Casino Royale

Nach vier Filmen mit Pierce Brosnan als James Bond haben die Produzenten der 007-Reihe die Zusammenarbeit beendet. Etwas verdutzt nahm die Welt zur Kenntnis, daß fortan der Engländer Daniel Craig als Superagent die Welt retten sollte. Die Vorbehalte gegen Craig waren immens. Er ist blond, sieht nach herkömmlichen Standards nicht so gut aus wie Brosnan und hat sich bislang keineswegs einen Namen als Actionheld gemacht. Auch ich war einigermaßen skeptisch, andererseits aber auch schwer enttäuscht von Brosnans letztem Film „Die Another Day“. Zuviel irrwitziger Zirkus, zu vollgestellt und – für Brosnan ungewöhnlich – zu uncool. So ist die Neubesetzung der Hauptrolle auch eine Chance für die Produzenten, ein paar Änderungen vorzunehmen, und diese Chance haben sie erstaunlich konsequent genutzt.Der „neue“ Bond, der sich in „Casino Royale“ vorstellt, ist gerade erst zum 00-Agenten befördert worden. Zum Ärger seiner Vorgesetzten M (Judi Dench) nutzt Bond seine neuerworbene Lizenz zum Töten bei seinem zweiten Einsatz eine Spur zu Publicity-wirksam ein. Trotz ihrer Mißgunst schickt sie 007 zu einem gefährlichen Einsatz nach Montenegro, wo der verschlagene Geldwäscher Le Chiffre (Mads Mikkelsen) im „Casino Royale“ eine Pokerrunde mit monströsen Einsätzen veranstaltet. Dabei an seiner Seite ist die schöne Vesper Lynd (Eva Green), die in erster Linie auf die Bond anvertrauten 10 Millionen Dollar aufpassen soll.

Verglichen mit den jüngsten Brosnan-Filmen hat sich im Universum Bond einiges geändert. Es gibt keinen Q, und somit auch nur sehr wenige Gimmicks, es gibt keine extra lange Actionsequenz vor den Credits, und es gibt – zum Glück – auch keinen aberwitzigen Bösewicht, der die Welt beherrschen will. Die Story von „Casino Royale“ legt ihren Fokus eindeutig auf die Figur des Geheimagenten, der sich in der komplizierten Welt der internationalen Spionage zurecht finden muss. Daniel Craig ist als Bond weniger glatt als sein Vorgänger, und die Arbeit geht ihm weniger leicht von der Hand. In einer der schönsten Szenen des Films kommt kurz Bonds Herkunft als Waisenjunge ins Spiel, ein wichtiger Hinweis darauf, dass diese neue Bondfigur nicht als smarter Superheld und Frauenverführer auf die Welt gekommen ist. An anderer Stelle kommt gar die Frage auf, ob er sein Dasein als Spion nicht völlig aufgeben sollte.

Eva Green macht als Bonds Love-Interest eine sehr gute Figur. Im Gegensatz zu den allermeisten Bondgirls kann man die von ihr gespielte Vesper Lynd als Figur ernst nehmen. So schick Halle Berry auch sein mochte, ihre Rolle als toughe CIA-Agentin Jinx in „Die Another Day“ war letztlich nichts weiter als ein scheeles Zugeständnis an den Massengeschmack. Judy Dench ist als M wie immer überzeugend und sorgt für ein bißchen Kontinuität, Jeffrey Wright gibt einen guten Felix Leiter, während die Abwesenheit von Q nicht sonderlich schwer wiegt. Der originale Q-Darsteller Desmond Llewelyn ist ohnehin nicht zu ersetzen, auch wenn mir scheint, dass sich die Produzenten für den nächsten Film einen Nachfolger suchen werden.

Einer großen Tradition der Reihe bleibt man gleichwohl treu. Die Handlung umfasst locker ein halbes Dutzend Schauplätze, darunter Prag, die Bahamas, Miami, Montenegro und Venedig, Bösewicht Le Chiffre verschlägt es anfangs gar in den Dschungel Ugandas. Die Action hat sich dagegen stark gewandelt. Statt gigantischer Sets und wilden Effekten gibt es nun beinahe herkömmliche Schießereien und Verfolgungsjagden, die jedoch packend und mit viel Gespür fürs Material umgesetzt wurden. Bonds erste Großtat in „Casino Royal“ ist eine wahrlich beeindruckende Verfolgungsszene per pedes quer durch eine Großbaustelle samt der dazugehörigen Kräne. Gegen Ende zeichnet er verantwortlich für den Untergang eines kompletten Altbaus, der unzweifelhaft unter Denkmalschutz stand…

Ein paar Schwächen gibt es leider auch zu vermelden. So ist der Film locker eine Viertelstunde zu lang, und die Story nicht immer sonderlich schlüssig. Auch sind einige Szenen (Stichwort: Selbstwiederbelebung) etwas over-the-top geraten und lassen einen schon mal schmunzeln. Grundsätzlich aber ist dieser Neustart ein voller Erfolg geworden. Daniel Craig verleiht James Bond mit seiner ungeschliffenen, körperbetonten Art neue Facetten, ohne ihr damit zu schaden. Das Drehbuch enthält eine Vielzahl klassischer Szenen (Casino, Aston Martin, Vernaschen der Frauen von Bösewichtern), die dem Film den dringend benötigten Bond-Charakter verleihen, und darüber hinaus einige köstliche Dialoge. Regisseur Martin Campbell hat mit „Goldeneye“ schon einmal einen sehr guten Neustart der Reihe in Szene gesetzt, und ist auch in diesem Fall ganz klar die richtige Wahl. Vergessen wir also das ganze Gerede, daß Craig kein Bond sein kann – denn es ist, wie es bei Bondfilmen sein sollte: Man hat gerade einen gesehen und freut sich schon wie ein kleines Kind auf den nächsten.

9/10

Children of Men

Großbritannien im Jahre 2027, die Welt ist endgültig aus den Fugen geraten. Die zivilisierte Welt ist im Chaos versunken, die Menschen geteilt in „legale“ Bürger und „illegale“ Flüchtlinge. Doch es kommt noch schlimmer: seit über 18 Jahren sind keine Kinder mehr auf die Welt gekommen, aus ungeklärten Gründen sind die Menschen unfruchtbar geworden. Durch dieses düstere Szenario wandelt der ehemalige politische Aktivist Theo Faron, gespielt von Clive Owen. Er scheint sich mit dem Ende der Menschheit abgefunden zu haben, den in England dauerpräsenten Terror von Rebellen nimmt er ebenso stoisch zur Kenntnis wie die Zeitungsberichte über den tragischen Tod von „Baby Diego“, dem jüngsten Erdbewohner. Lediglich im abgelegenen Haus seines alten Freundes Jasper (Michael Caine mit Hippie-Mähne) kann Theo dem schrecklichen Alltag für einige Zeit entkommen.Mit dem Alltag ist es bald vorbei. Seine Ex-Frau Julian (Julianne Moore), inzwischen Anführerin einer Gruppe von Regimegegnern, bittet Theo um einen heiklen Gefallen. Er soll Papiere besorgen, die einer unbekannten Frau eine Reise durch England ermöglichen. Ohne genau zu wissen, worauf er sich einlässt beginnt für Theo nun ein wilder Trip von London in Richtung eines ominösen Hospitalschiffes vor der Küste. Denn die „Illegale“ Kee ist hochschwanger, was die skrupellosen Behörden auf keine Fall erfahren dürfen.

Obwohl „Children of Men“ ganz sicher ein Science-Fiction-Film ist, wird die Handlung stärker durch den Road-Movie-Charakter geprägt. Ähnlich wie bei Spielbergs letztjährigem „Krieg der Welten“ reist hier eine kleine Gruppe von Menschen durch eine von Chaos, Anarchie und Terror geprägte Umwelt, immer auf der Suche nach Unterschlupf, immer in Angst vor zahlreichen Feinden von innen und außen, und immer in Bewegung. Regisseur Alfonso Cuaron („Y Tu Mama Tambien“, „Harry Potter 3“) gelingen dabei atemberaubende Actionsequenzen, die den Zuschauer in langen Einstellungen mitten in die Verfolgungsjagden und Schießereien hineinwerfen. Die bedrohliche Klangkulisse trägt dabei ebenso bei wie die meist der subjektiv arbeitende Kamera.

Das Bild von dieser nicht allzu fernen Zukunft ist geprägt von einer tristen und moströsen Architektur, sowie nur leicht abgewandelten Autos oder Zügen. Technologischer Fortschritt scheint ebenso auf der Strecke geblieben zu sein wie die Fortpflanzung der Menschheit. Über die konkreten Gründe, wie die Welt so werden konnte, erfährt man relativ wenig. Kurze Ausschnitte von Aufruhr und Gewalt in der ganzen Welt belgen nur Tatsachen liefern aber keine Erklärungen. Der Kampf der Rebellen richtet sich gegen das grausame Vorgehen der Polizei gegen die zahlreichen Flüchtlinge, die Regierung setzt offensichtlich (aber eher wirkungslos) auf Kontrolle und Unterdrückung.

Die Anleihen bei der Gegenwart sind zahlreich und nicht zu übersehen, dennoch wirkt „Children of Men“ nicht wie politisches Kino im klassischen Sinn. Es gibt keine charismatischen Rattenfänger, die das Volk tyrannisieren, nur eine große Masse namenloser Befehlsempfänger. Auch gibt sich der Film nicht (wie ein Trailer befürchten lies) hemmungslos dem pathetischen Aspekt der Erlösung durch Kees Baby hin, sondern führt seine Charaktere glaubwürdig durch sein apokalytisches Szenario. Sogar eine gesunde Portion Humor ist hier im Spiel, der für die wichtigen menschlichen Momente sorgt. Clive Owen ist eine gute Wahl für die Hauptrolle, die ihm eigene lakonische Art, verbunden mit großer Tatkraft kommen dem Film dabei besonders zugute.

Die Story von „Chlidren of Men“ lässt einigen Spielraum zur Interpretation, auch wenn das Ende recht eindeutig ausgefallen ist. Das Besondere des Films liegt dabei vor allem in der seltenen Mischung aus intensiver Action und einer intelligenten Story, die zum Nachdenken anregen soll. So müsste er ein Arthaus-Publikum ebenso zufriedenstellen wie ein eher actionorientiertes jüngeres Publikum. Oder aber beide Zielgruppen sparen sich den Gang ins Kino und warten auf die DVD. Das wäre für alle Beteiligten schade.

8/10

Borat

Kaum ein Film hat in letzter Zeit so einen Hype kreiert wie diese Fake-Dokumentation von Sacha Baron Cohen, besser bekannt als Ali G. In seiner Fernsehshow nahm Cohen als selbst ernannter farbiger Slumbewohner (Cohen ist weiß und jüdischer Abstammung) das britische Establishment auseinander. Er stellte sich blöd, entlockte den Leuten ein paar überdeutliche Sätze und machte sich gemeinsam mit seinem Publikum gleichzeitig drüber lustig. Dieses mal ist Cohen ganz zu seiner Kunstfigur geworden. Als vermeintlicher kasachischer TV-Reporter Borat reist er in die USA, um für sein Land zu werben und die Vorzüge Amerikas kennenzulernen. Die Regierung Kasachstans hat gegen „Borat“ protestiert, wo immer es ging. Man sieht sich in den Dreck gezogen, und hat dabei auch noch recht. Allerdings, auch wenn das den Kasachen wohl egal ist, spielt Borats angebliche Herkunft bei seiner Reise eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, dass sich Borat exakt so verhält, dass man sich ihm instinktiv intellektuell und kulturell überlegen fühlt. Und genau das nutzt er dann aus, um die dunklen Geheimnisse von Menschen auszuloten, die meinen, sie könnten ganz sie selbst sein. Dieses perfide Spiel beherrscht Cohen wie kein zweiter, und das sorgt für ein paar wirklich unvergessliche Lacher.

Borat reist in einem Eiswagen von New York nach Kalifornien, wo er seine vollbusige Traumfrau CJ treffen will. Bereitwillig erteilt ihm auf dem Weg dahin ein Autoverkäufer Auskunft, mit viel km/h er mit seinem „Hummer“ in eine Gruppe Zigeuner rasen müsste, um sie sicher totzufahren. Da erklärt ihm ein Waffenhändler, welches die beste Knarre zum Erschießen von Juden ist. Am übelsten outet sich ein Rodeo-Organisator im Mittleren Westen. Als Borat ihm erzählt, dass Homosexuelle in Kasachstan von der Polizei exikutiert würden, erwidert der Hutträger, dass wünsche er sich auch für die USA. Land of the Free? Danke der Nachfrage, Borat.

Eine herrkömmliche Kritik zu diesem Film wäre komplett unangemessen. Wie lustig sind schon nacherzählte Witze? Wer mal wieder ordentlich ablachen will und kein Problem mit dem extrem hohen Fremdschämfaktor des Films hat, der sollte sich das Spektakel selbst im Kino ansehen. Ein paar gestellte Szenen und Längen sind zwar auch dabei, und ich denke niemand will Borats Nackt-Wrestlingeinlage mit seinem vollschlanken Produzenten sehen (schon aus rein ästhetischen Gründen), aber was zur Hölle? Es darf schallend gelacht werden. Wer kann da schon nein sagen.

8/10

Eine unbequeme Wahrheit

Al Gore hat im Jahr 2000 nicht irgendeine Wahl verloren, sondern die skandalträchtigste und umstrittenste Präsidentschaftswahl in der Geschichte der USA. Genau genommen hat er sie gar nicht verloren, aber dieses Fass will ich hier lieber nicht aufmachen. Fakt ist, daß Gore sich seitdem mit einem Thema beschäftigt hat, das ihm offenbar schon immer sehr wichtig war – dem Klimaschutz. In Davis Guggenheims Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ legt er seine gesammelten Ergebnisse vor. Der Film ist ein einziger Appell an gewöhnliche Menschen und Politiker gleichermaßen, dem Problem endlich ins Auge zu sehen und – viel wichtiger – zu handeln.Den Rahmen des Films bildet ein Vortrag Al Gores, der seinem Publikum via Power-Point-Präsentation ein paar gängige Fakten näherbringt. Er erklärt, wie die globale Erwärmung entsteht und wie sie sich auswirkt. Dabei dienen ihm Bilder von Gletschern rund um den Globus ebenso als Beispiele wie die gestiegene Zahl von Tornados in den USA. Gore ist ein guter Redner, er streut einige Witze ein und vermeidet allzu komplizierte Sätze. Natürlich betreibt er mit diesem Film auch Werbung in eigener Sache, insofern dass Kritik an von ihm mitgetragener Politik ebenso fehlt wie Äußerungen von sogenannten Kritikern der vorgetragenen Thesen. „An Inconvenient Truth“ (Originaltitel) ist eine große Al-Gore-Show. Der großen Argumentationskraft des Films tut das jedoch keinen Abbruch.

Ein großer Teil der Fakten und Zusammenhänge, die den Zuschauern vermittelt werden, sind eigentlich hinlänglich bekannt. So unterhaltsam mithilfe neuester Technik aufbereitet sind sie aber wohl noch nie unters Volk gebracht worden, was sicher zum Erfolg des Films und seines Anliegens beitragen dürfte. Auch einige politische Themen schneidet Gore an, etwa das Kyoto-Protokoll, welches die unterzeichnenden Staaten zur Reduzierung ihrer CO2-Emissionen verpflichtet (die USA ist nicht darunter), oder die wachsende Bereitschaft von Bundestaaten und Städten, auf eigene Faust strengere Gesetze zu verabschieden, weil sich die Regierung in Washington nicht rühren mag.

Man muss Al Gore nicht mögen, um seine „unbequeme Wahrheit“ zu verstehen. Bei aller Selbstdarstellung des Ex-Vizepräsidenten steht das Anliegen, die Menschen aufzuklären und zum Umdenken zu bewegen immer im Vordergrund. Die angestellten Vergleiche und auch die gezeigten, teilweise erbärmlichen Versuche von Lobbyisten, die Sache klein zu reden, verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Argumentation ist von zwingender Logik, und soweit mir bekannt ist, konnte bis heute niemand von Gore eine Gegendarstellung verlangen, oder seinen Film erfolgreich in dem Schmutz ziehen. Ein sicheres Indiz dafür, dass der immer etwas steif wirkende Politiker mit dem Image eines Strebers wirklich recht hat. Wer nicht versteht, warum das keine gute Sache ist, der hat ihm nicht richtig zugehört.

9/10

Thumbsucker

Justin Cobb könnte ein ganz normaler Teenager sein. Ist er eigentlich auch, abgesehen von der Tatsache, dass er mit 17 Jahren nicht aufhören kann, an seinem Daumen zu lutschen. Seine Eltern Audrey und Mike (Tilda Swinton und Vincent D’Onofrio) betrachten dies mit Sorge und sind bemüht ihrem Sohn zu helfen. Der trägt sich darüber hinaus mit den üblichen Teenagerängsten und Problemen herum. Mädchen, Drogen, Mitschüler, mangelndes Selbstwertgefühl, die Schule ganz allgemein. Im Laufe des Films versucht Justins Kieferorthopäde Perry (Keanu Reeves) sich ebenso an der Lösung des Problems wie sein Vater und schließlich eine Schulpsychologin, die – selbstverständlich in den USA – eine Behandlung mit Pillen im Sinn hat.Ohne unnötige Übertreibungen und Effekthascherei verfolgt dieses klassische Coming-of-Age-Drama seine Hauptfigur bei seinen vielfältigen Versuchen, sich in der Welt zurecht zu finden. Neben seinen Eltern orientiert er sich dabei an weiteren „Vorbildern“ wie etwa Mr. Geary, dem Lehrer des Debattierclubs (Vince Vaughn), oder der hübschen Mitschülerin Rebecca, die sich von einer sozial gesinnten Einser-Schülerin zur dauerbekifften Hängerin wandelt. Ihrem Status als Justins Angebetete tut diese Metamorphose dabei keinen Abbruch. Genreüblich gibt es keinen zentralen Plot, der vorangetrieben werden müsste. Geschildert wird Justins Entwicklung vom unsicheren Einzelgänger zum aufgeputschten Star des Debattier-Clubs, bis er schließlich in der Nähe seines wahren Selbst ankommt.

Getragen wird der Film ohne Zweifel von seinen großartigen Darstellern. Die große Riege bekannter Mimen, die nur selten in Nebenrollen zu sehen sind, sorgt keineswegs für Ablenkung, weil sich alle auf ihre kleinen, aber feinen Rollen konzentrieren und sie unaufdringlich und glaubwürdig ausfüllen. Die andere große Stärke ist die unaufgeregte, humorvolle Inszenierung, die allen Figuren genug Raum gibt und platte Übertreibungen meidet. Nur selten von Musik unterlegt konzentriert sich „Thumbsucker“ auf die Dialoge und das weitgehend klischeefreie Spiel seiner jungen Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci (Justin) und Kelli Garner (Rebecca).

Am besten haben mir die kleinen Details gefallen, mit denen Regisseur Mike Mills (nicht der REM-Bassist) seinen Film angereichert hat. So gewinnt Kieferorthopäde Perry jedes Jahr den Halbmarathon der Gemeinde gegen Justins Vater Mike, einen ehemaligen Footballspieler, und erkundigt sich bei Justin, ob der ihn deswegen meidet. Justins erster Auftritt in seinem Debattierclub zeigt ihn, wie er Rebecca eifrig das Wort redet, was Lehrer Mr. Geary zu den Worten veranlasst: „This is not agree club – it’s debate club, Justin.“. Dem Film gelingen überdurchschnittlich viele gute Szenen, und nur ganz am Ende schießt er ein wenig über das Ziel hinaus. Der Rest ist gekonnt ausbalanciert zwischen Komik und Ernst. Ins Kino wird diese kleine Independent-Produktion trotzdem eher wenige Zuschauer locken. Schade eigentlich.

8/10

Das Parfum

Es war ein langer Weg bis Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“ den Weg auf die Leinwand gefunden hat. Lange Zeit – so heißt es – weigerte sich der Autor die Rechte für eine Verfilmung zu verkaufen. Schließlich hat er es doch getan, und der deutsche Produzent Bernd Eichinger („Der Name der Rose“) griff dankbar zu. Er heuerte mit Tom Tykwer einen renommierten Regisseur an und stellte ein für europäische Verhältnisse astronomisches Budget von kolportierten 50 Mio. Euro auf die Beine. Das Ergebnis ist eine aufwändige und schön anzuschauende Literaturverfilmung. Kein Meisterwerk, aber angesichts der schwierigen Vorlage eine gelungene Umsetzung des Stoffes.Dabei ist der Beginn wenig vielversprechend. Schauplatz ist zunächst das verlotterte und stinkende Paris Mitte des 18. Jahrhunderts. Von der Geburt des Antihelden Grenouille unter der Fischtheke bis zum Verlassen des Waisenhauses ist ein Off-Kommentar (im Original gesprochen von John Hurt) bemüht, uns die Welt dieses besonderen Kindes zu verdeutlichen. Die andauernden Nahaufnahmen seiner Nase und das ständige Schnüffeln derselben verfehlen dabei leider ihre Wirkung, denn wie es das Medium Kino so will: Der Zuschauer riecht dabei nichts. Nach kurzer Zeit jedoch findet „Das Parfum“ besser in seine Geschichte. Jean-Baptiste Grenouille, nun dargestellt von Ben Wishaw, heuert beim alten Meister-Parfümeur Guiseppe Baldini (Dustin Hoffman) an. Dessen beste Tage sind lange vorbei, er ist an seinem Tiefpunkt damit beschäftigt, ein Parfum der Konkurrenz zu fälschen.

Kein Problem für Grenouille, dessen überragender Geruchssinn es ihm ermöglicht aus dem Stehgreif ein noch viel besseres Duftwasser herzustellen. Abgesehen von seiner großen Begabung ist er jedoch aufgrund seiner Herkunft ein ungebildeter, linkischer junger Mann geblieben, der vom Leben wenig versteht und einzig von seiner Nase gelenkt wird. Sein besonderes Interesse gilt dem für ihn unwiderstehlichen Duft junger Frauen, dessen er unbedingt habhaft werden muss. Seine Zeit bei Baldini ist recht schnell vorüber, und Grenouille ist auf dem Weg nach Grasses, wo es ihm gelingen soll, diesen Geruch zu konservieren. Bald hat er die nötige Technik entwickelt, und für seine Obsession geht der Außenseiter über Leichen.

Die größte Herausforderung, der sich die Macher des Films stellen mussten, liegt darin, Bilder für die von Gerüchen bestimmte Welt der Geschichte zu finden. Etwa in der Szene, in der Baldini ein von Grenouille entworfenes Parfum zum ersten Mal riecht und sich sein Labor in einen farbenfrohen Blumengarten verwandelt, gelingt das hervorragend. Immer dann, wenn nicht das Riechen selber, sondern der Effekt der Gerüche im Vordergrund steht, macht der Film seine Sache sehr gut. Das größte Problem der Geschichte ist das Innenleben seiner Hauptfigur. Was Grenouille da im Schilde führt, und vor allem, was er damit bezweckt, bleibt lange etwas unklar. Die Logik seines kranken Geistes auf die Leinwand zu bringen ist eine harte Nuss, die „Das Parfum“ nicht immer zu knacken weiß.

Regisseur Tom Tykwer erzählt in opulenten, wunderbar ausgestatteten Bildern vom Leben seiner Hauptfigur, zumeist unterlegt von einem opernhaften, angemessen pathetischen Soundtrack. Doch für ein paar Schlüsselszenen benötigt er einen Off-Kommentar, der dem reinen, unmittelbaren Erleben etwas im Wege steht. An einigen Stellen wäre er vielleicht gar nicht nötig gewesen, andererseits wäre die Handlung für alle jene, die das Buch nicht kennen, möglicherweise komplett unverständlich geworden. Wer die Vorlage kennt, hätte auch ohne sie auskommen können.

Die Besetzung dagegen ist ein großes Plus des Films. Aus praktischen Gründen hat man sich für eine englischsprachige Besetzung entschieden, obwohl das ganze in Frankreich spielt. Ben Wishaw wandelt auf schmalem Grad zwischen Wahnwitz und Irrsinn auf der einen und Unsicherheit und Empfindsamkeit auf der anderen Seite. Die erst 16-Jährige Rachel Hurd-Wood spielt Laura, die schönste aller Jungfrauen, die Grenouille für sein Parfum unbedingt benötigt. An ihrer ätherischen, durch volles, rotes Haar betonten Schönheit kann sich der Film kaum sattsehen und inszeniert sie dementsprechend beinahe over-the-top. Aber auch nur beinahe, schließlich soll ihre Schönheit das Äquivalent dieses schönsten aller Düfte sein. Sichtbar Spaß an ihren Rollen haben Dustin Hoffman und Alan Rickman, der als reicher Grundbesitzer und Lauras Vater dabei ist.

Mit knapp zweieinhalb Stunden nimmt sich „Das Parfum“ viel Zeit für seine Geschichte. Änderungen an der Vorlage sind minimal, abgesehen von Grenouilles stark verkürztem einsamen Aufenthalt in den Bergen. Höhepunkt des Films ist – wenig überraschend – die große Szene, in der Grenouille vor den Augen der Massen hingerichtet werden soll. Diesen Ausbruch des Wahnsinns verbindet der Film mit der endgültigen Selbsterkenntnis seines Antihelden, während zu seinen Füßen hunderte von Menschen, von seinem Geruch betört und wie von Sinnen, zu einer riesigen Orgie hingerissen werden. Es sind genau diese stimmungsvollen, intensiven Bilder, die dem Film einen Anflug von Größe verleihen. Produktionen dieser Größenordnung sind in Europa immer noch Ausnahmen, und es macht Freude zu sehen, daß sie trotzdem gelingen können.

8/10

Brick

Eine wirklich interessante Neo-Noir-Variante hat der junge US-Regisseur Rian Johnson mit „Brick“ abgeliefert. Seinen klassischen Noir-Plot um verschwundene Personen, geheimnisvolle Gangster und die Abgründe des Alltags lässt er nicht etwa in den nächtlichen Straßen einer Großstadt, sondern an einer Highschool spielen. Dabei übernimmt der Außenseiter Brendan die Rolle des Detektivs, der einfach nicht locker lassen will und dabei im Verlauf des Geschehens selbstverständlich alle Seiten gegeneinander ausspielt.

Die Story führt den schweigsamen Brendan auf die Spur eines ominösen lokalen Drogenhändlers namens „The Pin“. Der scheint etwas mit dem Verschwinden seiner Ex-Freundin Emily zu tun zu haben – was genau, das bleibt jedoch lange unklar. Irgendwie mit dem „Pin“ im Bunde ist die schöne Laura, die Brendan bei seinen Bemühungen unterstützen möchte. In bester Tradition ist die Welt von „Brick“ eine düstere, gedreht wurde meist an häßlichen Schauplätzen mitten in einer namenlosen Vorstadt-Betonwüste, wie es sie in den USA zu tausenden gibt. Unterricht scheint überhaupt nicht stattzufinden, Brendan zumindest treibt sich an seiner Schule nur auf Spurensuche herum. Verlassen kann er sich dabei auf den scheinbar allwissenden Nerd „The Brain“, der wichtige Informationen beisteuern kann.

„Brick“ ist ganz klar eine Stilübung, und darunter leidet natürlich die Glaubwürdigkeit der Story. Fast zwangsläufig wirken einige Szene aufgesetzt, immerhin mutet Johnson seinen Teenagern einige Dialoge zu, die man eher aus Humphrey Bogarts Mund gewöhnt ist. Ein Problem ist das aber nicht wirklich, vorausgesetzt, man mag die alten Vorbilder gerne und kann es genießen, sie in diesem neuen Kontext präsentiert zu bekommen.

Regisseur Johnson, auch fürs Drehbuch verantwortlich, hat ein feines Gespür für seine Geschichte. Obwohl sie zunehmend komplizierter wird, verliert er selten bis nie den erzählerischen Faden, und kann die zeitweise Abwesenheit größerer Logik geschickt verdecken. Mit einem Budget von nur einer halben Million Dollar waren Actionsequenzen und Effekte natürlich nicht drin. Doch zum Glück kann man unterhaltsame Krimigeschichten auch ohne explodierende Autos drehen. Für Fans des Genres ist „Brick“ sehr zu empfehlen, als gut gemachte Hommage an die Schwarze Serie. Wer dagegen ein psychologisch stimmiges Teenager-Drama erwartet wird sicherlich enttäuscht sein.

8/10

The Science of Sleep

In „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, dem vorigen Film des französischen Regisseurs Michel Gondry, spielte sich ein Großteil der Handlung in den Köpfen seiner Hauptdarsteller ab. Jim Carrey hetzte durch seine Erinnerungen, um die komplette Auslöschung seiner Ex-Freundin Kate Winslet doch noch zu verhindern. Auch in seinem neuen Werk „The Science of Sleep“ sieht Gondry wieder in die Köpfe seiner Figuren, genauer gesagt in die Träume des jungen Stephane, dargestellt von Gael Garcia Bernal. In der realen Welt ist Stephane gerade nach Paris zurückgekehrt, bezieht eine kleine Wohnung und beginnt einen langweiligen Job. In seinem Herzen jedoch ist er ein kreativer Erfinder, sehr phantasievoll, aber für den Alltag ungeeignet. Stephane findet bald Gefallen an Stephanie (Charlotte Gainsbourg), seiner Nachbarin von gegenüber (oder doch eher an deren Freundin?). Er versucht mit allen möglichen Mitteln ihr Herz zu gewinnen, stellt sich dabei jedoch nicht sonderlich geschickt an und steht sich oft selbst im Weg. Diese Szenen präsentiert Gondry mitfühlend und humorvoll, was seinem Film eine spielende Leichtigkeit verschafft. Dazu trägt auch das charmante Sprachchaos aus Englisch, Französisch und etwas Spanisch bei.

Im Zentrum von „The Science Of Sleep“ stehen Stephanes Träume. In ihnen kommentiert sich das Geschehen selbst, werden Stephanes Wünsche und Hoffnungen ebenso deutlich wie seine Ängste. Hier fließen Erinnerungen, Realität und Wunschdenken zusammen und schaffen eine skurille, phantastische Welt, in der alles möglich ist. Regisseur Gondry hat einen wunderschönen Bilderrausch geschaffen, der so vielfältig ist, dass man ihn sicher mehrmals ansehen sollte. Statt moderner Computergraphiken benutzt er die antiquierte Stop-Motion-Technik, was dem Film einen verspielten, altmodischen Look verleiht.

Die beiden Hauptdarsteller Bernal und Gainsbourg sind exzellent besetzt, wobei ihnen Alain Chabat als Stephanes Kollege Guy hin und wieder die Schau stiehlt. Der wahre Star des Films ist jedoch die herrlich phatasievolle Ausstattung der bizarren Traumwelten. Immer häufiger verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, was einige Verwirrung stiftet. So hat „The Science of Sleep“ durchaus ein paar narrative Schwächen, die aber von der überwältigenden Optik locker überspielt werden.

Abseits von bekannten Genres hat sich Michel Gondry mit nur zwei Filmen eine Nische geschaffen, in der Erinnerungen, Träume und das Unterbewußtsein die Herrschafft übernommen haben. Bemerkenswert ist dabei, wieviel Witz und Kurzweil seine Filme mitbringen. Man braucht kein besonderes Interesse an Arthaus-Produktionen oder alternativem Kino, um „The Science of Sleep“ genießen zu können – sofern man gewillt ist, auf eine herkömmlich dramatisierte Handlung zu verzichten. Entschädigt wird man dafür mit originellen, farbenfrohen Bildern, die eine beeindruckende Vision vom Innenleben seiner Hauptfigur entstehen lassen.

8/10

Syriana

Wer sich häufiger mal auf dieser Website umguckt, dem wird nicht entgangen sein, dass sich in letzter Zeit sehr viele politische Filme in den Kinos tummeln. „Der Ewige Gärtner“ machte den Anfang, gefolgt von „München“ und „Lord of War„. Weiter geht es nun mit „Syriana“, der sich dem internationalen Ölgeschäft ebenso widmet wie den politischen Realitäten dahinter. Und so kommt es auch, dass Stephen Gaghans Werk sehr kompliziert geworden ist. Zum Glück ist er aber auch richtig gut, weshalb man sich davon nicht abschrecken lassen sollte.


Die Handlung umfasst im Wesentlichen vier Erzählstränge. CIA-Mann Bob Barnes (George Clooney) ist undercover im Nahen Osten unterwegs, wobei er gelegentlich über das Ziel hinaus schießt und sich mit seinen Vorgesetzten überwirft. Bryan Woodman (Matt Damon) dient einem arabischen Prinzen als ökonomischer Berater. Seine guten Ratschläge allein, so viel ist bald klar, werden dem (namentlich nicht genannten) Emirat aber wohl keine rosige Zukunft bescheren können. Zwei junge Moslems, die ihren Job als Hilfsarbeiter in der Ölindustrie verloren haben, kommen mangels Alternativen in einer Koranschule unter. Die undurchsichtigste Story kreist um den Anwalt Bennet Holiday, der eine große Firmenfusion untersucht und sich dabei zwischen den politischen Fronten bewegt.
Das gelungene Drehbuch stammt vom Regisseur Gagham selbst, der auch die Vorlage für Soderberghs „Traffic“ schrieb. Ähnlichkeiten gibt es aber nicht nur bei der schwierigen Thematik, Gaghams Inszenierung gleicht in der ruhigen, intensiven Art durchaus Soderberghs Drogendrama. Ohne eine richtige Hauptrolle gibt der Film doch allen Figuren genug Raum, wenngleich die Vielzahl an grauhaarigen Machtpersonen in Washington nicht so leicht zu überblicken ist. Um vollständig zu kapieren, wie sehr die verschiedenen Episoden miteinander verflochten sind und sich gegenseitig beeinflussen muss man sich den Film mehr als einmal ansehen. Das mag nicht jedem gefallen, spricht aber für die Ernsthaftigkeit, mit der sich „Syriana“ seinem Thema nähert.

Es ist auch keinesfalls so, dass nicht auch ein hoher Unterhaltungswert zu messen wäre. Das hervorragende Schauspieler-Ensemble (neben Damon und Clooney sind u. a. Amanda Peet, Christopher Plumer und Chris Cooper dabei) sorgt für hohe Glaubwürdigkeit. Über die gesamte Laufzeit ist der Film nicht nur interessant, sondern auch überaus spannend, nicht ganz unwichtig für einen Politthriller. Und bei aller Komplexität der Inhalte kommt niemals das Gefühl auf, von oberschlauen Drehbuch-Nerds angeschmiert zu werden. All diese Pluspunkte sorgen dafür, dass „Syriana“ Vergleiche mit Spielbergs gelungenem „München“ oder auch „Lord of War“ nicht zu scheuen braucht. Im Gegenteil, nach dem „ersten Durchgang“ hat er sogar knapp die Nase vorn.

9/10 Der Link zum Film:
Glaubt es mir oder auch nicht, der Regisseur dieses ausgezeicheneten Films ist tatsächlich mitverantwortlich für einen der schlechtesten Filme der letzten 20 Jahre. Die Antwort gibt?s hier.

Top Ten Neo-Noir

Noch immer diskutieren Fach- und Fankreise darüber, ob ‚Film Noir‘ nun ein eigenes Genre ist, oder, wie Drehbuchautor Paul Schrader glaubt, lediglich eine Stimmung, ein Rahmen, der Stil, Atmossphäre und typische Themen vorgibt. Dasselbe gilt logischerweise auch für den noch schwammigeren Begriff vom Neo-Noir. Meine kurze Definition: jene Filme die seit den 70er Jahren die Charakteristika der alten Noirs wieder aufgreifen und neu variieren. Noch Fragen?

LA Confidential (1997)
Obwohl, oder vielleicht gerade weil Regisseur Curtis Hanson in seiner Verfilmung von James Ellroys Roman einen der wichtigsten Handlungsfäden einfach weglässt, steht „LA Confidential“ in dieser Liste. Die Geschichte dreier Polizisten in einem von Korruption und Mißgunst geprägten Umfeld ist stimmig, spannend und sehr unterhaltsam. Die Besetzung der Hauptrollen ist ein wahrer Glücksgriff, selten zuvor waren Spacey, Crowe und Konsorten besser als in diesem nostalgisch-verruchten Krimi.

Body Heat (1981)
Vom Aufbau der Handlung her ganz klassisches Noir-Material gibt es in diesem kleinen Thriller von Bob Rafelson. Kathleen Turner treibt in der Hitze Floridas ihre Spielchen mit dem gutgläubigen William Hurt. Ohne große Effekte und teure Sets baut „Body Heat“ erfolgreich auf seine durchdachte Story und die durchweg glänzenden Schauspieler. Spannend bis zum Schluss beeindruckt vor allem die (damals nie vorher gesehene) Art und Weise, wie die Geschichte zu Ende geht.

The Last Seduction (1994)
Eigentlich fürs US-Kabelfernsehen gedreht hat dieser feine Film doch noch seinen Weg ins Kino gefunden. Im Mittelpunkt steht eine eiskalte Verführerin (Linda Fiorentino), die sich mit großem Geschick ihre finanzielle Freiheit ergaunert ? koste es, was es wolle. Düster und intensiv gespielt ist „The Last Seduction“ ein wunderbares Beispiel dafür, was aus seinem Genre noch alles rauszuholen ist, wenn man es nur ernsthaft probiert.

Chinatown (1974)
Was soll ich sagen, oder besser schreiben, was nicht schon irgendwo anders geschrieben stünde? Roman Polanskis „Chinatown“ ist so gut, dass sich sogar Bücher über den Film glänzend lesen lassen. Ende der Durchsage.

The Long Goodbye (1973)
Nicht so bekannt wie „Chinatown“ ist Robert Altmans in Deutschland unter dem Titel „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ erschienene Verfilmung dieses Romans von Raymond Chandler. Entgegen den Konventionen des Genres hat sein Phillip Marlowe keineswegs immer den Durchblick, dafür hält er sich umso strenger an seinen persönlichen Ehrenkodex. Ein großartiger Film.

Zero Effect (1998)
Noch unbekannter ist dieser Streifen mit Bill Pullman und Ben Stiller. Pullman spielt die ominöse Superspürnase Daryl Zero, die sich in einem undurchsichtigen Plot bestens zurecht findet. Zuweilen grotesk überzeichnet ist „Zero Effect“ sowohl komisch als auch spannend. Die Figur des Privatdetektivs seziert der Film, indem er statt eines coolen Tough Guys einen introvertierten spleenigen Computerfreak präsentiert, dessen Gehversuche in der Realität sich sehr schwierig gestalten. Großes Kino mit kleinem Budget.

Angel Heart (1987)
Mickey Rourkes vielleicht beste Rolle ist die des abgewrackten Detektivs Harold Angel in diesem stimmungsvollen Horror-Noir von Alan Parker. Für seinen Auftraggeber Louis Cypher (Robert De Niro) sucht er nach dem verschollenen Schlagersänger Johnny Favorite. Die Reise führt ihn von New York in den tiefen Süden, wo sich die Ereignisse (und Morde) langsam zu überschlagen beginnen. „Angel Heart“ ist gerade auf DVD erschienen, allerdings bin ich nicht sicher, ob in der originalen FSK-18-Fassung oder der leicht gekürzten Version ab 16.

Mulholland Drive (2001)
David Lynch erzählt in seinem Meisterwerk „Mulholland Drive“ von zwei jungen Frauen in Los Angeles. Die eine leidet an Amnesie (ein Klassiker), die andere hilft bei der Suche nach Spuren aus der Vergangenheit. Der Film beinhaltet noch mehrere Nebenschauplätze, von denen einige erst nach dem zweiten oder dritten Betrachten so etwas wie einen Sinn ergeben. Viele herausragende Szenen helfen über den etwas zerklüfteten Charakter der Handlung hinweg. So machen.

Femme Fatale (2002)
Von der grandiosen Angangssequenz bei einer Filmpremiere bis zur finalen Auflösung des traumartigen Geschehens bietet Brian DePalma in seinem Thriller „Femme Fatale“ alles, was das Herz begehrt. Gleich zwei Mal beginnt der Film praktisch von vorne, ohne sich dabei in den Rücken zu fallen. Ganz nebenbei bedient und unterläuft er alle Erwartungen seines Publikums und überzeugt so letztlich auf der ganzen Linie. Das hat mir Spaß gemacht.

Blue Velvet (1986)
Mit dem Fund eines menschlichen Ohres beginnt David Lynchs Kleinstadt-Szenario, in dessen Verlauf ein junger Mann (und mit ihm die Zuschauer) die dunkle Seite der Provinz kennenlernt. Dennis Hopper gibt den durchgeknallten Bösewicht, Lynchs Ex-Frau Isabella Rosselini ist als Nachtclub-Sängerin dabei. Wenn „Blue Velvet“ aus heutiger Sicht nicht mehr so schockierend und perfide rüberkommt, liegt das vor allem daran, dass er unzählige Nachfolger inspiriert hat, die sich längst im Mainstream etabliert haben.

Der Ewige Gärtner

Vor ungefähr zwei Jahren gelang dem brasilianischen Ex-Werbefilmer Fernando Meirelles mit „City of God“ ein großer internationaler Erfolg. Seit einer Woche nun ist sein zweiter Spielfilm in den deutschen Kinos zu sehen, die Verfilmung eines Romans von John LeCarre („Das Russland Haus“). „Der Ewige Gärtner“ ist der Engländer Justin Quayle (Ralph Fiennes). Seine Brötchen verdient er sich als Diplomat in Kenia, wo er nebenher sehr viel Zeit auf seinen herrlichen Garten verwendet. So ist er auch mit seinen Pflanzen beschäftigt, als ihm ein Kollege die Nachricht vom tödlichen Unfall seiner jungen Frau Tessa (Rachel Weisz) überbringt.Von nun an führt die Spur erst einmal zurück. In Rückblenden werden wir Zeuge, wie der stets korrekte, sympathische Justin die energische und idealistische Studentin Tessa kennen lernt, wie sich in Afrika einrichten, und worin ihr Alltag besteht. Im Falle von Tessa ist das nicht ganz unkompliziert. Gemeinsam mit dem einheimischen Arzt Arnold (Hubert Kounde) spürt sie den dunklen Machenschaften von westlichen Pharmakonzernen nach. Das Verhältnis des Ehepaares ist in den Wochen vor Tessas Tod gespannt. Justin wähnt sich aus ihrem Leben ausgeschlossen und sie Frau zunehmend in Gefahr. Nach etwa 40 Minuten Spielzeit ist „Der Ewige Gärtner“ wieder in der Gegenwart angekommen, und Justin Quayle versucht den angeblichen Unfall seiner Frau aufzuklären.

Im Milieu undurchsichtiger Geheimdienstler und Lobbyisten ist man von Quayles Recherchen wenig begeistert. Schon bald liegt er mit seinen Dienstherren über Kreuz und fahndet auf eigene Faust. Dieser Mittelteil des Films erinnert fast ein bisschen an die James-Bond-Reihe, so fix geht es von einem Schauplatz zum nächsten. Nach Stationen in London und Berlin geht es zum Finale dann wieder nach Afrika zurück. Meirelles Film gewinnt seine Spannung weniger aus der Aufklärung von Tessas Tod, als vielmehr aus ständig mitschwingenden Zweifeln, dass es ihrem Mann gelingen könnte, die Schuldigen irgendwie zur Rechenschaft zu ziehen.

Die von Ralph Fiennes gespielte Hauptfigur ist glaubwürdig gezeichnet, und so etwas wie das Rückrat des Films. Nimmt man dem friedliebenden, beherrschten Beamten im Außendienst seine immer verzweifeltere Suche nach den Hintermännern eines handfesten Skandals nicht ab, der Film wäre nicht mehr zu retten. Doch die gekonnt inszenierte Geschichte der Quayles und ihrer Beziehung reicht aus, um das Publikum für alles weitere zu interessieren. Im Gegensatz zum grottigen Armutsporno „Jenseits aller Grenzen“ (Sorry wegen der Wortwahl, aber so sieht es nun mal aus!) stimmt hier das Verhältnis zwischen persönlichem Drama und politischen Inhalten, denn beide Seiten kommen nicht zu kurz. Auch wird Kenia hier nicht als von Natur aus paradiesisches, von bösen Männern korrumpiertes Land präsentiert, sondern als ein schönes, aber armes Land, dass auch mit hausgemachten Problemen zu kämpfen hat.

Rachel Weisz füllt ihre Rolle sichtlich motiviert aus, und spart auch die weniger schmeichelhaften Eigenschaften von Tessa nicht aus. Obwohl über die Hälfte des Films nicht körperlich präsent, ist „Der Ewige Gärtner“ ebenso „ihr“ Film wie der ihres Ehemanns. In den Nebenrollen treten eine Menge bekannter Gesichter auf, sei es der schon erwähnte Hubert Kounde (Hubert aus „Hass“), Bill Nighy, der in „Tatsächlich Liebe“ den abgewrackten Rockstar spielte, oder Pete Postlethwaite aus „Im Namen des Vaters“. Soweit mir bekannt ist, beruht die Story nicht auf etwaigen „wahren Begebenheiten“, was sie aber nicht weniger realistisch macht. Die schwierige Mischung aus Thriller, Drama und politisch motiviertem Kino gelingt dabei sehr gut und lohnt den Gang ins Kino nicht nur angesichts der wie üblich zum Beginn des Jahres vorherrschenden Flaute an guten Filmen.

Am Rande sei es auch noch erwähnt: mal wieder (wie schon in „Match Point“) richtig schönes British English zu hören war dem Vergnügen durchaus förderlich. Irgendwann braucht man vom unverbindlichen Ami-Geschnatter a la „you know?“ und „it’s like“ auch mal eine Auszeit. Verstehen Sie?

8/10

Top-Ten 2005

Wie sicher allen Lesern aufgefallen ist, hat diese Website zur Feier des WM-Jahres 2006 ein neues Layout spendiert bekommen. Die Firma dankt ausdrücklich dem Gran Hermano im valencianischen Exil! Irgendwie ist mit der neuen Optik die Top-10-Liste für das abgelaufene Kinojahr abhanden gekommen, weswegen ich die Liste noch einmal hervorgekramt habe. Los gehts!

1. 2046
Ohne jede Vorkenntnis der Filme von Wong Kar Wai hat mich „2046“ sofort überwältigt. Gerne gestehe ich ein, dass ich die Handlung auch nach erneutem Betrachten auf DVD nicht gänzlich geschnallt habe, aber angesichts der Freude, die mir der Film dennoch wieder gemacht hat ist das eher eine gute Nachricht. Die Chancen stehen sehr gut, dass ich mir die DVD (Vorsicht: Mogelpackung: die Bonus-Scheibe hat den Namen nicht verdient) eigenhändig zum Fest der Hiebe als Geschenk aushändige. Nur ganz selten entfaltet Kino eine Sogwirkung wie dieses melancholische Science-Fiction-Liebes-Drama, deshalb findet sich dieser Film mit einem dicken Ausrufezeichen in den Top-10 des Jahres 2005.

2. A History Of Violence
Ein ausgezeichnetes Beispiel für die endlosen Möglichkeiten, die das Medium Film hat, um sich einem Thema anzunähern. David Cronenberg erweckt vor den Augen seines staunenden Publikums den kaltblütigen Mörder in Viggo Mortensen zum Leben. Doch auch die drastischen Bilder können nicht verhindern, dass man sich unweigerlich auf dessen Seite wieder findet. Als wohl formulierte Antithese zu standardisierten, mit zynischer Routine inszenierten Gewaltszenen funktioniert „A History of Violence“ ebenso gut wie als menschliche Fallstudie des auseinander brechenden Alltags einer oberflächlich durchschnittlichen und glücklichen Familie.

3. Batman Begins
Das Wiedersehen mit dem Fledermausmann ist zugleich der gelungenste Blockbuster des vergangenen Sommers. Mit einer prominenten und gut aufgelegten Besetzung macht Regisseur Christopher Nolan Schluss mit lustig und erzählt von den düsteren Anfängen des Comic-Helden. Zum ganz großen Wurf im Action-Genre fehlt ihm noch etwas, doch leistet sich „Batman Begins“ fast überhaupt keine Schwächen. Der Film ist packend, unterhaltsam, bietet spektakuläre Action und eine Story, die vor allem die zwei letzten Batman-Vehikel in ihrer ganzen Verkorkstheit bloßstellt. Ein Lob deshalb auch an die Produzenten, sie haben die richtigen Leute gefunden, um diesen Stoff weiter zu führen. Schönes Ding!

4. Hotel Ruanda
Nicht oft liegt ein Film schwerer im Magen als diese Schilderung des Bürgerkrieges in Ruanda. Fernab von Statistiken und bloßen Fakten verleiht der Film einer Katastrophe unermesslichen Ausmaßes ein schreckliches Gesicht. Großartig gespielt, mit bewundernswertem Gespür für Bilder, die man einem Kinopublikum gerade noch zeigen kann vermeidet „Hotel Ruanda“ sinnlose Schuldzuweisungen. Stattdessen führt er seinem Publikum vor Augen, wie eine kritische Situation völlig außer Kontrolle gerät, wenn alle eventuell zuständigen Kräfte mit der Macht dies zu verhindern die Augen verschließen. Ein Muss für alle, die sich ein wenig für den Rest der Welt interessieren.

5. Kiss Kiss Bang Bang
Als großer Freund der Krimis von Raymond Chandler und dem Genre des Detektivfilms bereitet mir diese Murder-Mystery-Farce besonderes Vergnügen. Mit Leidenschaft für seine vielen Vorbilder stürzt sich der Film in eine irrwitzig vorgetragene, brüllend komische und völlig hanebüchende Story. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn sich Robert Downey Jr. und Val Kilmer eifrig daran machen, diese cineastische Albernheit mit ihrer Anwesenheit zu beehren. „This whole ‚Dead people in L.A.‘ thing“ nennt Downey Jr. die Handlung im Off-Kommentar, und verweist schelmisch darauf, dass bei „Kiss Kiss Bang Bang“ eindeutiger als selten zuvor der Weg das Ziel ist.

6. Match Point
Mag es auch insgesamt kein so bombiges Filmjahr gewesen sein, für Freunde des kleinen bebrillten New Yorkers Woody Allen hat es sich gelohnt. Zunächst bog er im Sommer mit dem herrlich unterhaltsamen „Melinda & Melinda“ um die Ecke, und nun liefert er den grandiosen Schlusspunkt des Jahres. Sein brillant gespielter, ungemein spannender Charakter-Thriller überzeugt auf der ganzen Linie. Die Geschichte zweier gesellschaftlicher Aufsteiger, die sich samt romantischen Verwicklungen in der britischen Upper-Class einnisten wollen ist großartig besetzt, inszeniert und kann auf ein meisterhaftes Drehbuch zurückgreifen. Meine Wahl für das „Best Original Screenplay“. Die Academy wird?s aber wohl anders sehen.

7. Million Dollar Baby
Es hat bis in den Dezember gedauert, bis ich mir diesen Oscar-Gewinner von 2005 tatsächlich angesehen habe. Eine Geschichte, wie sie zu großen Teilen schon zigmal im Kino zu sehen war hat Clint Eastwood mit zusätzlicher Tiefe versehen und eine überraschende Wendung eingebaut, wie man sie eigentlich eher in einem Thriller vermuteten würde. Das Ergebnis ist ein fesselndes, wunderbar gespieltes Drama, dass so gelassen und unprätentiös nur von jemand gemacht werden kann, der nichts mehr zu beweisen hat. Eastwood interessierte sich für den Stoff, heuerte die richtigen Leute an und ließ sich von den ängstlichen Studiotypen nicht mehr reinreden. Erzählte man mir die Handlung in ein paar kurzen Sätzen, ich würde ums Verrecken den Film nicht sehen wollen. Manchmal liegt man einfach nur falsch.

8. Sideways
Ein rundum gelungenes Vergnügen ist dieses Roadmovie von „About Schmidt“-Regisseur Alexander Payne. Seine vier Hauptdarsteller brillieren als ganz gewöhnliche Menschen, deren Leben zwischen Enttäuschung, Euphorie, Melancholie und gutem Wein. Wenn auch zum Ende hin vielleicht ein bisschen arg zuckrig ist „Sideways“ doch ein klassisches Beispiel dafür, dass man erfolgreich Filme machen kann, ohne die ganz große Werbetrommel rühren zu müssen.

9. Sin City
Wenn je eine Comic-Umsetzung hervorragend gelungen ist, dann diese. Virtuos inszenierte Unterhaltung für ein erwachsenes Publikum, gespickt mit einer bestens aufgelegten Riege feinster Darsteller. Nebenbei ist Mickey Rourkes Comeback endgültig perfekt. Erstaunlich, dass es außer Robert Rodriguez nur Tarantino gelingt, mit vergleichsweise bescheidenem Budget erfolgreiches Actionkino zu schaffen. Sollte er beim nächsten Sin City seiner Story (eine könnte reichen) etwas mehr Raum geben, könnte er bei den besten Fortsetzungen ganz oben mitmischen.

10. Various Artists
Leider bin ich beim besten Willen nicht auf zehn Lieblingsfilme mit Kinostart im Jahre 2005 gekommen. Da ich einiges im Kino auch verpasst habe, bin ich aber bester Dinge, diese Lücke sehr bald schließen zu können. Solange hier noch mal drei Filme, die eben gerade so KEIN Material für die Top-10-Liste waren:
„Hautnah“
„Garden State“
„Haus aus Sand und Nebel“
Das kann ich anbieten.

Kritik, Anregungen, Karten für die WM und Barspenden bitte weiterhin an edzardo[at]gmail.com senden!

Caché

Ob Regisseur Michael Haneke seine Idee für diesen Film bei David Lynch abgeschaut hat, darüber ist mir nichts bekannt. Wie in Lynchs „Lost Highway“ bekommt auch hier ein Ehepaar anonym Videos zugespielt, auf denen ihr Haus zu sehen ist, ihr Alltag, ihr Kommen und Gehen. Bei Lynch entwickelte sich das dann zum surrealistischen Albtraum, bei „Cache“ nehmen die Dinge einen anderen Verlauf. Georges und Anne Laurent, ein wohlhabendes Ehepaar in Paris, sind zunächst unsicher, ob es sich vielleicht bloß um einen dummen Streich von Kameraden ihres 12-jährigen Sohnes Pierrot handelt. Als jedoch ein Video mit Bildern von Georges Geburtshaus auf dem Lande auftaucht,können sie diese Idee getrost verwerfen.Georges Laurent (Daniel Auteuil) kommt langsam ein ganz anderer Verdacht. Doch den will er seiner Frau Anne (Juliette Binoche) lieber nicht mitteilen. Das Leben der Laurents ist da längst auf den Kopf gestellt. Das Ehepaar gerät in Streit, weil Georges seiner Frau nicht alles anvertrauen will, und zu den Videos kommen Postkarten, die sogar ihren Sohn in der Schule erreichen. Ein weiteres Video führt zu einer ominösen Tür eines ärmlichen Appartements, hinter der die Lösung des unheimlichen Rätsels zu finden sein könnte. Über den weiteren Verlauf der Story soll hier geschwiegen werden, denn welche lang zurückliegenden Ereignisse einer verdrängten Vergangenheit ans Licht kommen werden, das sollte jeder Zuschauer für sich selbst entdecken.

Die plötzlich ins Leben der Familienidylle tretenden Videos sind monotone Einstellungen, ein reines Abfilmen von alltäglichem Leben. Und auch der Rest von „Cache“ besteht überwiegend aus langen, statischen Einstellungen und verzichtet komplett auf den Einsatz von Filmmusik. So entsteht ein realistisches, zugleich beklemmendes Portrait der ungewöhnlichen Situation. Haneke lässt die gängigen Mittel zum Dramatisieren beiseite, sein ruhiger Bilderfluss wird umso verstörender durch eine (einzige) Aktion unvermittelter Gewalt durchbrochen.

Wie bei den meisten Filmen, die ohne Action, Musik und wilde Kamerafahrten auskommen, rückt auch in „Cache“ der Fokus auf die Charaktere. Die Dialoge rücken in den Vordergrund, die Gesten und Handlungsweisen. Daniel Auteuil spielt Georges als einen korrekten, unscheinbaren Mann mit einem düsteren Hang zur Verdrängung. Juliette Binoch als Anne reagiert ungleich emotionaler auf die Bedrohung von Außen, und erlebt Georges Wortkargheit als schlimmen Vertrauensbruch. Die beiden spielen ihren Alltag genauso überzeugend wie das Ehepaar in einer Notlage, es herrscht ein vertrautes Klima, in dem jedoch bald Brüche sichtbar werden. Ohne diese überzeugenden Leistungen der Hauptdarsteller wäre das Material zum Scheitern verurteilt.

Ein großer Teil des Publikums wird an „Cache“ trotzdem keinen Spaß haben können. Er gehört in jene Kategorie Filme, die längeres Nachdenken nach dem Ende erforderlich machen und sich einer eindeutigen Auflösung entziehen. Der von Anfang an sich aufbauende Spannungsbogen wird über die letzte (wiederum statische) Einstellung verlängert, und lässt vielen Spekulationen ihren Raum. Doch auch während der Laufzeit entwickelt sich eine intensive Spannung, die von der spannenden Prämisse und der intimen Inszenierung lebt und den Film sehenswert macht.

8/10

PS: Wer den Film auf DVD sehen möchte, der sollte in der letzten Szene genauer auf die linke Seite des Bildes achten. Dort sind zwei Figuren im Gespräch zu sehen, die man inzwischen kennt, von denen man aber nicht annehmen konnte, dass sie miteinander Kontakt haben. Dieser Tipp stammt aus dem Internet, mir selbst wäre diese – nicht unwichtige – Feinheit auf meinem kleinen Fernseher sicher nicht aufgefallen.

München

Der Jahresbeginn 2006 ist eindeutig schwer durch Polit-Kino geprägt. „Der Ewige Gärtner“ prangerte das Zusammengehen von Industrie und Geheimdiensten in Afrika an, „Lord Of War“ wirft einen kalten Blick auf die Realitäten internationalen Waffenhandels. Mit „Syriana“ läuft demnächst noch ein Film an, der die Ölindustrie unter die Lupe nimmt. Ebenfalls allein durch sein Thema ein politischer Film ist Steven Spielbergs „München“, der allerdings nicht so ganz in diese Reihe passen will. Der Film thematisiert die Folgen des Attentats auf israelische Sportler bei den olympischen Spielen 1972 in München. Wer mit den Hintergründen des Anschlags und der folgenden Vergeltungsmaßnahmen nicht vertraut ist, der kann sich unter diesem Link bei der deutschsprachigen Ausgabe der Wikipedia ein Bild machen. Sicher lassen sich im Netz aber noch viele weitere Darstellungen des Geschehens finden. Wer den Film lieber ohne Vorwissen auf sich wirken lasen möchte, sollte hier nicht mehr weiterlesen.„München“ beginnt mit dem Attentat selbst. Die Grausamkeit der Tat und die Leiden der Opfer werden so von Beginn an deutlich, der politische und emotionale Kontext zu dem, was darauf folgt, ist hergestellt. Von nun an ist die zentrale Figur des Films der Mossad-Agent Avner, gespielt von Eric Bana („Hulk“, „Troja“). Er steht einem Team von vier Männern vor, die von der Premierministerin Golda Meir den geheimen und inoffiziellen Auftrag erhalten, 11 mutmaßliche Drahtzieher des Attentats zu ermorden. Unter falschen Namen reist die Gruppe durch Europa, kauft bei ominösen Quellen Informationen und macht sich an ihr blutiges Handwerk. Die Planung der Liquidationen und deren Ausführung nimmt einen Großteil des über zweieinhalb Stunden dauernden Films ein.

Es ist gradezu unmöglich diesen Film allein über die Handlung und den Gebrauch filmischer Mittel zu bewerten. Zu groß ist die politische Brisanz des Themas, zu wichtig vor allem die Frage, ob die Darstellung des historischen Geschehens angemessen und ausgewogen ist. Deshalb hier meine bescheidene, auf mäßig viel Fachwissen basierende Meinung. Der Film ist keineswegs eindeutig zugunsten der israelischen Seite ausgefallen, wie es Kritiker dem Juden Spielberg vorgeworfen haben. Vielmehr hat der Regisseur an unzähligen Stellen Kommentare, Hintergründe und Kritik eingebaut. Innerhalb des Vergeltungskommandos herrscht Uneinigkeit über die faktische Schuld ihrer Opfer. Ein Palästinenser erklärt, warum er Terrorismus für notwendig hält und vergleicht das Streben seines Volkes nach einem eigenen Staat mit dem der Juden, Israel als Heimat für ihr Volk zu gründen. Jeder der getöteten Drahtzieher wird, wie das Publikum erfährt, umgehend ersetzt. Worin also besteht der Sinn, diese Menschen zu töten?

Für den Film nicht unerheblich ist natürlich die Tatsache, dass das Attentat auf die israelischen Sportler Ausgangspunkt der Geschichte ist. Dort, so scheint „München“ zu sagen, kommt die Gewalt her. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die behaupten, das Attentat selbst sei keine Aktion, sondern eine Reaktion gewesen, auf die politische Unterdrückung der Palästinenser durch den Staat Israel. Und da wird es dann knifflig. Die Situation im Nahen Osten ist eben äußerst kompliziert, und ebenso kompliziert ist auch die politische Interpretation von Spielbergs Film. Außer Frage steht lediglich, dass Terrorismus gegen Zivilpersonen vorbehaltlos zu verurteilen ist. Und das gilt auch für die unabsichtlich bei der gezielten Liquidierung von Terroristen getöten Zivilisten. Ein Blick auf das Filmplakat ist ebenfalls interessant. Es zeigt Eric Bana, sitzend und zu Boden blickend. Sieht so ein überzeugter Antiterrorkämpfer aus?

Auf der Ebene der Figuren ist „München“ ein sehr gelungener Film. Der von patriotischer Pflichterfüllung geleitete Avner hat ebenso seine Zweifel an der Richtigkeit seiner Mission wie die meisten seiner Kollegen. Ihm gibt der Film auch als einzigem einen (sehr glaubwürdigen) persönlichen Hintergrund, eine sichtbare Familie. Einzelheiten zum Rest der Besetzung würden leider schlichtweg den Rahmen sprengen.

Von der politischen Bedeutung des Themas abgesehen liefert der Film auch eine gehörige Portion Spannung. Wie bei Spielberg üblich gibt es handwerklich nichts an ihm auszusetzen. Die häufig sehr drastischen Gewaltszenen sind sinnvoll und mit Gespür eingesetzt. Durch einige kleine Kniffe des Drehbuchs ist der Film keine bloße Aneinanderreihung von Grausamkeiten geworden. Rückblenden, kurze Story-Schlenker und Off-Kommentare verlängern so zwar die Spielzeit, verhindern aber geschickt die ewige Wiederkehr des gleichen. Unter dem Strich hat mir „München“ sehr gut gefallen, und lädt wegen seiner Vielschichtigkeit zugleich zum erneuten Betrachten ein. Bis dahin gibt es..

8/10

The New World

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich habe bei Pocahontas immer an ein Märchen von Walt Disney gedacht. Nun, die Zeichentrick-Mär um eine hübsche Häuptlingstochter, die einen Weißen heiratet, hat tatsächlich einen historischen Kern. Regisseur Terrence Malick („Der Schmale Grad“) nähert sich nun mit seinem neuen Film „The New World“ dieser Geschichte an. Sein Film ist im weitesten Sinne ein Abenteuerfilm, der die Besiedlung der späteren USA durch englische Siedler im Jahr 1607 behandelt. Im heutigen Bundesstaat Virginia gehen die Neuankömmlinge an Land, wo sie von den Einheimischen neugierig und etwas mißtrauisch beäugt werden. Unter den Siedlern ist Captain John Smith, gespielt von Colin Farrell.Schon in den ersten Bildern wird sehr deutlich, dass Malick nicht an der bloßen Erzählung einer populären Geschichte gelegen ist. Vielmehr versucht er durch seine ausführlichen, grandiosen Landschaftsaufnahmen und den nachdenklichen Off-Kommentar von Smith und Pocahontas die Erfahrungen der Siedler für sein Publikum erlebbar zu machen, das Staunen über das fruchtbare Land und die Unsicherheit im Umgang mit den Ureinwohnern. Frauen sind bei den Siedlern so gut wie gar nicht an Bord gewesen, weshalb die Erscheinung der indianischen Schönheit Pocahontas umso eindrucksvoller ist.

In langen Einstellungen und ruhigen Bildern erzählt der Film seine Geschichte, die mit der unerfüllten Liebe zwischen John Smith und der jungen Häuptlingstochter noch längst nicht vorbei ist. Indianer und Siedler geraten aneinander, als klar wird, dass die Engländer keineswegs nur auf der Durchreise sind, und auch keine natürlichen Besitzansprüche der natürlichen Bewohner der neuen Welt akzeptieren. Trotzdem ist der Film keineswegs politischer Natur. Er portraitiert die Indianer weder als edle Wilde noch als blutrünstige Barbaren und leistet sich eine fast schon naive Natürlichkeit bei der Darstellung von Annäherung und Verständigung der beiden verschiedenen Völker.

Die Grundstimmung von „The New World“ ist medidativ, die eindrucksvollen Bilder werden schon mal mit (in diesem Fall erstaunlich unpompöser) Musik von Richard Wagner unterlegt. Fast ohne künstliches Licht gedreht spielen alle Szenen am hellichten Tage oder in der Morgen- bzw. Abenddämmerung. Der Film hat seinen erzählerisches Zentrum in der Figur von John Smith, Pocahontas und ihrem späteren Ehemann, greift dabei aber eine Vielzahl von Themen auf. Die Situation der Siedler in den schwierigen ersten Wintern, das Leben eines Europäers unter den Ureinwohnern und ebenso das Leben einer Indianerin unter Europäern. So ergibt sich im Ganzen ein dichtes und realistisches Bild einer lange vergangen Zeit, in der auch die Idee von der Gründung der Vereinigten Staaten als einer neuen und besseren Welt zur Sprache kommt. Doch geht es hier ausschließlich um den Anfang der Besiedlung. Und es ist gerade dieser Beginn, der den Zauber des Stoffes ausmacht. Wäre dies ein Mainstream-Drama, würde am Ende wahrscheinlich noch eingeblendet, wie die Besiedlung fortschritt und die Indianer um ihr Land gebracht worden sind, doch darum geht es dem Film (zum Glück) weder vorder- noch hintergründig.

Terrence Malick hat mit „The New World“ einen Gegenentwurf zu den modernen, schnell geschnittenen Hollywoodfilmen geschaffen. Doch zum Glück kommt sein Film kein bißchen überheblich daher, sondern nimmt die Zuschauermit seiner geruhsamen Erzählweise ganz allmählich für seine Geschichte ein. Das dauert zwar eine Zeit, weshalb sich ein großer Teil des durchschnittlichen Publikums vielleicht recht früh gelangweilt von seinem Film abwendet. Wer sich aber mit Lust auf bildgewaltiges Kino und eine ungewohnte Welt auf diesen Film einlässt, der wird schwerlich enttäuscht werden.

8/10

PS: Ich habe bereits in der Rezension zu „Underworld:Revolution“ geschrieben, der Film sei eher was fürs Kino, und das gilt umso mehr für „The New World“. Erwähnen tue ich das nur deshalb, weil es – wie ich finde – Filme gibt, die zwar sehr gut sind, aber nicht unbedingt im Kino gesehen werden müssen, um ihre Wirkung entfalten zu können. In letzter Zeit wäre da z. B. „Capote“ zu nennen, oder auch „The Weather Man“. Angesichts der Tatsache, dass man selten die Zeit findet, wirklich alle interessanten Filme im Kino mitzunehmen (was definitv die beste Lösung wäre) halte ich eine solche Unterscheidung für sinnvoll.

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