London Boulevard (DVD-Import)

Britische Gangsterfilme haben sich seit Guy Ritchies Anfangstagen als feste Größe im europäischen Kino etabliert. Die (Anti-)Helden des Genres stammen meist aus einfachen Verhältnissen und müssen sich gegen fiese Obergangster behaupten. Eine Variation dieses Themas bietet auch „London Boulevard“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ken Bruen. Hier ist es der Ex-Knacki Mitchell (Colin Farrell), der nach seiner Entlassung wieder in kriminelle Kreise gerät und langsam, aber sicher in eine Spirale von Gewalt und Intrigen abzurutschen droht.

Kaum aus dem Bau steht Mitchells Kumpel Billy (Ben Chapman) vor ihm und verschafft ihm eine nette Wohnung. Doch die Großzügigkeit hat ihren Preis, denn Billy plant ihn in seine zukünftigen kriminellen Machenschaften fest ein – auch wenn Mitchell dazu nur wiederwillig bereit ist. Auch an einer anderen Front droht Ärger, seine Schwester ist ein psychisches Wrack, außerdem erschlagen Jugendliche einen obdachlosen alten Freund. Immerhin hat er bald ein legales Job-Angebot. Die berühmte Schauspielerin Charlotte (Keira Knightley), die aus Furcht vor den vielen Paparazzi zurückgezogen in ihrer Villa lebt, sucht einen Hausmeister, der zur Not auch als Bodyguard einsetzbar ist.

Man ahnt es schon, zwischen den beiden wird es irgendwann funken. Und so kommt es auch. Diese Szenen gehören leider zu den weniger gelungenen von „London Boulevard“, es knistert nicht so recht zwischen Farrell und Knightley bzw. ihren Figuren. Das könnte auch daran liegen, dass man hier nicht auf die Vorlage zurückgreifen konnte. Denn dort heuert Mitchell bei einer alternden Diva an, nicht bei einem attraktiven Starlet von 25 Jahren. Es ist wohl ein Zugeständnis an den (vermeintlichen) Geschmack des Publikums, dass man lieber auf einen echten jungen Filmstar in der Rolle eines falschen setzt, was den Ton der Erzählung doch entscheidend verändert.

In seinem Element ist der Film eher bei den Dialogen, deren Schärfe und Witz dem Buch zu verdanken sind. Spaß macht auch der Plot mit seinen vielen Handlungssträngen, wobei man möglicherweise den Überblick verlieren kann, wenn man den Roman nicht gelesen hat. Die allermeisten Szenen funktionieren für sich sehr gut, ein bisschen fehlt allerdings eine ordnende Hand. Die Gewaltdarstellungen sind zuweilen recht drastisch, doch sie sind auszuhalten und – ganz wichtig – nie Selbstzweck, sondern immer Teil der Story.

Colin Farrell ist eindeutig richtig besetzt in der Rolle eines latent aggressiven Rauhbeins, das sich redlich müht seinem Milieu zu entkommen. Man nimmt ihm die kurze Lunte in Konfliktsituationen nur zu gern ab. Auch David Thewlis als Charlottes eigenwilliger Butler im Heckenpenner-Look überzeugt, ebenso Ray Winston als obligatorischer Obergangster – eine Rolle die Winstone wohl auch im Schlaf spielen könnte. Keira Knightley macht nichts falsch,doch ihre Figur ist zu wenig ins Geschehen eingebunden und sagt nicht viele nennenswerte Sätze.

Unter dem Strich ist „London Boulevard“ ein guter Genrefilm mit schönen London-Bildern (allerdings weniger von bekannten Sehenswürdigkeiten), der sein hohes Tempo bis zum Ende geht und auch lange spannend bleibt. In punkto Figuren- und Milieuzeichnung kann er mit dem Roman nicht mithalten, was schade ist. Dafür gibt es keinen lahmen Off-Kommentar, der sonst gerne genutzt wird um Versäumnisse der Inszenierung wiedergutzumachen. Man muss sie sich hier eben selbst herbei denken. Einen deutschen Starttermin gibt es noch nicht, bei Amazon.co.uk und in guten Videotheken ist der Film auf DVD und BluRay zu haben.

4/5

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