Mr. Brooks

Dieser Film hätte sehr mächtig daneben gehen können, wenn man sich nur mal die Story anhört: Ein schizophrener Killer (gespielt von Saubermann Kevin Costner) ist tagsüber ein finanziell erfolgreicher Vorzeige-Vater und treuer Ehemann, des Nachts geht er getrieben von seinem Alter Ego (gespielt von William Hurt) auf tödliche Streifzüge. Wind davon bekommt neben einer Polizistin (Demi Moore) auch ein Hobby-Fotograf, der sogleich darum bettelt, mal mitkommen zu dürfen. Tatsächlich verbindet Regisseur Bruce Evans all dies (und noch mehr) zu einem exzellenten Thriller. Mit schwarzem Humor und starken Dialogen ist die Aufmerksamkeit des Publikums geweckt, trotz des wahrlich dunklen Themas kommt der Film überraschend leichtfüßig daher. Kevin Costner liefert eine hervorragende Darstellung eines ebenso netten wie innerlich zerrissenen Geschäftsmannes, Kollege William Hurt spielt dessen dunkle Seite mit Routine und ohne den Bogen zu überspannen. Auch Demi Moore hat ein paar gute Szenen, wenngleich ihre Rolle vergleichsweise undankbar ist. Ein großer Publikumserfolg dürfte „Mr Brooks“ (den wirklich ernst zu nehmen sich übrigens verbietet) zumindest im Kino trotzdem nicht werden, die Darsteller ziehen eher wenig junges Mainstream-Volk an, und die Schock-Effekte und Actionszenen sind im Vergleich mit modernem Mist wie „Saw“ beinahe harmlos – entfalten in diesem feinen Thriller aber eine große Wirkung.
8/10

Shadowboxer (DVD)

Ganz großes Kino bietet diese kleine Independent-Produktion von 2005, hochkarätig besetzt mit Helen Mirren, Cuba Gooding, Jr. und anderen.  Die Story um zwei Profikiller und ihren sadistischen Auftraggeber ist gespickt mit Tabubrüchen und Kuriositäten, dabei aber niemals plakativ, sondern immer ernsthaft und mitfühlend gegenüber den Charakteren. Dass diese ungewöhnliche Killerballade so wunderbar funktioniert ist wohl gleichermaßen Drehbuchautor William Lipz wie Regisseur Lee Daniels zu verdanken, der sein Regiedebut mit ruhiger Hand inszeniert. Allein thematisch fernab vom Mainstream angesiedelt schafft der Film den schwierigen Spagat zwischen Anspruch, Spannung und Unterhaltungswert. Dabei bietet er auch noch einige Überraschungen und hintersinnigen Humor – ein klarer Kandidat für die Top-10 des Jahres, wenn der Herbst nicht noch mit großem Kino um sich schmeißen sollte.
4/5

John From Cincinnati

Einen schweren Stand hatte die Serie „John From Cincinnati“ von vorn herein, musste sie doch auf jenem HBO-Sendeplatz das  Publikum begeistern, an dem gerade erst die „Sopranos“ ruhmreich zu Ende gegangen waren. Nach den zehn Folgen der ersten Staffel war dann auch Schluss mit dieser herrlich dialoglastigen, zwischen Surfer-Cool und David-Lynch-artigen Alpträumen pendelnden Serie. Für Freunde der Plotlosigkeit und des regierenden Irrsinns ein wahres Fest glänzt „JFC“ zudem mit Schauspielern wie Ed O’Neill (aka Al Bundy), Bruce Greenwood und vielen anderen. Ob „JFC“ in Deutschland je zu sehen sein wird, darf bezweifelt werden – lediglich ein Sendeplatz nach Mitternacht (a la „Ausgerechnet Alaska“) wäre da denkbar. Schöpfer David Milch („Deadwood“) jedenfalls sitzt Gerüchten zufolge übrigens schon an der nächsten wirren Show…

Death Proof

Die Beschwerden, Quentin Tarantino hätte aufgehört das Kino neu zu erfinden, oder wenigstens der Taktgeber der cineastischen Postmoderne zu sein, häufen sich schon länger. Sieht man nun sein neuestes Werk „Death Proof“ möchte man dem glatt zustimmen, und sollte es auch ohne Bedenken tun. Tarantino gefällt sich sichtlich darin, nur Filme zu drehen, die ihm mächtig Spaß machen, und es genügt ihm weiterhin die coolste Sau am Strand zu sein. Denn auch das beweist „Death Proof“ durchaus. Die vielen Tarantino-typischen Dialoge nerven zwar teilweise schon, trotzdem würde man es niemandem sonst überhaupt abkaufen. Die totale B-Movie-Ästhetik, der hippe Soundtrack, die übertriebene Gewalt, augenzwingernd angereichert mit etwas Feminismus und unterlegt von einer sinnfreien Story (Killer jagt scharfe Ladies mit seinem Muscle-Car, bringt alle um, jagt andere scharfe Ladies und kriegt gescheuert) – das alles sorgt für vergnügliches Trash-Kino. Gegen Ende scheint auch Tarantinos scharfer Blick für das richtige Ende einer Story noch mal durch, wenn sein Bösewicht Kurt Russell ganz ungewohnte Töne von sich gibt. So langsam gilt also für QT, was für Woody Allen schon lange gilt: seine Filme sind nicht mehr die Sensation, aber locker besser als 80% vom Rest. Wenn er sich dann noch angewöhnen könnte genau wie Kollege Allen mindestens einen Film pro Jahr zu machen: alles wäre gut.
8/10
PS: Wie der Film im Rahmen des ursprünglich geplanten Trash-Double-Features „Grindhouse“ zusammen mit Robert Rodriguez „Planet Terror“ rüber gekommen wäre ist unklar. Denn der läuft erst im Oktober hier an…

Simpsons – The Movie

Hingehen. Machen. Könnte man komisch nennen.
Zähneknirschend verzeihe ich sogar die Abwesenheit von Sideshow Bob!Ich bin nie ein großer Simpsons-Fans gewesen, aber was witzigeres wird es dieses Jahr eher nicht geben. Man beachte bitte das Äffchen in Homers Kopf. Nuff said.

Adams Äpfel (DVD)

Mads Mikkelsen, der Bösewicht mit dem blutigen Auge in „Casino Royale„, spielt in diesem dänischen Film einen Dorfpfarrer, der ehemaligen Straftätern unter die Arme greift. Seine Methoden sind jedoch ebenso ungewöhnlich wie die seltsamen Gestalten, die sich bei ihm eingenistet haben, darunter ein Säufer und Dieb, der Neonazi Adam und Ladendieb Khalid. Schwärzesten Humor und unverhohlene Sympathien für die kruden Charaktere verbindet „Adams Äpfel“ zu einer unkonventionellen, brüllend komischen Komödie, die sich bis auf wenige Szenen bewusst vom Mainstream fernhält. Die grotesken Übertreibungen machen ebenso Spaß wie die Running Gags, und vor den Darstellern kann man ohnehin nur den Hut ziehen. Unterm Strich also ganz großes Tennis!

A Scanner Darkly (DVD)

Irgendetwas läuft schief wenn es um die Verbreitung von Filmen des Regisseurs Richard Linklater in Deutschland geht. Sein erster erfolgreicher Indie-Film „Slacker“ ist hierzulande ebenso wenig erhältlich wie „Tape“ (immerhin mit Uma Thurman und Ethan Hawke in den Hauptrollen) oder „Waking Life“. Letzteren hat Linklater vor fünf Jahren im selben Rotoscoping-Verfahren gedreht wie jetzt „A Scanner Darkly“, der auf einem Buch des „Blade Runner“-Autors Philip K. Dick basiert. Dabei werden digital gefilmte Realbilder nachträglich übermalt. Die Gesichter der Schauspieler sind zwar noch erkennbar, sehen aber befremdlich aus, was auch für alle übrigen Gegenstände oder Hintergründe gilt.
Das Szenario ist Los Angeles anno 2013. Ein Großteil der Bevölkerung ist der psychoaktiven neuen Droge „Substance D“ verfallen, deren Herkunft der Polizei Rätsel aufgibt. Ein neuartiges Undercover-Programm soll bei der Aufklärung behilflich sein. Dazu werden Zivilisten angeheuert, die sich unter Junkies mischen und als solche ausgeben sollen. Jeder ihrer Schritte wird dabei gefilmt, anschließend werten sie selbst das Material aus. Dabei werden sie – zum Schutz ihrer Anonymität – in futuristische Anzüge gesteckt, die ihre Identität gegenüber der Polizei verbergen. Bei einer großen Zentrale laufen die Fäden dieser totalen Überwachungsgesellschaft zusammen. Zu den zivilen Undercover-Ermittlern gehört auch Bob Arctor (Keanu Reeves), in dessen Haus sich die Junkies James, Ernie und Charles (Robert Downey Jr, Woody Harrelson und Rory Cochrane) treffen. Hin und wieder ist auch Donna, gespielt von Winona Ryder, mit von der Partie. Bob gerät jedoch schnell ebenfalls in den Bann der Droge, seine Wahrnehmung der Realität verschwimmt zusehends, und er kann seiner Arbeit nicht mehr nachkommen.Die surrealen, traumhaften Bilder des Rotoscopings passen glänzend zu der von wirren Dialogen und dauerpräsenter Paranoia geprägten Story. Dabei ist es nicht immer einfach der Handlung zu folgen, denn die Fronten zwischen Polizisten, Zivilisten und Vertretern der mächtigen Drogentherapiebehörde „New Path“ klären sich erst sehr spät. Das Gefühl von schizophrener Ohnmacht, dass vor allem die Hauptfigur Bob Arctor umtreibt, springt so zum Teil auf das Publikum über. Robert Downey Jr. und Woody Harrelson spielen gut gelaunt ihrem Image als Drogenkonsumenten in die Hände und liefern sich eine Vielzahl von völlig beknackten und dabei urkomischen Wortgefechten. Reeves und Winona Ryder haben die ernsthafteren Rollen, die sie souverän ausfüllen.

Ich bin kein großer Freund von animierten Bilder oder Zeichentrickfilmen, weil es mir immer sehr schwer fällt, für Figuren Interesse und Mitgefühl aufzubringen, die nicht aus Fleisch und Blut gemacht sind. Bei „A Scaner Darkly“ ist das aber kein Problem, denn hinter den gemalten Bildern sind die „echten“ Schauspieler immer als solche zu erkennen. Ein Vorteil der Entfremdung liegt auch darin, dass die ansonsten sehr aufwändigen Effekte (wie z. B. die Darstellung der ständig die Gestalt wechselnden Anzüge) mit einem moderaten Budget realisiert werden konnten.

In den USA lief der Film im Sommer in den Kinos, allerdings auch dort nur in den Großstädten und an den Küsten. Aufgrund des experimentellen Charakters von „A Scanner Darkly“ war mit einem großen Publikumserfolg wohl nicht zu rechnen, trotzdem scheint mir das Marketing doch recht dürftig zu sein. Die DVD erscheint in Nordamerika Ende des Jahres, in Frankreich, Spanien und weiteren europäischen Ländern kam der Film diesen Herbst in die Kinos. Nur wir armen Teutonen mussten uns lange gedulden, bevor wir diesen herausragenden und innovativen Film nun doch noch auf DVD zu sehen bekommen.

9/10

The Proposition (DVD)

Während einem die Kinogeschichte ein ausführliches (wenngleich äußerst verzerrtes) Bild der Besiedlung des Westens der USA liefert, hat diejenige des australischen Hinterlandes bisher wenig stattgefunden. Schon das Wort Besiedlung bringt ja seine Probleme mit sich, denn die Gebiete, die von den Weißen „zivilisiert“ wurden, waren ja vorher nicht unbewohnt. Im Jahre 1888, zur Zeit der Handlung von „The Proposition“, hält der Großteil der britischen Siedler die Aborigines für barbarische Wilde. In einem kleinen Ort in der Einöde trägt Captain Stanley (Ray Winston) die Verantwortung und hat dementsprechend auch das Sagen. Stanleys ganze Aufmerksamkeit gilt den wegen mehrfacher Morde und Vergewaltigungen gesuchten Burns-Brüder. Und tatsächlich gelingt es ihm bald, zwei von ihnen festzunehmen. Mickey Burns ist allerdings noch ein Kind, sein Bruder Charlie (Guy Pearce) hingegen ein ungepflegter Outlaw. Der wirkliche Bad Guy ist jedoch Arthur Burns, der sich irgendwo in der menschenfeindlichen Wildnis versteckt hält. Stanley macht Charlie ein Angebot. Wenn er in kurzer Zeit die Leiche seines älteren Bruders beschafft, verspricht Stanley ihn selbst und Mickey am Leben zu lassen.

Das weitere Geschehen spielt sich zweigeteilt ab. Charlies Trip ins „Herz der Finsternis“ führt zu einigen blutigen Aufeinandertreffen, während in der Ortschaft die Gerüchteküche brodelt. Ein übereifriger Gouverneur und die primitive Rachsucht der Bevölkerung tragen weiter zur Eskalation des Geschehens bei. Die explizit grausame Darstellung von Gewalttaten wird manche Betrachter verstören. Dabei setzt „The Proposition“ ähnlich wie „A History of Violence“ eigentlich auf eine ruhige, getragene Erzählweise, in denen jedoch hin und wieder die Gewalt punktuell eskaliert.

Trotz des Schauplatzes Australien kann man den Film durchaus als Western bezeichnen, denn die Themen von Landgewinnung, Vertreibung und dem Gesetz des Stärkeren sind ebenso vorhanden wie der rauhbeinige Sheriff, seine unfähigen Gehilfen, usw. Doch ist es ein moderner Western, der keine einfachen Kategorien von Gut und Böse kennt. Fest steht, dass Arthur Burns eine menschliche Bestie ist, doch mit seinen Brüdern liegen die Dinge komplizierter. Charlie ist ein ziel- und rastloser Outlaw, ohne Respekt vor dem Gesetz, aber wie es scheint mit einem Rest von Skrupeln und Menschenverstand. Inwiefern der junge Mickey ein Verbrecher sein könnte bleibt bis zum Ende offen, was die Meute aber nicht daran hindert den Jungen zu foltern.

Die Musik spielt immer wieder zwei verschiedene Themen an, deren etwas sperrige Schönheit perfekt zur Stimmung beiträgt. Kein großes Wunder auch, schließlich komponierte die australische Indie-Ikone Nick Cave nicht nur den Soundtrack, sondern schrieb auch das Drehbuch.

Die Landschaftsaufnahmen zeigen fast ausschließlich karge Szenerien, in denen die Gluthitze den letzten Rest Leben aus dem Boden zu saugen scheint. Hier von schönen Bildern zu sprechen ist beinahe zynisch, und doch ist „The Proposition“ visuell ein sehr sehenswerter Film. Seine dunkle Geschichte kommt ohne die übliche Westernromantik aus, es gibt keine Pfannen voller Bohnen, keine friedlichen Viehherden und keinen ultimativen Showdown zwischen Gut und Böse. Dafür gibt es ein Ende mit einem Ausrufezeichen, gefolgt von einem seltenen Moment des Innehaltens und Reflektieren. Und dann wird die Leinwand schwarz wie die Seele von Arthur Burns.

8/10

Robert Altman's Last Radio Show

Im November vergangen Jahres ist mit Robert Altman einer der herausragenden Regisseure des 20. Jahrhundert im Alter von 81 Jahren verstorben. Er begann mit „M.A.S.H.“, „The Long Goodbye“ und „Nashville“ als einer der wichtigsten Regisseure von New Hollywood, tauchte in den 80ern nur sporadisch wieder auf, um dann ein Jahrzehnt später mit „The Player“, „Short Cuts“ und „Pret-A-Porter“ sein Comeback zu feiern. Zuletzt war er 2002 mit „Gosford Park“ für den Oscar als bester Regisseur nominiert und bekam 2006 – gerade noch rechtzeitig – von der Academy den Lifetime Achievement Award. Altman kündigte bei der Zeremonie an, noch weitere Filme drehen zu wollen, es blieb jedoch nur noch die Zeit für „A Prairie Home Companion“ (Originaltitel), der nun in Deutschland anläuft.Altmans letzter Film mutet an wie eine Reise in längst vergangene Zeiten. Wie üblich hat er ein Ensemble großer Namen zusammengestellt, unter ihnen Meryl Streep, Lily Tomlin, Kevin Kline, Tommy Lee Jones, Woody Harrelson und einige andere. Sie alle spielen Mitglieder einer Radio-Show im Mittleren Westen, live und vor Publikum spielen sie ihre altmodischen Songs und verströmen mit ihrem ländlichen Hillbilly-Charme pure Nostalgie. Ihre Show ist die letzte ihrer Art, und nach der Übernahme des Senders durch ein Konglomerat geben sie wehmütig und tapfer ihre letzte Vorstellung. „Last Radio Show“ begleitet die Musiker und den Rest der Crew bei ihrem finalen Auftritt.

Mit einem herkömmlichen Drama hat der Film dabei nichts am Hut. In seiner bekannten Technik schneidet Altman Gespräche hinter der Bühne, die kleinen Macken und Sehnsüchte seiner Helden und ihre charmanten Auftritte zu einem von viel Improvisation geprägten Portrait zusammen. Kevin Kline ist der Mann im Hintergrund, der im plötzlichen Auftauchen einer geheimnisvollen Blonden (Virginia Madsen) einen Rettungsanker sieht, Woody Harrelson und John C. Reilly geben sich als singende Cowboys Lefty und Dusty die Ehre, während die Schwestern Yolanda und Rhonda Johnson (Streep und Tomlin) sich bemühen, Yolandas skeptische Tochter Lola (Lindsay Lohan) für ihre Show zu erwärmen.

Ein paar Überraschungen hat Altman im Verlauf des Films noch zu bieten, doch überwiegen eindeutig die von lakonischen Gesprächen und vor allem Gesang geprägten Szenen. „Last Radio Show“ hat mir viel Spass gemacht, doch Vorsicht: Die Nummernrevue aus von Geigen und Banjos geprägten Hillibilly-Songs ist für erklärte Feinde dieser altmodischen Volksmusik nur schwer zu ertragen. Hier wird ein Hohelied auf die Vergangenheit und Identität der einfachen Leute des mittleren Westens gesungen. Wer darauf mal einen Blick riskieren möchte, sollte das auf jeden Fall tun. Wer beim bloßen Gedanken an Banjos oder Mundharmonikas jedoch zum Mörder wird ist besser beraten sich nach etwas Passenderem umzusehen.

8/10

The Good German

Steven Soderbergh hat sich in den letzten 10 Jahren wie kaum ein anderer Regisseur in Hollywood seine eigene Nische geschaffen. Nach seinem Comeback mit „Out of Sight“ konnte er mit „Erin Brockovich“, „Traffic“ und „Ocean’s 11“ große kommerzielle Erfolge feiern, ganz nebenbei sprangen dabei Oscars für Julia Roberts, Benicio Del Toro und Soderbergh selbst raus. Nun dreht der gute Mann abwechselnd Fortsetzungen von „Ocean’s 11“ und kleinere Filme mit moderaten Budgets, zuletzt „Solaris“ und das in Deutschland leider nie erschienene Laienschauspieler-Drama „Bubble“. Bevor sich nun im Sommer Al Pacino als „Ocean“ Nr. 13 präsentiert, kommt „The Good German“ in die deutschen Kinos, eine Hommage des Regisseurs an die Film Noirs der 40er Jahre.Mit dem Übernehmen einiger Stil- und Storyelemente ist es Soderbergh im Gegensatz zu vielen Kollegen aber nicht getan. Sein Film wurde in Bild, Ton, Beleuchtung, Vorspann und Musik komplett auf alt getrimmt. In – logischerweise – schwarzweißen Bildern erzählt er die Geschichte des US-Journalisten Jake Geismer (George Clooney), der unmittelbar nach Kriegsende anno 1945 nach Berlin zurück kehrt. Sein eigentlicher Auftrag besteht in der Berichterstattung über die Potsdamer Konferenz für das Magazin „The New Republic“, doch hat Geismer bald andere Prioritäten. Er begegnet seiner alten Liebe Lena (Cate Blanchett) wieder, inzwischen die Geliebte von Jakes Fahrer Tully (Tobey Maguire).

Besonders begeistert von Geismers Auftauchen scheint Lena nicht zu sein, was den aber nicht davon abhält, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Die Story läuft bald aus dem Ruder, denn neben Interessen von Geheimdienst und Militärs spielen auch noch einige unbekannte Kräfte eine wichtige Rolle. Soderbergh präsentiert das zerstörte Berlin als trostlosen Ort, in dem die Kriegsgewinner die Regeln machen (bzw. brechen), und die geschlagenen Deutschen zwischen Depression und Verleumdung einen Weg aus ihrer Sackgasse suchen. Europa ist zum Schachbrett der aufsteigenden Supermächte USA und Sowjetunion geworden, die sich in der geteilten Stadt auf die Realitäten des Kalten Krieges einstellen.

„The Good German“ entwickelt sich wie ein alter Hitchcock-Thriller in leichtem Schnelldurchlauf. Wo der alte Meister vier oder fünf Charaktere brauchte, sind es hier insgesamt etwa deren zehn, das Tempo ist flott, aber keineswegs gehetzt. Die Figuren bewegen sich in durchaus bekannten Mustern durch den Plot, was der Freude am Zusehen jedoch keinen Abbruch tut. Mit seinen überdeutlichen Anleihen bei Klassikern wie „Casablanca“ will uns der Film ganz offensichtlich keine Innovationen vorgaukeln, sondern eine Ära des Kinos beschwören, in der Überraschungen nicht darin bestanden, das alles Gesehene nur ein Traum gewesen ist. Die Darsteller, allen voran Cate Blanchett und George Clooney, passen wunderbar in diesen alten Look.

Das alles ist weder atemberaubend noch neu, und doch zieht der Film einen binnen weniger Minuten in seinen Bann. Die zerbombte, kaputte Stadt spiegelt treffend das zerrissene, illusionslose Innenleben einiger wichtiger Figuren, der politische Hintergrund verleiht zusätzlichen Thrill. Nicht zu vergessen die vielen herrlichen, auf Deutsch gesprochenen Dialoge von Clooney und Blanchett, die allein Grund genug sind, sich diesen Film im Original (mit oder ohne Untertitel) anzusehen.

9/10

Rocky Balboa

Erste unbestätigte Meldungen, Sylvester Stallone wolle ein sechstes Mal als „Rocky Balboa“ in den Ring steigen führten Anfang letzten Jahres zu ungläubigem Kopfschütteln. Doch Stallone hat es ernst gemeint und sich als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller diesem Projekt verschrieben. Das Ergebnis ist nun im Kino zu sehen, und kann sich dort auch durchaus sehen lassen. Wer mit den „Rocky“-Filmen mehr oder weniger aufgewachsen ist bekommt ein letztes Mal seinen Helden zu sehen, innerlich und äußerlich gealtert, aber mit den gleichen Underdog-Instinkten wie eh und je.Natürlich, soviel steht fest, ist Stallone mit 60 Lenzen viel zu alt um noch einmal den Boxer zu mimen. Doch nach den vielen Vorgängern sehen wir auf der Leinwand keinen zu alten Stallone, sondern einen alten Rocky Balboa. Darin liegt die größte Qualität des Films – das Publikum ist schon nach wenigen Minuten wieder in der Welt des „Italian Stallion“ angekommen. Der verdingt sich inzwischen als Restaurantbesitzer und erzählt seinen Kunden von der guten alten Zeit. Immer noch trauert Rocky um seine geliebte Adrian, gleichzeitig versucht sich sein Sohn Rocky Jr. aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu befreien und hält ihn deshalb sichtlich auf Distanz. In der Barkeeperin Marie findet er eine verwandte Seele, worüber deren Sohn Steps wenig begeistert ist.

Es ist ein Jux in den Medien, der aus Rocky wieder einen Kämpfer macht. In einem computeranimierten Duell lässt ein Fernsehsender den amtierenden Champion Dixon (Antonio Tarver) gegen Rocky in seinen besten Jahren antreten – ein Duell, das Rocky für sich entscheidet. Dixon ist gerade beim Box-Publikum unten durch, weshalb seine Manager bei Signore Balboa vorstellig werden. Für viel Geld sollen die beiden bei einem Schaukampf aufeinandertreffen. Wie sich Rocky wohl entscheiden wird? An seiner Seite hat er dabei wie immer seinen alten Gefährten Paulie (Burt Young), und auch das ein oder andere morgendliche Glas voller roher Eier findet Verwendung.

Es ist wirklich eine Überraschung, wieviel Stallone bei dieser sehr späten Fortsetzung richtig gemacht hat. Er spielt seine Rolle mit dem traurigen, aber unbeirrten Blick aus den ersten beiden Filmen, und schafft es, die Sympathien der Zuschauer zu gewinnen. Rocky ist weiterhin nicht grade eine Leuchte, aber er trägt sein Herz am rechten Fleck. Stallone als Drehbuchautor umschifft die Gefahr der Lächerlichkeit beinahe vollständig, indem er auf einen WM-Kampf oder ähnliches verzichtet. Als Regisseur inszeniert er die Arbeiterviertel Philadelphias ganz im Stil früherer Tage und beweist gutes Timing. Wenn Rocky am Ende mal wieder das Training aufnimmt und die Menge begeistert (wobei er weiterhin fast vollständig auf eine vernünftige Deckung verzichtet) regiert die pure Nostalgie.

So richtig ernst nehmen muss man den Film dabei nicht unbedingt. Doch er verschafft einem der populärsten Kino-Helden aller Zeiten einen würdevollen und unterhaltsamen Abschied ins Altenteil. Das macht „Rocky Balboa“ nicht zu einem Meisterwerk, doch für einen äußerst vergnüglichen Abend reicht das völlig aus. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ hat Stallone jüngst verraten, dass er demnächst auch noch mit einem neuen „Rambo“ um die Ecke biegen wird. Nun, vorgelegt hat er nun einen wirklich guten Film, mal sehen was er mit dem Vietnam-Veteranen anzustellen gedenkt….

8/10

Spartan (DVD)

Es ist immer ein besonderes Vergnügen, einen gut gemachten Thriller zu sehen. Die richtige Mischung aus Spannung, Action und überzeugenden Charakteren ist einfach ein Hochgenuss, wenn auch leider einer der etwas selteneren Art. Denn neben den „Collaterals“ und „Sevens“ dieser Welt schmeißt Hollywood viel zu häufig mit minderwertiger Ware um sich, siehe „Basic“, „Der Einsatz“, oder auch „Hostage – Entführt“. Einer der sich auf das Genre immer gut verstand ist David Mamet. Er schrieb – unter anderem – das Drehbuch zu dem großartigen „Wag the Dog“ und führte bei den beiden sehenswerten Thrillern „The Spanish Prisoner“ und „Heist“ auch selbst Regie. Nun meldet sich der Meister mit „Spartan“ zurück und krönt damit zumindest vorläufig seine Karriere als Regisseur.Special Agent Scott (Val Kilmer), ein Vollprofi und Einzelgänger, begleitet gerade die Ausbildung einer Spezialeinheit als er zu einem wichtigen Einsatz gerufen wird. Die Tochter des US-Präsidenten ist verschwunden pikanterweise während ihr Vater in der Stadt weilte. Auf dem Gelände der Universität stellen Scott und sein junger Partner Curtis (Derek Luke) deswegen zunächst nur eine Frage: „Where`s the girl?“. Rasant führt die Story von einer Spur zur nächsten, ein eiliger Wettlauf mit der Zeit führt scheinbar schon bald ans Ziel. Doch dann nimmt die Story (nicht zum letzten Mal) eine Wendung, und spätestens ab diesem Punkt sollte man nicht mehr über den Verlauf der packenden Geschichte erfahren.

Ein guter Thriller spielt mit den Erwartungen des Publikums ohne seine Handlung dabei zu verraten. Genau das gelingt in „Spartan“ und macht diesen zu einem außergewöhnlich gelungenen Film. David Mamet setzt konsequent auf seinen eindrucksvoll aufspielenden Hauptdarsteller Kilmer, der sich hier als ideale Besetzung erweist. Auf seine Figur ist auch der Titel des Films zurückzuführen, doch was es damit auf sich hat, findet man besser selbst heraus. Mag die zugrunde liegende Idee auch recht simpel gestrickt sein, die große Stärke von Mamets Drehbuch liegt darin, ihr eine äußerst spannende und überraschende Form zu geben. Dazu entwickelt er neben seinem Helden auch einige Nebencharaktere über die normalen Maße hinaus, was der Glaubwürdigkeit hilft und gleichzeitig zur Spannung beiträgt.

Die Inszenierung bleibt dabei immer recht kühl, getragen von einem energievollem Score entfaltet sich das Geschehen vor allem über die großartigen, auf den Punkt passenden Dialoge und die allgegenwärtige Möglichkeit weiterer Überraschungen und Wendungen. Dabei ist der Film auch bei Gewaltdarstellungen nicht eben zimperlich. Vorrang hat aber ganz klar die Story, von billigen Schockeffekten Marke „Bad Boys 2“ ist man weit entfernt. Über die zweite Hälfte und den Ausgang des Geschehens kann man sicher lange diskutieren, auch spart dieser Ausflug in die Welt von Politik und Geheimdiensten nicht mit recht drastisch geäußerter Kritik an beiden Welten. Doch bei allem Realismus ist „Spartan“ in erster Linie spannungsgeladenes Kino in Reinform und kein Vehikel um politische Überzeugungen zu verbreiten.

Der Film hätte eine Kinoauswertung mehr als verdient gehabt, leider ist ihm die zumindest in Deutschland verwehrt geblieben. Vielleicht lag es daran, dass der Film einem breitem Mainstreampublikum wohl nicht zugesagt hätte, und die Arthouse-Fraktion auf einen US-Geheimdienst-Thriller wohl kaum enthusiastisch reagiert hätte. Schwer zu vermarkten jedenfalls, und so gingen einige Jahre ins Land. Nun bringt Kinowelt „Spartan“ immerhin als DVD auf den Markt. Und verdient sich damit locker den Titel „Beste Videopremiere ever!“. Immerhin…

10/10

Apocalypto

Nachdem Mel Gibson im Sommer besoffen am Steuer festgenommen wurde und dabei auch noch antisemitische Äußerungen von sich gab schien seine Karriere einen endgültigen Tiefpunkt erreicht zu haben. Sein voriger Film „Passion Christi“, dem einige Kritiker ebenfalls eine Tendenz zum Antisemitismus vorwarfen, hatte sein Image als fundamental-christlicher Wirrkopf etabliert. Durch den Vorfall im Sommer jedoch wurde Gibson für viele führende Köpfe in Hollywood untragbar. Einen Verleih für sein neuestes Werk „Apocalypto“ hat er in Disneys Buena Vista trotzdem gefunden, produziert hat er den Film durch seine Firma Icon Productions selbst. So steht das Publikum vor einem schwierigen Dielmma. Kann man sich guten Gewissens einen Film ansehen, dessen Regisseur höchstwahrscheinlich judenfeindliche Ansichten hat? Wer Gibson aus diesem Grund boykottiert, tut dies mit gutem Recht. Es ist aber ebenso legitim, den Film zunächst eigenständig zu bewerten, ohne ihn dabei blind von seinem Schöpfer zu trennen. Und um es vorweg zu nehmen, der Film bietet eine Menge Stoff für Diskussionen. Aber er spielt zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Reich der Maya, und bietet wenig bis keine Angriffsfläche, ihn mit der Debatte um seinen Regisseur in Verbindung zu setzen. Gedreht mit gänzlich unbekannten (Laien-)Darstellern und in einer wohl authentischen indianischen Sprache lässt „Apocalypto“ das Reich der Maya in Mittelamerika auf der Leinwand auferstehen. Der Beginn ist – abgesehen von der erfolgreichen Jagd eines Tapirs – weitgehend friedlich. Gezeigt wird das Leben eines kleinen Stammes, der in einem Dorf tief im Urwald lebt. Zur Identifikationsfigur für den Zuschauer dient der junge Jäger Jaguarpfote, dem als Sohn eines Anführers eine besondere Verantwortung zukommt. Er wohnt mit seiner schwangeren Frau und seinem Sohn in einer kleinen Hütte, umgeben von einem Gemeinwesen, in dem auch der Humor nicht unbekannt ist.

Mit dem Frieden ist es bald vorbei. Eine Gruppe finsterer Krieger überfällt das Dorf im Morgengrauen und überwältigt und tötet alle seine Bewohner. Jaguarpfote kann grade noch seine Familie in ein Versteck bringen, muss dann aber mit ansehen, wie die Eindringlinge seinem Vater die Kehle durchschneiden. Die Kette von ineinandergreifenden Ereignissen ist damit in Gang gesetzt, der Rest des Films besteht im Wesentlichen aus drei Teilen. Zunächst werden die Einwohner gefesselt und in einem langen Gewaltmarsch durch den Urwald getrieben. Ihr Ziel ist eine beeindruckende Stadt, in der sich die herrschenden Klassen von Sklaven ihre Tempel bauen lassen. Finsterer Höhepunkt ist eine Zeremonie, in der ein Hohepriester dem Sonnengott mehrere Menschenopfer bringt. Eine Sonnenfinsternis beendet diesen zweiten Teil, es folgt in der letzten knappen Stunde des Films eine schier endlose Verfolgungsjagd auf Jaguarpfote, der es geschafft hat seinen sadistischen Peinigern zu entkommen.

Auf der Leinwand gibt es dabei immer etwas zu entdecken. Ohne viel Vorwissen und ohne bestimmte vorgefertigte Bilder im Kopf kann man diese unbekannte Welt vollständig neu entdecken, mit all ihren Rätseln, Traditionen und Ritualen. Das ist es, was „Apocalypto“ aus der Masse aller Filme dieses Jahres heraushebt. Wie sonst nur in Terence Malicks „The New World“ gibt es etwas völlig neues, im Kino so nicht dagewesenes zu sehen. Diese Faszination, mit der man sich den in überwältigenden Bildern gefilmten Eindrücken widmet, ist den Gang ins Kino allein bereits wert. Gleichzeitig muss jedoch gewarnt werden. Der Film ist extrem brutal und enthält einige schlichtweg widerliche Szenen, die sich manche Zuschauern ganz sicher nicht zumuten möchten. Abgeschlagene Köpfe, unzählige Leichen, noch schlagende menschliche Herzen, massenhaft Blut und auf jede erdenkliche Weise malträtierte Körper nehmen einen großen Teil des Geschehens ein.

Hier aber stellen sich auch kritische Fragen. Sind die sadistischen Exzesse authentisch? Oder benutzt Gibson diese untergegangene Zivilisation nur, um vor exotischer Kulisse einen eingeboren „Indiana Jones“ zum Actionhelden machen zu können? Soll das alles am Ende nur Unterhaltung sein? Fest steht, dass der Film sein Publikum herausfordert. Es bleibt eindeutig dabei, Mel Gibson philosophiert mit dem cineastischen Hammer. Vielleicht ist es auch schon ausgewachsener Größenwahnsinn, wenn sich ein Regisseur nach der Leidensgeschichte Christi gleich den Untergang eines ganzen Volkes vornimmt.

Auch die möglichen Querverweise des Films auf die Gegenwart sind vielfältig zu interpretieren. So macht der Film deutlich, dass die Hohepriester eigentlich Scharlatane sind, die ihrem Volk eine Sonnenfinsternis (die sie als solche erkannt und sogar auf die genaue Uhrzeit bestimmt haben) als göttliche Intervention verkaufen. Sklaverei und Expansion, sowie fehlender Respekt vor dem Individuum werden eindeutig als Gründe für den inneren Zerfall der Maya ausgemacht. Betrachtet Gibson also Freiheit, Bescheidenheit und Individualismus als die höchsten Werte jedes Gemeinwesens? Auch die Rolle der europäischen Eroberer lässt „Apocalypto“ offen, ihre Ankunft liegt am Ende zwar in der Luft, das Aufeinandertreffen der verschiendenen Kulturen ist aber nicht mehr Teil des Films.

Als Abenteuer- und Actionfilm verdient sich „Apocalypto“ zweifellos Bestnoten. Wer die grenzenlose Gewalt auszuhalten vermag bekommt einen lohnenswerten Ausflug in die Geschichte zu sehen, ein am Ende rasendes Spektakel, das, ob man es mag oder nicht, sicher niemandem langweilig wird. Über den (untertrieben gesagt nicht ganz unwichtigen) Realitätsgehalt müssen jedoch andere urteilen. Mein Interesse für die Zivilisation der Maya ist jedenfalls durch den Film eindeutig gestiegen. Und wenn es auch manchmal schwerfiel, hinzusehen, gehörte dieser Gang ins Kino zu den unvergesslichsten der letzten Jahre.

8/10

The Departed – Unter Feinden

Es hat Tradition in Hollywood, dass die Studios Filme, von denen sie sich große Oscar-Hoffnungen machen, in den letzten drei Monaten des Jahres in die Kinos bringen. Das trifft – wie so häufig – auch auf Martin Scorseses neuesten Film zu, hochkarätig besetzt mit Matt Damon, Jack Nicholson, Leonardo DiCaprio und weiteren bekannten Namen. „The Departed“ ist ein Remake des spannenden Hong Kong-Thrillers „Infernal Affairs“ aus dem Jahre 2002, gleichzeitig bereits die dritte Zusammenarbeit des Regisseurs mit Hollywood-Superstar Leonardo DiCaprio. Und ganz nebenbei auch einer der besten Filme des Jahres…Matt Damon spielt Colin Sullivan, der bereits als Kind unter die Fittiche von Bostons irisch-stämmigem Unterweltkönig Frank Costello (Jack Nicholson) geriet. Costello schickt Sullivan zur Polizeischule, wo er mit Bravour seinen Abschluß macht. Schon bald gehört er zu jener Spezialeinheit, die seinen Boss ins Gefängnis bringen will. Sullivan agiert als Spitzel für Costello, was sich zunehmend kompliziert gestaltet – denn auch die Polizei von Boston hat einen Spitzel ausgeschickt, dessen Identität jedoch streng geheim ist.

Tatsächlich kennen nur Captain Queenan (Martin Sheen) und Sgt. Dignam (Mark Wahlberg) die Identität ihres Undercover-Beamten. Denn für Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) könnte jede Information über seine wahre Identität sein Todesurteil bedeuten. Über einen Cousin hat sich Costigan in den engeren Kreis um Frank Costello eingeschlichen, bemüht seinen Vorgesetzten wichtige Informationen zu liefern, ohne seine Tarnung aufzugeben.

Wie schon im Original entfaltet die verzwickte Ausgangssituation eine ungeheure Sogwirkung. Das Spiel mit den falschen Identitäten ist geprägt von permanenter Angst, bloß gestellt zu werden und sorgt für einige der spannendsten und besten Szenen des Films. Im Gegensatz zur Vorlage gibt Scorsese seinen Charakteren dabei mehr Raum und Tiefe, weshalb „The Departed“ mit 150 Minuten Laufzeit eine volle Stunde länger braucht, um seine Geschichte zu erzählen.

Das zentrale Thema von „The Departed“ fasst Frank Costello schon zu Beginn zusammen. Als Ire in Boston habe man zwei Möglichkeiten: Man wird entweder Polizist oder Gangster. Aber, so fragt Nicholson mit diabolischem Grinsen, wenn man in den Lauf einer geladenen Waffe blickt, wo ist dann der Unterschied? Gerade für DiCaprio als Billy Costigan wird diese fatale Weisheit im Laufe der Handlung zu seinem ärgsten Feind. Costigan und Sullivan wissen zwar um die jeweilige Existenz des anderen, allerdings nicht um die genaue Identität. Sie beide leben in zunehmender Angst, erkannt zu werden, was tödliche Konsequenzen mit sich brächte.

Leonardo DiCaprio und Matt Damon waren selten bis nie besser als in diesem fantastischem Zwitterwesen aus Polizei- und Gangsterfilm. Auch Jack Nicholson ist in wahrer Bestform und erweckt mit Frank Costello einen ungemein realistischen und bedrohlichen Bösewicht zum Leben, ohne dabei in „Joker“-artige Manierismen zu verfallen. Ebenfalls überzeugend sind Martin Sheen, Mark Wahlberg, Alec Baldwin sowie die bislang recht unbekannte Vera Farmiga, die die hübsche und für die Story elementar wichtige Polizei-Psychologin Madolyn spielt.

Eine weitere große Stärke des Films ist das (adaptierte) Drehbuch von William Monigan, das starke Dialoge, perfektes Timing und eine große Portion zuweilen äußerst brutalen Realismus vereint. Scorseses Inszenierung des Stoffes ist geprägt von einer ruhigen, nur selten auf musikalische Untermalung bauenden Intensität. Er verzichtet weitgehend auf trickreiche Kamerafahrten und konzentriert sich auf Story und Charaktere, doch in einigen großartig komponierten Szenen ist seine Handschrift deutlich zu erkennen. Eine Liste der vielen Momente ganz großen Kinos würde hier den Rahmen sprengen.

Wenn Anfang nächsten Jahres die Liste mit den Oscar-Nominierungen erscheint, wird „The Departed“ sicher mehrfach dabei sein. Zum jetzigen Zeitpunkt kenne ich keinen Grund (bzw. Film), warum Martin Scorsese seinen wohlverdienten Oscar für die beste Regie nicht anno 2007 tatsächlich bekommen sollte. Er hat ein Remake gedreht, das noch besser ist als das Original, weil es das Potential der Story vollends ausschöpft. Die Stärken von „Infernal Affairs“ finden sinch allesamt auch in seiner Version auf der Leinwand, noch dazu verfeinert durch tiefgründigere Figuren und ein leicht abgewandeltes, meisterliches Ende. Dazu ist es mit einem Einspielergebnis von über 110 Mio. Dollar sein kommerziell erfolgreichster Film in den USA. Aber wenn es doch wieder nicht reichen sollte, denkt man einfach an den guten Sir Alfred Hitchcock. Wahre Meister brauchen keine Oscars.

10/10

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