Großes Kino!

Die besten Filme für den gepflegten Sonntagabend

Posted in Großes Kino! on September 2nd, 2010 by edzehard – Be the first to comment

Es gibt eine da eine Art inoffizielles Genre von Filmen, wie ich finde. Und zwar jene Streifen, die bevorzugt mehrmals pro Jahr um 20:15 Uhr am Sonntagabend bei Pro7 oder RTL laufen – man kennt sie schon, bleibt aber trotzdem gerne noch mal hängen. Es sind nicht gerade die besten Filme aller Zeiten (deshalb sind auch keine Filme aus meinen Top-100 dabei), aber unterhaltsame Evergreens der letzten 20 Jahre, die einfach bestens geeignet sind, einem die Zeit zu vertreiben. Hier meine persönliche Top-10:

1. Enemy of the State
Will Smith gerät in diesem Thriller von Tony Scott in den Besitz eines lupenreinen McGuffins (verlinken), und los geht die heitere Hetzjagd. Trotz ein paar eklantanter Lücken im Plot – und von den Zooms durch die Wolken durch auch mal abgesehen – geht es in “Enemy of the State” Schlag auf Schlag, das Drehbuch macht eine Menge Dinge richtig, die mittelmäßige Thriller falsch machen. Die Story kreist um den um die Ecke guckenden Überwachungsstaat (hätte gut in die George W. Bush-Ära gepasst) , mittendrin Will Smith als Anwalt, der in die Sache hineingerät und bald sein Leben nicht mehr wieder erkennt. Das macht Spaß, findet ein gutes Ende und ist durchgehend gut gespielt. Die Besetzung ist 1 A, neben Smith sind Barry Pepper, Jon Voight, Lisa Bonet, Jack Black und weitere bekannte und gute Leute dabei. Wenn ich so drüber nachdenke habe ich den Film bisher glaube ich NUR an Sonntagabenden gesehen..

2. Ocean’s Eleven
Das Original von 1960 – inklusive der als “Rat Pack” bekannten Besetzung mit Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis, Jr – war einfach zu cool, um nicht neu verfilmt zu werden. Zum Glück nahm sich nicht irgend jemand, sondern Steven Soderbergh dieser Sache an. Mit George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon und einigen weiteren männlichen Stars und der durch ein schmunzelndes “introducing” vorgestellten Julia Roberts und einem guten bis sehr guten Drehbuch ist “Ocean’s Eleven” der Inbegriff gut gemachter Hollywood-Unterhaltung. Der Stoff ist leicht und locker, die Dialoge witzig, die Story irgendwie bekannt aber keineswegs langweilig und schlicht und einfach hervorragend inszeniert. Wegschalten sehr unwahrscheinlich…

3. John-Grisham-Verfilmungen aus den 90ern (Die Firma, Die Akte, Der Klient, Die Jury, Die Kammer, Gingerbread Man, Der Regenmacher)
John Grisham war wohl DER Bestseller-Autor im Thrillergenre der 90er Jahre, und Hollywood hat sich nicht lumpen lassen seine Romane mit großen Stars ins Kino zu bringen. Sandra Bullock, Tom Cruise, Julia Roberts, Denzel Washington, Sam L. Jackson oder Gene Hackman, sie alle haben mal mitgespielt. Sogar Francis Ford Coppola und Robert Altman haben je einen Film gedreht. Man kann oder sollte sie nicht alle so über einen Kamm scheeren, aber Fakt ist, dass ich sie alle schon x-mal gesehen habe – und wohl wieder hängen bleiben würde, wenn ich sie am Sonntagabend erwische. Sie sind weitestgehend flott und spannend inszeniert (Altman und Coppola sind etwas andere Wege gegangen), und haben jeweils eine gute Story parat – Grishams Stories sind zwar nicht IMMER logisch, aber locker stringenter als das, was die meisten Drehbuchschreiber abliefern.

4. Vanilla Sky
Zugegeben, das spanische Original “Abre los Ojos” ist fast noch besser als das Remake. Aber das läuft nun mal nicht Sonntags zur Primetime. Der Film mischt Drama, Romanze, Thriller und Science-Fiction mit einer verschachtelten Erzählweise und mehreren Deutungsmöglichkeiten. Das darf einem zuweilen etwas überkonstruiert erscheinen, nett anzusehen und unterhaltsam ist es aber immer. Penelope Cruz, Tom Cruise, Cameron Diaz und Jason Scott sind eine gute Besetzung für die “menage a quatre”, die im Zentrum der Story steht – und sogar für Kurt Russell ist noch eine gute Rolle dabei. Ich kenne viele Leute, die den Film gar nicht mögen, für mich ist er ein guter Beweis, dass Hollywood noch gutes Starkino machen kann. Auch wenn es dafür Filme aus anderen Ländern recyclen muss…

5. Gefährliche Brandung
Keanu Reeves und Patrick Swayze sind beide nicht wirklcih als Charakterdarsteller bekannt (gewesen). In Kathryn Bigelows “Point Break” aka “Gefährliche Brandung” sind die beiden in ihren vielleicht besten Rollen zu sehen. Reeves als ehrgeiziger FBI-Agent Johnny Utah, Swayze als Surfer/Bankräuber Bodhi, der mit letzter Konsequenz die perfekte Welle sucht. Der Stoff könnte leicht auf B-Movie-Niveau sinken, tatsächlich aber ist Bigelow ein spannender Thriller mit interessanten Subtexten gelungen. Der Kampf des FBI gegen eine anarchische Surfer-Truppe, die in Robin Hood-Manier und mit Masken von US-Präsidenten verkleidet Banken ausräumt macht mächtig Spaß. Reeves überzeugt als überehrgeiziger Schüler zweier Lehrer (Bodhi und Gary Busey als FBI-Haudegen), Swayze ist sympathisch, nachdenklich, albern und böse zugleich. Eine krude Mischung, die einen immer wieder sehenswerten Film ergibt.

6. From Hell
Die Geschichte von Jack the Ripper, basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel, schenkt uns Johnny Depp als Opium-süchtigen Ermittler von Scotland Yard. Die Spur führt bis ins Königshaus, was die Suche jedoch nicht wirklich einfacher macht. Heather Graham spielt Depps ‘Love Interest’, eine schöne Dirne, die der Ripper allen Anzeichen nach bald auf dem Kieker haben wird. Die Stars des Films sind eindeutig die wunderbare Atmossphäre und die großartige Inszenierung durch die Gebrüder Hughes (“The Book of Eli”), wobei Depp und die restliche Besetzung ebenfalls groß aufspielen. Selten bis nie hat mich die Location London in einem Film so überzeugt, und selten bis sehr selten traut sich ein Film ein so schönes Ende zu finden – die Studiobosse werden sich nicht begeistert gewesen sein. Wie schön für uns…

7. Auf der Flucht
Harrison Ford ist Richard Kimble, ein Arzt der zu Unrecht des Mordes an seiner Frau bezichtig wird. Kimble muss nicht nur flüchten, sondern auch noch den echten Möder finden. Dabei ist ihm ein mit allen Wassern gewaschener US-Marshall (gespielt von Tommy Lee Jones) auf den Fersen. Von Anfang an schafft es “Auf der Flucht” seiner rastlosen Hetzjagd genug Glaubwürdigkeit und den Charakteren genügend Tiefe zu verleihen. So wird aus der Flucht nicht ein langweiliges Wegrennen, sondern eine richtig spannende Angelegenheit, die das Publikum fesselt und bestens unterhält. Eine Paraderolle für Harrison Ford, und auch für Tommy Lee Jones als sein Wiedersacher. Eine im Kern sehr simple Idee, die handwerklich und dramaturgisch fehlerlos und sorgfältig einen kurzweiligen, fesselnden Film ergibt, den mal locker alle ein, zwei Jahre noch mal ‘mitnehmen’ kann.

8. Grosse Point Black
Auftragskiller haben es nicht leicht im Leben. Diese Weisheit haben schon viele Kinofilme mitzuteilen gehabt (etwa “The Matador” mit Pierce Brosnan), aber “Grosse Point Blank” geht die Sache am besten an. Killer Martin bekommt einen Auftrag, pikanterweise in jener Kleinstadt in der er groß geworden ist. Und nicht nur das: die “20 Jahre später”-Highschool-Party findet statt. Grund genug, den armen Kerl in eine Midlife-Crisis zu stürzen, eine alte Flamme zu treffen und dabei den Auftrag (fast) aus den Augen zu verlieren. Dan Akroyd spielt Cusacks Widersacher, Minnie Driver die einstige Liebe. Der Film nimmt sich selbst ebenso wenig ernst wie er politisch korrekt ist. Nicht jedermans Sache sicher, so eine muntere Killer-Farce. Aber wer beim ersten mal Spaß hatte dürfte einer sonntäglichen Wiederholung nicht abgeneigt sein.

9. Im Auftrag des Teufels
Und noch ein Film mit Keanu Reeves, hier an der Seite von Al Pacino und Charlize Theron. Die Grenze zum Trash wird zuweilen überschritten, trotzdem hält der Film sein Publikum bestens bei Laune. Reeves spielt einen Anwalt (jung und ehrgeizig, siehe “Gefährliche Brandung”), der vom charismatischen Chef einer großen Kanzlei in einen komplizierten Fall verwickelt wird. Während er den Kontakt zu seiner Frau (Theron) verliert trifft er Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen – bis er doch noch versucht, sich aus dem Katz-und-Maus-Spiel seines Chefs zu befreien. Man könnte “Im Auftrag des Teufels” einen übernatürlichen Thriller nennen, oder auch wahlweise einfach feinste, leicht bekloppte Unterhaltung für den gepflegten Sonntagabend…

10. Das Mercury-Puzzle
Bruce Willis hat eine Menge Filme gemacht, die auf dieser Liste landen könnten. Ich finde aber, dass dieser hier am besten passt, er hat die Qualitäten, die ein Sonntagabend-Film braucht. Die Story ist recht einfach, bietet aber einen Haufen guter Szenen, es gibt genug Action, aber kein stumpfes Testosteron-Gebolze, und das Timing ist bestens. Ein kleiner autistischer Junge entschlüsselt quasi versehentlich einen streng geheimen Code eines US-Geheimdienstes (ich glaube die NSA ist es), zwischen dem Kind und einem Haufen ballernder Regierungs-Schergen steht bald nur noch einer: Bruce Willis! Gut für den Kleinen, schließlich ist Willis für solche Rollen geboren und ist mit Lust bei der Sache. Seine Gegenspieler werden von Alecc Baldwin und Peter Stormare gespielt, was passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Sicher kein großartiger Film (nach welchen Maßstäben auch immer), aber wie gemacht für Beine hoch und einen entspannten ‘Endspurt’ richtig Montagmorgen.

The Ghost Writer (DVD)

Posted in Großes Kino! on August 19th, 2010 by edzehard – 1 Comment

Roman Polanski war zuletzt sehr präsent in den Medien, gerade erst hat die Schweiz das Auslieferungsgesuch der USA endgültig abgelehnt. Der neueste Film des Regisseurs ging angesichts des ewigen Justiz-Hickhacks fast ein wenig unter, obwohl er im Februar auf der Berlinale seine Premiere feierte und nun bereits auf DVD zu haben ist. “The Ghost Writer” erinnert daran, dass Polanski mal als “Hitchcocks Nachfolger” gefeiert wurde. Denn elf Jahre nach dem stimmungsvollen aber inhaltsleeren “Die 9 Pforten” hat er mit dem “Ghost Writer” mal wieder einen Thriller gedreht. Die Story basiert auf Robert Harris’ gleichnamigem Roman.

Die Exposition der Handlung ist folgende: Ein (im Film namenlos bleibender) Schriftsteller (Ewan McGregor) wird engagiert, um die Memoiren des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) fertig zu schreiben. Das Manuskript braucht noch eine professionelle Überarbeitung, die der vorige “Ghost Writer” nicht zu ende bringen konnte – er kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Kaum auf Langs abgelegenen Domizil an der Atlantik-Küste in Cape Cod angekommen verkompliziert sich die Lage. Lang wird beschuldigt, im Anti-Terror-Kampf Folter befohlen zu haben, der Fall macht Schlagzeilen, eine Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof droht.

Lang ist bemüht, weiterhin den “elder statesman” zu spielen, der sich keiner Schuld bewusst ist, aber dieses Bild beginnt zu bröckeln. Seine Frau Ruth (Olivia Williams) lebt scheinbar nur noch neben ihrem Gatten her, der eine innige Beziehung zu seiner persönlichen Assistentin Amelia (Kim Catrall) pflegt. Und der “Ghost Writer” macht ein paar überraschende Entdeckungen bezüglich Langs Studien-Vergangenheit in Cambridge. Wohin die Geschichte führt bleibt relativ lange unklar – der Film stellt politische Verwicklungen neben persönliche, bis die Grenzen langsam verwischen…

Der Ton erinnert wie oben bereits erwähnt eindeutig an Hitchcock, den Meister des modernen Thrillers. Polanski konzentriert sich zunächst ganz auf die Exposition, erzählt ruhig und ohne unnötige Ablenkung. Dabei gewinnt der Film schnell, aber beinahe beiläufig, an Komplexität. Das moderne Haus in Cape Cod spielt ebenso eine heimliche Hauptrolle wie die verlassenen Strände und das schlechte Wetter. Nach etwa einem Drittel der Handlung kommt auch rein physikalisch Schwung in die Sache – große Explosionen oder wilde Verfolgungsjagden sollte man aber besser nicht erwarten.

Um zu erkennen, dass Tony Blair das “Vorbild” für die Figur von Adam Lang war braucht man kein Politik-Diplom. Die Story ist eindeutig in der Realität verankert, funktioniert aber auch wenn man den Parallelen keinen so großen Stellenwert einräumt. Denn in erster Linie ist “The Ghost Writer” kein politisches Statement, sondern gekonntes, spannendes und hervorragend gespieltes Spannungskino. Mal sehen ob Polanski – inzwischen 76 Jahre alt – seine neu gewonnene Freiheit nutzt um seinem Thriller-Portfolio noch einen Film dieses Kalibers hinzuzufügen. Ich hätte nichts dagegen.

4/5

Die 10 besten Agentenfilme (OHNE Bondfilme) der letzten 15 Jahre

Posted in Großes Kino! on August 15th, 2010 by edzehard – Be the first to comment

Wieso genau ich auf die Idee gekommen bin eine Liste mit den 10 besten Agentenfilmen der letzten 15 Jahre zu machen – und dabei auf Bondfilme zu verzichten – weiß ich nicht genau. Vielleicht haben die Jungs von “Inception” mir den Gedanken im Traum eingepflanzt, und jetzt haben wir den Salat. Immerhin, es sind gute Filme darunter, und auch viele die man sich gut ein zweites oder drittes Mal anschauen kann. Ich werde jedenfalls in Bälde noch mal “München” gucken, mal sehen ob mich die Erinnerung trügt oder nicht…

Hier die Liste, wie unschwer zu erkennen in alphabetischer Reihenfolge:

  • The Bourne Ultimatum
    Der bisher letzte Teil der “Bourne”-Reihe bietet alles, was es für einen guten Agententhriller braucht. Eine Menge Ortswechsel, falsche Identitäten, Verrat, Verfolgungsjagden – das ganze Programm. Anders als die meisten Blockbuster dieser Tage kann der Film dabei auf eine gut durchdachte und spannende Story zurückgreifen. Ich bin (anders als Regisseur Paul Greengrass) kein großer Fan des Handkamera-Gewackels, aber bei diesem Film spare ich mir mein Gemecker darüber. Er funktioniert einfach zu gut.
  • Burn After Reading
    Diese Agenten-Farce der Coens nimmt sich selbst nicht allzu ernst – das deutet schon der Titel an. Eine CD mit vermeintlich geheimen und wichtigen Daten fällt zwei etwas unbedarften Menschen in die Hände, mit fatalem Ausgang. CIA. die Russen und andere Gruppierungen werden in die Story verwickelt, ohne dass je einer wirklich wüsste, was eigentlich genau Phase ist. Die Welt der Geheimnisträger wird zur Kulisse einer ebenso lustigen wie verworrenen Geschichte, wie sie nur die Coens so inszenieren können. Ein erfrischend anderer Agentenfilm.
  • The Good German
    Steven Soderberghs “The Good German” ist eine Hommage an “Der Dritte Mann”, Alfred Hitchcock und die alten Noirs aus den 40er Jahren. Er schickt George Clooney als Journalisten Jake Geismer in das Berlin von 1945, der Krieg ist gerade vorbei, die Potsdamer Konferenz in vollem Gange. Jede Seite hat ihre eigene Agenda, Geismer gerät bald zwischen die Fronten – während er nach seiner verflossenen Liebe sucht (Cate Blanchett als Tochter eines Raketenforschers). Konsequent auf alt getrimmt besitzt “The Good German” nicht nur den Look eines alten Schinkens, sondern auch die erzählerische Klasse der besten von ihnen. Nur das Erzähltempo ist ein bisschen flotter als anno dazumal…
  • Mission: Impossible
    Auch in Brian DePalmas “Mission: Impossible” zeigt sich, dass es auf die richtigen Zutaten ankommt. Ein spannendes Szenario, eine geheimnisvolle Liste als MacGuffin, ein paar gute Nebenfiguren und mächtig viel Bewegung. Von Prag über Paris nach Langley und weiter nach London treibt das Geschehen, und auch wenn der Film so seine Macken hat – der Weg ist das Ziel, und die Reise bietet feinste Unterhaltung.
  • München
    Steven Spielbergs “München” basiert auf historischen Tatsachen – zumindest bis zu einer gewissen Grenze. Eine Gruppe von Mossad-Agenten macht sich nach dem Attentat der Olympiade 1972 auf die Suche nach den Hintermännern und reist dafür um die halbe Welt. Die Fronten sind hier – unüblich bei Agentenfilmen – recht schnell geklärt, doch “München” bezieht seine Spannung aus der äußerst realistischen Darstellung und die quasi-dokumentarische Erzählweise. Geschichtliches Vorwissen sollte man allerdings mitbringen, um die Story bewerten zu können.
  • The Quiet American
    Ein Fan des Romans von Graham Greene bin ich ja schon länger. Um so erfreulicher, dass es auch eine gute Verfilmung des Stoffes gibt. Kurz vor Beginn des Vietnam-Kriegs gerät ein erfahrener britischer Reporter in eine Undercover-Operation des US-Geheimdienstes. Das politische Drama vermischt sich dabei immer mehr mit dem persönlichen – es geht natürlich um eine Frau. nicht ganz ein klassischer Agentenfilm, aber einer der sich des Themas aus einer sehr interessanten Perspektive annimmt und dabei sein Publikum doch nicht vergisst.
  • Spartan
    Dieser feine Thriller von David Mamet handelt von der Entführung der Tochter des US-Präsidenten. Doch wer bei dem Stoff einen klassischen Action-Reißer erwartet wird enttäuscht. Mamet entwickelt die Handlung voller Überraschungen, ohne sich um die Konventionen des Genres zu kümmern. Viele Motive des Films sind altbekannt, aber die großartigen Dialoge, die rastlose Inszenierung und die entscheidenden Kniffe sind ganz klar dem Regisseur (und Drehbuchautor) Mamet zuzuschreiben. Sein bisher bester Film, mit einem glänzend spielenden Val Kilmer in der Hauptrolle.
  • Syriana
    Einen scharfen und kritischen Blick auf die Machenschaften des US-Geheimdienstes (und Militärs) im Nahen Osten wagt “Syriana”. Obwohl kein Genre-Film im engeren Sinne (zu viele politische Untertöne) funktioniert er auch als reiner Agententhriller, der sich dazu ausgiebig nicht nur den Geheimdienst-Operationen sondern auch den Auftraggebern im Hintergrund und ihren Motiven widmet. Und ganz nebenbei ist “Syriana” der mit weitem Abstand beste Film der letzten Jahre, der sich (vor Ort) mit dem Thema Irak/Naher Osten auseinander setzt.
  • The Spanish Prisoner
    Ein weiterer Film von David Mamet, der auf dieser Liste nicht fehlen darf. Ein Angestellter eines Großkonzerns fürchtet um den Lohn für die geleistete Forschungsarbeit und bietet sie auf dem “Markt” an. Kaum hat er sich versehen ist das FBI involviert und er in keiner Weise mehr Herr des Geschehens. Wer es nicht mag, von einem Film an der Nase herum geführt zu werden sollte “The Spanish Prisoner” meiden, für alle anderen hat der Film eine Menge Einfälle und Überraschungen zu bieten.
  • The Tailor Of Panama
    Es ist 007 höchstpersönlich (in Gestalt von Pierce Brosnan), der in dieser Agentengeschichte für beste Laune sorgt. Als überambitionierter und zwangsversetzter Spion nötigt er einen ebenso teuren wie verschuldeten Schneider zur Kooperation – sprich zur Spitzelei. Die Geschichte wächst allen Beteiligten bald mächtig über den Kopf, sehr zur Freude des Publikums. Sowohl die Schauspieler (Geoffrey Rush, Jamie Lee Curtis, Brendan Gleeson) als auch die Story können restlos überzeugen, Regie-Altmeister John Boorman hat ganze Arbeit geleistet.

Die Top-100: The Gospel According to Edzehard

Posted in Allgemein, Großes Kino! on August 9th, 2010 by edzehard – 3 Comments

So, es hat dann doch eine Weile gedauert, aber hier sind sie wieder: meine persönlichen 100 Lieblingsfilme. Dieses mal mit Bild und kurzem Text zu jedem Film, auf einer Seite zusammengefasst. Die Liste hat ihren festen Platz auf diesem Blog und wird dauerhaft oben unterm Header und im “Überblick” rechts oben zu finden sein.

Eigentlich würde ich mich nach dem erfolgreichen Zusammenfrickeln der Liste ja gerne zurücklehnen, aber Fakt ist, dass die Liste schon wieder überarbeitet werden müsste. Ich habe jedenfalls länger keine kritische Prüfung mehr vorgenommen, ob nicht ein paar neuere Filme sich einen Platz darin verdient haben. Sollte es Änderungen geben werde ich das kurz berichten.

Inception

Posted in Großes Kino!, Kranker Scheiss on August 4th, 2010 by edzehard – 2 Comments

Von Christopher Nolans neuem Film “Inception” habe ich genau genommen nichts anderes erwartet als dass er diesen Kino-Sommer rettet. Die Trailer und Teaser waren vielversprechend, die Kritiken und Ratings vom allerfeinsten, das Ganze schien fast zu schön um wahr zu sein. Und tatsächlich ist “Inception” ein absolutes Highlight geworden – ein Film, der im Gedächtnis bleibt. Und an den sich die “Oscar”-Academy sicher erinnern wird, wenn es darum geht, das beste Original-Drehbuch des Jahres auszuzeichnen.

Worum es geht lässt sich schwer zusammenfassen (ohne zu viel zu verraten), die Grundzüge der Handlung  sind in etwa diese: ein Team vom Traum-Dieben bekommt den Auftrag, einem Milliarden-Erben einen folgenschweren Gedanken ins Hirn zu pflanzen. Damit das gelingt, müssen sie tief in sein Unterbewusstsein eindringen – sprich in seine Träume. Dass es gar nicht seine Träume sind, sondern speziell für ihn entworfene Traumwelten, die vom Team kontrolliert werden, ist einer der zahlreichen Kniffe des Films.

Leonardo DiCaprio spielt Cobb, den Anführer des Teams, der in den Träumen häufiger seiner verstorbenen Frau Mal (Marion Cotillard) begegnet. Außerdem mit dabei sind Cobbs langjähriger Partner Arthur (Joseph Gordon-Levitt), die neu ins Boot geholte Ariadne (Ellen Page), der begabte Fälscher und Dieb Eames (Tom Hardy), der Chemiker Yusuf (Dileep Rao) und Saito (Ken Watanabe). Michael Caine als Cobbs Mentor und Stiefvater, Cilian Murphy als schwerreicher Erbe und Tom Berenger als dessen Vertrauter komplettieren die All-Star-Besetzung.

Nolan erfindet mit “Inception” das Rad nicht neu, und auch nicht den modernen Action-Thriller. Was er tut ist viele bekannte und einige weniger bekannte Story-Versatzstücke mit beeindruckenden, zum Teil nie da gewesenen Spezial-Effekten zu vermischen, und dabei den Überblick nicht (oder nur selten) zu verlieren. Die Story hat viele Facetten und vereint Elemente aus Filmen wie “Dark City”, “Matrix”, “Eternal Sunshine of the Spotless Mind” oder “Letztes Jahr in Marienbad” (den der Regisseur nach eigener Aussage erst hinterher gesehen hat). Es geht um Träume, ihre Beziehung zur Realität und letztlich darum, woran man die Realität eigentlich genau erkennen kann.

Zu Beginn des Films ist so häufig von Träumen, Extraktion, Traum-Architekten und ähnlichem Fach-Jargon die Rede, dass man sich ein wenig an die unseligen “Matrix”-Sequels erinnert fühlt. Doch wahrscheinlich ist es einfach notwendig, dem Publikum das nicht ganz einfache Handwerk zu erklären, auf dem die Story aufbaut. Die “Inception” des Titels (engl. Anfang oder Gründung) wird ebenso angesprochen wie die verschiedenen Traum-Ebenen und der unterschiedliche Verlauf der Zeit darin. Das Thema ist dabei nicht unbedingt neu, wohl aber die Art und Weise, in der sich der Film diesem annimmt.

Das Spiel mit den diversen Handlungsebenen beherrscht der Film virtuos. Gegen Ende geht es auf vier Traumebenen zur Sache, ein echtes Highlight des Kinojahres. Als Zuschauer ist man beschäftigt, aber nicht überfordert, den Überblick zu behalten, hat dabei genug Zeit die atemberaubenden Bilder auch zu genießen. Zu den visuellen Höhepunkten gehört definitiv ein auf den Kopf gestelltes Paris, ein Hotelflur in Schwerelosigkeit und ein Van im freien Fall. Der Look von “Inception” ist dabei erstaunlich frei von CGI, die meisten Tricks und Effekte sind “altmodisch” gemacht. Was doch am Computer entstanden ist sieht nicht oder nur leicht danach aus – kein Vergleich mit dem lahmen Pixelbrei, der in so vielen Filmen zu sehen ist.

Den Hut ziehen muss man insgesamt sicher als erstes vor Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan. Sowohl die Dramaturgie als auch die Inszenierung sind absolut auf den Punkt gebracht. Action, Drama und sogar ein wenig Humor ergänzen sich prächtig. Wäre Nolan durch die immensen Einnahmen von “The Dark Knight” nicht zum Liebling von Warner Bros. geworden hätte er sein Drehbuch wohl niemals verfilmen können. Das Studio wiederum hat Mut bewiesen, einen derartig verkopften Film mit riesigem Budget (ca. $ 200 Mio.) auf den Mainstream loszulassen – und wird gerade weltweit mit klingelnden Kassen belohnt.

Das starke Schauspieler-Ensemble trägt ebenfalls zum Gelingen bei. Sie bevölkern die realen und surrealen Filmwelten, als hätten sie nie etwas anderes getan, ohne nerviges Over-Acting oder den Hang zur übertriebenen Pose. Die Figur von DiCaprio hat – wie schon zuletzt in “Shutter Island” – am meisten emotionales Gepäck dabei, und auch hier gelingt ihm eine beachtliche Darstellung. Auch wenn “Inception” nicht ohne kleinere Schwächen – nicht jeder Kniff kann überzeugen – ist: einen besseren, aufregenderen Film habe ich dieses Jahr im Kino noch nicht gesehen.

5/5

PS: Dass “Inception” weltweit richtig Kasse macht (es dürften jenseits von 500 Mio. $ werden) ist insgesamt eine gute Sache. Es wird den Fortsetzungswahn nicht stoppen, setzt ihm aber eine deutliche Duftmarke entgegen.

“The United States of Movies” bei Hollywood.com

Posted in Großes Kino!, Laber, Laber... on Juli 5th, 2010 by edzehard – Be the first to comment

Lustige Filmlisten gibt es im Netz ja genug zu finden, dank Hollywood.com gibt es jetzt hier noch eine mehr. Genauer gesagt ist es natürlich gar keine Liste, sondern ein interaktive Landkarte der USA. Und hinter jedem Bundesstaat versteckt sich der – aus Sicht der Hollywood.com-Redakteure – beste Film, der in diesem Staat spielt. Ich habe noch nicht alle 50 durch, aber wenn “Dazed & Confused” für Texas dabei ist kann die Auswahl insgesamt nicht ganz schlecht sein…

The Road (DVD-Import)

Posted in Großes Kino!, KenntKeinMensch, Kranker Scheiss on Mai 14th, 2010 by edzehard – 3 Comments

Nachdem die Coen-Brüder Cormac McCarthys “No Country for Old Men” in Oscar-gekröntes Kino verwandelt haben steht nun mit “The Road” die nächste Verfilmung eines McCarthy-Romans an. Kein leichtes Unterfangen, denn das Buch erzählt eine extrem düstere Geschichte, die von der Stimmung und den Dialogen lebt – aber auch vieles der Fantasie des Lesers überlässt.

Mit John Hillcoat wurde ein fähiger Regisseur gefunden, der mit “The Preposition” gezeigt hat, dass er von rauher Natur und düsteren Geschichten etwas versteht. Und düster ist der Stoff allemal. Ein Vater (Viggo Mortensen) wandert mit seinem Sohn (Kodi-Smit-McPhee) durch eine völlig verwüstete und verbrannte USA. Welche Katastrophe diese ewig graue, lebensfeindliche Umgebung, in der keine Sonne mehr zu sehen ist, verursacht hat, darüber ist im Buch nichts berichtet. Zum Zeitpunkt der Handlung ist sie auch schon mehrere Jahre her.

In kurzen Rückblenden zeigt “The Road”, wo die Mutter (Charlize Theron) der Familie abgeblieben ist. Für den Rest des Films sind die beiden mit sich und ihrer gefährlichen Umwelt alleine. Sie sind unterwegs nach Süden, in der Hoffnung auf eine letzte, warme Bastion der Menschheit. Außer den beiden haben nicht viele überlebt, einige davon sind zu wandernden Kannibalen geworden, vor denen sie ständig auf der Hut sein müssen.

Der emotionale Kern der Story ist die innige Beziehung zwischen Vater und Sohn, die bedingslos aufeinander angewiesen sind. Der Vater auf seinen Sohn als einzigen Grund, am Leben zu bleiben (einen Revolver mit zwei Kugeln trägt er mit sich), der Sohn auf seinen Vater als Versorger und Erzieher in einer trostlosen Wirklichkeit – der einzigen, die der Sohn je kennengelernt hat. Es gelingt dem Film durchaus, diese besondere Beziehung zu vermitteln, und in dem Szenario den richtigen Ton zu treffen. Doch fehlt im Vergleich zum Buch ein wenig von der ergreifenden Charakterisierung. Auch einige der besten Dialoge fehlen leider.

Visuell ist es Hillcoat und seinem Team sehr gut gelungen, die postapokalytische Umgebung zu präsentieren. Keine, oder zumindest nur wenige, CGI-Effekte kommen zum Einsatz, sondern echte Sets von verlassenen, heruntergekommenen Landschaften, in denen unter einer omnipräsenten Ascheschicht keine natürlichen Farben mehr durchscheinen. Auch der Ozean ist nicht mehr blau, er spült nur noch dunkelgraue Wellen an den verlassenen Strand.

“The Road” ist keine leichte Kost, das Szenario ist konsequent zu Ende gedacht und zeigt dabei einige schmerzhaft-finstere Szenen. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt der Film nah an der Vorlage, zum Glück auch, was das großartige Ende angeht. Ob man dem Ganzen etwas abgewinnen kann hängt allerdings von jedem Zuschauer selbst ab. Wer kein Faible für Gleichnis-artiges, poetisch-düsteres Kino hat sollte lieber zuhause bleiben. Da ich das Buch gelesen habe war ich mit der Story bereits vertraut, inwiefern sich ein anderer Eindruck ergibt, wenn man sie zum ersten Mal erlebt ist schwer zu sagen.

4/5

PS: Zwei Anmerkungen noch:

1. Der erste  Trailer des Films erweckt den Eindruck, “The Road” wäre eine Art Actionfilm. Nicht könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die Szenen aus dem Trailer sind zwar im Film, stehen aber in einem völlig anderen Kontext und sind auch nicht mit ähnlichem Sound unterlegt. War wohl der Versuch, mehr Leute ins Kino zu bekommen – ein bescheuerte Idee, denn die Enttäuschung oder gar das Entsetzen des Publikums wäre vorprogrammiert gewesen.

2. In Deutschland kommt der Film mit einem Jahr Verspätung erst diesen Oktober (US-Start November 2010) in die Kinos. Warum das so ist kann ich auch nicht sagen, und der Heini vom Verleih Kinowelt wollte mir auf meine – zugegeben etwas überspitzte – Nachfrage auch keine Antwort geben. Die DVD und BluRay gibts inzwischen beide für 12 Pfund bei Amazon.co.uk zu bestellen.

500 Days of Summer (DVD)

Posted in Großes Kino!, KenntKeinMensch on März 14th, 2010 by edzehard – 1 Comment

Dass “500 Day of Summer” ein besonderer Film sein möchte wird gleich zu Beginn klar. Ein Off-Kommentar (vom Ton her irgendwo zwischen “Amelie” und den “Royal Tenenbaums”) und einige kurze Schnipsel aus dem Leben der Hauptfiguren machen das Publikum mit der Materie vertraut und geben den humorvoll-nachdenklichen Ton vor. Die Story handelt von Tom (Joseph Gordon-Levitt, “Brick”) und Summer (Zooey Deschanel, “Yes Man”), oder genauer gesagt von ihrer 500-tägigen Beziehung.

Der Film blättert in der Zeit hin und her, immer mit einer Einblendung versehen, an welchem Tag sich die Dinge ereignet haben. Das könnte verwirrend sein, macht aber tatsächlich Spaß und hindert auch den Erzählfluß nicht wirklich. Tom ist ein netter, etwas schüchterner Kerl, der sein Geld mit dem Erstellen von allen möglichen Grußkarten verdient. Er verliebt sich sofort in Summer, die neue Assistentin seines Chefs. Das Problem: Summer glaubt nicht an die Liebe, oder wenigstens an beständige Zweisamkeit.

Allerdings mag sie Tom auch sehr gerne, und so beginnen die beiden eine Art Beziehung unter Vorbehalt, ohne sich so recht einig zu sein, wohin der Weg eigentlich gehen kann und soll. Es sind weniger die großen Dramen unserer Zeit, die die beiden auf die Probe stellen, sondern eher die kleinen, unausgesprochenen. eine von Toms und Summers Gemeinsamkeiten ist der Musikgeschmack, und tatsächlich hat der Film auch einen – für Indiefilme beinahe obligatorischen – guten Soundtrack zu bieten.

Weil Tom als Erzähler fungiert dominiert seine Sichtweise der Dinge den Film. Summer bleibt keineswegs eine flache Figur, aber von ihrem Innenleben erfährt man vergleichsweise wenig. “500 Days of Summer” ist ein unabhängig produzierter Film, was auch nicht verwundert. So etwas wie eine romantische Komödie, bei der man weiss, dass es kein Happy End gibt würde bei keinem großen Studio grünes Licht bekommen. Die Geschichte funktioniert trotzdem, nur eben auf einem anderen Level als bei klassischem Rom-Com-Kino.

Die beiden relativ unbekannten Hauptdarsteller sind ein Pluspunkt des Films. Sie spielen unbekümmert auf, passen gut zusammen, und werden von vielen guten Nebendarstellern und -rollen unterstützt. Ins Auge sticht dabei Toms 12-jährige Schwester, die sich mit den Tücken des Beziehungslebens besser auszukennen scheint als er selbst. Was ebenfalls für “500 Days of Summer” spricht sind die vielen kleinen Einfälle, die die Story ergänzen oder ironisch kommentieren. Es gibt unter anderem ein überraschendes Tanz-Ensemble, Tagträumereien bei Ikea, einige Filme im Film und Split Screens.

Die Story des Films erfindet das Rad nicht neu, und einige Wendungen hat man in ähnlicher Form schon häufiger in kleineren und mittelgroßen Filmen gesehen. Auch das muss gesagt werden. Trotzdem ist “500 Days of Summer” sehenswert. Er ist clever, aber nicht abgezockt. Die Geschichte ist ernst zu nehmen, aber sie verliert nie den Humor. Und – ganz wichtig – es gibt kaum eine Szene im Film die langweilig oder zu lang wäre. Eine viel bessere Mischung aus Anspruch und Unterhaltung sollte man in diesem Genre eher so schnell nicht erwarten.

4/5

PS: Laut Variety wir Regisseur Mark Webb den Neustart des “Spiderman”-Franchises inszenieren. Man darf gespannt sein, wie viel ‘Indie-Spirit’ da mit einfließen wird. Auch wenn ich generell skeptisch bin, ob ich mich für die Peter-Parker-Story noch mal erwärmen kann…

Crazy Heart

Posted in Großes Kino! on März 4th, 2010 by edzehard – Be the first to comment

Country-Musik ist eine ur-amerikanische Angelegenheit, die hierzulande eher eine Randerscheinung ist. Für “Crazy Heart” bedeutet das überschaubare Erfolgsaussichten, trotz der Oscar-Nominierung für Jeff Bridges als bester Hauptdarsteller [Update: Bridges hat gewonnen. The Dude abides!]. Bridges spielt die (fiktive) Country-Legende ‘Bad Blake’, die rein äußerlich durchaus dem “Dude” aus “Big Lebowski” ähnelt. Blakes erfolgreiche Tage liegen lange zurück, um sich über Wasser zu halten tingelt er durch Kneipen und Bowlingbahnen in Texas, Arizona und New Mexico.

Mehr schlecht als recht absolviert Blake den Spätherbst seiner Karriere, als ständiger Begleiter ist lediglich eine Buddel Whiskey dabei. Ein wenig Licht tritt in Gestalt von Jean (Maggie Gyllenhaal) in sein Leben. Die junge alleinerziehende Mutter macht ein Interview für die Lokalzeitung von Santa Fe, ist aber zunehmend auch an dem Menschen hinter dem kauzigen Musiker interessiert.

Essentiell ist “Crazy Heart” ein Road-Movie und Musikfilm. Die vielen Live-Auftritte und natürlich auch der Soundtrack sorgen für echtes Country-Feeling, was für europäische Ohren gewöhnungsbedürftig ist[*]. Jeff Bridges scheint die Rolle als charismatischer, aber abgewrackter Musiker mit Stetson-Hut und Gitarre auf den Leib geschrieben, auch sein Gesang kann überzeugen. Mitverantwortlich für einige richtig gute Songs ist T Bone Burnett, der schon den herrlichen Soundtrack von “O Brother Where Art Thou” produzierte. Das Milieu der kleinen (weißen) Leute, das mit der Musik untrennbar verbunden ist portraitiert “Crazy Heart” wohlwollend, aber dennoch realistisch.

Einen Plot im klassischen Sinne hat der Film wohlweisslich nicht im Gepäck. Er konzentriert sich auf seine Hauptfigur, die zwischen kleinen Momenten des Ruhms, vagen Hoffnungen auf zukünftigen Erfolg und ständigem Alkoholnebel hin und her taumelt. Man kann fast ahnen, wohin die Reise von Bad Blake geht, doch der Weg dahin ist trotzdem sehenswert. Blakes früherer Ziehsohn Tommy Sweet (gespielt von Colin Farrell), inzwischen Star der Countryszene, und Maggie Gyllenhaal als Jean sind die einzigen nennenswerten Nebenfiguren.

Ein bisschen erinnert Scott Coopers Regiedebut an Darren Arronofskys “The Wrestler”, in dem ebenfalls ein abgehalfterter ehemaliger Star mit der harschen Gegenwart kämpfen muss. Doch ist die Country Musik kein so gnadenloses Geschäft wie Wrestling, und “Crazy Heart” dementsprechend kein derart schonungsloser Trip in den Abgrund. Bei allen Rückschlägen, die Bad Blake verkraften muss, fängt ihn doch seine Leidenschaft für die Musik immer wieder auf – ein versöhnlicher Gedanke….

4/5

* Wer “Nebraska” und “The Ghost of Tom Joad” vom Boss was abgewinnen kann wird die Musik zu schätzen wissen…

Shutter Island

Posted in Großes Kino!, Kranker Scheiss on Februar 26th, 2010 by admin – 1 Comment

Zwei US-Marshalls werden anno 1954 auf den Plan gerufen als auf “Shutter Island” scheinbar spurlos eine Frau verschwindet. Die einsame kleine Insel vor Boston dient nur einem Zweck – sie beherbergt eine Irrenanstalt für Kriminelle. Eine Flucht von der Insel ist so gut wie unmöglich, um so rätselhafter ist also das Verschwinden der Patientin Rachel. Marshall Teddy Daniels und sein Kollege Chuck Aule beginnen ihre Ermittlungen in dem Fall, und bekommen schnell den Eindruck, dass an der ganzen Sache etwas faul ist…

Schon die Ankunft auf der streng bewachten Insel wirft für Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und Chuck Aule (Mark Ruffalo) Fragen auf. Warum werden sie von den Wärtern und Pflegern so mißtrauisch beäugt? Wieso wundert sich keiner so recht über das unmögliche Verschwinden von Rachel? Welche Rolle spielt Chefarzt Dr. Crawley (Ben Kingsley)? Und was geschieht mit den  Patienten in der abgeschotteten Station C? Die Befragung der Patienten, Ärzte und Pfleger bringt keine Ergebnisse. Daniels wird von zunehmend heftigeren Migräneanfällen geplagt, und er hat wie sich rausstellt eine eigene Agenda, die ihn auf die Insel gebracht hat.

Schon nach wenigen Minuten wird klar, dass “Shutter Island” ein Verwirr- und Versteckspiel ist, bei dem niemandem wirklich zu trauen ist. Rückblenden und Traumsequenzen sorgen für weitere Verstörung, jedem Dialog und jeder Szene haftet etwas Unwirkliches an. Die Inszenierung verstärkt bewusst das Unbehagen des Publikums, immer mehr wird der Film zum alptraumhaften Kammerspiel. Das Drehbuch legt falsche (sowie auch richtige) Fährten und greift generell tief in die Trickkiste. Als wäre die Situation nicht schon zerfahren genug fegt bald noch ein Hurrikan über die Insel, der alle Kommunikation mit dem Festland unmöglich macht und für einen Stromausfall sorgt, der das gesamte Sicherheitssystem der Insel lahm legt…

Regisseur Martin Scorsese philosophiert dabei mit dem cineastischen Hammer. Schon zu Beginn unterlegt er die Ankunft der beiden Marshalls mit mächtig anschwellender Musik mit deutlichen Horrofilm-Anleihen. Visuell gibt er “Shutter Island” einen expressionistischen Noir-Stil, der bestens zu den alten Gemäuern und der ambivalenten Story passt. Die Ausstattung steht dem in nichts nach, das Interieur und auch die Kleidung der Figuren machen die Zeitreise komplett. Für die Geschichte ist das immens wichtig, denn sie ist fest in der Ära von Kommunisten-Hatz und Kriegsparanoia verwurzelt.

Für die Schauspieler ist die Story aufgrund ihres komplexen Spiels mit der Realität eine echte Herausforderung. Wie echt lässt sich falsch spielen, das ist in etwa die Frage dabei. DiCaprios Part ist sicher am schwierigsten, und er meistert die Sache gut. Ben Kingsley kann sich auf seine Ausstrahlung und Präsenz verlassen, Mark Ruffalo ist wie so häufig die vielleicht sympathischste Figur im Film – und so ziemlich die einzige, die auch mal für einen Lacher sorgt.

Weil ich den Roman von Dennis Lehane (auf dem der Film basiert) gelesen habe kann ich schwer beurteilen inwiefern die große Überraschung des Films gelingt. Aufgrund der vielen komplizierten Entwicklungen, der Traumsequenzen und den manchmal seltsam Aktionen und Reaktionen der Figuren wird jedem schnell klar sein, dass da was im Busch ist. Und tatsächlich gibt es im Film viele Hinweise auf die Auflösung – die ich hier aber natürlich nicht verrate. Der Film bleibt der Romanvorlage weitestgehend treu, soviel darf gesagt werden. Die Story kann und muss man definitiv – im Buch wie im Film – als überkonstruiert bezeichnen.

Aber sie ist grandios überkonstruiert und auch als Film hervorragend in Szene gesetzt. Vielleicht sollte man “Shutter Island” als (viel) zu groß geratenes B-Movie betrachten. Regisseur Scorsese ist mit den B-Filmen der 40er und 50er-Jahre aufgewachsen (auf der sehenswerten DVD “A Personal Journey with Martin Scorsese Through American Movies” kann man sich davon überzeugen). Mit “Shutter Island” hat er “Shock Corridor” und anderen Filmen somit ein modernes Denkmal gesetzt. Der Film ist kein tiefgründiges Meisterwerk, er versprüht einfach pure Begeisterung für das Erzählen von Geschichten.

5/5

Up in the Air

Posted in Großes Kino! on Februar 11th, 2010 by edzehard – 2 Comments

Es passiert mir äußerst selten, dass ich mit einer Kritik, die ich schreibe am Ende überhaupt nicht zufrieden bin. “Up in the Air” ist so ein seltener Fall, und meine ursprünglich gestern veröffentlichte Rezension ist gelöscht. Vielleicht findet sie sich noch im Google Cache. [Gerade gecheckt: nein.] Ich werde mir den Film demnächst in Ruhe noch einmal vornehmen, und – mein Lieblingswort – gegebenenfalls nochmal von vorne beginnen…

Solange kann ich den Film trotzdem (fast) uneingeschränkt empfehlen. Darsteller, Story und Inszenierung sind gut, zuweilen gar großartig. Es gibt herrliche Szenen, in denen George Clooney, Vera Fermiga und Anna Kendrick ihre Oscar-Nominierungen rechtfertigen (die Chemie zwischen Clooney und Fermiga ist besonders bemerkenswert – mehr davon in romantischen Komödien, und sie könnten tatsächlich Spaß machen…) Und nur wenige Momente, in denen “Juno”-Regisseur Jason Reitman nicht genau weiss, was er da macht.

Wer also dieser Tage ins Kino gehen möchte, der schaue sich “Up in the Air” an. Über den Inhalt zu schreiben ist schwierig, ohne zuviel zu verraten. Deshalb hier nur soviel: Clooney spielt einen ledigen Geschäftsmann, der quer durch die USA jettet um im Auftrag feiger Firmenbosse höchstpersönlich (und mit Clooney-typischer Coolness) Kündigungen auszusprechen. Er liebt das Reisen und die Heimatlosigkeit und fühlt sich ohne familiäre oder anderweitige Verpflichtungen pudelwohl.

Bis ihn die Bekanntschaft zweier Damen – einer anscheinend seelenverwandten Geschäftsfrau und einer ambitionierten jungen Kollegin -  dazu zwingt, seine Lebensphilosophie einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. “Up in the Air” meidet die meisten Klischees, die man mit der Story verbinden könnte und überzeugt als tragikomische Mischung aus Road-Movie, Satire und Coming-of-Age-Movie, für das die Hauptfigur eigentlich locker 20 Jahre zu alt ist….

4/5

A Serious Man

Posted in Großes Kino! on Januar 21st, 2010 by edzehard – 1 Comment

Die Coen-Brüder drehen bekanntlich alle Arten von Filmen, nur keine langweiligen. Nach ihrem düsteren Oscar-Gewinner “No Country for Old Men” und dem heiter-beknackten “Burn After Reading” kommt dieser Tage mit “A Serious Man” ihr neuestes, erstaunlich ernsthaftes und persönliches Werk in unsere Kinos. Die Story spielt im mittleren Westen der USA Ende der 60er (als die Brüder eben dort lebten und Teenager waren). Im  Mittelpunkt steht der Mathe-Professor Larry (Michael Stuhlbarg), dessen Welt im Laufe des Films immer weiter aus den Fugen gerät…

Seine Frau Judith erklärt dem verdutzten Larry, dass sie die Scheidung will um mit Sy Ableman, einem Freund Larrys aus der Nachbarschaft, zusammen zu sein. Seine Beförderung an der Uni gerät wegen anonymer Schmähbriefe in Gefahr. Sein Hausarzt bittet permanent um Rückruf. Sein älterer, bei ihm gestrandeter Bruder gerät dauernd in Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Ein Student will ihn zwecks einer besseren Note erpressen. Seine Kinder haben ständig was zu meckern. Und ständig ruft im Büro jemand vom ‘Columbia Record Club’ an, von dem Larry noch nie was gehört hat.

Anders als in vielen ihrer Filme arbeiten die Coens hier nicht mit einem bekannten Ensemble von Schauspielern, sondern mit weitestgehend unbekannten Gesichtern. Die vielen neuen Gesichter ergeben in der Summe einen dann schon wieder Coen-typischen Mikrokosmos. Wie eingangs erwähnt ist der Ton relativ ernst, aber keineswegs im Stile eines klassischen Dramas. Ein herrlich lakonischer Humor zieht sich durch den Plot und die Dialoge, übernimmt aber nie völlig das Kommando.

Hauptdarsteller Michael Stuhlbarg spielt Larry als einen netten, wohlwollenden und intelligenten Menschen, dessen gemütliches Leben förmlich implodiert. Der Humor von “A Serious Man” steckt dabei vor allem darin, dass scheinbar niemand (vor allem nicht die Rabbis) ihn zu verstehen scheint. Verzweifelt bemüht sich Larry, seiner Lage Herr zu werden, doch das Schicksal – oder doch Gott? – hat andere Pläne mit ihm. Eine geheimnisvolle Kraft treibt da ihr Spielchen mit ihm, was der Film wunderbar akzentuiert, wenn er Larry vor den monströsen mathematischen Tafel-Schaubildern seiner Vorlesung zeigt.

Von dem Vorspann in einem osteuropäischen ‘Schtetl’ bis zum Ende zieht “A Serious Man” das Publikum in seinen Bann. Vorrausgesetzt, man geht nicht ins Kino und erwartet einen zweiten “Lebowski” von den Coens. Wie fast immer haben sie großartige Figuren erschaffen (mein Favorit ist Witwer und Allesversteher Sy Abelman), denen erstaunliche und witzige Dinge widerfahren. Nach dem “Visitor” und “Dr. Parnassus” ist “A Serious Man” bereits der dritte wirklich sehenswerte Film des Jahres – ich hoffe inständig, dass es so weitergehen möge!

4/5

PS: In diesem Interview mit SpiegelOnline stehen Joel und Ethan Coen Rede und Antwort zu den oft getätigten Vergleichen ihrer Hauptfigur mit dem biblischen Hiob, ihren persönlichen Bezügen zum Film und zu ihren Figuren im Allgemeinen…

Das Kabinett des Dr. Parnassus

Posted in Großes Kino!, Kranker Scheiss on Januar 13th, 2010 by edzehard – Be the first to comment

Regisseur Terry Gilliams ist bekannt für seine überwältigende Fantasie. In seinen Filmen ist das Außergewöhnliche die Normalität, sei es etwa in dem kafkaesquen Science-Fiction-Film “Brazil”, im Drama “König der Fischer”, im Drogentrip “Fear and Loathing in Las Vegas” oder zuletzt in “Tideland”. Sein neuer Film “The Imaginarium of Dr. Parnassus” macht da keine Ausnahme. Auch hier ist die Welt, wie wir sie kennen, nur die halbe Wahrheit, und jenseits von “Dr. Parnassus” magischem Spiegel liegen noch ganz andere Welten.

Der Film spielt im London der Gegenwart, doch die Hauptfiguren scheinen eher aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu stammen. Mit einer mobilen, von Pferden gezogenen Jahrmarktbude zieht der uralte Dr. Parnassus durch die Stadt. Mit dabei sind seine 15-jährige Tochter Valentina (Lily Cole), der junge Anton (Andrew Garfield, “Boy A”) und der Gnom Percy (Verne “Mini Me” Troyer). An allen möglichen dunklen Ecken der Stadt beginnen sie ihre Show in bester Schaustellermanier mit Mummenschanz und Gauklerei.

Der alte Parnassus bekommt bald Besuch von einem alten Bekannten. Der Teufel persönlich gibt sich die Ehre, in Gestalt vom ganz in Schwarz gekleideten Tom Waits. In grauer Vorzeit hat sich der alte Doktor auf eine Wette mit ihm eingelassen, und nun ist die Zeit gekommen, seine Schuld zu begleichen. Doch ein unerwartetes Ereignis verdrängt vorübergehend die betrübte Stimmung. Anton und Valentina retten einem jungen Mann, der an einem Strick unter einer Brücke aufgehangen hat, das Leben.

Dieser Mann ist Tony (Heath Ledger), und hat keinerlei Erinnerung daran, wie er unter die Brücke geraten ist. Bald gehört Tony – trotz einiger Spannungen mit Anton wegen der schönen Valentina – mit zu dem merkwürdigen Trupp anachronistischer Gaukler. Langsam erfahren seinen neuen Kollegen etwas genauer, wer er eigentlich ist und wer er vorher mal war… Die Lage mit dem Teufel spitzt sich bald zu, und Dr. Parnassus läuft die Zeit davon, um das Blatt noch einmal zu wenden.

Weil Hauptdarsteller Heath Ledger im Januar 2008 während der Dreharbeiten verstarb, musste sich Terry Gilliam etwas einfallen lassen, um seinen Film noch fertig drehen zu können. Zum Glück gibt es da ja den magischen Spiegel in eine andere Welt – und in dieser Welt ist alles anders. Und so wird die Figur von Tony hinter dem Spiegel von gleich drei verschiedenen Darstellern gespielt. Als Ledgers/Tonys alter ego geben sich Johnny Depp, Jude Law und Colin Farell die Ehre. Und dieser Trick funktioniert so gut, dass man ihn wohl gar nicht bemerkt hätte, wenn die spektakuläre Neubesetzung nicht mächtig viel Schlagzeilen gemacht hätte.

Die größte Stärke des “Imaginarium of Dr. Parnassus” sind die fantastischen Parallelwelten, in den keine irdischen Gesetze gelten. Die unterschiedlichsten Räume und Welten gehen ineinander über, visuell schwankt der Film zwischen altmodischen Kulissen, monumentalen CGI-Einstellungen und traumartigen, grotesken Verwirrspielen. Die skurillen Charaktere um den ‘tausendjährigen’ Dr. Parnassus und den immer mal wieder mit einer Zigarette vorbei schauenden Teufel sorgen für heiteres Geschehen.

Zuweilen sind auch einige Längen drin, was unter anderem auch der kruden, nicht immer stringenten Handlung geschuldet ist. Letzten Endes jedoch ist Gilliams neuester Streich eine unterhaltsame und faszinierende Reise durch außergewöhnliche Welten. Die immer spürbare Freude am Geschichten erzählen macht diesen merkwürdigen, einzigartigen Film zu einem großen Vergnügen. Und zu einem äußerst gelungenen Start ins neue Kinojahr.

4/5

The Visitor – Ein Sommer in New York

Posted in Großes Kino!, KenntKeinMensch on Januar 11th, 2010 by edzehard – 1 Comment

Großes Kino muss nicht teuer sein, und bekannte Schauspieler sind dafür auch nicht zwingend erforderlich. Thomas McCarthys “The Visitor” führt einem diese Binsenweisheit wunderbar vor Augen. Der Film ist im besten Sinne schnörkellos, was auch auf den Hauptdarsteller Richard Jenkins zutrifft. Jenkins, Jahrgang 1946, ist eigentlich eher auf Nebenrollen abonniert, am ehesten kennt man ihn aus der TV-Serie “Six Feet Under”. In “The Visitor” spielt er den wortkargen Wirtschaftsprofessor Walter Vale.

Walter führt nach dem Tod seiner Frau ein ruhiges, einsames Leben in Connecticut. Offiziell schreibt er an seinem vierten Buch, tatsächlich verbringt er seine Zeit meist mit Rotwein und klassischer Musik. Weil eine Kollegin ausfällt muss Walter auf eine Konferenz nach New York, wo er ein Apartment besitzt, das er seit Jahren nicht genutzt hat. Zur Überraschung des Professors steht die Wohnung aber nicht leer, sondern wird von einem jungen Pärchen bewohnt. Tarek und Zainab, Einwanderer aus Syrien bzw. dem Senegal, staunen nicht schlecht über den unerwarteten Besuch des Besitzers – sie haben die Wohnung von einem “Makler” namens Ivan gemietet und keinen Schimmer, dass sie böse getäuscht wurden.

Nach einem kurzen, klärenden Gespräch ist Walter wieder allein mit sich, entscheidet dann aber schnell, den beiden wenigstens für die Nacht weiter Asyl zu gewähren. Aus einer Nacht wird eine Woche, in der die ungewöhnliche Wohngemeinschaft zu funktionieren scheint. Der sympathische und lebenslustige Tarek verdient mit seiner Dschemba (eine afrikanische Trommel) als Straßen- und Barmusikant seinen Lebensunterhalt. Und ehe er sich versieht ist auch Walter von dem Instrument fasziniert und lässt sich von Tarek zeigen, wie man es spielt. Zunächst hölzern und steif, später mit viel Elan, beginnt der Klassikliebhaber das Trommeln.

Die Handlung nimmt an dieser Stelle eine abrupte Wendung. Tarek wird wegen einer Lappalie festgenommen, als illegalem Einwander droht ihm die Abschiebung. Zainab, selbst illegal im Land, kann ihn nicht besuchen, Walter ist bald seine einzige Verbindung zur Außenwelt. Später erfährt auch Tareks Mutter Mouna in Michigan vom Schicksal ihres Sohnes, und auch sie wohnt bald in Walters Wohnung.

Was klingt wie ein zähes Drama um Einwanderer und Einsamkeit wird in “The Visitor” zu einem herrlich gespielten, geradezu leichtfüßigen Film. Aus dem Einsiedler Walter wird langsam, aber sicher ein Sympathieträger. Richard Jenkins’ zurückgezogenes Spiel vermittelt treffsicher das Innenleben seiner Figur, und die immer glaubwürdige Wandlung, die er durchmacht.

Die ruhige Erzählweise vermeidet spektakuläre Höhepunkte, die den Fluss der Geschichte stören könnten. Wie es in Filmen (zumal aus Hollywood) viel zu selten der Fall ist, entfaltet sich die Handlung scheinbar aus sich selbst heraus, ohne die üblichen Tricks und Kniffe moderner Drehbuchautoren. Die Dialoge vereinen dabei auf wunderbare Weise Humor und Glaubwürdigkeit.

Weil Thomas McCarthy für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet kann man “The Visitor” durchaus als Autorenkino bezeichnen. Ähnlich wie etwa bei den Filmen von Jim Jarmusch (wenn auch inhaltlich nicht vergleichbar) merkt man, dass niemand in Story oder Inszenierung reingeredet hat. Wäre “The Visitor” ein Mainstream-Film geworden, wäre von Anfang bis Ende sicher alles anders, aber nichts besser.

5/5

Top-10 2009

Posted in Großes Kino! on Januar 1st, 2010 by edzehard – Be the first to comment

Hier meine Top 10 für 2009, wie immer in alphabetischer Reihenfolge:

Zu den Top-10 2008