The Social Network

Keine andere Website der letzten 10 Jahre hat die Art und Weise, wie Menschen online kommunizieren mehr beeinflusst als Facebook. 500 000 000 User sprechen eine deutliche Sprache. Dass sich Hollywood des Themas annehmen würde war nur eine Frage der Zeit, auch wenn Filme, die sich irgendwie mit dem Netz und dem IT-Business beschäftigt haben („The Net“ oder „Antitrust“) bisher wenig Erfolg hatten. Die große Frage bei „The Social Network“ ist also: wie macht man einen interessanten Film über eine Firma, von der jeder weiss, was aus ihr geworden ist?

Regisseur David Fincher („Fight Club“) und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin haben sich entschieden, die Geschichte als dramatische Aufsteigerstory zu erzählen – mit einer Menge Humor und gar Selbstironie garniert. Basierend auf Ben Mezrichs Buch „The Accidental Billionaires“ haben sie sich die Freiheit genommen, ihren Hauptfiguren echtes Leben einzuhauchen, auch wenn darunter der Wahrheitsgehalt ein wenig gelitten haben dürfte. Der Film kommt keineswegs wie eine Dokumentation und reine Erfolgsgeschichte daher, er nutzt alle filmischen Finessen, um die Story spannend und unterhaltsam aufzubereiten.

Zentrale Figur ist Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, gespielt von Jesse Eisenberg („Zombieland“). In der ersten Szene wird er dem Publikum als ambitionierter und talentierter Nerd mit fragwürdigem Sozialverhalten vorgestellt. Man nimmt es seiner Freundin in dieser Szene nicht übel, dass sie mit ihm Schluss macht. Zuckerbergs Reaktion übersetzt seinen verletzten Stolz in einen bösartigen Blog-Beitrag und eine auf die Schnelle hingeklatschte Webseite, auf der die User wählen können, welche von zwei angezeigten Studentinnen besser aussieht. Der Campus von Harvard – zumindest der männliche Teil – ist begeistert, die Seite ein Erfolg, der den Server der Uni in die Knie zwingt.

Gemeinsam mit seinem Mitbewohner Eduardo Saverin (Andrew Garfield, „The Imaginarium of Dr. Parnassus“), der die finanziellen Mittel zur Verfügung stellt, startet er wenig später „thefacebook.com“, eine frühe Version des heutigen Netzwerks, zunächst nur für Harvard-Studenten zugängig. Die Idee ist ein Riesenerfolg, die Erfolgsgeschichte beginnt. Doch „The Social Network“ erzählt diese Geschichte in Rückblenden, in der Gegenwart sitzt Zuckerberg Saverin und zwei weiteren Klägern in einem Meeting gegenüber, in der Anwälte den Ton angeben. Aus den Freunden sind Feinde geworden, es geht um die Frage, wer Facebook erfunden hat – und wem welcher Anteil am Erfolg des Unternehmens zusteht…

Erstaunlich an einer Hollywood-Produktion dieser Kragenweite ist, dass man den Mut hatte, die Geschichte ohne einen echten Helden zu erzählen, einen reinen Sympathieträger. Zuckerberg ist noch am ehesten nah dran, aber der Film räumt nicht alle Zweifel aus, das er zu seiner Idee „inspiriert“ worden ist. Zudem ist er zwar ein offensichtlich genialer Programmierer, aber eben auch immer wieder ein Elefant im emotionalen Porzellanladen des Lebens. Saverin ist ein netter Kerl, aber in den entscheidenden Momenten trifft er falsche Entscheidungen, die zu seiner Trennung von Facebook führen.

Außerdem ist da noch Sean Parker, der legendäre Gründer von Napster, Feindbild der Musikindustrie und in der Story Saverins Gegenspieler. Justin Timberlake spielt ihn als eine Art Mephisto, der Zuckerbergs Ego schmeichelt und das Unternehmen Facebook in ganz neue Sphären führen will. Die Rolle ist für Timberlake wie geschaffen, es ist das erste Mal, dass er als Schauspieler wirklich überzeugen kann. Aber von allen drei Hauptfiguren ist keine frei von Schwächen, und es sind die daraus resultierenden Konflikte, die das Rückrat des Films bilden.

Regisseur David Fincher ist handwerklich einer der besten seiner Zunft, was auch „The Social Network“ zugute kommt. In einer Schlüsselszene, die in einem Nachtclub spielt, lässt er die Bässe mit extremer Lautstärke gegen die Dialoge anwummern, ein Ruderwettkampf wird zum ironischem Kommentar zur Handlung, und das Hin- und Herspringen zwischen Gegenwart und Vergangenheit gelingt wie geschmiert. Ein weiteres ‚Trademark‘ von Fincher, die emotionale Distanz zu den Figuren, ist ebenfalls wiederzuerkennen, ebenso wie der starke Soundtrack. Doch eines ist neu – soviel Humor und klassische One-Liner wie hier gab es noch in keinem Film des Regisseurs.

Zur aktuellen Debatte über Privatsphäre im Internet und Facebooks Rolle darin hat „The Social Network“ nichts zu sagen. Der Film konzentriert sich auf die ersten Jahre des Unternehmens, er erzählt mit mal süffisanten, mal beißenden Witz von der Gründung einer der einflussreichsten Websites überhaupt. Es macht Spaß, sich diese Story anzusehen, auch wenn sie keine neuen Erkenntnisse liefert. Es ist quasi der Kniff des Films, die Dimension der Veränderung heutiger online-Nutzung (Facebook hat mehr Hits als Google) auszublenden und stattdessen eine allzumenschliche Geschichte zu erzählen, in der Macht, Sex und Popularität über (fast) alles gehen. Der Film ist kein besorgtes Statement zum Stand der Dinge sondern reine, sehr gut gemachte Unterhaltung. Das kann man gut finden oder auch enttäuschend, schlecht gemacht ist es ganz sicher nicht.

4/5

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