Kurzkritik: Mother!

Mother! FilmplakatDrama/Mystery, 2017

Regie: Darren Aronofsky; Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer

Worum gehts?

Das einsame Leben eines Ehepaars in einem abgelegenen Haus gerät aus den Fugen, als eines Abends ein mysteriöser Fremder an der Tür klingelt. Bald sind mehrere Gäste im Hause, die der Hausherrin äußerst suspekt sind…

Was soll das?

„Mother!“ erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die es dem Publikum nicht leicht macht. Von Anfang an ist klar, dass alles und jeder im Film eine Metapher oder eine Anspielung ist. Zu erraten, was das Ganze eigentlich bedeuten soll, ist dabei die dem Zuschauer zugewiesene Rolle (ein Brudermord sei als Hinweis auf die Stoßrichtung hier genannt).

Taugt das was?

Es geht so. Zwar überzeugen die Darsteller, und auch die Ideen (wenn man sie denn langsam aber sicher erkennt, oder sich hinterher ein bißchen was anliest) sind nicht ohne Reiz. Doch „Mother!“ bleibt insgesamt ein verkopftes Vergnügen, die wirr anmutende Story mit ihren Rätseln und Bildern entfaltet keine hypnotische Sogwirkung, wie man sie etwa aus David Lynchs besten Filmen kennt (oder auch von Aronofskys „The Fountain“). Ein interessantes Experiment, aber keines was richtig Spaß macht.

3/5

Serien-Kritik: Twin Peaks – The Return

Twin Peaks The Return PosterIch war gleichermaßen erfreut wie skeptisch, als ich erfuhr, dass David Lynch eine Fortsetzung von“Twin Peaks“ dreht. Von der Serie, ohne die die heutige ‚goldene Ära‘ der Fernsehserien nicht vorstellbar wäre. Würde Lynch in der Lage sein, die eigene Legende fortzuführen, ohne sich zu wiederholen?

Obwohl „The Return“ nicht ohne Macken ist waren alle Zweifel unbegründet. Die Serie ist – mindestens für Lynch-Fans – das mit Abstand Beste und Spannendste, was in diesem Jahr bisher über die Bildschirme geflimmert ist.

Schon in den ersten Folgen von „Twin Peaks – The Return“ wird deutlich, dass Lynch und Autor Mark Frost definitiv nicht vor haben, die Story im Stile des Originals fortzuführen. Spätestens mit der schon jetzt legendären achten Episode „White Light White Heat“ (eher Experimentalfilm als Serienfolge) ist klar, dass der Publikumserfolg kein wichtiger Faktor für die Macher war.

Das Unterbewusste, Träume, die Entstehung und Ausübung von Gewalt, das Doppelgänger-Motiv, non-lineare Erzählungen, surreale Sequenzen und Effekte – Lynch feuert in „The Return“ aus allen Rohren. Die Story der Serie ist nicht kompliziert im klassischen Sinne, sie entzieht sich (zumindest auf den ersten Blick) jeder klassischen Handlungslogik.

Es ist allein oft nicht auszumachen, welche Handlungsstränge und Personen eigentlich „dazu“ gehören. Da passieren Dinge, die allem Anschein nach zentral für den Plot sind, sich aber später als reine Randerscheinungen entpuppen. Und denen Lynch nicht mal den Versuch einer Erklärung hinterher schickt. Unzählige völlig groteske Dinge passieren einfach so. Man kennt das vom Regisseur, zum ‚Mainstream‘ aber taugt die Serie schon deshalb nicht.

Nun hat man in den letzten Jahren viele gute Serien gesehen, die sich etwas getraut haben, die mit Konventionen gebrochen haben, und ihr Publikum nicht nur unterhalten, sondern fordern wollten. „Twin Peaks – The Return“ geht einen Schritt weiter. Die Show unterläuft ständig die Erwartungen des Publikums, setzt dabei auf visuelle Effekte, die völlig außerhalb jeder etablierten Ästhetik liegen – ohne bemüht ‚hip‘ zu wirken. Sie lässt sich zudem an vielen Stellen als süffisanter bis bissiger Kommentar auf die Form der Unterhaltung verstehen, der sie selbst angehört.

An vielen Stellen könnte die Serie in völlig andere Richtungen gehen als sie es dann tut. Überall an ihren Rändern liegen potentielle Welten und Geschichten. Den einen, vermeintlich „stimmigen“ oder gar „logischen“ Weg, den die (eine) Story gehen muss, gibt es schlicht nicht.

Die vielen ins Leere laufenden Handlungsstränge muss man nicht mögen, aber sie sind definitiv nicht zufällig da. Ihr ’nicht-weitergeführt-werden‘ ist ein wichtiger Teil des Plans, denn Lynch ist an einer linearen Erzählung, bei der am Ende alle Stränge zusammen laufen, nicht interessiert. Die Story von „Twin Peaks“ – so verstehe ich auch das Ende – hat keinen Anfang und kein Ende. Sie steht eher zeitlos im Raum.

(Hier klicken alle, die es genauer wissen und verstehen wollen.)

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lynch den Fans einige echte „Geschenke“ macht (Norma und Eds großer Moment, Dale Coopers „Rückkehr“, das ‚kleine Finale‘ im Büro des Sheriffs, alle Szenen mit Lucy, Andy, Hawk und der Log Lady, um nur einige zu nennen), und er die Geschichte um die dunkle Macht aus der Black Lodge tatsächlich weiterführt (oder zumindest fortsetzt).

Wie fast alle Fans der Serie finde ich es äußerst schade, dass einige der alten Figuren nur als rätselhafte Randerscheinungen auftauchen. Auch dass Agent Cooper über weite Strecken nur als grenzdebile Reinkarnation Dougie Jones in einem unterhaltsamen, aber wenig weiterführenden Subplot zu sehen ist, ging mir mit zunehmender Dauer auf die Nerven (auch wenn Kyle MacLachlan das großartig spielt, und ja zusätzlich als „Evil Cooper“ zu sehen ist).

Nicht zuletzt ist der Ton kühler geworden, denn die ‚Neuzugänge‘ von „The Return“ sind keine liebevoll entworfenen Charaktere wie der Großteil der alten Garde – und auch weit weniger sympathisch.

Und doch bin ich von „Twin Peaks – The Return“ äußerst begeistert. Es gab kaum eine Folge ohne großartigen „WTF?!“-Moment, immer wieder schien wunderbar warmer, leiser Humor durch. Visuell außergewöhnlich und oft unvorhersehbar hat die Serie gezeigt, was wahrhaft kreative Unterhaltung sein kann, wenn man es versteht ihre Kräfte zu entfesseln.

 

 

 

Kurzkritik: Colossal

Filmplakat ColossalDrama/Sci-Fi, USA 2016

Regie: Nacho Vigalondo; Darsteller: Anne Hathaway, Jason Sudeikis, Tim Blake Nelson

Nachdem ihr versnobbter Freund sie aus seinem New Yorker Apartment geworfen hat, macht sich Gloria (A. Hathaway) auf den Weg in die heimische Provinz. Es ist für das dauertrinkende Partygirl Zeit für eine schmerzliche Neubewertung der Gesamtsituation.

Es dauert nicht lange, bis Gloria ein paar alte Schulfreunde wieder trifft und – ausgerechnet – einen Job in einer Bar annimmt. Vom anderen Ende der Welt, aus Südkorea, kommen derweil finstere News. Dort treibt ein Godzilla-ähnliches Riesenmonster sein Unwesen. Der Witz bei der Sache ist, dass zwischen Glorias nächtlichen Sauf-Eskapaden und dem Auftreten des Monsters eine Verbindung besteht…

Man muss, um den Film genießen zu können, Gefallen an der wahrlich ausgefallenen Prämisse des Films finden (über die man definitiv nicht mehr als das oben stehende wissen sollte). Zum Glück macht „Colossal“ einem das sehr leicht, denn trotz des fantastischen Elements funktioniert die Story auch als klassisches Drama.

Nacho Vigalondo, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, hat mit bescheidenen Mitteln, viel Einfallsreichtum und einem beeindruckenden Gespür für die Qualitäten (und Grenzen) seiner Geschichte einen absolut ungewöhnlichen, dabei aber in keiner Weise sperrigen Film geschaffen. Sicherlich der kreativste Monster-Film des Jahres – aber für ein ganz anderes Publikum gemacht.

4/5

 

 

 

Kurzkritik: Get Out

Get Out FilmplakatMystery/Horror, USA 2017

Regie: Jordan Peele; Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford

Das erste Treffen mit den Eltern seiner (weissen) Freundin Rose wird für den jungen (schwarzen) Chris Stück für Stück zum Alptraum. Obwohl er oberflächlich freundlich aufgenommen wird merkt er schnell, dass mit der vermeintlichen Idylle auf dem herrschaftlichen Landsitz etwas nicht so ganz stimmt.

Geschickt gelingt es „Get Out“, satirisch und bitterböse das Thema Rassismus in eine recht klassische Horrorstory zu integrieren. Obwohl der Film aus seiner Stoßrichtung keinen Hehl macht erzeugt er viel Spannung aus der ausführlichen Exposition. Regisseur Jordan Peele hat sichtlich Spass daran, immer wieder neue Merkwürdigkeiten zu präsentieren.

Dank der überzeugenden Darsteller und dem starken Timing der Inszenierung wandelt der Film souverän auf dem schmalen Grat zwischen Satire, Horror und Comedy. Wunderbar unterhaltsam treibt er sein überspitztes Spiel bis zum gelungenen Finale. Dass hier zudem ein unbequemes, kontroverses Thema in einem ungewöhnlichen Format behandelt wird, macht den Erfolg des Films in den USA umso verdienter.

4/5

Kurzkritik: Personal Shopper

Personal Shopper FilmplakatDrama/Mystery/Thriller, FR/DE 2016

Regie: Olivier Assayas; Darsteller: Kristen Stewart, Nora von Waldstätten, Lars Eidinger

„Personal Shopper“ ist mit einem Begriff schwer zu beschreiben. Der Film ist eine Geistergeschichte, ein Drama um Verlust und Tod, aber auch ein minimalistischer Thriller. Und obwohl sich die meisten Passagen eher der einen oder anderen Richtung zuschlagen lassen, ist er das doch insgesamt alles gleichzeitig.

Im Zentrum der Handlung (und in fast jeder Einstellung zu sehen) ist Maureen, eine junge Frau, die ihren vor kurzem ihren Zwillingsbruder Lewis verloren hat. Die beiden Geschwister hatten einen Hang zur Parapsychologie, und ihre Abmachung war, sich im Todesfall Botschaften aus dem Jenseits zu schicken. Maureen ist auf der Suche nach Zeichen ihres Bruders aus dem Jenseits, und tatsächlich häufen sich unerklärliche Erscheinungen.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verdingt sich Maureen in Paris als „Personal Shopper“ einer berühmten Schauspielerin, ist unterwegs in Edelboutiquen und bei Modeschöpfern, besorgt Kleider und Accessoires. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Filmen und Büchern aus dem Bereich des Okkulten.

In gemächlichem Tempo erzählt der Film seine vielschichtige Story, die sich in mehrere Richtungen entwickelt. Die Spannungskurve steigt stetig, oft sind es vordergründig kleinere Ereignisse oder Treffen, die das Geschehen lenken oder doch mindestens dessen Deutung beeinflussen.

Wie oben erwähnt ist „Personal Shopper“ inhaltlich und formell ein Genre-Mix. Dass er so gut funktioniert liegt an der Konzentration auf seine stimmig entwickelte Hauptfigur, an Kristen Stewart, die diese mit natürlich wirkender Glaubwürdigkeit verkörpert und an der gelungenen Kombination der unterschiedlichen Themen und Motive.

Ohne hier zu viel verraten zu wollen kann doch gesagt werden, dass die innere Reise von Maureen mindestens so wichtig für die Handlung ist wie die äußere. Nicht wenige werden mit dem Ende und einigen Szenen auf dem Weg dahin so ihre Schwierigkeiten haben, denn der Film liefert keine ‚einfachen‘ Erklärungen für seine Handlung. Was er liefert ist Suspense auf hohem Niveau – zwischen den Stühlen vieler Genres, dabei stimmig und kurzweilig inszeniert.

4/5

 

Kurzkritik: T2 Trainspotting

T2 Trainspotting FilmplakatDrama/Komödie, UK 2017

Regie: Danny Boyle; Darsteller: Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Robert Carlisle, Ewen Bremner

Die Fortsetzung von Danny Boyles Kultfilm von 1996 kommt irgendwie überraschend. Andererseits hat Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die Story bereits 2002 mit „Porno“ fortgesetzt. Da ich dieses Buch nie gelesen habe kann ich nur vermelden, was ich darüber gelesen habe – die Handlung um Renton, Sick Boy, Spud & Begby wird zehn Jahre nach „Trainspotting“ weitergeführt.

Allerdings ist „T2 Trainspotting“ wie man liest keine Adaption dieser Fortsetzung, sondern basiert nur sehr vage darauf. Die ‚Neuen Helden‘ (na, erinnert sich noch jemand an den beknackten Untertitel des Originals?) sind hier nicht 10, sondern 20 Jahre älter geworden, leben noch (bzw. in Rentons Fall wieder) in Edinburgh und sind recht leicht wiederzuerkennen.

Im Vergleich zum Vorgänger gibt es relativ viel Handlung, was aber ja nur bedeutet, dass überhaupt eine solche erkennbar ist. Diese wiederum gehört nicht zu den Stärken des Films, was aber kein großes Problem darstellt – wegen eines ausgefeilten Plots geht hier sicher kaum jemand ins Kino.

Im Vordergrund steht aber ganz wie im Original das Interesse für die Figuren und alles, was sie den lieben langen Tag lang so tun. Dazu gehören wieder einige absurd zugespitzte Situationen, und auch das erste Wiedersehen (man ging ja damals nicht gerade in Freundschaft auseinander) bringt ordentlich Konfliktpotential mit sich.

Der Soundtrack ist noch ein wenig lauter und wilder geworden (sie haben im Kino International vielleicht auch einfach ungewöhnlich laut aufgedreht), das Tempo ist hoch, auch wenn „T2 Trainspotting“ gegen Ende recht ungehemmt die eigene ‚Vergangenheit“ abfeiert und sogar einige Szenen des Originals zeigt.

Es darf, soll und wird viel gelacht werden, wobei es Boyle und seine gut aufgelegten Darsteller (es sind alle wichtigen wieder dabei) hier insgesamt fast ein bißchen übertreiben, zumal nicht alle Tumulte überzeugen. Der Ton bzw. die Stimmung des Originals war ernster, doch das hatte auch mit dem Zeitgeist und dem erzählerischen Ansatz zu tun. Beides hat sich ganz offensichtlich gewandelt.

Unter dem Strich ist „T2 Trainspotting“ eine würdige und gelungene Fortsetzung, die den Faden auf hohem Niveau weiterspinnt. Ein Wiedersehen, das tatsächlich Freude macht. Ob man darauf euphorisiert gewartet hat, den Film eher wohlwollend und amüsiert zur Kenntnis nimmt, oder – aus Prinzip – als kommerzielle Ausschlachtung komplett ablehnt, muss jeder mit sich selbst ausmachen.

4/5

Kurzkritik: Hacksaw Ridge

Hacksaw Ridge FilmplakatKriegsdrama, USA/Australien 2016

Regie: Mel Gibson; Darsteller: Andrew Garfield, Sam Worthington, Vince Vaughn, Teresa Palmer

Mel Gibson ist als Regisseur nicht eben bekannt für vornehme Kost. Sei es in „Braveheart“, „The Passion of the Christ“ oder „Apocalypto“, es wird meist eine blutige Angelegenheit. Nun hat Gibson einen Kriegsfilm gedreht, und weil hier also ein ‚blutrünstiger‘ Regisseur in einem äußerst blutigen Genre arbeitet, ist „Hacksaw Ridge“ ein in dieser Hinsicht extremer Film geworden.

Der Film erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Desmond Doss (A. Garfield), einem jungen Mann aus ärmlichen Verhältnissen, der in der Schlacht um Okinawa zum überraschenden Helden wird. Aus religiösen Gründen lehnt Doss Gewalt ab – wodurch er im ‚Boot Camp‘ zum Außenseiter wird, der sich von seinen Kameraden viel Spott anhören muss. Als Sanitäter begleitet er seine Einheit in eine der entscheidenden Schlachten des Kriegs im Pafizik.

„Hacksaw Ridge“ nimmt sich viel Zeit für die Entwicklung seiner Hauptfigur. Szenen aus Kindheit und Jugend, der Konflikt mit dem Vater, das Finden seiner großen Liebe, schließlich die freiwillige Meldung zum Militär – als Desmond im Ausbildungslager ankommt, hat das Publikum ihn schon recht gut kennengelernt.

Weil das so, ist funktioniert der Film in der Folge – trotz der vollkommen vorhersehbaren Story – erstaunlich gut. Andrew Garfields große Leistung ist es, seine Figur innerhalb des mit mächtig Pathos aufgeblasenen, in der zweiten Hälfte unfassbar brutalen Spektakels mit großer Glaubwürdigkeit zu spielen. Seine bescheidene Entschlossenheit, mit der er Unglaubliches vollbringt (er rettet auf eigene Faust mehrere Dutzend Kameraden aus einem aufgegebenen Schlachtfeld), wirkt authentisch – aller offensichtlichen Formelhaftigkeit des Geschehens zum Trotz.

Gibson geht es in „Hacksaw Ridge“ nicht um eine differenzierte Darstellung der Schlacht selbst. Die Japaner sind in seinem Film zwar keine Monster, aber reine Statisten, deren Geschichte nicht erzählt wird. Sein wundersames Heldenepos über Desmond Doss feiert dessen christlich motivierte Gewaltlosigkeit, vor allem aber seine mutigen Taten inmitten eines ultrabrutalen Gemetzels – dessen militärische Notwendigkeit nicht in Frage gestellt wird. Als Aufruf zum Gewaltverzicht lässt sich der Film daher nicht verstehen.

Insgesamt ist der Film vor allem für Fans des Regisseurs oder des Genres interessant.

3/5

PS: „Hacksaw Ridge“ wurde für mehrere Oscars nominiert (u.a. „Bester Film, „Beste Regie“ und „Bester Hauptdarsteller“), was von vielen als Beweis gewertet wird, dass das Hollywood-Establishment den in Ungnade gefallenen Mel Gibson wieder gern hat.

 

Kurzkritik: Die Taschendiebin

Die Taschendiebin FilmplakatDrama, Südkorea 2016

Regie: Park Chan-Wook; Darsteller: Kim Min-Hee, Kim Tae-Ri, Ha Jung-Woo

Mit Anleihen und Zitaten von Hitchcocks „Vertigo“ und Kurosawas „Rashomon“, in Verbindung mit der Regisseur Park („Oldboy“, „Thirst“) eigenen Lust an psychologisch etwas abseitigen, brutalen und dabei merkwürdig eleganten Geschichten ist „Die Taschendiebin“ ein mehr als würdiger Start ins Kinojahr 2017.

Der Film handelt von einer Intrige, in der ein südkoreanischer Hochstapler mithilfe einer Kammerdienerin (die „Taschendiebin“ des Titels) ein reiche junge Japanerin heiraten und um ihr Vermögen bringen will. Im Spiel ist dabei auch deren böser Onkel, sowie dessen sonderbare Vorlieben, spielen tut das Ganze in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Die Taschendiebin“ ist in drei großartige Akte unterteilt, wobei es Park gelingt, trotz vieler Wendungen und Kniffe eine psychologisch stimmige Story mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. In wunderbar komponierten Bildern – darunter auch explizite Gewalt- und Sexszenen – entspannt sich ein spannendes, doppelbödiges Spiel um Liebe, Lust und blutige Rache. Getragen von den Charakteren entwickelt sich vom ersten Moment an ein mitreißender Erzählfluss, dessen Faszination in den knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit nie wirklich nachlässt.

5/5

Kurzkritik: Toni Erdmann

Toni Erdmann FilmplakatDrama/Comedy, DE 2016

Regie: Maren Ade; Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller

Ines (Sandra Hüller) ist Unternehmensberaterin in Bukarest, ein totaler Workaholic ohne wirkliches Privatleben. Ihr Vater Winfried (Peter Simonischek) führt daheim in Deutschland das Leben eines verschrobenen Pensionärs mit einem ausgeprägten Faible für falsche Zähne und alberne Scherze. Als Winfrieds Hund stirbt macht er sich auf nach Bukarest, um seine Tochter zu sehen.

Diese Wiederannäherung von Vater und Tochter ist das erzählerische Herz von „Toni Erdmann“. Während Ines ein wichtiges Projekt zu Ende bringen will, mischt sich Winfried zunächst vorsichtig, später dreist und recht grotesk in ihr Leben ein. Er erfindet sich als kauziger „Coach“ namens Toni Erdmann neu, zum Erstaunen, Entsetzen, aber auch zur Erheiterung und Bewunderung seiner Tochter.

Dass die waghalsige Gradwanderung zwischen einer Farce mit fast schon Helge-Schneider-artigen Szenen und echtem emotionalem Drama funktioniert liegt an den großartigen Hauptdarstellern. Egal wie hoch der Fremdschäm-Faktor einzelner Situationen ausfällt (und er ist definitiv beträchtlich), die beiden sind als Figuren immer glaubwürdig. Auch das unsichtbare Band einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung wird, gemeinsam mit einigen geteilten Charakterzügen, langsam offenkundig.   

In den weit über zwei Stunden Laufzeit finden sich viele komödiantische und dramatische Höhepunkte – meist fallen sie gleich zusammen. Nicht selten überrascht „Toni Erdmann“ mit bizarren Momenten, die den Film prägen, ohne ihn komplett zu beherrschen. Hier geht es nicht um Schock-Effekte oder das Ausloten von Grenzen, diese Momente kommen aus dem Innenleben der Charaktere. Vor Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade kann man nur den Hut ziehen, ihr Film ist ungewöhnlich, ideenreich, witzig und ergreifend.

4/5

Kurzkritik: War Dogs

War Dogs FilmplakatDrama, USA 2016

Regie: Todd Phillips; Darsteller: Jonah Hill, Miles Teller, Kevin Pollak

Efraim Diveroli (J. Hill) ist ein ehrgeiziger, eigenwilliger junger Mann von Anfang 20. Eher zufällig entdeckt er anno 2005 eine Website, auf der das US-Militär ihre Ausschreibungen veröffentlicht – und stellt verblüfft fest, dass er bei dem Millionenspiel mit Ausrüstung, Waffen und Munition mitmachen kann.

Bald schließt sich ihm, angetrieben von seiner beruflichen Planlosigkeit und leeren Taschen, sein alter Schulfreund David (M. Teller) an. Die beiden arbeiten sich langsam aber sich zu immer lukrativeren und größeren Deals hoch, wobei sie immer zwielichtigere Kontakte nach Osteuropa knüpfen – wo nach dem Ende des Kalten Kriegs massig Waffen und Munition ‚übrig geblieben‘ sind.

Mit deutlichen Anleihen bei Martin Scoresese (Soundtrack, Off-Kommentar, Kamerafahrten/-einstellungen) inszeniert erzählt „War Dogs“ seine – auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte – mit Witz und Tempo. Die Schauplätze sind zahlreich, denn die beiden Antihelden müssen ihre Waren nicht nur im Ausland inspizieren auch schon mal selbst an Ziel (sprich Irak) bringen

Weniger gelungen sind die Hauptfiguren, die trotz der interessanten Story eher eindimensional daherkommen. Man versteht, was die beiden da machen und auch warum – aber man fiebert nicht mit ihnen mit. Vielleicht liegt das auch am kühlen Blick des Films auf seine recht irrwitzige Story. Die Nebenfiguren sind insgesamt nicht der Rede wert.

So kann man sich hier ein unterhaltsam aufbereitetes und ziemlich kurioses Stück neuerer Geschichte einverleiben, dieses aber mangels herausragender Merkmale auch schnell wieder vergessen.

3/5

Kurzkritik: The Neon Demon

The Neon Demon FilmplakatThriller/Drama, DÄN/FRA/USA 2016

Regie: Nicolas Winding Refn; Darsteller: Elle Fanning, Jenna Malone, Keanu Reeves

In aller Kürze: Zwischen Horrorfilm und Glamour-Groteske erzählte Aschenputtel-Story, die arg schleppend und ziellos daher kommt.

Worum gehts? Eine Teenagerin aus der Provinz taucht ein in die traumhaft-bizarre Modelszene von L.A., deren Vertreter (Agentin, Makeup-Artist, Fotograf, Kolleginnen) sie geradezu besessen in ihre Mitte nehmen.

Die gute Nachricht: Regisseur Refn („Drive“) liefert betörende bis verstörende, dabei oft eindrucksvolle Bilder.

Die schlechte Nachricht: Hinter den virtuos komponierten Bildern und den nicht immer gelungenen Schockmomenten kann man nur ansatzweise eine erzählerische Idee erkennen. „The Neon Demon“ bleibt eine Fingerübung (auf handwerklich hohem Niveau), die den Zuschauer nicht berühren kann oder will…

2/5

Kurzkritik: Criminal

Criminal FilmplakatThriller/Action, USA/UK 2016

Regie: Ariel Vromen; Darsteller: Ryan Reynolds, Kevin Costner, Gal Gadot, Gary Oldman, Tommy Lee Jones

Der deutsche Titel „Das Jericho-Projekt – Im Kopf des Killers“ passt tatsächlich besser zu diesem trashigen Thriller als der minimalistische Originaltitel. Der Plot ist selten bekloppt: CIA-Agent Bill (R. Reynolds) ist in London einem Mega-Bösewicht auf der Spur, der per Hackerangriff die Welt zerstören will (oder zumindest einen Teil davon). Bevor Bill wertvolles Wissen, wie die Katastrophe zu verhindern ist, weitergeben kann, wird er ermordet.

Deshalb werden seine Erinnerungen operativ dem Soziopathen und Gewaltverbrecher Tom Jericho (Kevin Costner) eingepflanzt, der – extra aus den USA eingeflogen – den Karren aus dem Dreck ziehen soll. Natürlich spielt der das Spiel der CIA-Bosse nicht lang mit und macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Batzen Geld, den Bill für irgendeine Art von Übergabe vor seinem Tod versteckt hat.

Vollkommen ‚over the top‘ und (trotz der hochkarätigen Besetzung) zu keiner Zeit ernst zu nehmen ist „Criminal“ ein gutes Beispiel für einen schlechten Film, der trotzdem Spaß machen kann (mir fällt zum Vergleich am ehesten „Face/Off“ ein, wobei der noch einen Tick beknackter ist). Zugegeben, die Erwartungen muss man entsprechend runterschrauben, damit das funktionieren kann. Das Publikum wird von Anfang an dazu animiert mit dem Brutalinski Jericho zu sympathisieren, dessen Verkörperung Kevin Costner sichtlich Spass macht (ohne dass er Jerichos „Wandlung“ wirklich überzeugend spielen könnte, dafür ist die Story aber auch viel zu dämlich).

Es fliegen schnell die Fetzen, das Erzähltempo ist hoch genug, um die vielen Ungereimtheiten des Plots in den Hintergrund zu drängen. „Criminal“ nimmt sich selbst nicht ganz ernst, was der Handlung zwar irgendwie in den Rücken fällt, wegen deren offenkundiger Rammdösigkeit jedoch auch nicht stört. Die Stars holen sich hier weitgehend auf Autopilot ihre Gagen ab, was man ihnen kaum verübeln kann (Tommy Lee Jones und Gary Oldman etwa sind aber auch auf Autopilot noch großartige Schauspieler).

Insgesamt ein Film, den die Welt nicht braucht. Und gleichzeitig einer, der sich zur niveauarmen Berieselung zum Ende eines anstrengenden Arbeitstages ziemlich gut eignet – sofern man eine kleine Schwäche für trashige Thriller mitbringt…

3/5

Filmkritik: The Hateful Eight

The Hateful Eight FilmplakatWestern, USA 2015

Regie: Quentin Tarantino; Darsteller: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins

Die Zeit: Das 19. Jahrhundert. Die Location: die Rocky Mountains im Nordwesten der USA. Hmm, da klingelt doch was? Kurz nach „The Revenant“ kommt dieses eigentlich ungewöhnliche Setting erneut ins Kino (auch wenn die Stories zeitlich locker 50 Jahre auseinander liegen). Es ist offenbar einfach Zufall, aber trotzdem bemerkenswert, dass sich gleich zwei große Regisseure quasi zeitgleich mit dem Wilden (Nord-)Westen beschäftigen. Soviel Eiseskälte in Verbindung mit extremer Brutalität war selten im Kino.

Die Unterschiede zwischen den beiden Filmen überwiegen dann allerdings insgesamt deutlich. Tarantino erzählt in „The Hateful Eight“ von einem Kopfgeldjäger (Russell), der in einer Kutsche eine Gefangene (Leigh) in die Kleinstadt Red Rock bringen will. Auf dem Weg gesellen sich zwei weitere Gestalten dazu, schließlich treibt ein Schneesturm die vier in ‚Minnies Haberdashery‘ – wo sich von da an fast die komplette Handlung abspielt.

Eine Stärke des Films ist, dass man lange rätselt, was Tarantino hier eigentlich im Schilde führt. Der Film nimmt sich viel Zeit die Figuren einzuführen und in langen (wie üblich extrem pointierten) Dialogen die Spannungen zwischen ihnen ans Licht zu bringen. Da ist der schwarze Ex-Major der Nordstaaten (Jackson), ein alter Veteran der Südstaaten (Bruce Dern), ein fadenscheiniger Fremder (Michael Madsen), der örtliche Henker (Tim Roth) und ein Mexikaner, der die ‚Haberdashery‘ in Vertretung für dessen Besitzerin führt. Der achte im Bunde wird gespielt von Walton Goggins, der sich als ’nächster Sheriff von Red Rock‘ vorstellt.

Mit knapp 3 Stunden Spielzeit (in der Kurzversion, die 70mm-Version ist sechs Minuten länger plus 12-minütige Intermisson) ist „The Hateful Eight“ eindeutig einen Tick zu lang geraten. Nicht, dass es am Ende kein großes Finale mit einigen Überraschungen gäbe, welches von dem ausführlichen Setup profitiert. Das gibt es in der Tat – man kann aber ohne Spoiler nicht drüber schreiben. Aber zwischendurch ergeben sich Längen, bei denen die Dialoge – wenn auch nur scheinbar – zum Selbstzweck werden und die Geduld des Publikums etwas überstrapazieren.

Auf einige Dinge ist bei Tarantino immer Verlass, das ist bei seinem neuesten Streich nicht anders. Der Regisseur zementiert seinen Ruf als Casting-Genie, der Soundtrack von Ennio Morricone ist ein Volltreffer. Es gibt explosive Gewalt, die hier nicht nur schwarzhumorig, sondern auch verstörend rüberkommt, und eine Vielzahl von Details und Anspielungen, die sich sicher erst beim x-ten Durchlauf vollständig erschließen lassen. Auch überraschen kann Tarantino sein Publikum, wenngleich hier Anleihen bei seinem eigenen Schaffen zu erkennen sind (vor allem „Reservoir Dogs“).

Ich denke „The Hateful Eight“ wird nicht zu meinen Lieblingsfilmen von Tarantino gehören, wenn ich mir nach dem zweiten oder dritten mal ansehen ein ‚endgültiges‘ Urteil anmaße. Ganz ausschließen will ich es aber auch nicht – denn angesichts der Story-Drehs ergibt sich für einen Zuschauer, der das Finale kennt, ganz sicher ein neuer und interessanter Blick auf die ersten zwei Stunden der Handlung. In ein paar Monaten werde ich das gespannt ausprobieren…

4/5

 

 

 

Kurzkritik: Black Mass

Black Mass FilmplakatGangsterdrama, USA 2015

Regie: Scott Cooper; Darsteller: Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon

In aller Kürze: Solides Gangsterdrama mit starker Besetzung, aber ohne die ganz großen Momente…

Worum gehts? Ein FBI-Agent und der irischstämmige Gangsterboss James ‘Whitey’ Bulger, die sich seit den Kindertagen kennen, gehen eine heikle Kooperation ein. Bald ist fraglich, wer hier eigentlich wem und womit behilflich ist…

Die gute Nachricht: Johnny Depp ist mal wieder als echter Schauspieler tätig, die Inszenierung ist gelungen – ein durchaus überdurchschnittlicher Beitrag zum Genre.

Die schlechte Nachricht: Trotz guter Darsteller springt der sprichwörtliche Funke nicht wirklich über, u. a. weil keine Figur zum Mitfühlen einlädt und es verschiedene Erzähler gibt.

4/5

Kurzkritik: Knock Knock

Knock Knock FilmplakatThriller/Horror, USA 2015

Regie: Eli Roth; Darsteller: Keanu Reeves, Ana de Armas, Lorenza Izzo

In aller Kürze: Psychologisch wenig überzeugendes Psycho-Kammerspiel um Sex & Gewalt.

Worum geht’s? Zwei schöne junge Frauen klingeln bei einem Architekten, dessen Familie einen Wochenend-Ausflug macht. Was als harmloses Treffen beginnt wird bald zum bösen Spiel aus Verführung, Gewalt und Chaos.

Die gute Nachricht: Handwerklich ist an „Knock, Knock“ nicht viel auszusetzen, und die Darsteller sind bemüht.

Die schlechte Nachricht: Nach gutem Beginn wird es in Sachen Story und Charaktere krass unglaubwürdig, was durch die nur mäßig gelungenen Schock- und Überraschungseffekte nicht kompensiert werden kann.

Wer eine maue Variation dieser Filme sehen möchte kann sich das angucken:
“Panic Room”, “Funny Games”, “Straw Dogs”

2/5

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