Filmkritik: The Canyons

The Canyons PosterDrama/Thriller/Erotik, USA 2013

Regie: Paul Schrader; Darsteller: Lindsay Lohan, James Deen, Nolan Gerard Funk

Über „The Canyons“ wurde vor dem Start ein ziemlicher Wirbel gemacht, was gleich mehrere Gründe hat. Etwa dass „Taxi Driver“-Autor und „American Gigolo“-Regisseur Paul Schrader Regie geführt hat. Oder dass Skandal-Autor Bret Easton Ellis („American Psycho“) für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Damit nicht genug spielt mit James Deen noch ein Pornostar eine Hauptrolle, an der Seite der notorischen Skandalnudel Lindsay Lohan. Und schließlich wurde der Film zum Teil über Crowdfunding finanziert und mit einem Mini-Budget von kolportierten $ 250 000 gedreht.

Die Handlung des Films kreist um ein halbes Dutzend junger und attraktiver Menschen, die in Los Angeles leben und irgendwie mit der Filmbranche zu tun haben. Da ist der arrogante Christian (J. Deen), Spross einer wohlhabenden Familie und Produzent von (Horror-)Filmen. Seine Freundin ist die schöne, desillusionierte Tara (Lohan), die sich von ihm (freiwillig?) beim Sex mit fremden Partnern beider Geschlechter filmen lässt.. Zu Beginn des Films sitzen die beiden mit dem Schauspieler Ryan und dessen Freundin Amanda, gleichzeitig Christians Assistentin, im Restaurant. Die merkwürdige Stimmung, die dort am Tisch herrscht, wird bald erklärt – zwei der Figuren haben eine gemeinsame Vergangenheit, von der die jeweiligen Partner nichts wissen.

Wer die Romane von Bret Easton Ellis kennt (oder deren Verfilmungen wie etwa „The Rules of Attraction“) ahnt bereits, dass die handelnden Personen wenig sympathisch daher kommen. Zum Teil in gleißender Sonne gefilmt bewegt sich die Handlung durch viele schicke Ecken von Los Angeles, wobei man „The Canyons“ das niedrige Budget so gut wie nie ansieht. Einige starke Momente erinnern an David Lynchs „Mulholland Drive“, was neben den Bildern auch am ähnlichen (und gelungenen) Soundtrack liegt.

Ich gebe mich gern als Fan von Easton Ellis‘ Werk zu erkennen, das oft von vordergründig oberflächlichen und ziellosen Figuren bestimmt wird, die meist aus hochgradig dysfunktionalen Familien kommen. In seinen besten Romanen schafft Ellis daraus eine Mischung aus zynischem Sittenportrait und fundamentaler Zeitgeist-Kritik. „The Canyons“ trägt eindeutig seine Handschrift, kann aber erzählerisch nicht vollends überzeugen.

Es geht von den Figuren und der für Ellis typischen, absolut materialistischen und unterkühlten Welt, in der sie leben, durchaus eine Faszination aus. Lohan spielt Tara (die als ‚gefallener Engel‘ in Hollywood natürlich nah an der Person von Lindsay Lohan angelegt ist) mit einer Mixtur aus Offenheit (zum Teil auch Nacktheit) und stetig schwelender Rätselhaftigkeit. Deen wiederum, der in den USA Berühmtheit als eine neue Art des Pornostars erlangt hat (jungenhaft und aus gutem Hause), besitzt als Christian eine spürbare Präsenz, erstarrt aber oft in immergleichen Posen – die dabei jedoch zur Rolle passen.

Ellis und Schrader haben ihren Film wiederholt als „post-cineastisch“ bezeichnet, als einen Film nach dem Ende der großen Kino-Ära (schon der Vorspann zeigt viele Ruinen alter Kinos). Damit treffen sie durchaus einen Nerv. Die Stärken von „The Canyons“ (die überzeugende Stimmung, die vielen Anspielungen und Zweideutigkeiten bezogen auf den westlichen Lifestyle) rechtfertigen locker, sich den Film anzusehen. Weil er sich aber konsequent keine Mühe gibt, seine Figuren und deren Handlungen richtig zu erklären und entwickeln, hat man als Zuschauer immer eine große Distanz zum Geschehen. Die mag gewollt sein, löst aber keinen (positiven) Reiz beim Betrachter aus. Für mich dennoch knapp

4/5

 

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