ebenen. Ein wunderbarer, fast altmodisch ohne CGI und andere Effekte inszenierter Film. Von mir aus könnte der Trend bei den großen Filmemachern ja gerne weggehen von Bio-Pics und großen Spektakeln, und sich wieder auf das erzählen von guten Geschichten verlegen. Ich habe allein dieses Jahr ein halbes Dutzend Bücher gelesen denen eine Adaption für die große Leinwand gut zu Gesicht stünde (und die Vorlage zu diesem Film war noch nicht mal dabei)! [Kaufen bei Amazon.de]

 

8. Machete
Man darf den Film gerne als sinnlose Ballerorgie abtun, tatsächlich ist er das auch. Aber „Machete “ hat noch mehr zu bieten. Einen grandiosen Hauptdarsteller in Danny Trejo zum Beispiel, noch viele weitere Schauspieler in Parada-Rollen (Michelle Rodriguez etwa, auch Jeff Fahey, Robert De Niro und Jessica Alba), und ein geradezu archaisches Drehbuch, in dem der böse weisse Mann (will sagen Anglo-Amerikaner) von den unterdrückten Latinos endlich mal richtig Prügel bezieht. Wer hier politische Satire sieht hat genau hingesehen, doch die setzt nur den Rahmen für ein fürchterlich blutiges und witziges Spektakel, in dem nicht der gute Geschmack zählt, sondern der Wille ihn zu umschiffen. Und letzteres gelingt eindrucksvoll. Von allen drei „Grindhouse“-Filmen auf jeden Fall der beste… [Kaufen bei Amazon.de]

 

9. Up in the Air
„Up in the Air“ ist für das Genre der romantischen Komödie das, was „Inception“ für den Sommer-Blockbuster ist: eine wohltuende Ausnahme von den vielen Produktionen von der Stange, den Sequels, Rip-Offs und Jennifer-Aniston-Filmen dieser Welt. Der Film haucht dem Genre nicht neues Leben ein, er erinnert aber daran, dass es mal welches gab. Er kommt in seinem etwas überzogenen Szenario (die hired-to-fire-Sache und die unzähligen Meilen) mit witzigen Dialogen und gut geschriebenen Figuren daher, verbindet nachdenkliche Zwischentöne mit erzählerischer Leichtigkeit und gelungenen Pointen. Von dieser Sorte (gerne auch einen Tick bissiger) darf es ruhig mehr Filme geben. [Kaufen bei Amazon.de]

 

10. The Road
Eine Geschichte zu erzählen, die wortwörtlich nach dem Weltuntergang spielt, ist wohl zwangsläufig eine düstere Angelegenheit. Diese Adaption von Cormac McCarthys post-apokalyptischem Roman folgt einem Vater und seinem Sohn auf ihrer Reise durch ein restlos zerstörtes Amerika. Die Zivilisation ist einer ungenannten Katasstrophe zum Opfer gefallen, die wenigen letzten Menschen rotten sich zusammen und leben in Furcht vor umher ziehenden Kannibalen. In dem kargen Szenario entwickelt sich kein gewöhnlicher Plot, sondern eher eine Meditation über das Band der Menschlichkeit, das Vater und Sohn verbindet. Hervorragend gespielt und gefühlvoll inszeniert lässt „The Road“ lediglich ein paar feine Dialoge der Vorlage vermissen. [Kaufen bei Amazon.de]

Knapp dahinter:
Crazy Heart, Ich Sehe den Mann Deiner Träume, Solitary Man, The Social NetworkThe Town

Zu den schlechtesten Filmen des Jahres 2010

Zu den besten Filmen des Jahres 2009

Chloe (DVD)

Der aus Ägypten stammende Regisseur Atom Egoyan ist Spezialist für feine Dramen, wie er u. a. in „The Sweet Hereafter“ und „Where the Truth Lies“ unter Beweis stellte. Sein neuester Film ist ein Remake des französischen Films „Natalie“ von 2003, in dem Fanny Ardant, Emmanuelle Beart und Gerard Depardieu die Hauptrollen spielten. „Chloe“ verlegt die Handlung von Paris nach Toronto und bietet in den entsprechenden Rollen Julianne Moore, Amanda Seyfried und Liam Neeson auf.

Die Handlung kreist und das wohlhabende Ehepaar Stewart; David (Neeson) ist ein charmanter Professor, der häufig beruflich in New York weilt, Catherine (Moore) ist Gynäkologin. Zu Beginn des Films – sie hat gerade für ihren Mann eine Überraschungsparty organisiert, zu der er nicht erscheint – keimt in Catherine der Verdacht auf, ihr Mann könnte sie betrügen. Sie beschließt, ihn auf die Probe zu stellen und heuert das junge Callgirl Chloe (Seyfried) an, ihn zu verführen. Chloe tut eben dies und erstattet ihrer Auftraggeberin lustvoll-detaillierte Berichte ihrer Treffen mit David.

Die kunstvoll inszenierte Dreiecksgeschichte entwickelt sich dabei schrittweise in eine ungewohnte Richtung. „Chloe“ seziert die Wohlstands-Ehe seiner Hauptfiguren, setzt sich mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten auseinander. Callgirl Chloe wird dabei als Außenstehende zum Katalysator der Handlung, wobei sich die Machtverhältnisse überraschend verschieben. Dank der guten Schauspieler ist der Film durchweg spannend, auch wenn er am Ende etwas über das Ziel hinaus schiesst.

Während Neeson als David in der Story über weite Strecken als passives Objekt der Begierde auftritt entwickelt sich zwischen den zwei Frauen eine komplizierte Beziehung. Julianne Moore und Amanda Seyfried glänzen darin, den langsamen Wandel ihres Verhältnisses glaubwürdig zu machen. Die sorgfältige Konstruktion des Szenarios erlaubt es Egoyan die Figuren fortlaufend zu hinterfragen, was die Geschichte interessant und lebendig macht. In den letzten Minuten wandelt sich „Chloe“ dann vom Drama zum Psycho-Thriller. Das führt die Handlung konsequent zu Ende, kann aber nicht so überzeugen wie der Rest des Films.

4/5

Unstoppable

Action- und Thriller-Spezialist Tony Scott hat mit „Unstoppable“ bereits seinen zweiten Film mit einem Zug UND Denzel Washington in den Hauptrollen gedreht, nach dem etwas faden „The Taking of Pelham 123“. Das Tempo des Films ist hoch, die Idee sehr simpel. Ein führerloser Zug, der giftige Chemikalien geladen hat, rast unkontrolliert auf eine Großstadt zu. Die zwei Helden des Films müssen verhindern, dass er mitten in dicht besiedeltem Gebiet engleist.

Regisseur Scott weiss, dass er – egal wie rasant das Geschehen ist – nicht komplett auf Charaktere verzichten kann. Die werden zu Beginn erstmal in Ruhe eingeführt, doch parallel ist die Verselbstständigung des Güterzuges schon im Gange. Von einem gemächlichen Beginn kann also keine Rede sein. Der erfahrene Zugführer Frank (Washington) bekommt am Anfang seines Arbeitstages einen neuen Partner, den jungen Will (Chris Pine, der neue Captain Kirk aus „Star Trek“). Die Routine des Alters muss sich mit dem Eifer der Jugend auseinandersetzen, was bei den beiden nicht ohne Reibung abläuft.

Während die beiden ihre Ladung abholen und eine unkomplizierte Fahrt erwarten gerät der „ausgerissene“ Zug weiter ausser Kontrolle. Im Kontrollzentrum wirbelt Connie (Rosario Dawson), doch ihre Ingenieure kriegen den Zug nicht zu fassen. Die Konzernleitung ist auch keine Hilfe, ihrem Boss geht es vor allem darum die finanziellen Verlust zu minimieren – dafür nimmt er beträchtliche Risiken in Kauf. Schließlich kommt es, wie es kommen musste. Nachdem sie eine Kollision knapp vermeiden konnten fassen Frank und Will ihren eigenen Plan, den Zug zu stoppen und jagen ihm kurzentschlossen hinterher.

Wie oben erwähnt ist der Zug in „Unstoppable“ tatsächlich ein Hauptdarsteller. Die agile Kameraarbeit fängt ihn immer wieder ein, aus allen Perspektiven, das Geschoss aus Stahl schneidet unerbittlich durch die Landschaften und Kleinstädte Pennsylvanias. Die rote Farbe der Lok unterstreicht die von ihm ausgehende Bedrohung. Es gibt kaum eine ruhige Minute im Film. Die wenigen leiseren Momente drehen sich um die Familien der beiden Männer, eine Front, an der beide kämpfen müssen.

Der erzählerische Rahmen ist fast komplett im „Breaking News“-Stil gehalten, die Medien bekommen schnell Wind von der Sache und filmen aus ihren Helikoptern alles, was vor sich geht. Ergänzt wird diese ‚Berichterstattung‘ durch die Innensicht der Charaktere, in erster Linie Frank, Will und Kontroll-Chefin Connie. „Unstoppable“ ist über seine volle Laufzeit unterhaltsam, was vor allem an der handwerklich guten Inszenierung liegt, aber auch den Hauptdarstellern geschuldet ist, die aus den begrenzten Möglichkeiten das dramatische Maximum rausholen. Für Fans von „Speed“ ist der Film ein Empfehlung, auch wenn er dessen Adrenalin-Level nicht erreicht. Der Film ist Kino in Reinkultur, beschränkt sich dabei aber auf  Effekte und Spektakel – seine Geschichte dient dem Film als Vorwand und hat in keinem anderen Kontext irgendwie Bedeutung.

3/5

Takers

Manche Filme reifen wie gute Weine. „Heat“ ist so ein Film. Als ich ihn das erste mal sah war ich nicht wirklich begeistert, sondern eher zufrieden. 15 Jahre und ein gutes Dutzend ähnliche Filme später zeigt sich deutlich, wie gut der Film wirklich ist, wie nahezu perfekt er alles aus dem „Bankräuber vs. Cops“-Szenario herausholt. Die Spannung, die Dramatik, die kunstvoll eingebauten Reflexionen über sowohl die Figuren als auch das Genre selbst – es stimmt alles.

In seinen besten Momenten merkt man „Takers“ an, dass er ähnliches im Sinn hat. Der Film nutzt dieselben Bausteine, mit Los Angeles sogar die gleiche Location. Ein Gruppe professioneller Bankräuber führt zu Beginn des Films einen gut geplanten Raub aus, macht sich davon und hinterlässt der Polizei wenig Spuren. Matt Dillon spielt Jack Welles, der mit seinem Partner an dem Fall dran ist und nur langsam voran kommt.

Unterdessen lassen es sich die Täter im eigenen Nachtclub gutgehen. Gordon (Idris Elba) und John (Paul Walker) sind die heimlichen Anführer der Gruppe, mit an Bord sind außerdem die Brüder Jake und Jesse (Musiker Chris Brown) sowie A.J. (Hayden Christensen). Als ihr Ex-Kollege Ghost aus dem Knast entlassen wird und gleich mit Plänen für den nächsten Job auf der Matte steht beginnt die eigentliche Handlung.

Handwerklich ist „Takers“ sehr gut gemacht, an der Inszenierung gibt es wenig zu bemängeln. Zuweilen geht er „over-the-top“, was etwa die Musik angeht, und woher die Idee kam, dass die Bankräuber allesamt und (fast) immer schicke Anzüge tragen, ist etwas unklar. Aber immerhin sieht es gut aus und erinnert an klassisches Gangsterkino.

Was nicht so gut funktioniert sind die Figuren. Einige sind gut geschrieben und gut gespielt (allen voran Dillons und Elbas Charaktere), sie verleihen der Handlung etwas Tiefe und Bedeutsamkeit. Die anderen Hauptfiguren sind jedoch weniger geglückt und passen in uralte Schubladen. Das wäre nicht mal sonderlich schlimm, wenn der Film konsequenterweise darauf verzichten würde ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Zum Teil zeigt „Takers“, dass seine Macher wissen, wie gute Bankräuber-Thriller funktionieren. Die Story ist stimmig und biegt an einigen entscheidenden Momenten überraschend ab, ohne unglaubwürdig zu werden. Leider stellt er sich in einigen weniger überzeugenden Momenten selbst ein Bein, und macht aus Mitläufern der Story recht unnötig Hauptdarsteller. So ist z.B. Hayden Christensens Figur irgendwie Fehl am Platze und letztlich einfach unnötig.

Es wäre schön gewesen, wenn sich der Film intensiver mit den interessanten Charakteren und ihren Interaktionen beschäftigen würde, was dem dramatischen Teil des Geschehens zu Gute gekommen wäre. Aber offenbar wollte man all den bekannten Namen gerecht werden und sie alle gleichberechtigt zum Zuge kommen lassen. Das kann aber – womit wir wieder bei „Heat“ wären – nur funktionieren, wenn alle Figuren auch wirklich interessant sind.

3/5

„The Walking Dead“ (TV-Serie)

Nach dem Erfolg vieler Zombiefilme der letzten Jahre war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es die erste Zombie-Fernsehserie geben würde. Beim US-Sender AMC lief soeben die erste – sehr kurze – Staffel von „The Walking Dead“, und weil sie dem Publikum wohl gut gefiel wird es eine – diesmal längere – zweite Staffel geben.

Die Serie spielt in und um Atlanta, wo die Hauptfiguren ums nackte Überleben kämpfen. Im Zentrum der Story steht Kleinstadt-Sheriff Rick Grimes, der zum Zeitpunkt des „Ausbruchs“ im Krankenhaus liegt. Als er aus dem Koma erwacht erwartet ihn ein Bild des Schreckens. Die Menschen sind von einem fiesen Virus befallen und zu Zombies mutiert, die in klassischer Manier blutrünstig durch die Gegend taumeln. Im Verlauf der Handlung macht sich Grimes auf nach Atlanta, um seine Familie zu finden – von der er hofft, dass sie rechtzeitig flüchten konnten.

Im Grunde ist „The Walking Dead“ ein gestreckter Zombiefilm, der es sich wegen seiner Länge leisten kann, die Figuren richtig einzuführen. Das gelingt ihm auch ganz gut, wobei man sich auf eine Handvoll Charaktere beschränkt. Neben Grimes sind das vor allem seine Frau und Grimes‘ Deputy Shane. In Sachen Brutalität bzw. expliziten Gewaltdarstellungen steht die Serie den Kinofilmen in nichts nach, was eine Ausstrahlung in Deutschland außerhalb von Pay-TV sehr unwahrscheinlich macht.

Mit gerade mal sechs Folgen ist die erste Staffel vor allem ein Versuchsballon. Die Frage danach, wo das Virus herkommt und ob es irgendwo auf der Welt noch größere Bastionen von gesunden Menschen gibt, rückt erst gegen Ende in den Vordergrund. Hier darf man gespannt sein, ob sich die Autoren eine interessante Erklärung einfallen lassen. Denn tatsächlich haben Zombiefilme ja immer das Potential sozialkritisch zu sein – wenn sie denn wollen.

Insgesamt kann man den Produzenten, Schauspielern und Regisseuren (in erster Linie Frank Darabont, Regisseur von „Die Verurteilten“, als ‚Creator‘) ein Lob aussprechen, „The Walking Dead“ ist spannend, unterhaltsam und in sich bisher sehr stimmig. Ob die Serie tatsächlich neue Akzente setzen kann und das Genre in neue Gefilde führen kann (und will) wird sich aber erst in der zweiten Staffel zeigen. In dann 13 Folgen werden wir sehen, wohin die Reise geht.

Die 5 miesesten Filme von 2010

Diese Liste ist eine Premiere, denn bisher habe ich lediglich immer die besten Filme eines Jahres zusammengestellt, nicht die schlechtesten. Um wirklich nur den absoluten Bodensatz zu präsentieren sind es auch nur fünf, und zwar für dieses Jahr folgende:

  1. Die Legende von Aang
    Ich habe mehrere Male probiert mir den Streifen anzugucken – und ihn doch jedes Mal wieder ausgemacht. M. Night Shymalans Verfilmung einer Comicserie ist einfach nicht auszuhalten. Die Figuren sind langweilig und erklären ständig jeden ihrer Schritte und Gedanken (weil man sonst nicht verstünde was in dem bekloppten Szenario abgeht). Die Tricks sind okay, was aber nicht hilft, weil sie in keine irgendwie interessante Story eingebaut sind. Fantasy ist ja ohnehin nicht so mein Ding, aber „Die Legende von Aang“ ist selbst aus meiner Sicht eine Schande für das Genre.
  2. Eat Pray Love
    Eine wohlhabende New Yorkerin in der Sinnkrise begibt sich auf Weltreise, um „zu sich selbst zu finden“ (oder Abbildung ähnlich). Julia Roberts spielt die Hauptrolle in dieser Roman-Adaption, die sich von den ersten Minuten an als schwülstiges Erweckungsmelodram zu erkennen gibt. Inbrünstig feiert der Film Klischees aus fernöstlichen Weisheiten und westlichen „Nimm-dein-Leben-in-die-Hand“-Ratgebern und vermengt das alles zu einem lahmen, unglaubwürdigen und ärgerlichem Cocktail von einem Film. Immerhin, die zugrunde liegende treudoof-naive Weltsicht sowie einige Dialoge sorgen schon wieder für Unterhaltung durch unfreiwillige Komik.
  3. Gegen Jeden Zweifel
    Anders als bei Fantasy-Filmen bin ich bei Thrillern tendenziell eher unkritischer. Doch es gibt auch hier Grenzen, und „Gegen Jeden Zweifel“ überschreitet sie schon nach einer Viertelstunde. Das völlig überkonstruierte Geschehen ist unglaubwürdig, sinnlos und zu keinem Zeitpunkt wirklich spannend. Die Schauspieler erreichen mit Ach und Krach Soap-Opera-Niveau, bis auf Michael Douglas, der komplett auf Autopilot seine eindimensionale Rolle abspult. Jämmerlich und überflüssig. Setzen, sechs.
  4. Hot Tub – Der Whirlpool
    Zeitreisen in Filmen sind generell Quatsch, keine Frage. Aber es lassen sich gute Zeitreisen-Stories erzählen, wenn man sich etwas Mühe gibt – es muss ja nicht gleich „Zurück in die Zukunft“ oder „12 Monkeys“ werden. In dieser selbsternannten Komödie weiss man mit dem Phänomen nichts anzufangen und nutzt sie lediglich zur Rechtfertigung dafür, die Handlung in den 80ern spielen zu lassen. Die Witze zünden so gut wie nie, die Figuren sind unglaubwürdig und kaspern ohne erkennbare Motivation durch den lahmen Klamauk, den die „Story“ vorgibt. Ein Tiefpunkt in John Cusacks Karriere.
  5. When in Rome
    Dass sich die zwei charmanten Hauptdarsteller am Ende einer romantischen Komödie in die Arme fallen darf man erwarten. Gute Filme dieser Art erfinden daher eine clevere, mitreißende oder komische Geschichte, die dafür sorgt, dass es 90 bis 120 Minuten dauert bevor es soweit ist. „When in Rome“ fällt leider überhaupt nichts ein, und nach dem einsehbaren Beginn fährt er eine schauerliche Story um einen alten Fluch auf, um der niedlichen Hauptdarstellerin fünf völlig unpassende, fürchterlich verliebte Kerle auf den Hals zu hetzen. Bis es irgendwann einfach ZU blöd ist, und dann wird der Fluch eben quasi per Knopfdruck beendet. Meine Ferndiagnose: Arbeitsverweigerung (fast) aller Beteiligten.

Neue Trailer: „Limitless“ und „Tree of Life“

In „Limitless“ spielt Bradley Cooper („The Hangover“) einen Schriftsteller, dem ein alter Bekannter eine Wunderdroge verabreicht. Von nun an geht ihm alles locker von der Hand, sein Gehirn arbeitet ganz von allein auf Hochtouren, und er wird schnell ein gefragter und sehr wohlhabender Mann. Doch was wenn seine Wunderdroge alle ist? Letzteres fragt ihn gegen Ende des Trailers Robert De Niro, der auch schon gleich eine dramatische Antwort dabei hat. Ich könnte wetten, dass „Limitless“ kein großer Wurf ist, aber ich bin mir sicher, dass ich ihn mir angucken werde – denn das ganze sieht zumindest schon mal sehr ansprechend aus. Deutschlandstart ist im April 2011.

Alle paar Jahre macht Terrence Malick („The Thin Red Line“) einen neuen Film, sein neuestes Projekt ist „Tree of Life„. Der Trailer verspricht ein mehrere Dekaden umspannendes Familiendrama, in dem u.a. Brad Pitt und Sean Penn mitspielen. Die Ambitionen des Regisseurs sind noch nie bescheiden gewesenen, „Tree of Life“ sieht nach äußerst bildgewaltigem Gefühlskino aus. Immerhin kann man fast schon davon ausgehen, dass es gut gespielt sein wird. Der Starttermin hierzulande steht noch nicht fest, in den USA ist Ende Mai 2011 anvisiert.

The Tourist

Nach seinem Oscar für „Das Leben der Anderen“ hat es eine Weile gedauert, bis Regisseur Florian Henkel von Donnersmarck seinen nächsten Film gedreht hat. Mit „The Tourist“ hat er nun eine hochkarätige Hollywood-Produktion übernommen, dazu noch die erste Zusammenarbeit der beiden Superstars Johnny Depp und Angelina Jolie. Die Story basiert auf dem französischen Film „Anthony Zimmer“ von 2005, einem feinen Thriller mit deutlichem Hitchcock-Touch.

Jolie spielt die mysteriöse Schönheit Elise Clifton-Ward, die zu Beginn des Films in Paris einen Brief von ihrem Lover Alexander Pearce bekommt. Pearce hat Gangsterboss Reginald Shaw (Steven Berkoff) um einen großen Haufen Geld betrogen und ist seitdem abgetaucht. Nun hat er einen perfiden Plan ausgetüftelt, um Elise wiedersehen zu können. Sie soll im Zug nach Venedig mit einem fremden Mann anbandeln, um seine Jäger auf die falsche Fährte zu führen – denn wie Pearce aussieht ist unbekannt, er hat sich angeblich per kosmetischer Chirurgie ein neues Gesicht machen lassen. Elise auf den Fersen sind sowohl die britischen Behörden in Person von Inspector John Acheson (Paul Bettany) als auch Shaw mit seinen russischen Schergen.

Elise sucht sich im Zug den allein reisenden Mathe-Lehrer Frank Tupelo (Johnny Depp) aus Wisconsin als Lockvogel aus. Der etwas schüchterne Kerl kann sein „Glück“ kaum fassen, bemüht sich aber nach Kräften seiner neuen Bekanntschaft ein angenehmer Begleiter zu sein. In Venedig angekommen beziehen die zwei ein luxuriöses Hotelzimmer, und schon am nächsten Morgen geht das Verwirrspiel richtig los. Die Gangster jagen Frank quer durch Venedig, immerhin stellt der sich für einen Mathe-Lehrer recht geschickt dabei an, ihnen zu entkommen. Elise hat parallel den richtigen Alexander Pearce auf dem Zettel und außerdem eine (anfangs noch) geheime Agenda in dem Spiel.

„The Tourist“ ist ein unterhaltsamer Film geworden, doch das ist schon das beste, was man über ihn sagen kann. Das größte Problem ist, das die Geschichte nie wirklich fesseln kann, die Gründe hierfür sind vielfältig, unter anderem muss die Besetzung der Hauptrollen genannt werden. Johnny Depp hat seit Jahren keinen ’normalen‘ Menschen mehr gespielt, ihm plötzlich einen schusseligen Mathelehrer abzunehmen ist quasi unmöglich. Stattdessen sieht man den Star Johnny Depp, der einen Mathe-Lehrer spielt – im Vordergrund steht aber die öffentliche Star-Person, nicht die Figur.

Angelina Jolie wiederum passt schon besser in ihre Rolle der verführerischen Schönheit, doch hinter dem pfundweise aufgetragenen Make-up, den üppigen Frisuren und den als Hitchcock-Hommage gewählten klassischen Kostümen kommt ebenfalls keine interessante Figur zum Vorschein, mit der sich das Publikum identifizieren könnte. Es bleibt Oberfläche und Projektion, ein Spiel mit dem Image und popkulturellen Referenzen.

Die Chemie zwischen Depp und Jolie ist nicht ‚echt‘, aber auch nicht ohne Reiz, vor allem zu Beginn ist ihre „Liason“ vergnügliches Kino. Depp mogelt in sein Spiel Anleihen von seinem „Fear & Loathing“-Charakter Raoul Duke und auch hin und wieder einen Tick Jack Sparrow. Er hat offensichtlich nicht vorgehabt, das ganze ernsthaft anzugehen. Ob er noch echte Typen spielen kann wird sich nächstes Jahr zeigen, wenn er in „The Rum Diary“ noch mal als Hunter S. Thompsons alter ego zu sehen sein wird.

„The Tourist“ ist also eher eine Komödie als ein Thriller geworden. Von Donnersmarcks Inszenierung der Geschichte ist flott und elegant, er holt aus dem Schauplatz Venedig alles raus und führt die Handlung zu ihrem so konsequenten wie vorhersehbaren Ende. Der Weg dahin macht Spaß, doch der Stoff wird derart leicht und locker vorgetragen, dass die Story ein Hintergrundrauschen bleibt, das viele kurzweilige Szenen miteinander verbindet. Wenn es so gewollt war, hat von Donnersmarck nicht viel falsch gemacht – aber trotzdem keinen großen Film gedreht. Von ihm und dem Duo Jolie/Depp haben sicher viele mehr erwartet als ein gefälliges Remake eines ungleich spannenderen französischen Thrillers.

3/5

Ich sehe den Mann Deiner Träume

Alle Jahre wieder gibt es einen neuen film von Woody Allen, in diesem Jahr ist es „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ (Originaltitel), des Meisters vierter in London spielender Film. Im Zentrum des Geschehens stehen vier Figuren, die wie bei Allen üblich mit ihrer Existenz hadern. Sally (Naomi Watts) etwa arbeitet in einer Kunstgalerie und ist heimlich in ihren Chef (Antonio Banderas) verschossen. Zuhause wartet dann Ehemann Roy (Josh Brolin), der verzweifelt an seinem neuen Roman schreibt und langsam den Glauben an die eigene Berufung verliert.

Sallys Vater Alfie (Anthony Hopkins) ist auf seine alten Tage zum Fitness-Geek geworden, bemüht das Leben eines unbekümmerten Junggesellen zu führen – und reicht die Scheidung von seiner Frau Helena (Gemma Jones) ein. Die nimmt daraufhin erst eine Extraportion Schlaftabletten und anschließend ausgiebige Sitzungen bei einer Wahrsagerin. Die wiederum verrät ihr nicht nur ihre eigene (sehr rosige) Zukunft, sondern auch die von Sally und Roy – was dem Hausfrieden der beiden nicht eben förderlich ist.

Unterlegt von einem Off-Kommentar verfolgt der Film Leben und Leiden seiner Figuren für einige Monate, in der alle eine Menge Veränderungen durchmachen. Wie nicht anders zu erwarten bei Woody Allen dreht sich das Beziehungskarussell, allerdings nicht unbedingt in die Richtung, die man vielleicht erwartet hat. Die gelungenen Nebenfiguren (u. a. eine schöne Nachbarin von Sally und Roy sowie eine junge Teilzeit-Prostituierte) runden das groß aufspielende Ensemble ab, die Schauspieler spielen beschwingt und wie es scheint sehr befreit auf.

Das Drehbuch sieht recht offensichtlich für jede Figur eine unterschiedliche Entwicklung vor, schafft es jedoch, diese glaubwürdig und plausibel erscheinen zu lassen. Nicht der erhobene Zeigefinder diktiert hier den Gang der Dinge, sondern die mit viel Humor vorgetragene Überzeugung, dass das Leben sich nur bedingt in die Karten sehen lässt. Man könnte hier kritisch anmerken, dass „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ keinen großen Erkenntnisgewinn mit sich bringt. Aber darum geht es Allen auch gar nicht, er beschäftigt sich einmal mehr mit seinen Lieblingthemen, dem Leben in der Großstadt, der Kunst, der Angst vor dem Alter/Tod und den Tücken zwischenmenschlicher Beziehungen.

Der Film gehört wohl nicht zu Allens ganz großen Werken, enthält aber alles, was man von einem guten Film des Regisseurs erwartet. Er unterhält auf hohem Niveau, bietet herrliche Dialoge und süffisant vorgetragene kleine Lebensweisheiten. Für Fans also unbedingt empfehlenswert, alle anderen werden ohnehin die Finger davon lassen und sind wie üblich selbst schuld.

4/5

„Pirates of the Caribbean – On Stranger Tides“: Trailer online

Ich habe hier schon einige Male herausposaunt, dass ich nicht eben vor Freude vom Stuhl falle ob des kommenden vierten Teils der Piraten-Reihe. Der gerade erschienene Trailer ändert daran auch nichts. Orland Bloom und Keira Knightley sind raus, dafür sind Penelope Cruz und Gemma Ward dabei. Keith Richards ist erhalten geblieben, und auch was die Story angeht hat sich offenbar nicht viel geändert. Eine Menge Action und bunte Kreaturen, Schätze, Flüche und Hokuspokus, mittendrin Jack Sparrow. Mir reicht das irgendwie nicht aus, um dafür (nochmal) Geld auszugeben, aber das muss zum Kinostart am 19. Mai dann jeder mit sich selbst ausmachen…

All Good Things (DVD-Import)

Schauspieler Ryan Gosling spielt mit Vorliebe schwierige Charaktere, etwa im starken Drama „Half Nelson“ oder in „Lars and the Real Girl“. Schwierig ist auch David Marks, Erbe eines Immobilien-Imperiums in New York, den er in „All Good Things“ spielt. Von seinem Vater Sanford (Frank Langella, „Frost/Nixon“) wird er dazu gedrängt, in das Familiengeschäft einzusteigen, obwohl er eigentlich – gemeinsam mit seiner Freundin und bald Frau Katie (Kirsten Dunst) – andere Pläne hat.

Eine Weile genießt das junge Paar die Zeit in New York, die beiden haben eine Menge Geld, ein schickes Apartment und ein Sommerhaus am See. Doch nachdem die Idylle bei der Familienplanung erste Risse zeigt geht es stetig bergab. David entpuppt sich als bestenfalls ’schwieriger‘, vielleicht gar psychopathischer Charakter, für Katie wird ihr Leben langsam aber sicher zur Hölle. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Situation eskaliert.

„All Good Things“ erzählt seine Geschichte in Rückblenden, die anno 1971 beginnen. In der Gegenwart ist David (mittlerweile etwa 60 Jahre alt) vor Gericht geladen, dem Zuschauer wird aber lange vorenthalten, ob er als Zeuge oder Angeklagter aussagt – und welches Verbrechen eigentlich verhandelt wird. Näher auf die Story einzugehen ist unmöglich, ohne entscheidende Informationen preiszugeben, daher nur soviel: der Film wandelt sich langsam vom Drama zum Thriller, in dem über drei Jahrzehnte eben so viele Morde geschehen.

Das Ganze basiert auf einem wahren Fall, dem von Robert Durst. „All Good Things“ ist im durchaus positiven Sinn ein interessanter Film geworden, der jedoch weder als Drama noch als Thriller so richtig funktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass sich Regisseur und Autor keine großen künstlerischen Freiheiten rausnehmen und die Story ziemlich genau so erzählen, wie sie passiert ist (soweit man das überhaupt mit Sicherheit sagen kann). Dramaturgisch stimmt die Gewichtung und das Timing irgendwie nicht, einige wichtige Figuren kommen insgesamt zu kurz. Die Jahre 1971 bis 1982 bekommen die meiste Aufmerksamkeit, danach kommt ein davon seltsam entrückter Schluss-Akt.

Ein großes Plus des Films sind die Hauptdarsteller, die ihre Figuren sehr überzeugend auf die Leinwand bringen. Ryan Gosling gelingt ein starkes Portrait eines gestörten Menschen, den der Film nie in die üblichen Schubladen zu stecken versucht. Langella hat leichtes Spiel als übermächtiger und strenger Vater, Kirsten Dunst vermittelt überzeugend das wachsende Unbehagen von Katie, ihre Lebenslust, die Rückschläge und ultimativ den totalen Kontrollverlust. Auch das Produktionsdesign macht Freude, die Bilder von New York in den 70ern sind ebenso überzeugend wie die Garderobe der Zeit. Unter dem Strich ist „All Good Things“ eine Empfehlung – aber nur für Freunde von Psychothrillern.

3/5

Cyrus

Schauspieler John C. Reilly verkörpert keine charmanten Heldentypen, er ist eher abonniert auf Charakterköpfe. In der zweiten Garde der Hollywoodschauspieler ist er ein gut beschäftigter Mann, spielte Nebenrollen in „Gangs of New York“ oder „The Perfect Storm“ und auchmal eine Hauptrolle wie an der Seite von Will Ferrell in „Step Brothers“. In „Cyrus“ spielt Reilly nun tatsächlich mal den romantischen ‚Helden‘ – doch es ist keine gewöhnliche romantische Komödie, die sich hier abspielt.

John (Reilly) lebt als Cutter in L.A., er hat schon bessere Tage gesehen. Seine Ex-Frau Jamie (Catherine Keener), die bald neu heiraten will versucht den einsamen John ein wenig aufzubauen und schleppt ihn auf eine Party. Doch für das „dating game“ ist ihr Ex einfach nicht gemacht und scheitert – quasi mit Ansage – spektakulär. Irgendwann ist er betrunken genug um zu tanzen, und tatsächlich feiert jemand mit ihm – die hübsche Molly (Marisa Tomei).

John kann sein Glück kaum fassen, kommt aber bald dahinter, welchen Haken die Sache hat. Sein Name ist Cyrus (Jonah Hill), er ist 22, besitzergreifend, psychisch labil, von Beruf Sohn und wohnt immer noch zuhause. Das also ist nun Johns Aufgabe – sich mit dem Sohn gut stellen, um die Beziehung zu Molly nicht aufgeben zu müssen. Ein schier unmögliches Unterfangen, wie sich bald rausstellt.

Der Film ist als Drama mit komödiantischen Einlagen inszeniert, was die Hauptdarsteller sehr gekonnt rüberbringen. Reilly spielt John als einen richtig netten Kerl, der sich an Cyrus die Zähne ausbeisst. Jonah Hill spielt geschickt zurückhaltend das durchtriebene Riesenbaby, der sich auf die Liebe seiner wohlmeinenden Mutter verlassen kann – wenn es drauf ankommt. Der Humor ist eher einer des „trotzdem lachen müssen“, die Figuren werden ihm nicht geopfert. Man schlägt nur hin und wieder die Hände vor den Kopf ob der sich darbietenden Farce.

Psychologisch ist „Cyrus“ meist stimmig, nur wenige Stellen lassen auf gezielte Sollbruchstellen im Drehbuch schließen. Der Film nähert sich seiner Titelfigur langsam und aus der Distanz – die Figur zum Mitfühlen ist eindeutig John. Erst später bekommt man auch bei Cyrus Einblick hinter die geistigen Kulissen – leider sind diese Szenen am Ende nicht gerade die Stärke des Films, sie werden der aufgebauten Stimmung und Spannung nur bedingt gerecht. Tatsächlich scheint der Film etwas unfertig, was aber durchaus auch beabsichtigt sein könnte. Trotz ein paar starker Szenen kein ganz großes Drama, aber schon wegen der recht ungewöhnlichen Konstellation der Figuren (und ihrer Besetzung) einen Blick wert.

3/5

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