Ich sehe den Mann Deiner Träume

Alle Jahre wieder gibt es einen neuen film von Woody Allen, in diesem Jahr ist es „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ (Originaltitel), des Meisters vierter in London spielender Film. Im Zentrum des Geschehens stehen vier Figuren, die wie bei Allen üblich mit ihrer Existenz hadern. Sally (Naomi Watts) etwa arbeitet in einer Kunstgalerie und ist heimlich in ihren Chef (Antonio Banderas) verschossen. Zuhause wartet dann Ehemann Roy (Josh Brolin), der verzweifelt an seinem neuen Roman schreibt und langsam den Glauben an die eigene Berufung verliert.

Sallys Vater Alfie (Anthony Hopkins) ist auf seine alten Tage zum Fitness-Geek geworden, bemüht das Leben eines unbekümmerten Junggesellen zu führen – und reicht die Scheidung von seiner Frau Helena (Gemma Jones) ein. Die nimmt daraufhin erst eine Extraportion Schlaftabletten und anschließend ausgiebige Sitzungen bei einer Wahrsagerin. Die wiederum verrät ihr nicht nur ihre eigene (sehr rosige) Zukunft, sondern auch die von Sally und Roy – was dem Hausfrieden der beiden nicht eben förderlich ist.

Unterlegt von einem Off-Kommentar verfolgt der Film Leben und Leiden seiner Figuren für einige Monate, in der alle eine Menge Veränderungen durchmachen. Wie nicht anders zu erwarten bei Woody Allen dreht sich das Beziehungskarussell, allerdings nicht unbedingt in die Richtung, die man vielleicht erwartet hat. Die gelungenen Nebenfiguren (u. a. eine schöne Nachbarin von Sally und Roy sowie eine junge Teilzeit-Prostituierte) runden das groß aufspielende Ensemble ab, die Schauspieler spielen beschwingt und wie es scheint sehr befreit auf.

Das Drehbuch sieht recht offensichtlich für jede Figur eine unterschiedliche Entwicklung vor, schafft es jedoch, diese glaubwürdig und plausibel erscheinen zu lassen. Nicht der erhobene Zeigefinder diktiert hier den Gang der Dinge, sondern die mit viel Humor vorgetragene Überzeugung, dass das Leben sich nur bedingt in die Karten sehen lässt. Man könnte hier kritisch anmerken, dass „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ keinen großen Erkenntnisgewinn mit sich bringt. Aber darum geht es Allen auch gar nicht, er beschäftigt sich einmal mehr mit seinen Lieblingthemen, dem Leben in der Großstadt, der Kunst, der Angst vor dem Alter/Tod und den Tücken zwischenmenschlicher Beziehungen.

Der Film gehört wohl nicht zu Allens ganz großen Werken, enthält aber alles, was man von einem guten Film des Regisseurs erwartet. Er unterhält auf hohem Niveau, bietet herrliche Dialoge und süffisant vorgetragene kleine Lebensweisheiten. Für Fans also unbedingt empfehlenswert, alle anderen werden ohnehin die Finger davon lassen und sind wie üblich selbst schuld.

4/5

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