Kurzkritik: Tenet

Sci-Fi/Action, 2020

Regie: Christopher Nolan; Darsteller: John David Washington, Kenneth Branagh, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki

Worum gehts?
Im Fall von „Tenet“ eine klare Fangfrage. In ein paar Sätzen lässt sich das nicht beschreiben, was mich aber nicht davon abhält, es wenigstens zu probieren – ohne massiv zu spoilern Ein Agent bekommt den Auftrag, die Welt zu retten. Vor einer Bedrohung, die sagen wir mal „metaphysischer Natur“ ist. Oder pseudo-physikalischer. Es ist ein bisschen so, als käme ihm die Zukunft entgegen. Codename: „Tenet“. Egal. Jedenfalls muss dieser Agent die Bedrohung erst verstehen lernen, um ihr auf die Schliche kommen zu können. Konkret muss er mit einer indischen Waffenhändlerin und einigen Unterhändlern & (hoffentlich) Verbündeten einen Plan ersinnen, wie der ukrainische Trillionär Sator daran gehindert werden kann, die Welt zu zerstören.

Der Weg dorthin führt über London, die Amalfi-Küste, Oslo, Vietnam, Talinn und Siberien, wo der Gute auf einer Luxusjacht, einem Katamaran, auf halsbrecherischen Autoverfolgungsjagden, in einem vorgetäuschten Terroranschlag auf einen Flughafen und beim Angriff auf eine unterirdische sowjetische Geisterstadt beweisen muss, dass er es drauf hat. Zwischendurch fordert Michael Caine ihn auf, sich einen besseren Schneider zu suchen.

Was soll das?
Christopher Nolan hat einen ultra-coolen und ultra-stylishen Agententhriller gedreht – und den dann quasi als Zeitreisen-Drama direkt geremixed. In der Welt von „Tenet“ ist der Lauf der Welt auf den Kopf gestellt, und im Ergebnis sitzt man oft kopfkratzend da und probiert, sich einen Reim drauf zu machen. Zeitlich gegeneinander laufende Bildelemente (und Figuren) erschweren die Orientierung in den Actionszenen. Das ist Teil des Plans und technisch brilliant gelöst, ermüdet aber auch mächtig. Der maßlos brachiale Soundtrack erlaubt es nur selten, die Dialoge ungestört zu verfolgen, und zwischendurch gibt es immer wieder „Erklärungen“ für die aberwitzigen Phänomene, die es dabei zu bestaunen gibt.

Taugt das was?
Für jeden, der wie ich in Zeiten von Corona das ganz große Kino vermisst hat, ist „Tenet“ einen Blick wert. Nolans Talent für die virtuose Inszenierung von Action springt einem förmlich ins Gesicht (mein Favorit ist gleich die erste Szene in der Oper, die wie ein Bunker aussieht). „Tenet“ reiht sich ein in die allzu kurze Liste teurer Blockbuster, die etwas neues probieren, schon dafür muss man dankbar sein.

Gleichzeitg nervt vieles an dem Film. Der Soundmix ist so bekloppt, dass man alle fünf Sekunden zur Fernbedienung greifen muss und zudem Untertitel braucht, um die Dialoge verfolgen zu können. Das ist einfach nur unnötig. Die Story mit all ihren Kniffen ist mindestens genau so bescheuert wie sie clever ist. Und größere Teile der Handlung bzw. des Szenarios zerbröseln bei genauerem Hinsehen/Nachdenken zu erzählerischer Asche. Oder ergeben erst ganz am Ende einen Sinn, was den angestauten Frust der vorangegangenen zwei Stunden nur bedingt auffangen kann.

Nicht falsch verstehen: der Plot ist sehr akribisch konstruiert, und einige Kniffe machen richtig Spaß. Aber genau das ist eben auch der stärkste Eindruck – nicht die Charaktere treiben den Plot voran, sondern andersrum. Zwar passt das zum insgesamt klinischen und distanzierten Look & Feel von „Tenet“, aber es verhindert auch, dass die Figuren der Handlung ein emotionales Zentrum geben. John David Washington, Kenneth Branagh und Robert Pattinson können trotz dieser Tatsache durchaus überzeugen, einzig Elizabeth Debickis Figur ist so eindimensional, dass es beinahe weh tut.

3/5

Kurzkritik: Kajillionaire

Drama, 2020

Regie: Miranda July; Darsteller: Evan Rachel Wood, Richard Jenkins, Debra Winger, Gina Rodriguez

Worum gehts?
Eine junge Frau mit dem schrulligen Namen Old Dolio lebt mir ihren ebenso schrulligen Eltern Robert und Theresa in ganz merkwürdiges Leben. Die Familie lebt von kleinen Betrügereien, Diebstählen oder ähnlichen Gaunereien und wohnt in einem fensterlosen Kabuff. Durch ihre sonderbare Kindheit (der Lebenswandel der Familie war wohl nie anders als in der Gegenwart) und ihre merkwürdig distanzierten Eltern ist Old Dolio eine ungewöhnliche Frau geworden – die sich dann auch noch damit abfinden muss, dass die lebenslustige Latina Melanie die Familie neuerdings bei ihren Aktivitäten begleitet. Und dabei deutlich herzlicher behandelt wird als sie selbst…

Was soll das?
„Kajillionaire“ erzählt eine Familiengeschichte der etwas anderen Art. Das Geschehen ist zu großen Teilen am ehesten eine Tragikomödie, wobei der Film seine Figuren niemals der Lächerlichkeit preisgibt. Während anfangs die zunehmend verzweifelten Versuche der Familie, an Geld zu kommen (sie liegen drei Mieten im Rückstand) im Mittelpunkt stehen, nimmt der Film im letzten Drittel eine überraschende Wendung.

Taugt das was?
Ja. Es braucht zwar ein wenig, um mit dem skurillen Szenario warm zu werden. Doch die guten Darsteller, die einfühlsame Inszenierung und das starke Drehbuch ergeben als ganzes ein sehenswertes Außenseiter-Drama mit viel Sinn für Humor.

Wo kann ich das gucken?
„Kajillionaire“ lief tatsächlich im Kino und wird bald auf DVD/BluRay und sicher auch per Streaming erhätlich sein (hier checken).

4/5

Kurzkritik: Fargo (Staffel 4)

Drama/Krimi, 2020

Creator: Noah Hawley ; Darsteller: Chris Rock, Jessie Buckley, Ben Wishaw, Jason Schwartzman, Timothy Olyphant

Worum gehts?
Kansas City, anno 1951. Das organisierte Verbrechen der Stadt besteht aus der italienstämmigen „Familie“ der Faddas, neuerdings haben auch die Afro-Amerikaner mit ihrem Anführer Loy Cannon ein Wörtchen mitzureden. Der Frieden ist bereits brüchig, als der Patriarch der Faddas stirbt – oder besser ermordet wird. Bald eskaliert die Gewalt zwischen den Gruppen, mittendrin finden sich eine Krankenschwester mit Vorliebe für ungewollte Giftspritzen, zwei geflohene Sträflinge aus dem Frauenknast und eine Familie von Bestattungsunternehmern.

Was soll das?
In der mittlerweile vierten Staffel der Show geht es vom Lande in die Großstadt. Der Ton allerdings ist weitgehend der selbe, auch die Vorliebe für pointierte Dialoge, verschrobene Charaktere und urplötzlich ausbrechenden Gewalttätigkeiten ist geblieben. Natürlich sind wieder Verweise auf das Original (den Film von 1996) sowie andere Werke der Coen-Brüder zu finden.

Taugt das was?
Ja. Die Show hat weiterhin Klasse und lässt in Punkto Darsteller, Optik und Produktionsdesign den Großteil der „Konkurrenz“ weit hinter sich. Mir hat jede einzelne Folge viel Spaß gemacht, herauszuheben ist vor allem die neunte – ein ungewöhnlicher Roadtrip mit äußerst überraschendem Ende. Was der Staffel fehlt ist allerdings eine Figur, die zur Identifikation einlädt. Die Tochter der Bestattungsunternehmer (die auch die Rahmenhandlung erzählt) ist nicht zentral genug. Die vielen Cops und Gangster passen nicht zu dem „Fargo“-Prinzip, dass es unbescholtene bis unglücklich agierende Bürger sind, deren Blick man als Zuschauer teilt. Insgesamt gehört die Staffel aber immer noch zu den besten des Jahres.

Wo kann ich das gucken?
Bei JoynPlus.

4/5

Kurzkritik: Wander

Thriller, 2020

Regie: April Mullen; Darsteller: Aaron Eckhartt, Tommy Lee Jones, Katheryn Winnick, Heather Graham

Worum gehts?
Ex-Cop Arthur hat bei einem Unfall seine Familie verloren. Doch Arthur glaubt nicht daran, dass es ein Unfall war. Er sieht einen Zusammenhang zu dem Fall, in dem er zeitgleich ermittelt hat – und bei dem eine Leiche unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Nun wohnt er in einem Trailer in der Wüste von New Mexico und produziert mit dem alten Jimmy einen Verschwörungs-Podcast. Als eine Frau wegen eines ungewöhnlichen Todesfalls anruft kann Arthur nicht widerstehen und nimmt die Ermittlungen in der nahe gelegenen Kleinstadt Wander auf…

Was soll das?
„Wander“ ist ein Verschwörungsthriller, bei dem sich alles um die Frage dreht, was wirklich passiert ist und was nicht. Hinter dem „was“ steht dabei natürlich noch ein ebenso wichtiges „warum“. Welchen Bildern (oder Figuren) man dabei vertrauen kann, muss man selbst herausfinden. An klassischen Motiven des Genres besteht keine Knappheit – Arthur ist psychisch instabil und nimmt Tabletten, es gibt eine Menge Rückblenden, die Kleinstadt Wander ist voll von merkwürdigen Gestalten, Agenten in dunklen SUVs treten ebenso auf wie ein vermeintliches Überwachungsprogramm und eine Reihe weiterer Leichen.

Taugt das was?
Na ja. Die temporeiche Inszenierung, die stylishen Bilder und die starken Darsteller können durchaus überzeugen. Es steckt eine Menge Energie in „Wander“, langweilig wird es in den knapp 90 Minuten eigentlich nie. Leider kann die Story nicht überzeugen, der Film bedient sich munter aus dem Verschwörungsbaukasten, ohne dabei wirklich zu überraschen. Der „Wow“-Moment, auf den man lange hofft, er kommt einfach nicht. Verschwörungstheorien sind in Zeiten von Trump und Corona ja deutlich auf dem Vormarsch, doch „Wander“ schafft es nicht, wenigstens ein paar treffende Kommentare dazu abzugeben – zu sehr ist er mit seiner eigenen (ziemlich lamen und willkürlichen) Verschwörung beschäftigt. Schade.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

3/5

Kurzkritik: Monsieur Killerstyle

Komödie/Horror, 2019

Regie: Quentin Dupieux; Darsteller: Jean Dujardin, Adele Haenel

Worum gehts?
Georges ist besessen von seiner neu gekauften (in seinen Augen) ultra-stylishen Vintage-Wildlederjacke im Western-Look. Er nimmt sich ein Zimmer auf dem Land, und beginnt einen Amateurfilm über sich selbst zu drehen – denn die Jacke hat einen Auftrag für ihn, den Georges um jeden Preis erfüllen will. Neben einigen Laiendarstellern steht ihm die Barkeeperin und Hobby-Cutterin Denise zur Seite.

Was soll das?
Um zu verstehen, was für eine Art Film „Monsieur Killerstyle“ ist, muss man Quentin Dupieux‘ „Rubber“ (oder wenigstens einen Trailer dazu) gesehen haben. Dort war es ein alter Autoreifen, der Amok lief – hier ist es nun eine Wildlederjacke. Und sie hat – anders als der Killer-Reifen – einen menschlichen Wirt, den sie für ihre Zwecke einspannt. Die Story ist vollkommen abwegig und bemüht sich auch nicht um Erklärungen. Die Dinge sind, wie sie sind, und der Film geht seinen Weg konsequent bis zu Ende.

Taugt das was?
Ja. Allerdings ist es ein schon sehr spezieller Humor, mit dem man hier konfrontiert wird. Jean Dujardin (Oscar-Preisträger für „The Artist“) hat sichtlich Freude an der Rolle des kauzigen Wildlederjackenträgers, der von seinem eigenen Look immer wieder begeistert ist („Scheisse, ist das geil.“). Wer es grotesk und abseitig mag, der sollte sich diese knapp 80 Minuten Trashfest nicht entgehen lassen, alle anderen machen lieber eine großen Bogen um diesen Film. An „Rubber“ kommt der Film vom Spaßfaktor aber nicht heran, daher einen Punkt „Abzug“…

4/5

Kurzkritik: I’m Thinking Of Ending Things

Drama, 2020

Regie: Charlie Kaufman; Darsteller: Jessie Buckley, Jesse Plemons, Toni Collette, David Thewlis

Worum gehts?
Wenn ich das wüsste! Die Eckdaten der Handlung sind folgende: Eine junge Frau fährt mit ihrem neuen Freund Jake aufs Land, um dort seine Eltern kennen zu lernen. Nach dem gemeinsamen Dinner fahren die beiden weiter in Jakes alte High School, wo dann … äh … weitere Dinge passieren. Dazu muss man allerdings wissen, dass der Film keine „einfache Wirklichkeit“ abbilden will, sondern eher eine Gedankenwelt – es geht also ähnlich phantastisch zu wie in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, dessen Drehbuch ebenfalls von Kauman stammt.

Was soll das?
„I’m Thinking of Ending Things“ ist wie oben bereits erwähnt nicht daran interessiert, eine lineare Story zu erzählen. Die Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander verschieben sich laufend – werden älter oder jünger, vereinen sich, tauchen in alternativen Realitäten wieder auf. Zusammengehalten wird das Konstrukt durch das äußerlich recht begrenzte Szenario mit drei Schauplätzen: Jakes Auto, die Farm seiner Eltern und seine ehemalige High School.

Taugt das was?
Ja, wenn man mit der Abwesenheit einer klassischen Handlung leben kann. Und Vorsicht: der Film kann und will auch nicht einfach „enträtselt“ werden, wenn man nur genau genug aufpasst. Die absolut herrlichen Schauspieler sorgen dafür, dass man die ungewöhnliche Reise sehr gerne mitmacht, und dabei auch vorzüglich unterhalten wird. Die Bilder im ungewöhnlichen alten 4:3-Fernsehformat verstärken die oft klaustrophobische Stimmung des Films. Für mich gehört „I’m Thinking of Ending Things“ zu den Filmen, die im besten Sinne interessante neue Wege ausloten, ohne dabei nur an sich selbst interessiert zu sein. Wer also zum Beispiel die Filme von David Lynch mag, der sollte hier einen Blick risikieren.

4/5

Kurzkritik: The Undoing (Miniserie)

Gerichtsdrama/Krimi, 2020

Creator: David E. Kelley, Regie: Susanne Bier; Darsteller: Hugh Grant, Nicole Kidman, Donald Sutherland, Noma Dumezweni

Worum gehts?
Grace und Jonathan Fraser (Kidman & Grant) sind ein wohlhabendes New Yorker Ehepaar. Sie ist Psychologin, er Kinderarzt an einer Krebsstation. Ihre heile Welt zerbricht, als Jonathan des Mordes an der attraktiven Mutter eines seiner Patienten bezichtig wird – und die Beweise tatsächlich kaum einen anderen Schluss zulassen…

Was soll das?
„The Undoing“ ist ein ‚Whodunit‚ im Hochglanzformat. Das Publikum ist eingeladen zu rätseln, ob Jonathan wirklich der Täter ist, wobei die Show einige Zweifel säht und auch alternative Verdächtige anbietet. Ähnlich rätseln muss auch die schockierte Grace, deren Anwesenheit im Gerichtsprozess nicht zuletzt wegen ihrer Wirkung auf die Jury von großer Bedeutung ist.

Taugt das was?
Jein. Die Show ist größtenteils sehr unterhaltsam und kurzweilig, außerdem gut besetzt und gespielt, insbesondere von Hugh Grant. Ein Problem ist, dass Grant als einziger eine interessante Figur spielen darf, die anderen Schauspieler bekommen nicht sehr viel spannendes zu tun. Zudem macht „The Undoing“ einige vielversprechende Schritte, das Geschehen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu bringen, lässt diese aber gegen Ende einfach liegen. Und ohne hier Spoilern zu wollen – wer fünf Folgen lang durchaus gekonnt ein solches Szenario aufbaut, der muss sich bei der Auflösung am Ende unbedingt was besseres einfallen lassen…

Wo kann ich das gucken?
Hier.

3/5

Kurzkritik: Possessor

Horror/Sci-Fi/Drama, 2020

Regie: Brandon Cronenberg; Darsteller: Andrea Riseborough, Christopher Abbott, Jennifer Jason Leigh, Sean Bean

Worum gehts?
Tas (A. Riseborough) ermordet im Auftrag einer ominösen Organisation Zielpersonen. Durch den Einsatz von Gehirnimplantaten übernimmt sie von einem Labor aus die Kontrolle über Menschen, die diesen Zielpersonen nahe stehen. Nach dem Mord wird die Übernahme beendet – und die übernommene Person ebenfalls getötet.

Für ihren aktuellen Auftrag übernimmt Tas den Ex-Dealer Colin (C. Abbott), der als zukünftiger Schwiegersohn nah an einen misanthropischen Konzern-Chef (S. Bean) gesteuert werden kann. Dabei scheint es allerdings Probleme mit der Technik zu geben, was zu schwerwiegenden Komplikationen führt…

Was soll das?
„Possessor“ ist ein Genre-Mix aus Horror, Science-Fiction, Thriller und Drama. Regisseur und Drehbuchautor Brandon Cronenberg bedient sich sicher nicht zufällig bei vielen Stilelementen aus den Werken seines Vaters David („eXistenZ“, „The Fly“, „Crash“). Das Setting erinnert an die letzten Romane von William Gibson (wenn auch mit weniger Futurismus), die außerordentliche blutige Inszenierung ist sicher nicht jedermanns Sache. Das zentrale Thema des „Mind-Hacking“ ist ebenfalls keine leichte Kost, erst recht in dieser Ausprägung als Werkzeug für Auftragsmorde.

Taugt das was?
Ja. Der Film ist mit großer Präzision inszeniert und gespielt, dabei trotz des relativ gemächlichen Tempos von Anfang an spannend. Die verstörende Handlung entwickelt sich in der ersten Hälfte absolut stringent, bevor „Possessor“ langsam Grenzen überschreitet und die Zuschauer ihre eigenen Schlüsse aus dem eskalierenden Geschehen ziehen müssen. Über das Ende kann und will ich hier nichts schreiben, außer dass es einlädt, über den Plot noch einmal genauer nachzudenken.

Wo kann ich das sehen?
Aktuell nur als DVD/BluRay in Deutschland erhältlich.

5/5

Kurzkritik: The Trial of the Chicago 7

Drama, 2020

Regie: Aaron Sorkin; Darsteller: Mark Rylance, Eddie Redmayne, Sacha Baron Cohen, Jeremy Strong

Worum gehts?
Beim Parteitag der Demokratischen Partei 1968 in Chicago eskalieren die Proteste. Unter der Regierung von Richard Nixon werden kurz darauf verschiedene Anführer der Protestbewegungen vor Gericht gestellt. Es beginnt ein langer und kurioser Prozess, der von Anfang an unter dem Verdacht steht, politisch motiviert zu sein.

Was soll das?
„The Trial of the Chicago 7“ blickt auf einen spannenden Abschnitt amerikanischer Geschichte. Dabei gibt sich der Film keine Mühe, „unparteiisch“ zu sein. Die Angeklagten sind hier die Guten, die Polizisten und Strafverfolger samt dem politischen Apparat dahinter die Bösen. Mir scheint das durchaus „korrekt“ zu sein, wenn man sich die Fakten dazu anschaut (auch wenn der „Kulturkampf“ dahinter längst nicht vorbei ist, wie ein kurzer Blick in die Nachrichten zeigt). Trotzdem fehlt den Protagonisten so ein überzeugender Gegenpol.

Taugt das was?
Jep. Der Film ist von Anfang an fesselnd und unterhaltsam inszeniert. Die Besetzung ist erstklassig, vom Ensemble haben mir Mark Rylance (als Anwalt der Angeklagten), Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen (als Chefs der ‚Youth International Party‘) am besten gefallen. Die Dialoge sind messerscharf und witzig. Die Wucht und Intensität der Erzählung, die auch 50 Jahre nach den Ereignissen noch einen beängstigend gegenwärtigen Charakter hat, ist der größte Pluspunkt des Films. „The Trial of the Chicago 7“ vermittelt allerdings nur ein Minimum an historischem Kontext – je mehr Vorwissen man mitbringt, umso mehr Spaß macht der Film…

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

4/5

Kurzkritik: Teheran

Thriller/Drama, 2020

Creators: Dana Eden, Maor Kohn; Darsteller: Niv Sultan, Shaun Toub, Shervin Alenabi, Navid Negahban

Worum gehts?
Der israelische Geheimdienst plant eine Mission in Teheran. Im Zentrum steht eine junge Agentin Tamar, die dafür in das Rechenzentrum eines Kraftwerks eindringen soll. Als dabei jemand stirbt überschlagen sich die Ereignisse. Tamar taucht unter, doch ein iranischer Agent ist ihr auf den Fersen.

Was soll das?
Die Serie stürzt sich quasi „auf Arbeitsebene“ in das Treiben der Geheimdienste im Nahen Osten. Dabei ist die Serie tatsächlich recht unpolitisch, wobei das iranische Regime grundsätzlich deutlich schlechter wegkommt als der Staat Israel. Der Show geht es aber vor allem um die Agenten im Feld und ihre Mission. Neben falschen Identitäten, Erpressungsversuchen, Doppelagenten, und Kollateralschäden unter Zivilisten wird auch die komplizierte Familiengeschichte einiger Figuren thematisiert.

Taugt das was?
Unbedingt. Von der der ersten Folge an ist „Teheran“ extrem spannend und legt ein hohes Tempo vor. Parallel werden aber auch die Figuren mit Bedacht eingeführt und entwickelt, so dass sich unterhalb der spannenden Thrillerhandlung auch ein glaubwürdiges Drama entfalten kann. Ich hoffe schwer, dass die erste Staffel hier nur der Auftakt war – eine Bestätigung dazu steht seitens der Produzenten bisher allerdings noch aus.

Wo kann ich das gucken?
Bei Apple TV+.

5/5

Nachgeholt: „The Alienist“

„The Alienist“ ist ein solider Beitrag zum beliebten Serienkiller-Genre. Brutal, spannend und gut gespielt kreist die Serie um Daniel Brühl als feinsinnig-verschrobenen Professor der Psychologie, der mit einem erlauchten Kreis von Helfern einen Mörder in New York City anno 1895 zur Strecke bringen will. Für Fans von „From Hell“ oder „The Knick“ auf jeden Fall einen Blick wert, wobei „The Alienist“ leider nicht ganz deren Klasse und Virtuosität mitbringt.

Zu sehen bei Netflix (zwei Staffeln).

Kurzkritik: On The Rocks

Drama/Comedy, 2020

Regie: Sofia Coppola; Darsteller: Rashida Jones, Bill Murray, Marlon Wayans

Worum gehts?
Laura (R. Jones) hat leise Zweifel, ob ihr Mann Dean (M. Wayans) sie betrügt. Als sie das ihrem Vater Felix (Bill Murray) offenbart, nimmt der direkt private Ermittlungen auf. Während sich die Indizien langsam mehren, geht Felix in der Rolle des Detektivs merklich auf, während Laura die Sache zunehmend unangenehmer wird. Dabei verbringen die beiden mehr Zeit miteinander als je zuvor.

Was soll das?
„On the Rocks“ ist Hauptdarsteller Bill Murray ganz offensichtlich auf den Leib geschrieben. Er glänzt beinahe mühelos als wohlhabender Galerist im Ruhestand, ewiger Charmeur, Scherzkeks – und ehemaliger Rabenvater. Die Frage, ob Felix und Laura wirklich an etwas dran sind, oder Dean völlig zu unrecht verdächtigen, lässt der Film dabei sehr lange offen.

Taugt das was?
Ja. Stilvoll, witzig und kurzweilig erzählt „On The Rocks“ seine Story in eleganten Bildern. Die Schauplätze sind fast ausnahmslos extrem stylisch, es ist vieles fast zu chic und cool um wahr zu sein, in allererster Linie die von Murray gespielte Figur selbst. Und man könnte den Film durchaus als oberflächlich oder gar belanglos bezeichnen. Doch Regisseurin Sofia Coppola und ihre Darsteller schaffen es, an den entscheidenden Stellen – und eher durch kurze Blicke oder Gesten als durch große Melodramatik – den Figuren echtes Leben einzuhauchen. Und dem Film eine kleine, aber feine Moral.

PS: „On The Rocks“ ist auch ein wunderbares Beispiel für einen Film zur rechten Zeit am rechten Ort. Mir war gar nicht klar, wie sehr ich stilvolle Hollywoodfilme vermisst habe. Und ein Fun Fact: Dass der Film in einem Streaming-Dienst läuft, hat übrigens in diesem Fall nichts mit Corona zu tun.

Wo kann ich das gucken?
Bei Apple TV+.

4/5

Kurzkritik: Lovecraft Country

Horror/Drama, 2020

Creator: Misha Green; Darsteller: Jonathan Majors, Jurnee Smollett, Wunmi Mosaku, Abbey Lee, Michael Kenneth Williams

Worum gehts?
Basierend auf Vorlagen und Motiven von H. P. Lovecraft (einem berühmten Autor von Horror-Literatur, von dessen Werk ich keinen blassen Schimmer habe) erzählt „Lovecraft Country“ eine ausladende Geschichte, der zu folgen gar nicht so leicht ist. Neben Zaubereien und Flüchen ist es die Geschichte einer schwarzen Familie in den Wirren des 20. Jahrhunderts, die vor allem mit dem allgegenwärtigen Rassismus im Lande zu kämpfen hat…

Was soll das?
Um das zu beantworten müsste man wohl wenigstens einen Teil der Vorlagen kennen. So, wie es aussieht, ist „Lovecraft Country“ vor allem der Versuch, aus vielen interessanten (aber auch bekannten) Motiven etwas Neues zu kreieren. Die Serie nimmt den Zeitgeist quasi mit in die Vergangenheit, und das in einem Genre, das bisher nicht durch prestigeträchtige Serien aus dem Hause HBO („Sopranos“, „Game of Thrones“) aufgefallen ist.

Taugt das was?
Ja. Meine Sehgewohnheiten als ‚Horror bitte nur im Notfall‘!-Gucker wurden ordentlich durchgeschüttelt, und wie oben vermerkt war ich nicht ernsthaft in der Lage dem Plot zu folgen. „Lovecraft Country“ ist ein Spektakel, mit tollen Darstellern, starken Bildern und einer Story, die bei allem Hokuspokus (sowie viel Blut und nackter Haut) vor allem auf die Figuren setzt. Egal, ob da nun eine zweite Staffel kommt, oder das Ganze einfach so stehen bleibt: es hat mir Spaß gemacht.

Wo kann ich das gucken?
Hier.

4/5

Kurzkritik: Away

Drama/Sci-Fi, 2020

Creator: Andrew Hinderaker; Darsteller: Hilary Swank, Josh Charles, Mark Ivanir, Vivian Wu

Worum gehts?
Eine internationale Crew unter Führung der Kommandantin Emma Green (Swank) startet die erste Mars-Mission der Menschheit. Zwischen den 5 Astronauten aus China, UK, den USA, Indien und Russland kommt es dabei zu einigen Spannungen, zumal die Reise nicht ganz reibungslos verläuft. Und auch auf der Erde ist für reichlich Drama gesorgt, hier konzentriert sich die Serie vor allem auf Emmas Tochter und ihren Ehemann Matt. Der ist selbst bei der NASA tätig und hat kurz vor dem Start einen folgenschweren Unfall…

Was soll das?
„Away“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie zuletzt „For All Mankind“, und verbindet eine aufregende Expedition ins Weltall mit den persönlichen Schicksalen der Astronauten. Hier allerdings ist es keine „Alternate History“, sondern eine von unserer Gegenwart nicht zu unterscheidende. Nur, dass eben eine bemannte Mars-Mission möglich ist…

Taugt das was?
Leider nein. Die Show hat ein paar gute und interessante Ansätze, verliert sich aber immer wieder in Rührseligkeit und platter Küchenpsychologie. Die Beziehungen unter den Crew-Mitgliedern haben was übertrieben pädagogisches, die Dialoge sind oft von beinahe unbeholfen wirkender Sentimentalität. Die Offenherzigkeit mag Methode haben (und hebt „Away“ stark von den unzähligen zynischen und schwarzhumorigen Serien ab), aber mir war es einfach zu viel. Es hilft auch nicht, dass die Spannungsbögen (innere wie äußere) dem immergleichen Muster folgen.

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

2/5

Kurzkritik: Better Call Saul (Season 5)

Drama/Comedy, 2020

Creator: Vince Gilligan; Darsteller: Rhea Seehorn, Bob Odenkirk, Tony Dalton, Jonathan Banks

Worum gehts?
Die Lage im „Breaking Bad“-Sequel spitzt sich zu. Saul aka Jimmy gerät zunehmend in den Dunstkreis des organisierten Verbrechens – woran er natürlich keineswegs unschuldig ist. Auch bei Kim ist ordentlich Bewegung drin, nicht nur im Bezug auf ihre Beziehung zu Jimmy, sondern auch beruflich – wo die beiden eine richtungsweisende Auseinandersetzung austragen.

Was soll das?
„Better Call Sall“ geht auf die Zielgerade. Die sechste Staffel wird die letzte sein, und sehr wahrscheinlich einen direkten Anschluss zur Handlung von „Breaking Bad“ herstellen. Die Weichen dafür sind mittlerweile gestellt. Ohne zu spoilern lässt sich aber festhalten, dass der Weg nur für wenige Figuren (wie Fring oder Mike) vorgezeichnet scheint. Die spannendste Frage ist sicherlich die nach Kims Schicksal…

Taugt das was?
In einer an starken Staffeln nicht armen Serie ist diese die bisher stärkste. Das Tempo hat leicht angezogen, ist aber noch unverkennbar „Better Call Saul“ – ein steter Sog, ein langsames Driften in Richtung des unvermeidlichen (moralischen) Abgrunds. Eines von vielen Highlights ist Tony Dalton als Lalo Salamanca, dem es gelingt in dieser extrem stark besetzten Show noch positiv aufzufallen. Hut ab!

Wo kann ich das gucken?
Bei Netflix.

4/5

1 2 3 4 112