Match Point

Für einen Filmemacher, der für sich beansprucht, unabhängig zu sein, ist Hollywood nie ein gutes Pflaster gewesen. Regisseure wie Jim Jarmusch und auch die Coen-Brüder haben häufig auf europäische Geldquellen zurückgegriffen, die so das amerikanische Independent-Kino unterstützten. Zu dieser Reihe gehört nun auch Woody Allen, der nach eigenen Aussagen nur in Europa, genauer in London, einen Produktionsdeal abschließen konnte, der ihm die volle künstlerische Freiheit garantiert. Das Ergebnis dieses Vertrags liegt nun mit „Match Point“ vor, und ist Anlass zu großer Freude.Bereits die ersten Bilder des Films verdeutlichen, worum es Allen diesmal geht. Ein Netzroller beim Tennis symbolisiert die große Wirkung, die ein bisschen Glück auf den weiteren Verlauf des Lebens haben kann. Auftritt des smarten Ex-Tennisprofis Chris Wilton (Jonathan Rhys-Meyers), der bei einem noblen Club als Trainer anheuert. Einer seiner ersten Schüler ist der aalglatte Upper-Class-Spross Tom Hewitt (Matthew Goode). Bei einem Glas Schorle nach dem Training stellen die beiden fest, dass sie ein Interesse für die Oper gemein haben. Nicht viel später sitzen sie in der Familienloge der Hewitts, wo Toms Schwester Chloe (Emily Mortimer) ein Auge auf den hübschen Chris wirft. Während sich Chris und Chloe näher kommen, gesellt sich die verführerische Amerikanerin Nola (Scarlett Johansson) als Toms Verlobte zu dem Trio hinzu.

Nola ist eine erfolglose Schauspielerin, die sich schlimmeres vorstellen kann, als in den britischen Adel einzuheiraten. Chris entstammt einer irischen Arbeiterfamilie, und auch für ihn wäre der soziale Aufstieg ein Sechser im Lotto. Doch ganz so einfach ist das natürlich nicht, immerhin haben auch die Eltern der Hewitts so ihre Vorstellungen von der Zukunft ihrer Kinder. Diese Konstellation entwickelt Woody Allen nun für ihn untypisch nicht etwa zur turbulenten Beziehungskomödie. Stattdessen gestaltet er daraus ein spannendes Drama um die Lieben, Lüste und Eitelkeiten seiner Hauptfiguren. Dass es dabei irgendwann zur Katastrophe kommen muss ist unausweichlich, und doch bleibt lange offen, welches Desaster das sonst so sorgenlose Leben der jungen Menschen heimsuchen wird.

Mit großem Interesse für alle Details blickt Allen seinen Figuren über die Schulter. Er führt uns vor, wie sich Chris an einen luxuriösen Lebensstil gewöhnt, ohne damit wirklich glücklich zu werden. Er stellt in vielen Einstellungen den immensen Reichtum der Hewitts vor, sowie deren ungezwungenen, selbstverständlichen Umgang damit. Und er führt die Handlung mindestens einen Schritt weiter, als die allermeisten Zuschauer es wohl erwarten würden. Wie üblich gibt es auch einige witzige Dialoge, die aber mit dem Humor seiner neurotischen New Yorker Singles sehr wenig zu tun haben. Gerade die Tatsache, dass sich der inzwischen Siebzigjährige auf fremdem Territorium so schlafwandlerisch zurechtfindet ist selbst für langjährige Freunde seines Schaffens eine positive Überraschung.

Ein Schlüssel für den Erfolg des Films auf der ganzen Linie ist die Besetzung der Hauptrollen. Allen voran Jonathan Rhys-Meyers gelingt es glänzend, einen nur mäßig sympathischen und doch charmanten Aufsteiger zu verkörpern, der trotz seiner Schwächen das Publikum auf seine Seite ziehen kann. Auch Scarlett Johansson leistet hervorragende Arbeit, ihre Nola ist ebenfalls ein ambivalente Figur, der sie mit vielen Nuancen Glaubwürdigkeit verleiht. Selbiges gilt für die Darsteller der Hewitts, die ihre Parts auf fast lässige Weise brillant interpretieren. Über den genauen Verlauf der Handlung und somit die Intentionen und Aussagen von Woody Allen ließe sich lange und ausführlich eingehen, jedoch nicht ohne dem werten Leser die Spannung zu rauben, die diesen Film zu einem der besten des letzten Jahres macht. Und das kann es ja auch nicht sein, gelle?

10/10

PS: Woody mag seinen Fim auch ganz gerne..

A history of violence


Liebende Familienväter, die durch tragische Umstände zu finsteren Killern werden gibt es reichlich im modernen Kino. Da wandert Nicolas Cage in Con Air in den Bau, wenn er seine Familie beschützt, Tom Jane wird zum Punisher, als die seine von Gangstern ausgelöscht wird. Die Familie ist eben heilig und ein Angriff auf die Liebsten rechtfertigt im Actionfilm nahezu jede drastische Anwendung von Gewalt. Nun haben diese Filme meist nur sehr wenig mit der Realität zu tun. In David Cronenbergs A History of Violence spielt Viggo Mortensen den sehr realen Kleinstadt-Dad, doch nichts deutet zunächst auf eine Bedrohung seiner Familie hin. Die Welt ist noch in Ordnung, die Familie intakt, wie der Film in den ersten Szenen der von Albträumen geplagten Tochter deutlich macht.

Es ist ein unglücklicher Zufall, der die heile Welt von Tom Stall, seiner Frau Edi und ihren beiden Kindern Jack und Sarah bedroht. Als Tom eines Abends sein Diner an der Hauptstrasse schließen will, kommen zwei fiese Gestalten herein, und mit ihnen bricht die rohe Gewalt ins Leben der Kleinstadt ein. Mit gezogenen Waffen und sadistischem Grinsen drohen sie den Laden auseinander zu nehmen. Nur Sekunden später liegen sie mausetot da, präzise und brutal getötet von Tom. Als Held in der Presse gefeiert kehrt er ins traute Heim zurück, doch eine Rückkehr zur Normalität findet nicht mehr statt. Stattdessen kreuzen, durch die Medien alarmiert, Mafiosi von der Ostküste im beschaulichen Idaho auf, die in Tom einen Ex-Gangster namens Joey Cusack auszumachen glauben.

Wer also ist Tom Stall wirklich? Wer oder was war er vorher? Viggo Mortensens Spiel lässt anfangs darauf hoffen, er möge der friedliebende Kerl der ersten Filmminuten sein, und doch spricht sein Verhalten in Ausnahmesituationen eine ganz andere Sprache. Cronenberg setzt die kurzen, überfallartigen Actionsequenzen mit Verweisen auf die Polizei-Filme Takeshi Kitanos in Szene, ansatzlos, extrem blutig und ohne Untermalung von Filmmusik. Die Toten und Verwundeten sind grausam entstellt, mit schockierender Wirkung auf Augenzeugen und Publikum. Hier bringt die Gewalt keine bequeme Lösung, zu effizient und schnell werden die Menschenleben ausgelöscht, ohne dass sich danach je ein dauerhaftes Gefühl von Befreiung oder überstandener Not einstellen würde. Toms Bemühungen, den Schein aufrecht zu erhalten sind zum Scheitern verurteilt. Zu stark sind die Kräfte, die ihn mit seiner verdrängten Vergangenheit konfrontieren wollen. Seine Familie ist in Gefahr, eine Flucht unmöglich. Die Versuche des örtlichen Sheriffs, die Ordnung wieder herzustellen, wirken lächerlich angesichts der Entschlossenheit und kriminellen Energie der ungebetenen Besucher. Und selbst in Toms Familie kehren Gewalttaten ein, die noch Tage vorher undenkbar gewesen wären.

Durch die genaue und stimmige Inszenierung findet sich das Publikum hier auf der Seite eines unglaublich brutalen Killers wieder. Dass er dem Unterweltdasein abgeschworen hat, erhebt ihn über seine Gegner, aber viel wichtiger für sein Überleben ist, dass er der gefährlichere Killer ist. Wenn Tom am Schluss nur noch eine Möglichkeit sieht, seine Haut zu retten, nimmt das grotesk übersteigerte Gemetzel schon komische Züge an, so überspitzt entladen sich die Streitigkeiten vergangener Zeiten. Neben dem groß aufspielenden Mortensen agieren auch die anderen Darsteller, unter ihnen Maria Bello, Ed Harris und Wiliam Hurt, sehr überzeugend. Die von ihnen erzeugte Nähe zur Realität ist es, die das Szenario so ungeheuer spannend macht. Sicher hat Cronenberg hier kopflastiges Kino geschaffen, der Experimentcharakter von A History of Violence steht dabei aber der Unmittelbarkeit des Geschehens nicht im Weg. Der Film umgeht die Frage nach Toms/Joeys wahrer Vergangenheit und seiner Läuterung bis auf wenige Sätze. Er zeigt ihn vielmehr als positiv schizophrenen, der nur in der Not aus der Rolle des Normalbürgers ausbricht, um eben diese wieder spielen zu können. Dass dieser Spagat so gut wie unmöglich ist, machen die letzten Szenen auf prägnante Weise deutlich. Welcher der beiden Welten Tom letztendlich zuzurechnen ist lässt Cronenberg konsequenterweise offen.

9/10

Kiss Kiss Bang Bang

Es ist über 60 Jahre her, dass französische Kritiker eine Reihe von amerikanischen Filmen sahen, die sie als Film Noirs bezeichneten. Geschichten von Detektiven, von in die Enge getriebenen Bürgern, von verführerischen Frauen und mysteriösen Todesfällen. Seitdem hat das Genre mehrere Auferstehungen erlebt, vor allem in den 70er und 90er Jahren. Mit ihrem großartigen The Big Lebowski lieferten die Coen-Brüder vor knapp zehn Jahren die vielleicht erste Noir-Persiflage ab, in der sie einen sympathischen, faulen Sack mitten in eine Entführungsstory werfen, die er nur mäßig überschaut.In eine ähnliche Kerbe schlägt nun Shane Blacks Kiss Kiss Bang Bang. Kleinganove Harry (Robert Downey Jr.) gerät auf haarsträubende Art und Weise in ein Casting, findet sich kurz darauf in Los Angeles wieder und weiß schon bald nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Auf einer Party schließt er erste Bekanntschaften und endet im Bett mit der falschen Frau. Kurz darauf macht er sich mit dem undurchsichtigen Gay Perry (gnadenlos komisch verkörpert von einem leicht übergewichtigen Val Kilmer) auf, das Detektivspielen zu erlernen.

Wild, unüberschaubar, gewürzt mit gnadenlosem Humor nimmt eine wilde Story ihren Ausgang, die sich hemmungslos bei unzähligen Schund- und Detektivromanen samt ihren Leinwandversionen bedient. In vier nach Geschichten von Raymond Chandler benannten Kapiteln türmen sich die Leichenberge und häufen sich die irrwitzigen Situationen, die nur durch den unerschütterlichen Wortwitz des ungleichen, hervorragend harmonierenden Duos übertroffen werden. Dabei bemüht sich Harry noch mittels Off-Kommentar ein wenig Ordnung ins wilde Treiben zu bringen, muss sein Scheitern aber selbst eingestehen.

Wirklich ernst ist hier keiner bei der Sache, die ironische Distanz zum Geschehen ist ein Schlüssel dafür, dass Kiss Kiss Bang Bang so wunderbar funktionieren kann. Harry ist mit der Situation klar überfordert, wächst aber im Verlauf der Story über sich hinaus. Nicht nur einen verworrenen Fall von Täuschung, Mord und Entführung gilt es zu lösen, auch seine Jugendliebe Harmony (die ihrem Namen nicht im Ansatz Ehre zu machen gedenkt) will erobert werden. Downey Jr. gibt den Underdog und Neuling im Haifischbecken L.A., und tut dies mit einer Mischung aus Charme, Unfähigkeit und liebenswerter Beharrlichkeit. Val Kilmer spielt den abgeklärten Tough Guy, in der recht seltenen schwulen Version. Auch hierzu gibt es massig Lacher, man achte bloß auf den Klingelton von Perrys Mobiltelefon.

Der Humor des Streifens ist zuweilen so pechschwarz, dass einigen zart besaiteten Zuschauern das Lachen im Halse stecken bleiben könnte. Shane Black, bisher vor allem als Drehbuchautor für Lethal Weapon und Last Boy Scout in Erscheinung getreten, ist bei seinem Regiedebut so gut wie nichts heilig, und sein Drehbuch meint es mit vielen lebenden und auch toten Figuren nicht besonders gut. Wer seinen derben Humor jedoch zu schätzen weiß, kommt in den Genuss des bisher witzigsten Films des Jahres. Selten so gelacht.

9/10

Gesprengte Ketten, MGM Special Edition DVD

Den Film „The Great Escape“ (Originaltitel) zu empfehlen ist reine Formsache. Unter der Regie von John Sturges („Die Gloreichen Sieben“) gaben sich 1963 die großen Stars die Klinke in die Hand, unter ihnen Steve McQueen, Charles Bronson, James Garner, Donald Pleasance, Richard Attenborough und James Coburn. Der Film erzählt die Geschichte von allierten Offizieren, die aus einem deutschen Kriegsgefangenen-Lager des Zweiten Weltkriegs ausbrechen wollen. Ihr raffinierter Plan erfordert viel Geschick und Vorsicht, und so sind die ersten 80 Minuten dieses knapp drei Stunden langen Streifens geprägt von der Einführung der vielen Charaktere, der Vorbereitung und schrittweisen Ausführung des Plans. Die spektakuläre Flucht ist dann ebenso fesselnd und unterhaltsam inszeniert wie die folgenden Versuche der Ex-Insassen, den Deutschen nicht wieder in die Hände zu fallen. Nicht allen gelingt das, und so endet „Gesprengte Ketten“ auch auf einer eher traurigen Note, was den Film aber keineswegs zum bitterernsten Drama macht. Die Szenen, in denen Steve McQueen auf dem Motorrad in die Schweiz fliehen will, haben Filmgeschichte geschrieben, ebenso wie die ausführliche Ausbrecher-Story, die auf einer wahren Geschichte basiert.Bild (Format 2,35:1) und Ton sind, soweit ich das mit meiner bescheidenen Heimkino-Ausrüstung beurteilen kann, in Ordnung. Was die DVD zudem sehr empfehlenswert macht sind die Extras. Insbesondere die Dokumentationen zur Entstehung des Streifens und die kurzen Filme zu den wahren Geschehnissen sind wirklich interessantes Zusatzmaterial, dazu gibts den US-Kinotrailer sowie einige weitere kleine Extras. Alles in allem eine starke DVD (oder besser gesagt zwei) die im Handel um die 20 Euro kostet.

keine Bewertung

Fahrenheit 9/11

George W. Bush ist nicht rechtmäßig Präsident der USA geworden, er pflegt zweifelhafte Geschäftsfreundschaften mit den Saudis, er ist als Geschäftsmann stets gescheitert, er hat den Irak zur Ablenkung, aus alter Feindschaft und natürlich wegen des Öls angegriffen. So sieht es aus in Michael Moores Köpfchen, und wer dem oben genannten nicht zustimmen mag, der wird „Fahrenheit 9/11“ höchstwahrscheinlich nicht viel abgewinnen können. Moore richtet sich mit seinem neuen Film gezielt an das urbane und gebildete Publikum, das seit Jahren die Basis seines Erfolgs bildet. Mehr als 100 Mio. Dollar trugen US-Amerikaner bereits nach drei Wochen an die Kinokassen, womit Moores Abrechnung mit der ersten Amtszeit Bush Juniors in den USA schon jetzt der bei weitem erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten ist.Es ist kein so stimmiger Film wie der Vorgänger „Bowling for Columbine“ geworden, vor allem, weil Moore sehr häufig grausame Bilder und unvorstellbare Sachverhalte mit derben, wenn auch häufig gelungenen Lachern mischt. In der kurzen Einführung wird die Posse der Wahl in Florida und die Proteste gegen Bushs Amtseinführung noch einmal amüsant zusammengefasst und Bush als ständig urlaubender Stümper-Präsident dargestellt. Der Ton ist schon beißend, aber bereitet den Zuschauer nur auf die Hauptattraktion vor ? die Angriffe des 11.09.01 und all das, was die Regierung Bush darauf folgen lies. Es geht nun hin und her, Bushs persönliche Geschichte und die seiner Kollegen Cheney, Rumsfeld und Konsorten wird thematisiert, die Lage im Irak nach der „Mission Accomplished“-Rede auf dem Flugzeugträger, es kommen Angehörige gefallener Soldaten ebenso zu Wort wie ein „Marine“, der sich weigert, noch einmal im Irak zu kämpfen.

Trotz einiger Längen und einigen sehr plumpen Vereinfachungen gelingen Moore einige starke Momente, etwa die Anhörung des Senats vor dem Amtsantritt Bushs, bei der 10 Mitglieder des Repräsentantenhauses ihren (wirkungslosen) Protest gegen die Wahl kundtun. Geschickt nutzt Moore die ohnehin schon beträchtliche Kraft der Nachrichtenbilder vom täglichen Krieg im Irak, die er im Kino auf der großen Leinwand noch einmal steigern kann. Im Kern sind es aber weniger die Bilder, sondern einige der relativ bekannten Fakten, die einen manchmal einfach nur koppfschüttelnd dasitzen lassen. Dass die Angehörigen von Kongressmitgliedern ihre Kinder vor dem hochpatriotischen Heldentod im Irak (oder anderswo) lieber bewahren wollen ist hinlänglich bekannt. Pikant wird diese Information aber erst dann, wenn man einen Blick auf die Soldaten und ihre Familien bekommt, die tatsächlich für die „gute Sache“ kämpfen und ihren Kopf hinhalten. Dazu präsentiert Moore immer wieder Interview-Fetzen mit Bush, Cheney und Rumsfeld, die Fakten verdrehen, erfinden und teilweise einfach nur noch Mist erzählen. Die drastischen Bilder von Verletzten und toten Zivilisten in Baghdad, kontrastiert mit Rumsfelds Geschwafel über die „menschliche Dimension der Kriegsführung“ erreichen die gewollte Wirkung problemlos.

Was können die Angehörigen der Soldaten, die im Irak eine massive Bedrohung für die Nation bekämpfen sollen, von einem Verteidigungsminister erwarten, der auf die Frage nach den herbeigeredeten „Weapons of Mass Destruction“ antwortet: „We know where they are, in and around Baghdad, Basrar, east, west, north and south.“? Setzen, sechs. Auch Bush Juniors Image als Freund der Soldaten bekommt Risse, wenn man erfährt, dass er für die Kürzung des Soldes seiner Truppe eintritt. Auch nicht gut macht es sich, dass der Familie eines gefallenen Soldaten dessen letzter Sold abzüglich des Lohnes von fünf Tagen ausbezahlt wird ? schließlich fiel er am 26. Mai, fünf Tage vor Monatsende. Moore lässt ausgewählte Soldaten selbst zu Wort kommen und auch ihre Aussagen sind häufig erschütternd. So antwortet ein Offizier auf die Frage, was er Herrn Verteidigungsminister Rumsfeld sagen würde, wenn der da wäre, mit „Ich würde ihn auffordern, zurückzutreten.“. Ebenfalls unter Beschuss nimmt der Film die Medien, neben den Anschuldigungen gegen die Regierung der vielleicht bedeutendste Vorwurf, der leider für meinen Geschmack erheblich zu kurz kommt. Dafür wird der Ratifizierung des „Patriot Act“ (in neuer Weltrekordzeit) ein interessantes und komisches Kapitel gewidmet.

Weniger überzeugend ist „Fahrenheit 9/11“ in der Darstellung eines völlig friedlichen Vorkriegs-Irak und einigen weiteren unnötigen Verzerrungen der Wirklichkeit. Trotz dieser Mängel ist der Film jedoch eine ernstzunehmende Anklageschrift geworden, der sich die Regierung Bush im Falle einer Widerwahl stellen werden muss. Reizthema ist vor allem der Irak, und die Frage nach der Dauer des „Abenteuers“. Dem politisch interessierten Publikum bietet sich eine interessante Grundlage für endlose Diskussionen, und durch die zahlreichen Slapstick-Einlagen wird für die Unterhaltsamkeit des Ganzen ausreichend gesorgt. Wer müsste nicht lachen, wenn zwischen all den erschreckenden Erkenntnissen über die Fehler der Regierung plötzlich die Barbie-Puppe Britney Spears auftaucht, mit dem hemmungslos unbedarften Kommentar, man solle dem Präsidenten bei allem, was er so tut, einfach vertrauen. Doch neben dem Gelächter macht sich da noch etwas anderes breit – schiere Fassungslosigkeit.
5/5

Elephant

Kaum ein Thema ist in den letzten Jahren so ausgeschlachtet worden wie die Highschool-Massaker von Littleton, Erfurt und all den anderen Orten, an denen Teenager in ihrer Schule Amok gelaufen sind. Vom schlechten Einfluß einiger Computer-Spiele war schnell die Rede, in den USA wurde Marylin Manson an den Pranger gestellt und natürlich bekam auch Hollywood für seine vielen Gewalt- und Horrorstreifen von selbsternannten Sittenwächtern einiges zu hören. Regisseur Gus Van Sant, bekannt geworden durch „My Private Idaho“ und mit „Good Will Hunting“ und „Forrester: Gefunden“ zuletzt auch im Mainstream aktiv, bringt mit „Elephant“ ein gewagtes Portrait einer solchen Tragödie auf die Leinwand.Mit minimalem Budget, Laiendarstellern und einer Finanzierung durch den amerikanischen Pay-TV-Sender HBO zeichnet der Film das Bild einer beliebigen US-Highschool und begleitet einige Schüler in der letzten Stunde vor dem Terror. Zwischen Mensa und Football-Training, Fotowerkstatt und Bücherei-Alltag verleben die Kids einen ganz normalen Schultag. In langen Kamerafahrten und mit wenigen Schnitten lernt der Zuschauer ein paar Schüler näher kennen, ohne dass allerdings eine absichtliche Dramaturgie den dokumentarischen Charakter zerstören würde.

Van Sant verzichtet auf einen Score ebenso wie auf die meisten anderen stilistischen Hilfsmittel, die das Bild eines teuer ausgestatteten Spielfilms prägen. Die weitläufigen Gänge der Schule, der große Sportplatz, all das wirkt völlig authentisch. Obwohl „Elephant“ unter den Schülern auch einige Außenseiter findet, zeichnet der Film ein durchaus positives Bild der Schule, weder Prügeleien noch Waffen oder Drogen haben den Alltag erobert, auch die wenigen Auftritte von Lehrern signalisieren keine Ohnmacht oder übertriebene Härte.

Parallel zum normalen Schultag zeigt der Film die Vorbereitung der beiden Attentäter Eric und Alex auf ihren grausamen Plan. Die beiden Jungen werden als eigenwillige Außenseiter portraitiert, jedoch ohne dabei ihre familiären und psychologischen Hintergrunde näher auszuleuchten. Während der eine auf dem Laptop mit einem Ego-Shooter beschäftigt ist spielt der andere Beethoven auf dem Klavier, schließlich sitzen sie eher gelangweilt vor einer Nazi-Dokumentation, um dann vom Postboten die im Internet bestellte automatische Handfeuerwaffe in Empfang zu nehmen. Obwohl durchaus mit einigen Klischees versehen, führt der Film die Täter nicht als verdorbene Psychopathen ein, denn wenngleich ihr Verhalten ein wenig ungewöhnlich ist, so liefert es noch längst keine schlüssige Erklärung für ihr späteres Tun.

Der Schrecken beginnt fast zufällig, wenn Alex und Eric schwer bewaffnet die Highschool durch einen Nebeneingang betreten und auf ihrem Weg durch das Gebäude wahllos das Feuer auf ihre Mitschüler eröffnen. Die Bilder wirken dabei umso eindringlicher, weil auch hier keine wilde Musik das Treiben unterstreicht, es gibt keinen Soundtrack des Todes, nur die grausam real klingenden Schüsse und das ungläubige Geschrei der Opfer. Kurz erscheint es, als wolle „Elephant“ doch noch mit einem Heldentypen aufwarten, doch auch diesen Gefallen tut Van Sant seinem Publikum nicht. So endet der Film wie er anfing aus der Perspektive der Opfer, die die Katastrophe fassungslos mit ansehen müssen – sofern sie sie überleben können.

Gerade weil „Elephant“ keine schnellen Erklärungen liefert, regt der Film sehr zum Nachdenken an. Die von den sensationslüsternen Medien vielfach verbreiteten Bilder von Polizei-Teams, Leichen und trauernden Angehörigen und die reißerischen Stories über die jugendlichen Täter werden um eine wichtige Perspektive ergänzt. Statt einer minutiösen Schilderung der Vorgänge entsteht ein rein betrachtendes Bild, das nicht kommentieren will und stattdessen die Sinn- und Wahllosigkeit dokumentiert, die das Geschehen so unfassbar macht. Die gedankenlose Gewaltbereitschaft ist ebenso verstörend wie vertraut, wobei die Ballerfreude der zwei Täter gar nicht mehr erklärt werden muss, so sehr hat man sich – in den USA – an den Gebrauch von Schusswaffen gewöhnt. Das Überschreiten der Schwelle vom Büchsenschießen zum Amoklaufen rückt ins Zentrum, und die Frage danach stellt „Elephant“ äußerst eindringlich.

5/5

Sideways

„Sideways“, der neue Film von „About Schmidt“-Regisseur Alexander Payne, hat alle Vorrausetzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zwei kurze Kinowochen hinter sich zu bringen und dann in der Versenkung zu verschwinden. Der Hauptdarsteller ist beim besten Willen kein Adonis, es gibt keinen Plot, keine Action und keine Stars. Glücklicherweise gibt es so etwas wie Mund-zu-Mund-Propaganda, weshalb der Film trotzdem ein Erfolg geworden ist, und das völlig zu recht.Der erfolglose Schriftsteller Miles (Paul Giamatti) knabbert nach zwei Jahren immer noch an seiner Scheidung, schlägt sich als Lehrer durch und widmet sich hingebungsvoll dem Genuss edler Weine. Jack (Thomas Haden Chruch), ein alter Freund aus College-Zeiten, ist vom Fernsehschauspieler zum Werbesprecher abgestiegen. Anläßlich Jacks bevorstehender Hochzeit begeben sich die zwei ungleichen Männer auf eine Tour durch die Weinanbaugebiete Kaliforniens. In Miles altem Saab-Cabrio fahren sie durch die idyllische grüne Landschaft, von einer Weinprobe zur nächsten.

Während Miles zunächst vor allem die kulinarische Komponente des Trips abzufeiern gedenkt, macht Jack ziemlich schnell deutlich, dass für ihn zu einem echten Junggesellenabschied auch Frauenabenteuer dazugehören. Dabei erweist sich der optimistische, eher simpel gestrickte Jack als fähiger Aufreißer, der den beiden aus dem Stand eine Verabredung mit Winzerin Stephanie (Sandra Oh) und Kellnerin Maya (Virginia Madsen) besorgt. Miles kennt und schätzt die attraktive Maya bereits von seinen früheren Besuchen in ihrem Lokal, hat aber von weiteren Avancen unter immer neuen, mitunter recht fadenscheinigen Ausflüchten Abstand genommen. Beim Dinner – verbunden natürlich mit reichlich Wein – entdeckt man einige gemeinsame Interessen, doch auch das kann Miles nicht daran hindern, in nicht mehr ganz nüchternem Zustand bei seiner Ex-Frau anzurufen. Jack hingegen gelangt bei Stephanie sofort an sein Ziel, was den eher zart besaiteten Miles ein wenig mitnimmt. Immerhin steht doch dessen Hochzeit kurz bevor, zu der zu allem Überfluss auch noch seine ehemalige Gattin samt neuem Partner erwartet wird.

Die durchweg entspannte Stimmung des Films erzeugt Alexander Payne durch die gelungene Mischung aus komischen und ernsthaften Momenten, die sich zeitweise recht kurios überlagern. Begleitet von einem jazzigen, lockeren Score folgt die Kamera dem Treiben der Charaktere, beobachtet dabei sehr genau, ohne jedoch die Figuren (in letzter Konsequenz) bloßzustellen. Die Hauptdarsteller, allen voran Paul Giamatti, sind durchweg exzellent und spielen fernab jeder klischeehaften Darstellung vier gewöhnliche Menschen bei ihrem alltäglichen Kampf, das Leben zu meistern. Das markante, viereckige Gesicht von Thomas Haden Church wirkt hier wie ein bewusster Antipol zum unverwechselbaren Neurotiker-Antlitz des durch einfache Gesten und Blicke bestechenden Giamatti, dem seine depressiven Tendenzen in nahezu jeder Einstellung anzusehen ist, ebenso wie sein moderater, als Hobby getarnter Alkoholismus. Ähnlich wie Paynes vorigen Film „About Schmidt“ kann man „Sideways“ als Tragikomödie bezeichnen, allerdings setzt der Regisseur hier auf gänzlich anders gestrickte Charaktere als den verbiesterten Parade-Spießer auf Abwegen, dem Jack Nicholson seine Züge lieh. War der noch im Mittleren Westen der USA unterwegs sind diese Menschen fest mit ihrem Heimatstaat Kalifornien verbunden, und so wird die Tristesse von Nebraska durch ungleich schönere Aussichten abgelöst, die Weinberge und Landstrassen werden dabei beinahe zu Handlungsträgern.

Es ist eine ereignis- und aufschlussreiche Woche, die Miles und Jack auf Golfplätzen, ihrem Hotelzimmer, in Bars, Restaurants und in der Natur verleben. Trotzdem wirkt die Handlung niemals forciert, das Gefühl von Spontanität und Authentizität geht nicht verloren, auch nicht wenn gegen Ende noch einige fast schon Slapstick-artige Szenen geboten werden. Obwohl alle Charaktere gewisse Veränderungen durchmachen, bleiben sie sich selbst treu, hier sind keine fremden Mächte am Werk, die für Läuterungen und Wandlungen sorgen könnten. So werden große Themen wie Liebe, Midlife-Crisis und allgemeine Sinnsuche immer auch mit Humor und fast wie nebenbei abgehandelt. Es ist genau diese Unbekümmertheit, das vermeintlich Zufällige in diesem Film, was im Gedächtnis bleibt, wenn Jack und Miles ihren Ausflug beendet haben.

9/10

Gegen die Wand

Fatih Akin hat sich in Deutschland mit Filmen wie „Kurz und Schmerzlos“, „Im Juli“ und zuletzt „Solino“ einen guten Ruf als Regisseur erworben. Wie das nun mal mit mir und heimischen Produktionen so ist, habe ich bis zu seinem neuesten Streifen und Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ keinen dieser Filme gesehen. Doch Akins neuestes Werk macht nicht schlecht lust, sich mit seinem bisherigen Schaffen auseinanderzusetzen.Cahit (Birol Ünel) ist ein in Hamburg lebender Türke von ca. 40 Jahren. Seine Arbeit in einer alternativen Musik-Spelunke bringt ihm das nötige Geld ein, um sich ohne Rücksicht auf Verluste seinem auf der Grenze zum Pennertum balancierenden Leben hingeben zu können. Grenzenloser Bierdurst und schwelender Selbsthass veranlassen ihn bald dazu, mit seinem Wagen frontal „Gegen die Wand“ zu fahren. Nach dem großen Knall findet er sich im Krankenhaus wieder, Abteilung für Suizid-Gefährdete. Dort trifft er die junge Sibel (Sibel Kekilli), die sich per Freitod aus den engen Fesseln ihrer traditionsbewussten Familie befreien wollte. Die durchweg chronologisch präsentierte Handlung ist eingebettet in eine immer wiederkehrende Szenerie vor der Kulisse Istanbuls, in der eine mehrköpfige Band mit Sängerin das Geschehen musikalisch-poetisch kommentiert.

Bald präsentiert Sibel dem verblüfften Cahit eine Lösung für beider Probleme – in erster Linie jedoch für ihr eigenes: Cahit muss Sibel heiraten. Ihre Eltern würden ihn als Ehemann akzeptieren, schließlich ist er Türke. Es wäre ja nur zum Schein, sie würde ihm keinen Ärger bereiten. Als der das ablehnt, greift Sibel zu drastischen Maßnahmen. Sie meint es bitter ernst mit ihrem Wunsch nach Freiheit, und so sagt Cahit doch noch zu. Erst muss natürlich noch hochoffiziell um ihre Hand angehalten werden, bevor die beiden ihr eigenwilliges Eheleben voller Partys und Drogen verwirklichen können.

Die erste Stunde des Films bietet neben der packenden Geschichte auch jede Menge Lacher. Mit sicherer Hand führt Akin sein (deutsches) Publikum in eine Welt, die es meist nur von Aussen kennt. Aus der Sicht von Cahit, der seine türkischen Wurzeln bis zur Grenze der Selbstverleugnung aufgegeben hat, ergibt sich ein buntes Bild von türkischer (Groß)Familie, Tradition und Lebensweise. Da ist Sibels großer Bruder, der seine Schwester in guten Händen wissen will und die Ehre der Familie im Auge hat, der strenge Vater und die pragmatische Mutter. Mittendrin ist Cahit ein Fremdling, weder religiös noch traditionsbewußt, dafür mit Hang zum Drogenkonsum und Alkohol-Exzessen.

Die wilde Ehe der beiden läuft bald aus dem Ruder. Sibel nutzt ihre neue Freiheit durch einige One-Night-Stands, während Cahit sich langsam in seine Angetraute verliebt. Es kommt zu einer Katastrophe, die die beiden für Jahre trennen wird.. Nach der intensiven, von lauter Musik, Sex und Gewalt geprägten ersten Stunde nimmt Akin ein wenig das Tempo raus. Die Handlung verlässt Hamburg mit einem Paukenschlag und konzentriert sich auf Sibels Leben in Istanbul, wo sie dem geregelten Dasein als Zimmermädchen bald überdrüssig ist und sich in alter Manier ins Nachtleben stürzt. Erst nach einigen Jahren trifft sie in der „fremden“ Heimat ihren Ehemann wieder und sie stellen sich den Dämonen ihrer Beziehung.

Cahits Besuch in Istanbul führt die Geschichte zu einem Ende, das nicht wirklich eines ist, ohne aber dabei einen faden Nachgeschmack zu hinterlassen. Glaubwürdig geht das Drama dieser sonderbaren und heftigen Beziehung in die letzte Runde. Wäre der Film hier nur ein paar Minuten länger wäre die Grenze zur Behäbigkeit vielleicht überschritten. „Gegen die Wand“ vermeidet es geschickt, angestrengt oder aufgesetzt zu wirken. Großen Anteil daran haben die Hauptdarsteller. Ünel, der teils aussieht wie eine rauhe Straßenversion von Jürgen Drews, ist eine großartige Besetzung für den wilden, vom Leben enttäuschten Cahit. Eindringlich kehrt er das Innerste seiner Figur nach aussen, ohne sich dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Partnerin Kekilli, hier in ihrer ersten ernsthaften Rolle, haucht dem Film durch ihre ungekünstelte Art jede Menge Authenzität ein. Dass ihre eigene Lebensgeschichte der ihrer Figur nicht ganz unähnlich ist, war ihrer Darstellung sicher nicht abträglich.

Fatih Akin hat ein sehenswertes Stück Kino geschaffen und zurecht viele Lorbeeren dafür kassiert. Sein Film ist frisch, voller Energie und Ideen, ohne dabei seine Charaktere zu vergessen. Mit einem starken Gespür für große Szenen, einem scharfen Blick auf das Milieu und der richtigen Portion Humor erzählt er eine Geschichte, die leicht in einer Überportion Sozialkritik hätte ertrinken können. Sein kritischer Blick auf bestehende Verhältnisse regt trotzdem zum nachdenken an, was „Gegen die Wand? nur um so wertvoller macht.

9/10

The Dreamers

Bernardo Bertolucci, Regisseur von „1900“ und „Little Buddha“, begibt sich mit seinem neuesten Werk zurück in das Paris des Jahres 1968. Vor dem Hintergrund wachsender Studentenproteste, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und einer allgemeinen Aufbruchsstimmung erzählt er die Geschichte einer besonderen Freundschaft. Der junge Amerikaner Matthew (Michael Pitt) ist eigentlich zum studieren in Paris, aber viel lieber verbringt er seine Zeit im Kino. Seine Filmbegeisterung teilen auch die Zwillinge Theo (Louis Garrel) und Isabelle (Eva Green), deren Eltern gerade eine mehrwöchige Reise antreten wollen. Eingeladen von seinen neuen Freunden bezieht Matthew in der geräumigen Wohnung der Zwillinge Quartier. Die drei genießen ihre Freiheit, diskutieren über Filme, trinken Rotwein und lassen sich treiben.

Matthew, der sich vom ersten Moment an in Isabelle verliebt hat, ist von dem wilden Leben fasziniert, wenn er auch langsam feststellen muss, dass die innige Beziehung der Zwillinge auch seine Schattenseiten hat. Nachdem er ? unter den Augen ihres Bruders ? mit Isabelle geschlafen hat, sind die letzten Barrieren gefallen. Quasi abgeschottet von der Aussenwelt verleben sie ihre Tage. Die drei zelebrieren ihre Verschworenheit, müssen aber schließlich ? jeder auf seine Art – erkennen, dass sie keine gemeinsame Zukunft zu erwarten haben. Die komplizierte Dreiecksbeziehung im Zentrum von „The Dreamers“ erinnert ein wenig an Philip Kaufmans sehenswerten „Henry & June“, wobei Bertolucci in Sachen Nackheit noch um einiges weiter geht als sein Kollege. Präsentiert wird die Geschichte geradeheraus, versehen mit einem gelegentlich wiederkehrenden Off-Kommentar von Matthew.

Einen Plot im klassischen Sinne hat „The Dreamers“ nicht zu bieten, es genügen die Figuren und ihre kurze, gemeinsame Zeit. Zu den wenigen weiteren Figuren von Bedeutung zählen die Eltern der Geschwister, deren Szenen am Anfang und am Ende zu den stärksten des Films zählen. Große Bedeutung kommt auch der großen, verwinkelten Altbauwohnung zu, in der sich fast das gesamte Geschehen abspielt. Begleitet von einem herrlichen Soundtrack bringt Bertolucci hier die Sechziger Jahre auf die Leinwand. Die Studentenunruhen und das zunehmende Chaos in der Stadt, auch das Produktionsdesign, alles wirkt echt und hat nichts requisitenhaftes. Die Hauptdarsteller überzeugen ebenfalls allesamt, wobei sie auch die kniffligen, teils äußerst freizügigen Szenen meist problemlos spielen.

Die größte Stärke des Films ist jedoch die nuanciert erzählte Geschichte. Sie reflektiert Überlegungen zu Kino, Zeitgeist, Krieg und Moral ohne den Zuschauer damit zu überfordern oder überhaupt anzustrengen. Die genau portraitierte Welt der bürgerlichen Wohlstandskinder, die die Freiheit ihrer Generation genießen wollen, ist keine bloße Seligsprechung der Vergangenheit. Im Spannungsfeld zwischen Kino und wahrem Leben suchen die Figuren ihre eigenen Wege. Ihnen dabei zuzusehen ist nicht immer angenehm, doch stets interessant im besten Sinne und dabei niemals langweilig. Insbesondere für Filmfreunde ist „The Dreamers“ sicher zu empfehlen, wobei man keineswegs alle der zitierten Filme kennen muss – die Begeisterung von Matthew, Isabelle und Theo für das Kino versteht man auch so.
10/10

City of God

Bei seinem Kinostart im Mai hier in fast allen Kulturteilen der großen Zeituneng groß abgefeiert, erregte der „City of God“ – für eine brasilianische Produktion – ungewöhnlich viel Aufsehen. Nun, da der Film auf DVD erschienen ist, kann man sich also auch zuhause vor dem Fernseher ein Bild davon machen, ob der Film wirklich so gut ist, wie es von allen Seiten gesagt wurde. Sogar auf Platz 74 der Top 250 der Internet Movie Data Base ist er geklettert, damit liegt er vor „Blade Runner“ oder „The Big Sleep“.Der Film beginnt mit einigen kurzen Szenen, die sich in den frühen 80er Jahren in einem Armenviertel von Rio de Janeiro abspielen. Dann fängt die Handlung im Jahre 1968 mit einer dreiköpfigen Gang namens „Wild Angels“ an, die in der Nachbarschaft ihr Unwesen treibt. Die Nachbarschaft, das ist die „City of God“, eine von der Regierung am Rande Rios errichtete Siedlung von billigen Holzhäusern, welche die in die Städte wandernde bettelarme Landbevölkerung aufnehmen sollte. Erzählt wird im Wesentlichen die Story von Buscape, Bene und „Locke“, der zunächst noch „Löckchen“ heißt.

Während Buscape sich legal durchs Leben schlägt, starten Bene und Locke schon als Kinder eine Gangsterkarriere, und wenn die Handlung von 1968 in die späten 70er Jahre springt, sind die beiden Partner bereits mit 18 die Bosse des inzwischen um einige Neubauten bereicherten – Viertels und kontrollieren fast den gesamten Drogenhandel, während Buscapes Wunsch, Fotograf zu werden, daran zu scheitern droht, dass er schlicht keine vernünftige Kamera auftreiben kann. Nach einigen dramatischen Entwicklungen beginnt ein brutaler Bandenkrieg, ein nicht enden wollendes Blutbad, angezettelt von Locke und seinem Kontrahenten „Karotte“. Es passiert noch einiges mehr in diesem Film, aber weitere Inhaltsangaben würde hier schlicht den Rahmen sprengen.

Die Brutalität in der „Stadt Gottes“ ist ein zentrales Thema, und ihre Darstellung ist schonungslos. Es wird so häufig geraubt und gemordet, dass man am Ende beinahe den Überblick verlieren könnte, wer eigentlich noch lebt. Das ist nur deshalb nicht der Fall, weil sich der Film auf eine einigermaßen überschaubare Zahl von wichtigen Rollen begrenzt. Dabei ist Buscape eindeutig der einzige Charakter, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann (und wohl auch soll). Locke hingegen ist ein mordlüsterner Gangster, eine Bestie, die nur Gier und Hass kennt. Sein Partner Bene steht irgendwo dazwischen, ist ein netter Mensch, bei allen beliebt, und trotzdem auch Drogendealer. Zur besseren Orientierung gibts einen Off-Kommentar von Buscape, der seine persönliche Geschichte und parallel die seines Viertels erzählt.

Regisseur Fernando Meirelles blendet am Ende des Geschehens einen Hinweis ein, dass die Ereignisse des Films auf wahren Gegebenheiten basieren. Trifft das wirklich zu, ist die „Cidade de Deus“(Originaltitel) damit einer der schlimmsten Orte, die ich im Kino bis jetzt gezeigt bekommen habe, klammert man Kriegsschauplätze und ähnliches aus. Visuell ist der Film äußerst sehenswert, wobei Meirelles frühere Arbeit als Werbefilmer hin und wieder durchscheint. Obwohl „City of God“ ganz gut (mit allerlei Slang) ins Deutsche übersetzt wurde (man achte auf die Synchronstimme Buscapes) und auf diese Weise einfacher zu verstehen ist, wird die Originalfassung mit Untertiteln sicherlich einige Vorteile bieten, vor allem bei der Authenzität des Geschehens.

Einige Kritiker bemängelten, Mereilles übertreibe es mit der plakativen Gewalt, und liegen damit in gewisser Hinsicht gar nicht so falsch. So halte ich es für wahrscheinlich, dass einige jüngere Zuschauer nicht in der Lage sein werden, die Gewalt richtig zu deuten. Doch gilt hier, was auch für andere Gang-Filme wie z.B. „Menace to Society“ gilt: es kann nicht Aufgabe des Regisseurs sein, Jugendliche zu erziehen. Zudem wird jenen Zuschauern, die einigermaßen geradeaus denken können, wenig nachahmenswertes Verhalten geboten, mit Ausnahme von dem Buscapes. Das vielleicht wichtigste Ziel erreicht „City of God“ jedenfalls voll und ganz: Der Film lenkt(e) viel Aufmerksamkeit auf die Bewohner solcher Armenquartiere. Und vielleicht hilft das, die Dinge dort ein wenig zum Guten zu verändern. Schließlich kann es nur besser werden.

9/10

Femme Fatale

„Mission:Impossible“ von 1996 war Brian DePalmas letzter Hit. Seitdem ist seine Karriere ein wenig ins Stocken geraten, und auch mit seinem neuesten Film ist er – zumindest in den USA – kommerziell baden gegangen. Was schade ist, aber auch nicht wirklich überrascht, wenn man „Femme Fatale“ gesehen hat. Der Titel spielt ganz offensichtlich auf die Noir-Filme der 40er und 50er Jahre an, und so beginnt der Film auch mit Szenen aus einem der alten Klassiker, Billy Wilders „Double Indemnity“. Den guckt sich Diebin Laure (Rebeca Romijn-Stamos) im Fernsehen an, während ihr Auftraggeber ihr letzte Anweisungen gibt. Darauf beginnt eine der schönsten Diebstahl-Szenen der letzten Jahre und es wird klar, daß der Meister solcher Filme wie „Dressed to Kill“, „Blow-Out“ und „The Untouchables“ sein Handwerk nicht verlernt hat.

Bei einer Filmpremiere der Festspiele von Cannes trägt die Freundin des anwesenden Regisseurs ein sündhaft teures Schmuck-Etwas anstelle eines Oberteils. Auf eben dieses haben es Laure und ihre Partner abgesehen. Zur wunderbaren Musik von Ryuichi Sakamoto („Der letzte Kaiser“) machen sich die Diebe an ihr Werk. Laure verführt die Trägerin der Beute auf dem luxuriösen Damenklo, während ihre Partner die Wärter an der Nase herumführen. Doch, wie sollte es anders sein, im letzten Moment geht etwas schief und Laure macht sich allein mit der Beute aus dem Staub.

Sie flüchtet nach Paris, wo sie mit einer jungen Frau namens Lily verwechselt wird, die sich kurz darauf umbringt. Laura steigt unter dem Namen der Verstorbenen in ein Flugzeug nach Amerika, wo sie den reichen Ex-Unternehmer Watts kennen lernt. Nach 30 Minuten Film und der Einblendung „Sieben Jahre später“ ist Watts Botschafter in Paris, Laure (jetzt Lily) seine Frau und die Story beginnt erneut – mit einem Foto, daß Paparazzi Nicolas (Antonio Banderas) im Auftrag ominöser Hintermänner von Laura/Lily schießt. Klingt kompliziert? Ist es auch – und auch wieder nicht. DePalma hat mit „Femme Fatale“ eine herausragend inszenierte Stilübung absolviert. Seine Hauptdarstellerin ist eine Variante der von Kim Novak gespielten Madeleine aus Hitchcocks Meisterwerk „Vertigo“.

Um diese herum entwirft der Regisseur eine traumhafte Welt voll von Betrug, Sex und Gewalt. Keine schöne Welt, aber eine, die schön anzusehen ist. Auch wenn der Film sein – wohl wenig zahlreiches – Publikum sehr wahrscheinlich spalten wird, so werden die Bilder und die Eindrücke, die er hinterläßt, jedem Zuschauer wohl länger im Gedächnis bleiben, ganz gleich ob wohlwollend oder widerwillig. „Femme Fatale“ erinnert in seiner mysteriösen Traumhaftigkeit zuweilen ein wenig an David Lynchs „Mulholland Drive“. Doch im Gegensatz zu Lynch läßt DePalma letztlich wenige Fragen offen, was die Einen enttäuschen und die Anderen zufriedenstellen mag.

Darüber, ob die Aufklärung und das Ende einen zu hohen Preis für die „Glaubwürdigkeit“ oder einen gelungenen Abschluß des Films darstellen, werden Cineasten wohl noch lange diskutieren. Ich persönlich kann gut damit leben – und ich habe das Gefühl, Brian DePalma ist das sowieso völlig egal. Irgendwo zwischen Hommage und Persiflage angesiedelt schrammt sein Film manchmal hart an der Grenze des guten Geschmacks vorbei – und vielleicht auch darüber hinaus. Was bleibt, sind 110 äußerst kurzweilige Minuten, die so ziemlich alles beinhalten, was Kino faszinierend macht.

5/5

Good Bye, Lenin!

Es ist schon eine große Überraschung, dass dieser Film mit ca. 6 Mio. Besuchern bis jetzt der erfolgreichste Film des Jahres in Deutschland ist. Allein deshalb, weil mit „Matrix: Reloaded? oder „Terminator 3? einige hockkarätige Blockbuster angetreten sind, diese Position für sich zu beanspruchen. „Good Bye, Lenin!?, gedreht mit einem Budget von 4,8 Mio. Euro, hat bis Ende August über 36 Mio. eingespielt und ist somit ein großer finanzieller Erfolg, der allen Beteiligten zu gönnen ist. Schön, dass auch wirklich gute Filme hierzulande Geld einspielen können. Schade, dass es davon immer nocht nicht sehr viele gibt.Aber zur Sache jetzt, mit dem deutschen Kino der Gegenwart kenne ich mich sowieso nicht aus. Wolfgang Beckers („Das Leben ist eine Baustelle?) Film spielt in den Jahren 1989/90 in Ostberlin. Eingeführt durch eine Rückblende, unterlegt mit dem Off-Kommentar von Alexander Kerner (Daniel Brühl), erfährt der Zuschauer davon, dass Robert Kerner seine Frau Christiane verließ, um mit einer West-Frau im benachbarten Kapitalismus glücklich zu werden. Christiane (Katrin Saß) ist todunglücklich und stürzt sich zur Überwindung ihrer Trauer voll ins sozialistische Leben, überzeugt von der guten Sache, und bemüht, sie noch ein bißchen besser zu machen. Dafür schreibt sie „Eingaben?, in denen die Parteiführung um Verbesserungen im alltäglichen Leben gebeten wird. Mit „sozialistischem Gruß?, versteht sich. Ihre Kinder Alex und Ariane (Maria Simon) haben sich an ein Leben ohne Vater gewöhnt, Ariane hat bereits ein Kind – und die DDR steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Gerade zu Beginn jener Demonstrationen, die die Wende einläuteten, fällt Christiane Kerner beim Anblick ihres Sohnes inmitten einer Schar von Demonstranten ins Koma. Als sie wieder aufwacht, ist nichts mehr wie es wahr. Aufgrund ihres immer noch kritischen Zustandes (der Arzt instruiert Alex, sie von jedweder Aufregung fernzuhalten) können Alex und Ariane ihrer Mutter von der Wende nichts erzählen, denn dies könnte ihren Tod bedeuten. Und so macht sich vor allem Alex daran, im Krankenzimmer seiner Mutter die DDR am Leben zu erhalten. Das geht natürlich nicht ohne Probleme, schließlich wechselt im Supermarkt die Produktpallette äußerst drastisch, Arianes neuer Freund Rainer ist waschechter Wessi, und Christianes Wunsch nach ein wenig Fernsehen kann Alex erst nachkommen, als er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Denis, einem Hobby-Regisseur, eigene Folgen von der „Aktuellen Kamera? produzieren kann.

Doch zusammen mit seiner Freundin Lara meistert Alex die Sache ganz gut, und es ist eine Freude, ihm bei seinem kreativen Treiben zuzuschauen. Der Film balanciert gekonnt auf einem schmalen Grat zwischen Humor und Tragik, zwischen Ostalgie und kritischer Auseinandersetzung, und wirkt dabei (fast) immer völlig glaubwürdig. Wenn am Ende Christiane, die von ihren Kindern seit Monaten hinters Licht geführt wird, gesteht, sie über die wahren Trennungsgründe von ihrem Mann gelogen zu haben, schafft es „Good Bye, Lenin!?, auch diese dramaturgische Wendung ohne Gefühlsduselei und mit viel Feingefühl zu erzählen.

Alle Hauptdarsteller spielen überzeugend und mitreißend, und so kommt in den zwei Stunden, die der Film dauert, keine Langeweile auf. Grund dafür ist natürlich auch das exzellente Drehbuch, das die Geschichte seiner Figuren wunderbar mit der Geschichte Deutschlands verknüpft. Lediglich an einigen wenigen Stellen wird der Bogen dann doch leicht überspannt, wird einiges wiederholt, aber dem Gesamteindruck schadet das nicht. Ein gelungenes Stück Kino, mal zum lachen und mal zum weinen wird hier geboten, weshalb ich jedem, der nicht zu den 6 Mio. Kinogängern gehört, empfehle, sich „Good Bye, Lenin!? nicht entgehen zu lassen.

5/5

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