The Proposition (DVD)

Während einem die Kinogeschichte ein ausführliches (wenngleich äußerst verzerrtes) Bild der Besiedlung des Westens der USA liefert, hat diejenige des australischen Hinterlandes bisher wenig stattgefunden. Schon das Wort Besiedlung bringt ja seine Probleme mit sich, denn die Gebiete, die von den Weißen „zivilisiert“ wurden, waren ja vorher nicht unbewohnt. Im Jahre 1888, zur Zeit der Handlung von „The Proposition“, hält der Großteil der britischen Siedler die Aborigines für barbarische Wilde. In einem kleinen Ort in der Einöde trägt Captain Stanley (Ray Winston) die Verantwortung und hat dementsprechend auch das Sagen. Stanleys ganze Aufmerksamkeit gilt den wegen mehrfacher Morde und Vergewaltigungen gesuchten Burns-Brüder. Und tatsächlich gelingt es ihm bald, zwei von ihnen festzunehmen. Mickey Burns ist allerdings noch ein Kind, sein Bruder Charlie (Guy Pearce) hingegen ein ungepflegter Outlaw. Der wirkliche Bad Guy ist jedoch Arthur Burns, der sich irgendwo in der menschenfeindlichen Wildnis versteckt hält. Stanley macht Charlie ein Angebot. Wenn er in kurzer Zeit die Leiche seines älteren Bruders beschafft, verspricht Stanley ihn selbst und Mickey am Leben zu lassen.

Das weitere Geschehen spielt sich zweigeteilt ab. Charlies Trip ins „Herz der Finsternis“ führt zu einigen blutigen Aufeinandertreffen, während in der Ortschaft die Gerüchteküche brodelt. Ein übereifriger Gouverneur und die primitive Rachsucht der Bevölkerung tragen weiter zur Eskalation des Geschehens bei. Die explizit grausame Darstellung von Gewalttaten wird manche Betrachter verstören. Dabei setzt „The Proposition“ ähnlich wie „A History of Violence“ eigentlich auf eine ruhige, getragene Erzählweise, in denen jedoch hin und wieder die Gewalt punktuell eskaliert.

Trotz des Schauplatzes Australien kann man den Film durchaus als Western bezeichnen, denn die Themen von Landgewinnung, Vertreibung und dem Gesetz des Stärkeren sind ebenso vorhanden wie der rauhbeinige Sheriff, seine unfähigen Gehilfen, usw. Doch ist es ein moderner Western, der keine einfachen Kategorien von Gut und Böse kennt. Fest steht, dass Arthur Burns eine menschliche Bestie ist, doch mit seinen Brüdern liegen die Dinge komplizierter. Charlie ist ein ziel- und rastloser Outlaw, ohne Respekt vor dem Gesetz, aber wie es scheint mit einem Rest von Skrupeln und Menschenverstand. Inwiefern der junge Mickey ein Verbrecher sein könnte bleibt bis zum Ende offen, was die Meute aber nicht daran hindert den Jungen zu foltern.

Die Musik spielt immer wieder zwei verschiedene Themen an, deren etwas sperrige Schönheit perfekt zur Stimmung beiträgt. Kein großes Wunder auch, schließlich komponierte die australische Indie-Ikone Nick Cave nicht nur den Soundtrack, sondern schrieb auch das Drehbuch.

Die Landschaftsaufnahmen zeigen fast ausschließlich karge Szenerien, in denen die Gluthitze den letzten Rest Leben aus dem Boden zu saugen scheint. Hier von schönen Bildern zu sprechen ist beinahe zynisch, und doch ist „The Proposition“ visuell ein sehr sehenswerter Film. Seine dunkle Geschichte kommt ohne die übliche Westernromantik aus, es gibt keine Pfannen voller Bohnen, keine friedlichen Viehherden und keinen ultimativen Showdown zwischen Gut und Böse. Dafür gibt es ein Ende mit einem Ausrufezeichen, gefolgt von einem seltenen Moment des Innehaltens und Reflektieren. Und dann wird die Leinwand schwarz wie die Seele von Arthur Burns.

8/10

Robert Altman's Last Radio Show

Im November vergangen Jahres ist mit Robert Altman einer der herausragenden Regisseure des 20. Jahrhundert im Alter von 81 Jahren verstorben. Er begann mit „M.A.S.H.“, „The Long Goodbye“ und „Nashville“ als einer der wichtigsten Regisseure von New Hollywood, tauchte in den 80ern nur sporadisch wieder auf, um dann ein Jahrzehnt später mit „The Player“, „Short Cuts“ und „Pret-A-Porter“ sein Comeback zu feiern. Zuletzt war er 2002 mit „Gosford Park“ für den Oscar als bester Regisseur nominiert und bekam 2006 – gerade noch rechtzeitig – von der Academy den Lifetime Achievement Award. Altman kündigte bei der Zeremonie an, noch weitere Filme drehen zu wollen, es blieb jedoch nur noch die Zeit für „A Prairie Home Companion“ (Originaltitel), der nun in Deutschland anläuft.Altmans letzter Film mutet an wie eine Reise in längst vergangene Zeiten. Wie üblich hat er ein Ensemble großer Namen zusammengestellt, unter ihnen Meryl Streep, Lily Tomlin, Kevin Kline, Tommy Lee Jones, Woody Harrelson und einige andere. Sie alle spielen Mitglieder einer Radio-Show im Mittleren Westen, live und vor Publikum spielen sie ihre altmodischen Songs und verströmen mit ihrem ländlichen Hillbilly-Charme pure Nostalgie. Ihre Show ist die letzte ihrer Art, und nach der Übernahme des Senders durch ein Konglomerat geben sie wehmütig und tapfer ihre letzte Vorstellung. „Last Radio Show“ begleitet die Musiker und den Rest der Crew bei ihrem finalen Auftritt.

Mit einem herkömmlichen Drama hat der Film dabei nichts am Hut. In seiner bekannten Technik schneidet Altman Gespräche hinter der Bühne, die kleinen Macken und Sehnsüchte seiner Helden und ihre charmanten Auftritte zu einem von viel Improvisation geprägten Portrait zusammen. Kevin Kline ist der Mann im Hintergrund, der im plötzlichen Auftauchen einer geheimnisvollen Blonden (Virginia Madsen) einen Rettungsanker sieht, Woody Harrelson und John C. Reilly geben sich als singende Cowboys Lefty und Dusty die Ehre, während die Schwestern Yolanda und Rhonda Johnson (Streep und Tomlin) sich bemühen, Yolandas skeptische Tochter Lola (Lindsay Lohan) für ihre Show zu erwärmen.

Ein paar Überraschungen hat Altman im Verlauf des Films noch zu bieten, doch überwiegen eindeutig die von lakonischen Gesprächen und vor allem Gesang geprägten Szenen. „Last Radio Show“ hat mir viel Spass gemacht, doch Vorsicht: Die Nummernrevue aus von Geigen und Banjos geprägten Hillibilly-Songs ist für erklärte Feinde dieser altmodischen Volksmusik nur schwer zu ertragen. Hier wird ein Hohelied auf die Vergangenheit und Identität der einfachen Leute des mittleren Westens gesungen. Wer darauf mal einen Blick riskieren möchte, sollte das auf jeden Fall tun. Wer beim bloßen Gedanken an Banjos oder Mundharmonikas jedoch zum Mörder wird ist besser beraten sich nach etwas Passenderem umzusehen.

8/10

300

Was für ein Rauschen im Blätterwald: Zack Snyders („Dawn of the Dead“) Verfilmung von Frank Millers („Sin City“) gleichnamigem Comic über die Schlacht am Thermopylen zwischen Spartanern und Persern anno 480 vor Christi Geburt hat gleich mehrere Debatten angeregt. In den USA werfen Gegner wie Fürsprecher des Irakkriegs dem Film vor, dem jeweiligen Gegner in die Hände zu spielen, im Iran sieht man die persischen Wurzeln und Vorfahren rüde beleidigt und in den Dreck gezogen.

Und irgendwie haben auch alle Seiten Recht, mit der Konsequenz, dass keiner so richtig Recht hat. Das absolute Heldentum der Soldaten Spartas, die für ihr Land und die Freiheit kämpfen, und dabei nicht bedingungslos von der Politik unterstützt werden, kann man als Argument für den Irakkrieg deuten – wenn man denn will. Andererseits kann man in den ihr Reich mit Gewalt vergrößernden Persern auch die USA von heute erkennen, die im Irak vielleicht eine Idee der Freiheit zu verteidigen meinen, dort aber keineswegs (wie die Spartaner im Film) vor der eigenen Haustür kämpfen – auch das kann man so sehen.

Die Darstellung der Perser als barbarische Wüstlinge, die im Kampf Mann gegen Mann hoffnungslos unterlegen sind und deshalb mit List und Heimtücke den Erfolg suchen, könnte tatsächlich dazu dienen, das iranische Volk und seine Kultur zu diffamieren. Bleibt die Frage, ob Regisseur Snyder irgendetwas davon auch bezweckt hat. Soweit ich das gehört habe, bleibt er inhaltlich nah an Millers Vorlage von 1998. Nun gab es aber 1998 noch keinen zweiten Irakkrieg, und auch keine entführten britischen Soldaten oder kontroverse Atomprogramme. Was den Schluss nahe legt, dass es Snyder vielmehr um ein optisch berauschendes Schlachtengemälde ging, als um einen Kommentar zur politischen Großwetterlage. Natürlich kann man deshalb die (widersprüchlichen) Aussagen des Films nicht einfach ignorieren. Aber man sollte sie als das behandeln was sie sind: Randerscheinungen eines kommerziellen Hollywoodfilms, der in erster Linie Geld einspielen soll – und zwar möglichst auf der ganzen Welt.

Nun aber zum Film selbst. Er beginnt mit der Schilderung der Kindheit von Leonidas, dem König Spartas. Eine Stimme aus dem Off erzählt von den Gebräuchen Spartas, den finsteren Riten und ihrem Stolz auf die mit eiserner Härte trainierten Soldaten. In der Gegenwart angekommen steht König Leonidas (Gerard Butler) vor einem Problem: Die gewaltige Armee des persischen Königs Xerxes steht vor den Toren Griechenlands, doch im Land herrscht Uneinigkeit, wie man mit der Bedrohung verfahren soll. Der Rat der Spartaner lehnt Leonidas Begehren, mit der Armee in den Krieg zu ziehen ab.

Doch der nimmt sich die Freiheit, mit der vergleichsweise kleinen Gruppe von 300 Soldaten an den Thermopylen zu ziehen. Durch diesen schmalen Gebirgspass nahe der Küste müssen die Truppen des Gegners hindurch. Die Idee der Spartaner ist es, diesen Pass mit wenigen Leuten zu verteidigen, denn in dem engen Pass kommt der numerischen Überlegenheit des Gegners keine so große Bedeutung zu wie auf einem offenen Schlachtfeld. Ihre immensen kriegerischen Fähigkeiten kämen so am besten zur Geltung.

Es dauert nicht lange bis das Gemetzel seinen Gang geht. Nachdem uns die Spartaner als die perfekten, todesmutigen Krieger vorgestellt wurden, stürzen sie sich in den Kampf und schlachten tausende persische Fußsoldaten gnadenlos ab. Jede Form von Verhandlung mit dem Gegner wird abgelehnt, Welle um Welle gegnerischer Soldaten versucht den Pass zu erstürmen. Dabei gelingen dem Film einige großartige Szenen, die statt auf die üblichen hyperschnellen Schnitte auf Zeitlupen, Großaufnahmen und geradezu tänzerische Schwertkämpfe setzen. In den besten Momenten wird alles zum fesselnden Bilderrausch, in den schwächeren ist ein ziemlich albernes und betont schwules Sandalenfilmchen zu sehen.

Der Film entstand fast komplett am Rechner, die Schauspieler wurden vor Bluescreens gefilmt und die Bilder dann nachträglich mit Hintergründen, Farben und Effekten versehen. Die dabei entstandene künstlich-düstere Stimmung harmoniert wunderbar mit der wahrhaft finsteren Schilderung der Schlacht, in der massig Köpfe und andere Gliedmaßen abgetrennt werden und auch schon mal eine Mauer aus Leichen errichtet wird. Ebenfalls im Gepäck sind ein paar Urviecher aus dem Special-Effects-Rechner, darunter übergroße Nashörner, Elefanten und ein Viech, das nach verlorener Schlacht wohl direkt aus Mittelerde rüber gemacht hat.

Alles in „300“, von der Darstellung, den blutrünstigen Kämpfen bis zu den Dialogen ist grotesk übersteigert und übertrieben. Ausgleichende Kräfte sucht man hier vergebens, es gibt nur Gut und Böse, Sieg oder Niederlage, heldenhaften Tod oder ehrlose Feigheit. Zu Beginn des Films stösst König Leonidas einen persischen Boten in einen gigantischen Brunnen. Ob es nicht Wahnsinn sei, einen Boten zu töten fragt dieser in letzter Sekunde. Leonidas antwortet, das sei nicht Wahnsinn – das sei Sparta! Diese Szene war bereits im Trailer zu sehen, und hat mit ihrem Pathos und der unmissverständlichen Botschaft von Kompromisslosigkeit und überhöhter Gewalt dem Erfolg des Films sicher nicht geschadet. Es ist eine großartige Szene, vorausgesetzt, man hat begriffen, dass dem Treiben der Spartaner eben doch eine gehörige Portion Wahnsinn innewohnt.

Die zweifelhaften Botschaften des Films werden zuweilen dermaßen übertrieben, dass man sie unmöglich ernst nehmen kann. Trotzdem bleibt der Film immer auf der Seite der Spartaner, deren aus der Schlacht gewonnener Ruhm zentrales Thema von „300“ ist. An Grundschulen sollte er also definitiv nicht in den Lehrplan aufgenommen werden, und sogar die Freigabe ab 16 mag manchen unverständlich sein. Letzten Endes jedoch ist „300“ nur ein Kinofilm, der sich an ein junges, aber eindeutig erwachsenes Publikum richtet. Wer sich erinnert, wie groß das Geschrei um Oliver Stones „Natural Born Killers“ war, der wird auch wissen, was vom dem Trubel geblieben ist – nichts.

7/10

Warum genau passiert hier quasi nix?

Unglaublich, aber wahr: Meine überschaubaren Talente werden z. Zt. im Rahmen eines Praktikums gebraucht, weswegen mir leider die Zeit fehlt hier mehr anzubieten. Immerhin hab ich ein paar Sachen in der Schublade, unter anderem Kritiken zu den demnächst auf DVD erscheinenden Filmen „The Proposition“, „Deja Vu“ und „A Scanner Darkly“. Zudem gibts über Ostern eine Kritik zu „300“, sowie pünktlich am nächsten Donnerstag ein paar Sätze zu „Robert Altmans Last Radio Show“. Und das ist doch immerhin etwas. Das ist etwas…