Filmkritik: „Anonymous“

Anonymous FilmposterRoland Emmerichs Filme hatten bisher mit Leben und Werk von William Shakespeare eher wenig zu tun. Der in Hollywood seit vielen Jahren erfolgreiche deutsche Regisseur ist bekannt für Special-Effects-Spektakel wie zuletzt „2012“ oder „The Day After Tomorrow“, in denen es gerne mal um das Ende der Welt geht. Mit „Anonymous“ wagt Emmerich nun etwas ganz anderes. Der Film erzählt die „wahre Geschichte“ des berühmtesten Dichters der Welt – des Mannes, den wir als William Shakespeare kennen.

Dabei bedient er sich bekannter Geschichten und Gerüchte, die Shakespeare als historische Person und vor allem als Urheber der bekannten Werke in Frage stellen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht also nicht Shakespeare selbst, den der Film nebenbei als selbstverliebten Proleten darstellt, sondern der Earl of Oxford (Rhys Ifans). Dessen Familien- und Lebensgeschichte zwischen Liebschaften am Hofe, Jugendsünden und seiner Liebe für die hohe Kunst des Dichtens bildet das dramaturgische Gerüst des Films. Weitere Hauptfiguren sind die Adligen William Cecil (David Thewlis) und dessen Sohn Richard als Gegenspieler des Earls, ein erfolgloser Schriftsteller namens Johnson und eine Reihe junger Adels-Sprößlinge.

Rückblenden, die nach und nach Licht ins Dunkel der recht komplizierten Geschichte bringen, wechseln sich mit den Entwicklungen in der Gegenwart (also etwa anno 1600) ab. Eine entscheidende Rolle spielt dabei auch Königin Elizabeth I. (verkörpert erst von Joely Richardson, später von Vanessa Redgrave), deren Entscheidungen über Leben und Tod, Krieg und Frieden eng mit der Story um den Earl of Oxford verbunden sind. Ob sich das ganze tatsächlich so abgespielt haben könnte oder nicht, darüber denkt man schon bald nicht mehr nach.

Egal, wie man zur Frage der Urheberschaft von „Hamlet“, „Romeo & Julia“ und all den anderen Stücken steht – oder ob man überhaupt eine Meinung dazu hat(te). Man braucht Shakespeares Werke nicht gelesen zu haben, um „Anonymus“ zu verstehen. Die Szenen am Theater sind zwar zahlreich, aber jeweils nicht sehr lang. Und sie verdeutlichen vor allem die Faszination und Begeisterung, mit der das Publikum sie aufgenommen hat.

Die fast durch die Bank exzellenten Schauspieler (allen voran Rhys Ifans und David Thewlis) und das geschickt Abenteuer, Thriller und Drama verbindende Drehbuch machen „Anonymous“ zu einem spannenden Historien-Krimi. Ein paar laue, unstimmige Szenen sind leider auch dabei, können dem Film als Ganzes aber nichts anhaben.

Viel Geld hatte Regisseur Emmerich (für seine Verhältnisse) nicht zur Verfügung für die Realisierung des Films. Zum Glück kennt er sich mit den Möglichkeiten von Special-Effects gut genug aus, um sich nur Bilder und Einstellungen zu erlauben, die auch wirklich gut aussehen. Darunter sind ein paar schöne Totalen von London und als Höhepunkt ein Begräbniszug auf der zugefrorenen Themse.

Die Zahl der Sets ist dafür recht klein, die meisten Szenen spielen im Theater, am Hofe, im Pub oder in einigen wenigen Straßenzügen. Und viel Licht ist auch selten im Spiel – im halbdunklen Nebel sehen künstlich erzeugte Häuser, Brücken und Menschenmassen nun mal besser aus als bei strahlendem Sonnenschein (der ohnehin nicht recht zur Story gepasst hätte).

„Anonymous“ ist kein Meisterwerk geworden, aber ein sehenswerter und unterhaltsamer Film, auch einer der besten von Roland Emmerich (ja, schon richtig, soo schwer ist das nicht). Man könnte ihm vielleicht vorwerfen, dass er den Tiefgang von Shakespeares Dramen und Tragödien vermissen lässt. Aber der Film will ja auch nicht mit den Shakespear-Verfilmungen von Kenneth Branagh konkurrieren, sondern ein breites Publikum mit seiner Geschichte unterhalten. Und das gelingt ihm sehr gut.

4/5

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