Sideways

„Sideways“, der neue Film von „About Schmidt“-Regisseur Alexander Payne, hat alle Vorrausetzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zwei kurze Kinowochen hinter sich zu bringen und dann in der Versenkung zu verschwinden. Der Hauptdarsteller ist beim besten Willen kein Adonis, es gibt keinen Plot, keine Action und keine Stars. Glücklicherweise gibt es so etwas wie Mund-zu-Mund-Propaganda, weshalb der Film trotzdem ein Erfolg geworden ist, und das völlig zu recht.Der erfolglose Schriftsteller Miles (Paul Giamatti) knabbert nach zwei Jahren immer noch an seiner Scheidung, schlägt sich als Lehrer durch und widmet sich hingebungsvoll dem Genuss edler Weine. Jack (Thomas Haden Chruch), ein alter Freund aus College-Zeiten, ist vom Fernsehschauspieler zum Werbesprecher abgestiegen. Anläßlich Jacks bevorstehender Hochzeit begeben sich die zwei ungleichen Männer auf eine Tour durch die Weinanbaugebiete Kaliforniens. In Miles altem Saab-Cabrio fahren sie durch die idyllische grüne Landschaft, von einer Weinprobe zur nächsten.

Während Miles zunächst vor allem die kulinarische Komponente des Trips abzufeiern gedenkt, macht Jack ziemlich schnell deutlich, dass für ihn zu einem echten Junggesellenabschied auch Frauenabenteuer dazugehören. Dabei erweist sich der optimistische, eher simpel gestrickte Jack als fähiger Aufreißer, der den beiden aus dem Stand eine Verabredung mit Winzerin Stephanie (Sandra Oh) und Kellnerin Maya (Virginia Madsen) besorgt. Miles kennt und schätzt die attraktive Maya bereits von seinen früheren Besuchen in ihrem Lokal, hat aber von weiteren Avancen unter immer neuen, mitunter recht fadenscheinigen Ausflüchten Abstand genommen. Beim Dinner – verbunden natürlich mit reichlich Wein – entdeckt man einige gemeinsame Interessen, doch auch das kann Miles nicht daran hindern, in nicht mehr ganz nüchternem Zustand bei seiner Ex-Frau anzurufen. Jack hingegen gelangt bei Stephanie sofort an sein Ziel, was den eher zart besaiteten Miles ein wenig mitnimmt. Immerhin steht doch dessen Hochzeit kurz bevor, zu der zu allem Überfluss auch noch seine ehemalige Gattin samt neuem Partner erwartet wird.

Die durchweg entspannte Stimmung des Films erzeugt Alexander Payne durch die gelungene Mischung aus komischen und ernsthaften Momenten, die sich zeitweise recht kurios überlagern. Begleitet von einem jazzigen, lockeren Score folgt die Kamera dem Treiben der Charaktere, beobachtet dabei sehr genau, ohne jedoch die Figuren (in letzter Konsequenz) bloßzustellen. Die Hauptdarsteller, allen voran Paul Giamatti, sind durchweg exzellent und spielen fernab jeder klischeehaften Darstellung vier gewöhnliche Menschen bei ihrem alltäglichen Kampf, das Leben zu meistern. Das markante, viereckige Gesicht von Thomas Haden Church wirkt hier wie ein bewusster Antipol zum unverwechselbaren Neurotiker-Antlitz des durch einfache Gesten und Blicke bestechenden Giamatti, dem seine depressiven Tendenzen in nahezu jeder Einstellung anzusehen ist, ebenso wie sein moderater, als Hobby getarnter Alkoholismus. Ähnlich wie Paynes vorigen Film „About Schmidt“ kann man „Sideways“ als Tragikomödie bezeichnen, allerdings setzt der Regisseur hier auf gänzlich anders gestrickte Charaktere als den verbiesterten Parade-Spießer auf Abwegen, dem Jack Nicholson seine Züge lieh. War der noch im Mittleren Westen der USA unterwegs sind diese Menschen fest mit ihrem Heimatstaat Kalifornien verbunden, und so wird die Tristesse von Nebraska durch ungleich schönere Aussichten abgelöst, die Weinberge und Landstrassen werden dabei beinahe zu Handlungsträgern.

Es ist eine ereignis- und aufschlussreiche Woche, die Miles und Jack auf Golfplätzen, ihrem Hotelzimmer, in Bars, Restaurants und in der Natur verleben. Trotzdem wirkt die Handlung niemals forciert, das Gefühl von Spontanität und Authentizität geht nicht verloren, auch nicht wenn gegen Ende noch einige fast schon Slapstick-artige Szenen geboten werden. Obwohl alle Charaktere gewisse Veränderungen durchmachen, bleiben sie sich selbst treu, hier sind keine fremden Mächte am Werk, die für Läuterungen und Wandlungen sorgen könnten. So werden große Themen wie Liebe, Midlife-Crisis und allgemeine Sinnsuche immer auch mit Humor und fast wie nebenbei abgehandelt. Es ist genau diese Unbekümmertheit, das vermeintlich Zufällige in diesem Film, was im Gedächtnis bleibt, wenn Jack und Miles ihren Ausflug beendet haben.

9/10

Gegen die Wand

Fatih Akin hat sich in Deutschland mit Filmen wie „Kurz und Schmerzlos“, „Im Juli“ und zuletzt „Solino“ einen guten Ruf als Regisseur erworben. Wie das nun mal mit mir und heimischen Produktionen so ist, habe ich bis zu seinem neuesten Streifen und Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ keinen dieser Filme gesehen. Doch Akins neuestes Werk macht nicht schlecht lust, sich mit seinem bisherigen Schaffen auseinanderzusetzen.Cahit (Birol Ünel) ist ein in Hamburg lebender Türke von ca. 40 Jahren. Seine Arbeit in einer alternativen Musik-Spelunke bringt ihm das nötige Geld ein, um sich ohne Rücksicht auf Verluste seinem auf der Grenze zum Pennertum balancierenden Leben hingeben zu können. Grenzenloser Bierdurst und schwelender Selbsthass veranlassen ihn bald dazu, mit seinem Wagen frontal „Gegen die Wand“ zu fahren. Nach dem großen Knall findet er sich im Krankenhaus wieder, Abteilung für Suizid-Gefährdete. Dort trifft er die junge Sibel (Sibel Kekilli), die sich per Freitod aus den engen Fesseln ihrer traditionsbewussten Familie befreien wollte. Die durchweg chronologisch präsentierte Handlung ist eingebettet in eine immer wiederkehrende Szenerie vor der Kulisse Istanbuls, in der eine mehrköpfige Band mit Sängerin das Geschehen musikalisch-poetisch kommentiert.

Bald präsentiert Sibel dem verblüfften Cahit eine Lösung für beider Probleme – in erster Linie jedoch für ihr eigenes: Cahit muss Sibel heiraten. Ihre Eltern würden ihn als Ehemann akzeptieren, schließlich ist er Türke. Es wäre ja nur zum Schein, sie würde ihm keinen Ärger bereiten. Als der das ablehnt, greift Sibel zu drastischen Maßnahmen. Sie meint es bitter ernst mit ihrem Wunsch nach Freiheit, und so sagt Cahit doch noch zu. Erst muss natürlich noch hochoffiziell um ihre Hand angehalten werden, bevor die beiden ihr eigenwilliges Eheleben voller Partys und Drogen verwirklichen können.

Die erste Stunde des Films bietet neben der packenden Geschichte auch jede Menge Lacher. Mit sicherer Hand führt Akin sein (deutsches) Publikum in eine Welt, die es meist nur von Aussen kennt. Aus der Sicht von Cahit, der seine türkischen Wurzeln bis zur Grenze der Selbstverleugnung aufgegeben hat, ergibt sich ein buntes Bild von türkischer (Groß)Familie, Tradition und Lebensweise. Da ist Sibels großer Bruder, der seine Schwester in guten Händen wissen will und die Ehre der Familie im Auge hat, der strenge Vater und die pragmatische Mutter. Mittendrin ist Cahit ein Fremdling, weder religiös noch traditionsbewußt, dafür mit Hang zum Drogenkonsum und Alkohol-Exzessen.

Die wilde Ehe der beiden läuft bald aus dem Ruder. Sibel nutzt ihre neue Freiheit durch einige One-Night-Stands, während Cahit sich langsam in seine Angetraute verliebt. Es kommt zu einer Katastrophe, die die beiden für Jahre trennen wird.. Nach der intensiven, von lauter Musik, Sex und Gewalt geprägten ersten Stunde nimmt Akin ein wenig das Tempo raus. Die Handlung verlässt Hamburg mit einem Paukenschlag und konzentriert sich auf Sibels Leben in Istanbul, wo sie dem geregelten Dasein als Zimmermädchen bald überdrüssig ist und sich in alter Manier ins Nachtleben stürzt. Erst nach einigen Jahren trifft sie in der „fremden“ Heimat ihren Ehemann wieder und sie stellen sich den Dämonen ihrer Beziehung.

Cahits Besuch in Istanbul führt die Geschichte zu einem Ende, das nicht wirklich eines ist, ohne aber dabei einen faden Nachgeschmack zu hinterlassen. Glaubwürdig geht das Drama dieser sonderbaren und heftigen Beziehung in die letzte Runde. Wäre der Film hier nur ein paar Minuten länger wäre die Grenze zur Behäbigkeit vielleicht überschritten. „Gegen die Wand“ vermeidet es geschickt, angestrengt oder aufgesetzt zu wirken. Großen Anteil daran haben die Hauptdarsteller. Ünel, der teils aussieht wie eine rauhe Straßenversion von Jürgen Drews, ist eine großartige Besetzung für den wilden, vom Leben enttäuschten Cahit. Eindringlich kehrt er das Innerste seiner Figur nach aussen, ohne sich dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Partnerin Kekilli, hier in ihrer ersten ernsthaften Rolle, haucht dem Film durch ihre ungekünstelte Art jede Menge Authenzität ein. Dass ihre eigene Lebensgeschichte der ihrer Figur nicht ganz unähnlich ist, war ihrer Darstellung sicher nicht abträglich.

Fatih Akin hat ein sehenswertes Stück Kino geschaffen und zurecht viele Lorbeeren dafür kassiert. Sein Film ist frisch, voller Energie und Ideen, ohne dabei seine Charaktere zu vergessen. Mit einem starken Gespür für große Szenen, einem scharfen Blick auf das Milieu und der richtigen Portion Humor erzählt er eine Geschichte, die leicht in einer Überportion Sozialkritik hätte ertrinken können. Sein kritischer Blick auf bestehende Verhältnisse regt trotzdem zum nachdenken an, was „Gegen die Wand? nur um so wertvoller macht.

9/10

The Dreamers

Bernardo Bertolucci, Regisseur von „1900“ und „Little Buddha“, begibt sich mit seinem neuesten Werk zurück in das Paris des Jahres 1968. Vor dem Hintergrund wachsender Studentenproteste, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und einer allgemeinen Aufbruchsstimmung erzählt er die Geschichte einer besonderen Freundschaft. Der junge Amerikaner Matthew (Michael Pitt) ist eigentlich zum studieren in Paris, aber viel lieber verbringt er seine Zeit im Kino. Seine Filmbegeisterung teilen auch die Zwillinge Theo (Louis Garrel) und Isabelle (Eva Green), deren Eltern gerade eine mehrwöchige Reise antreten wollen. Eingeladen von seinen neuen Freunden bezieht Matthew in der geräumigen Wohnung der Zwillinge Quartier. Die drei genießen ihre Freiheit, diskutieren über Filme, trinken Rotwein und lassen sich treiben.

Matthew, der sich vom ersten Moment an in Isabelle verliebt hat, ist von dem wilden Leben fasziniert, wenn er auch langsam feststellen muss, dass die innige Beziehung der Zwillinge auch seine Schattenseiten hat. Nachdem er ? unter den Augen ihres Bruders ? mit Isabelle geschlafen hat, sind die letzten Barrieren gefallen. Quasi abgeschottet von der Aussenwelt verleben sie ihre Tage. Die drei zelebrieren ihre Verschworenheit, müssen aber schließlich ? jeder auf seine Art – erkennen, dass sie keine gemeinsame Zukunft zu erwarten haben. Die komplizierte Dreiecksbeziehung im Zentrum von „The Dreamers“ erinnert ein wenig an Philip Kaufmans sehenswerten „Henry & June“, wobei Bertolucci in Sachen Nackheit noch um einiges weiter geht als sein Kollege. Präsentiert wird die Geschichte geradeheraus, versehen mit einem gelegentlich wiederkehrenden Off-Kommentar von Matthew.

Einen Plot im klassischen Sinne hat „The Dreamers“ nicht zu bieten, es genügen die Figuren und ihre kurze, gemeinsame Zeit. Zu den wenigen weiteren Figuren von Bedeutung zählen die Eltern der Geschwister, deren Szenen am Anfang und am Ende zu den stärksten des Films zählen. Große Bedeutung kommt auch der großen, verwinkelten Altbauwohnung zu, in der sich fast das gesamte Geschehen abspielt. Begleitet von einem herrlichen Soundtrack bringt Bertolucci hier die Sechziger Jahre auf die Leinwand. Die Studentenunruhen und das zunehmende Chaos in der Stadt, auch das Produktionsdesign, alles wirkt echt und hat nichts requisitenhaftes. Die Hauptdarsteller überzeugen ebenfalls allesamt, wobei sie auch die kniffligen, teils äußerst freizügigen Szenen meist problemlos spielen.

Die größte Stärke des Films ist jedoch die nuanciert erzählte Geschichte. Sie reflektiert Überlegungen zu Kino, Zeitgeist, Krieg und Moral ohne den Zuschauer damit zu überfordern oder überhaupt anzustrengen. Die genau portraitierte Welt der bürgerlichen Wohlstandskinder, die die Freiheit ihrer Generation genießen wollen, ist keine bloße Seligsprechung der Vergangenheit. Im Spannungsfeld zwischen Kino und wahrem Leben suchen die Figuren ihre eigenen Wege. Ihnen dabei zuzusehen ist nicht immer angenehm, doch stets interessant im besten Sinne und dabei niemals langweilig. Insbesondere für Filmfreunde ist „The Dreamers“ sicher zu empfehlen, wobei man keineswegs alle der zitierten Filme kennen muss – die Begeisterung von Matthew, Isabelle und Theo für das Kino versteht man auch so.
10/10

City of God

Bei seinem Kinostart im Mai hier in fast allen Kulturteilen der großen Zeituneng groß abgefeiert, erregte der „City of God“ – für eine brasilianische Produktion – ungewöhnlich viel Aufsehen. Nun, da der Film auf DVD erschienen ist, kann man sich also auch zuhause vor dem Fernseher ein Bild davon machen, ob der Film wirklich so gut ist, wie es von allen Seiten gesagt wurde. Sogar auf Platz 74 der Top 250 der Internet Movie Data Base ist er geklettert, damit liegt er vor „Blade Runner“ oder „The Big Sleep“.Der Film beginnt mit einigen kurzen Szenen, die sich in den frühen 80er Jahren in einem Armenviertel von Rio de Janeiro abspielen. Dann fängt die Handlung im Jahre 1968 mit einer dreiköpfigen Gang namens „Wild Angels“ an, die in der Nachbarschaft ihr Unwesen treibt. Die Nachbarschaft, das ist die „City of God“, eine von der Regierung am Rande Rios errichtete Siedlung von billigen Holzhäusern, welche die in die Städte wandernde bettelarme Landbevölkerung aufnehmen sollte. Erzählt wird im Wesentlichen die Story von Buscape, Bene und „Locke“, der zunächst noch „Löckchen“ heißt.

Während Buscape sich legal durchs Leben schlägt, starten Bene und Locke schon als Kinder eine Gangsterkarriere, und wenn die Handlung von 1968 in die späten 70er Jahre springt, sind die beiden Partner bereits mit 18 die Bosse des inzwischen um einige Neubauten bereicherten – Viertels und kontrollieren fast den gesamten Drogenhandel, während Buscapes Wunsch, Fotograf zu werden, daran zu scheitern droht, dass er schlicht keine vernünftige Kamera auftreiben kann. Nach einigen dramatischen Entwicklungen beginnt ein brutaler Bandenkrieg, ein nicht enden wollendes Blutbad, angezettelt von Locke und seinem Kontrahenten „Karotte“. Es passiert noch einiges mehr in diesem Film, aber weitere Inhaltsangaben würde hier schlicht den Rahmen sprengen.

Die Brutalität in der „Stadt Gottes“ ist ein zentrales Thema, und ihre Darstellung ist schonungslos. Es wird so häufig geraubt und gemordet, dass man am Ende beinahe den Überblick verlieren könnte, wer eigentlich noch lebt. Das ist nur deshalb nicht der Fall, weil sich der Film auf eine einigermaßen überschaubare Zahl von wichtigen Rollen begrenzt. Dabei ist Buscape eindeutig der einzige Charakter, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann (und wohl auch soll). Locke hingegen ist ein mordlüsterner Gangster, eine Bestie, die nur Gier und Hass kennt. Sein Partner Bene steht irgendwo dazwischen, ist ein netter Mensch, bei allen beliebt, und trotzdem auch Drogendealer. Zur besseren Orientierung gibts einen Off-Kommentar von Buscape, der seine persönliche Geschichte und parallel die seines Viertels erzählt.

Regisseur Fernando Meirelles blendet am Ende des Geschehens einen Hinweis ein, dass die Ereignisse des Films auf wahren Gegebenheiten basieren. Trifft das wirklich zu, ist die „Cidade de Deus“(Originaltitel) damit einer der schlimmsten Orte, die ich im Kino bis jetzt gezeigt bekommen habe, klammert man Kriegsschauplätze und ähnliches aus. Visuell ist der Film äußerst sehenswert, wobei Meirelles frühere Arbeit als Werbefilmer hin und wieder durchscheint. Obwohl „City of God“ ganz gut (mit allerlei Slang) ins Deutsche übersetzt wurde (man achte auf die Synchronstimme Buscapes) und auf diese Weise einfacher zu verstehen ist, wird die Originalfassung mit Untertiteln sicherlich einige Vorteile bieten, vor allem bei der Authenzität des Geschehens.

Einige Kritiker bemängelten, Mereilles übertreibe es mit der plakativen Gewalt, und liegen damit in gewisser Hinsicht gar nicht so falsch. So halte ich es für wahrscheinlich, dass einige jüngere Zuschauer nicht in der Lage sein werden, die Gewalt richtig zu deuten. Doch gilt hier, was auch für andere Gang-Filme wie z.B. „Menace to Society“ gilt: es kann nicht Aufgabe des Regisseurs sein, Jugendliche zu erziehen. Zudem wird jenen Zuschauern, die einigermaßen geradeaus denken können, wenig nachahmenswertes Verhalten geboten, mit Ausnahme von dem Buscapes. Das vielleicht wichtigste Ziel erreicht „City of God“ jedenfalls voll und ganz: Der Film lenkt(e) viel Aufmerksamkeit auf die Bewohner solcher Armenquartiere. Und vielleicht hilft das, die Dinge dort ein wenig zum Guten zu verändern. Schließlich kann es nur besser werden.

9/10

Femme Fatale

„Mission:Impossible“ von 1996 war Brian DePalmas letzter Hit. Seitdem ist seine Karriere ein wenig ins Stocken geraten, und auch mit seinem neuesten Film ist er – zumindest in den USA – kommerziell baden gegangen. Was schade ist, aber auch nicht wirklich überrascht, wenn man „Femme Fatale“ gesehen hat. Der Titel spielt ganz offensichtlich auf die Noir-Filme der 40er und 50er Jahre an, und so beginnt der Film auch mit Szenen aus einem der alten Klassiker, Billy Wilders „Double Indemnity“. Den guckt sich Diebin Laure (Rebeca Romijn-Stamos) im Fernsehen an, während ihr Auftraggeber ihr letzte Anweisungen gibt. Darauf beginnt eine der schönsten Diebstahl-Szenen der letzten Jahre und es wird klar, daß der Meister solcher Filme wie „Dressed to Kill“, „Blow-Out“ und „The Untouchables“ sein Handwerk nicht verlernt hat.

Bei einer Filmpremiere der Festspiele von Cannes trägt die Freundin des anwesenden Regisseurs ein sündhaft teures Schmuck-Etwas anstelle eines Oberteils. Auf eben dieses haben es Laure und ihre Partner abgesehen. Zur wunderbaren Musik von Ryuichi Sakamoto („Der letzte Kaiser“) machen sich die Diebe an ihr Werk. Laure verführt die Trägerin der Beute auf dem luxuriösen Damenklo, während ihre Partner die Wärter an der Nase herumführen. Doch, wie sollte es anders sein, im letzten Moment geht etwas schief und Laure macht sich allein mit der Beute aus dem Staub.

Sie flüchtet nach Paris, wo sie mit einer jungen Frau namens Lily verwechselt wird, die sich kurz darauf umbringt. Laura steigt unter dem Namen der Verstorbenen in ein Flugzeug nach Amerika, wo sie den reichen Ex-Unternehmer Watts kennen lernt. Nach 30 Minuten Film und der Einblendung „Sieben Jahre später“ ist Watts Botschafter in Paris, Laure (jetzt Lily) seine Frau und die Story beginnt erneut – mit einem Foto, daß Paparazzi Nicolas (Antonio Banderas) im Auftrag ominöser Hintermänner von Laura/Lily schießt. Klingt kompliziert? Ist es auch – und auch wieder nicht. DePalma hat mit „Femme Fatale“ eine herausragend inszenierte Stilübung absolviert. Seine Hauptdarstellerin ist eine Variante der von Kim Novak gespielten Madeleine aus Hitchcocks Meisterwerk „Vertigo“.

Um diese herum entwirft der Regisseur eine traumhafte Welt voll von Betrug, Sex und Gewalt. Keine schöne Welt, aber eine, die schön anzusehen ist. Auch wenn der Film sein – wohl wenig zahlreiches – Publikum sehr wahrscheinlich spalten wird, so werden die Bilder und die Eindrücke, die er hinterläßt, jedem Zuschauer wohl länger im Gedächnis bleiben, ganz gleich ob wohlwollend oder widerwillig. „Femme Fatale“ erinnert in seiner mysteriösen Traumhaftigkeit zuweilen ein wenig an David Lynchs „Mulholland Drive“. Doch im Gegensatz zu Lynch läßt DePalma letztlich wenige Fragen offen, was die Einen enttäuschen und die Anderen zufriedenstellen mag.

Darüber, ob die Aufklärung und das Ende einen zu hohen Preis für die „Glaubwürdigkeit“ oder einen gelungenen Abschluß des Films darstellen, werden Cineasten wohl noch lange diskutieren. Ich persönlich kann gut damit leben – und ich habe das Gefühl, Brian DePalma ist das sowieso völlig egal. Irgendwo zwischen Hommage und Persiflage angesiedelt schrammt sein Film manchmal hart an der Grenze des guten Geschmacks vorbei – und vielleicht auch darüber hinaus. Was bleibt, sind 110 äußerst kurzweilige Minuten, die so ziemlich alles beinhalten, was Kino faszinierend macht.

5/5

Good Bye, Lenin!

Es ist schon eine große Überraschung, dass dieser Film mit ca. 6 Mio. Besuchern bis jetzt der erfolgreichste Film des Jahres in Deutschland ist. Allein deshalb, weil mit „Matrix: Reloaded? oder „Terminator 3? einige hockkarätige Blockbuster angetreten sind, diese Position für sich zu beanspruchen. „Good Bye, Lenin!?, gedreht mit einem Budget von 4,8 Mio. Euro, hat bis Ende August über 36 Mio. eingespielt und ist somit ein großer finanzieller Erfolg, der allen Beteiligten zu gönnen ist. Schön, dass auch wirklich gute Filme hierzulande Geld einspielen können. Schade, dass es davon immer nocht nicht sehr viele gibt.Aber zur Sache jetzt, mit dem deutschen Kino der Gegenwart kenne ich mich sowieso nicht aus. Wolfgang Beckers („Das Leben ist eine Baustelle?) Film spielt in den Jahren 1989/90 in Ostberlin. Eingeführt durch eine Rückblende, unterlegt mit dem Off-Kommentar von Alexander Kerner (Daniel Brühl), erfährt der Zuschauer davon, dass Robert Kerner seine Frau Christiane verließ, um mit einer West-Frau im benachbarten Kapitalismus glücklich zu werden. Christiane (Katrin Saß) ist todunglücklich und stürzt sich zur Überwindung ihrer Trauer voll ins sozialistische Leben, überzeugt von der guten Sache, und bemüht, sie noch ein bißchen besser zu machen. Dafür schreibt sie „Eingaben?, in denen die Parteiführung um Verbesserungen im alltäglichen Leben gebeten wird. Mit „sozialistischem Gruß?, versteht sich. Ihre Kinder Alex und Ariane (Maria Simon) haben sich an ein Leben ohne Vater gewöhnt, Ariane hat bereits ein Kind – und die DDR steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Gerade zu Beginn jener Demonstrationen, die die Wende einläuteten, fällt Christiane Kerner beim Anblick ihres Sohnes inmitten einer Schar von Demonstranten ins Koma. Als sie wieder aufwacht, ist nichts mehr wie es wahr. Aufgrund ihres immer noch kritischen Zustandes (der Arzt instruiert Alex, sie von jedweder Aufregung fernzuhalten) können Alex und Ariane ihrer Mutter von der Wende nichts erzählen, denn dies könnte ihren Tod bedeuten. Und so macht sich vor allem Alex daran, im Krankenzimmer seiner Mutter die DDR am Leben zu erhalten. Das geht natürlich nicht ohne Probleme, schließlich wechselt im Supermarkt die Produktpallette äußerst drastisch, Arianes neuer Freund Rainer ist waschechter Wessi, und Christianes Wunsch nach ein wenig Fernsehen kann Alex erst nachkommen, als er zusammen mit seinem Freund und Kollegen Denis, einem Hobby-Regisseur, eigene Folgen von der „Aktuellen Kamera? produzieren kann.

Doch zusammen mit seiner Freundin Lara meistert Alex die Sache ganz gut, und es ist eine Freude, ihm bei seinem kreativen Treiben zuzuschauen. Der Film balanciert gekonnt auf einem schmalen Grat zwischen Humor und Tragik, zwischen Ostalgie und kritischer Auseinandersetzung, und wirkt dabei (fast) immer völlig glaubwürdig. Wenn am Ende Christiane, die von ihren Kindern seit Monaten hinters Licht geführt wird, gesteht, sie über die wahren Trennungsgründe von ihrem Mann gelogen zu haben, schafft es „Good Bye, Lenin!?, auch diese dramaturgische Wendung ohne Gefühlsduselei und mit viel Feingefühl zu erzählen.

Alle Hauptdarsteller spielen überzeugend und mitreißend, und so kommt in den zwei Stunden, die der Film dauert, keine Langeweile auf. Grund dafür ist natürlich auch das exzellente Drehbuch, das die Geschichte seiner Figuren wunderbar mit der Geschichte Deutschlands verknüpft. Lediglich an einigen wenigen Stellen wird der Bogen dann doch leicht überspannt, wird einiges wiederholt, aber dem Gesamteindruck schadet das nicht. Ein gelungenes Stück Kino, mal zum lachen und mal zum weinen wird hier geboten, weshalb ich jedem, der nicht zu den 6 Mio. Kinogängern gehört, empfehle, sich „Good Bye, Lenin!? nicht entgehen zu lassen.

5/5

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