Kurzkritik: Blade Runner 2049

Blade Runner 2049 Filmplakat - Ryan Gosling VersionSci-Fi, 2017

Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Ryan Gosling, Ana de Armas, Robin Wright, Sylvia Hoeks, Jared Leto, Harrison Ford

Worum gehts?

In der Fortsetzung von Ridley Scotts Klassiker von 1982 stösst Blade Runner ‚K‘ (Gosling) auf ein gefährliches Geheimnis mit dem Potential, die postapokalyptische Welt von Menschen und (neu aufgelegten) Androiden anno 2049 kräftig durcheinander zu wirbeln.

Was soll das?

Als Fan des Originals habe ich mir eher keine Fortsetzung gewünscht, doch offenbar waren sowohl das Studio als auch die Kreativen (neben Ridley Scott als Produzent ist mit Hampton Fancher auch einer der Original-Drehbuchautoren wieder dabei) überzeugt davon, dass es hier noch weitergehen soll.

Taugt das was?

Absolut. In Sachen Ästhetik und Bildgewalt lässt „Blade Runner 2049“ nichts zu wünschen übrig. Die Weiterentwicklung des Szenarios ist glaubhaft und aus einem Guss, die Darsteller (inklusive der ‚Rückkehrer‘) überzeugen. Die visuellen Effekte in Kombination mit dem mächtigen Soundtrack sowie den eindrucksvollen Soundeffekten sind allein den Gang ins Kino wert. Die vom Original in den Raum gestellten Fragen nach Natur, Verhältnis sowie Bestimmung von und zwischen Mensch und Maschine verhandelt der Film souverän weiter, ohne diese (nur) zu wiederholen. Regisseur Denis Villeneuve („Sicario„, „Arrival„) erzählt mit einer betonten Langsamkeit, die zum Fallenlassen in die düstere Welt des Film einlädt.

Sonst noch was?

„Blade Runner 2049“ sieht so verdammt cool aus und verneigt sich an so vielen Stellen vor dem Original, dass es schon fast übertrieben wirkt. Doch angesichts der grandiosen Opulenz und dem unglaublich wohltuenden Verzicht auf hektisch geschnittene moderne Blockbuster-Action (Kein einziger Energiestrahl ins Weltall! KEINER!) will man da nicht wirklich meckern. Einziger kleiner Kritikpunkt ist für mich die arg konstruierte Story, die trotzdem gut funktioniert, vielleicht jedoch einen Tick zu sehr nach einer weiteren Fortsetzung verlangt.. Gut möglich auch, dass man bei erneutem Betrachten neue Facetten findet und dieser Kritikpunkt relativiert werden muss.

5/5

Wer sich mit der Story und ihrer Bedeutung genauer auseinandersetzen möchte, dem sei dieser Artikel von Screenrant empfohlen.

Kurzkritik: Magical Mystery (oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt)

Magical Mystery FilmplakatComedy/Drama, 2017

Regie: Arne Feldhusen; Darsteller: Charlie Hübner, Detlev Buck, Annika Meier

Worum gehts?

Ein ehemaliger Künstler (und Insasse einer psychiatrischen Klinik) geht mit seinen alten Kumpels – inzwischen erfolgreiche Techno-DJ’s – Anfang der 90er auf Deutschland-Tournee durch die Clubs von Bremen, München, Hamburg, usw.

Was soll das?

Verfilmung eines Romans von Sven Regener (in dem einige Bekannte aus „Herr Lehmann“ erneut auftauchen), gleichermaßen Road Movie, Komödie und Drama.

Taugt das was?

Unbedingt. Der Film feiert seine wenig heldenhaften Figuren auf mitfühlende Art und ist mit herrlichen Dialogen ein brüllend komisches Porträt einer Ära. Charlie Hübners unkonventionelles Spiel in der Hauptrolle des Karl Schmidt erdet den bunten, temporeichen Film ganz entscheidend.

Sonst noch was?

Ich weiss gar nicht so richtig, welche Figuren des schrillen Ensembles mir am besten gefallen haben – enttäuscht hat definitiv niemand. Der Film wird der Vorlage absolut gerecht.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Wie „Herr Lehmann“, als Road Movie auf Speed/Koks/MDMA, mit viel (aber nicht nur) Techno im Soundtrack…

5/5

Serien-Kritik: Twin Peaks – The Return

Twin Peaks The Return PosterIch war gleichermaßen erfreut wie skeptisch, als ich erfuhr, dass David Lynch eine Fortsetzung von“Twin Peaks“ dreht. Von der Serie, ohne die die heutige ‚goldene Ära‘ der Fernsehserien nicht vorstellbar wäre. Würde Lynch in der Lage sein, die eigene Legende fortzuführen, ohne sich zu wiederholen?

Obwohl „The Return“ nicht ohne Macken ist waren alle Zweifel unbegründet. Die Serie ist – mindestens für Lynch-Fans – das mit Abstand Beste und Spannendste, was in diesem Jahr bisher über die Bildschirme geflimmert ist.

Schon in den ersten Folgen von „Twin Peaks – The Return“ wird deutlich, dass Lynch und Autor Mark Frost definitiv nicht vor haben, die Story im Stile des Originals fortzuführen. Spätestens mit der schon jetzt legendären achten Episode „White Light White Heat“ (eher Experimentalfilm als Serienfolge) ist klar, dass der Publikumserfolg kein wichtiger Faktor für die Macher war.

Das Unterbewusste, Träume, die Entstehung und Ausübung von Gewalt, das Doppelgänger-Motiv, non-lineare Erzählungen, surreale Sequenzen und Effekte – Lynch feuert in „The Return“ aus allen Rohren. Die Story der Serie ist nicht kompliziert im klassischen Sinne, sie entzieht sich (zumindest auf den ersten Blick) jeder klassischen Handlungslogik.

Es ist allein oft nicht auszumachen, welche Handlungsstränge und Personen eigentlich „dazu“ gehören. Da passieren Dinge, die allem Anschein nach zentral für den Plot sind, sich aber später als reine Randerscheinungen entpuppen. Und denen Lynch nicht mal den Versuch einer Erklärung hinterher schickt. Unzählige völlig groteske Dinge passieren einfach so. Man kennt das vom Regisseur, zum ‚Mainstream‘ aber taugt die Serie schon deshalb nicht.

Nun hat man in den letzten Jahren viele gute Serien gesehen, die sich etwas getraut haben, die mit Konventionen gebrochen haben, und ihr Publikum nicht nur unterhalten, sondern fordern wollten. „Twin Peaks – The Return“ geht einen Schritt weiter. Die Show unterläuft ständig die Erwartungen des Publikums, setzt dabei auf visuelle Effekte, die völlig außerhalb jeder etablierten Ästhetik liegen – ohne bemüht ‚hip‘ zu wirken. Sie lässt sich zudem an vielen Stellen als süffisanter bis bissiger Kommentar auf die Form der Unterhaltung verstehen, der sie selbst angehört.

An vielen Stellen könnte die Serie in völlig andere Richtungen gehen als sie es dann tut. Überall an ihren Rändern liegen potentielle Welten und Geschichten. Den einen, vermeintlich „stimmigen“ oder gar „logischen“ Weg, den die (eine) Story gehen muss, gibt es schlicht nicht.

Die vielen ins Leere laufenden Handlungsstränge muss man nicht mögen, aber sie sind definitiv nicht zufällig da. Ihr ’nicht-weitergeführt-werden‘ ist ein wichtiger Teil des Plans, denn Lynch ist an einer linearen Erzählung, bei der am Ende alle Stränge zusammen laufen, nicht interessiert. Die Story von „Twin Peaks“ – so verstehe ich auch das Ende – hat keinen Anfang und kein Ende. Sie steht eher zeitlos im Raum.

(Hier klicken alle, die es genauer wissen und verstehen wollen.)

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Lynch den Fans einige echte „Geschenke“ macht (Norma und Eds großer Moment, Dale Coopers „Rückkehr“, das ‚kleine Finale‘ im Büro des Sheriffs, alle Szenen mit Lucy, Andy, Hawk und der Log Lady, um nur einige zu nennen), und er die Geschichte um die dunkle Macht aus der Black Lodge tatsächlich weiterführt (oder zumindest fortsetzt).

Wie fast alle Fans der Serie finde ich es äußerst schade, dass einige der alten Figuren nur als rätselhafte Randerscheinungen auftauchen. Auch dass Agent Cooper über weite Strecken nur als grenzdebile Reinkarnation Dougie Jones in einem unterhaltsamen, aber wenig weiterführenden Subplot zu sehen ist, ging mir mit zunehmender Dauer auf die Nerven (auch wenn Kyle MacLachlan das großartig spielt, und ja zusätzlich als „Evil Cooper“ zu sehen ist).

Nicht zuletzt ist der Ton kühler geworden, denn die ‚Neuzugänge‘ von „The Return“ sind keine liebevoll entworfenen Charaktere wie der Großteil der alten Garde – und auch weit weniger sympathisch.

Und doch bin ich von „Twin Peaks – The Return“ äußerst begeistert. Es gab kaum eine Folge ohne großartigen „WTF?!“-Moment, immer wieder schien wunderbar warmer, leiser Humor durch. Visuell außergewöhnlich und oft unvorhersehbar hat die Serie gezeigt, was wahrhaft kreative Unterhaltung sein kann, wenn man es versteht ihre Kräfte zu entfesseln.

 

 

 

Kurzkritik: Colossal

Filmplakat ColossalDrama/Sci-Fi, USA 2016

Regie: Nacho Vigalondo; Darsteller: Anne Hathaway, Jason Sudeikis, Tim Blake Nelson

Nachdem ihr versnobbter Freund sie aus seinem New Yorker Apartment geworfen hat, macht sich Gloria (A. Hathaway) auf den Weg in die heimische Provinz. Es ist für das dauertrinkende Partygirl Zeit für eine schmerzliche Neubewertung der Gesamtsituation.

Es dauert nicht lange, bis Gloria ein paar alte Schulfreunde wieder trifft und – ausgerechnet – einen Job in einer Bar annimmt. Vom anderen Ende der Welt, aus Südkorea, kommen derweil finstere News. Dort treibt ein Godzilla-ähnliches Riesenmonster sein Unwesen. Der Witz bei der Sache ist, dass zwischen Glorias nächtlichen Sauf-Eskapaden und dem Auftreten des Monsters eine Verbindung besteht…

Man muss, um den Film genießen zu können, Gefallen an der wahrlich ausgefallenen Prämisse des Films finden (über die man definitiv nicht mehr als das oben stehende wissen sollte). Zum Glück macht „Colossal“ einem das sehr leicht, denn trotz des fantastischen Elements funktioniert die Story auch als klassisches Drama.

Nacho Vigalondo, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, hat mit bescheidenen Mitteln, viel Einfallsreichtum und einem beeindruckenden Gespür für die Qualitäten (und Grenzen) seiner Geschichte einen absolut ungewöhnlichen, dabei aber in keiner Weise sperrigen Film geschaffen. Sicherlich der kreativste Monster-Film des Jahres – aber für ein ganz anderes Publikum gemacht.

4/5

 

 

 

Kurzkritik: John Wick – Chapter 2

Filmplakat: John Wick Chapter 2Action/Thriller, USA/HK/IT/CN 2017

Regie: Chad Stahelski; Darsteller: Keanu Reeves, Common, Ricardo Scarmacio, Ruby Rose, Ian McShane

Selten hat sich eine Fortsetzung so wenig vom Original unterschieden wie „John Wick: Chapter 2“ – und dabei so viel Spaß gemacht.

Das liegt vor allem daran, dass die Reihe in erster Linie von den Schauwerten, der Atmosphäre und ihrem Hauptdarsteller lebt. Story oder Figurenentwicklung sind bestenfalls nebensächlich. Und so geht es in „Chapter 2“ storytechnisch ziemlich genau wieder von vorne los, ohne dass das störend auffallen würde.

John Wick (K. Reeves) holt sich in den ersten Minuten des Films spektakulär sein geliebtes Auto zurück. Seine Rückkehr in die Unterwelt ist beendet, seine Waffen verbuddelt er im Keller, um seine friedliche, trauernde Existenz als Herrchen eines namenlosen Pitbulls weiter zu führen.

Doch dann klingelt der Mafia-Boss Santino D’Antonio an seiner Tür, dem John aus alten Zeiten einen Gefallen schuldet. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, was es mit dem „Gefallen“ auf sich hat. Die Fäden des Geschehens laufen im aus dem ersten Teil bekannten Hotel der besonderen Art zusammen, der Plot ist dabei so simpel wie das Szenario schwachsinnig.

„Chapter 2“ ist mindestens genau so stylish wie der Vorgänger geraten, die ultra-brutalen Prügeleien und Kopfschuss-Orgien sind erneut großartig inszeniert. Keanu Reeves spielt John Wick in mitten dieser vollkommen grotesken Dauer-Action erneut als stoischen, in sich ruhenden Antihelden.

Die ein oder andere neue Idee (kugelsichere Maßanzüge), ein temporärer Wechsel des Schauplatzes (nach Rom) sowie einige gute neue Darsteller (z. B. Lawrence Fishburne) sind alles, was es dann noch braucht, um „John Wick: Chapter 2“ zu einem nahezu perfekten Genrefilm zu machen. Einziges kleines Manko ist die Laufzeit, die mit genau zwei Stunden für meinen Geschmack einen Tick zu großzügig bemessen wurde. Einen dritten Teil wird es sicher auch bald geben, dafür spricht schon das – trotzdem sehr gelungene – Ende dieses zweiten Kapitels…

4/5

Kurzkritik: Get Out

Get Out FilmplakatMystery/Horror, USA 2017

Regie: Jordan Peele; Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford

Das erste Treffen mit den Eltern seiner (weissen) Freundin Rose wird für den jungen (schwarzen) Chris Stück für Stück zum Alptraum. Obwohl er oberflächlich freundlich aufgenommen wird merkt er schnell, dass mit der vermeintlichen Idylle auf dem herrschaftlichen Landsitz etwas nicht so ganz stimmt.

Geschickt gelingt es „Get Out“, satirisch und bitterböse das Thema Rassismus in eine recht klassische Horrorstory zu integrieren. Obwohl der Film aus seiner Stoßrichtung keinen Hehl macht erzeugt er viel Spannung aus der ausführlichen Exposition. Regisseur Jordan Peele hat sichtlich Spass daran, immer wieder neue Merkwürdigkeiten zu präsentieren.

Dank der überzeugenden Darsteller und dem starken Timing der Inszenierung wandelt der Film souverän auf dem schmalen Grat zwischen Satire, Horror und Comedy. Wunderbar unterhaltsam treibt er sein überspitztes Spiel bis zum gelungenen Finale. Dass hier zudem ein unbequemes, kontroverses Thema in einem ungewöhnlichen Format behandelt wird, macht den Erfolg des Films in den USA umso verdienter.

4/5

Kurzkritik: Personal Shopper

Personal Shopper FilmplakatDrama/Mystery/Thriller, FR/DE 2016

Regie: Olivier Assayas; Darsteller: Kristen Stewart, Nora von Waldstätten, Lars Eidinger

„Personal Shopper“ ist mit einem Begriff schwer zu beschreiben. Der Film ist eine Geistergeschichte, ein Drama um Verlust und Tod, aber auch ein minimalistischer Thriller. Und obwohl sich die meisten Passagen eher der einen oder anderen Richtung zuschlagen lassen, ist er das doch insgesamt alles gleichzeitig.

Im Zentrum der Handlung (und in fast jeder Einstellung zu sehen) ist Maureen, eine junge Frau, die ihren vor kurzem ihren Zwillingsbruder Lewis verloren hat. Die beiden Geschwister hatten einen Hang zur Parapsychologie, und ihre Abmachung war, sich im Todesfall Botschaften aus dem Jenseits zu schicken. Maureen ist auf der Suche nach Zeichen ihres Bruders aus dem Jenseits, und tatsächlich häufen sich unerklärliche Erscheinungen.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verdingt sich Maureen in Paris als „Personal Shopper“ einer berühmten Schauspielerin, ist unterwegs in Edelboutiquen und bei Modeschöpfern, besorgt Kleider und Accessoires. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Filmen und Büchern aus dem Bereich des Okkulten.

In gemächlichem Tempo erzählt der Film seine vielschichtige Story, die sich in mehrere Richtungen entwickelt. Die Spannungskurve steigt stetig, oft sind es vordergründig kleinere Ereignisse oder Treffen, die das Geschehen lenken oder doch mindestens dessen Deutung beeinflussen.

Wie oben erwähnt ist „Personal Shopper“ inhaltlich und formell ein Genre-Mix. Dass er so gut funktioniert liegt an der Konzentration auf seine stimmig entwickelte Hauptfigur, an Kristen Stewart, die diese mit natürlich wirkender Glaubwürdigkeit verkörpert und an der gelungenen Kombination der unterschiedlichen Themen und Motive.

Ohne hier zu viel verraten zu wollen kann doch gesagt werden, dass die innere Reise von Maureen mindestens so wichtig für die Handlung ist wie die äußere. Nicht wenige werden mit dem Ende und einigen Szenen auf dem Weg dahin so ihre Schwierigkeiten haben, denn der Film liefert keine ‚einfachen‘ Erklärungen für seine Handlung. Was er liefert ist Suspense auf hohem Niveau – zwischen den Stühlen vieler Genres, dabei stimmig und kurzweilig inszeniert.

4/5

 

Kurzkritik: Silence

Silence FilmplakatDrama, USA/Taiwan/Mexico 2016

Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Der neue Film von Martin Scorsese ist kein leichte Kost. Von den ausladenden 160 Minuten Laufzeit über das Thema (Erlebnisse von christlichen Missionaren im Japan des 17. Jahrhunderts) bis zu einigen schwer verdaulichen Szenen von Leiden und Gewalt – „Silence“ gibt sich keine Mühe, leicht verdaulich zu sein.

Die zwei jungen katholischen Priester Rodrigues (A. Garfield) und Garupe (A. Driver) machen sich von Macao aus auf den Weg nach Japan, wo ihr Mentor angeblich vom Glauben abgefallen ist, was die beiden nicht wahrhaben wollen. In Japan ist das Christentum verboten, Missionaren und Gläubigen drohen grausame Strafen. Der Film ist somit auch eine Geschichtsstunde, den wenigsten Zuschauern (mich eingeschlossen) dürfte dieser Teil der Geschichte – das Ganze fußt weitgehend auf wahren Begebenheiten – ein Begriff gewesen sein…

Wie man es von Scorsese nicht anderes erwartet bietet „Silence“ großartige Bilder, die sich durch den Kontrast zwischen wunderbaren Landschaften (gefilmt wurde nicht in Japan, sondern in Taiwan) und den ausgemergelten Körpern der Hauptdarsteller auszeichnen. Einen klassischen Soundtrack gibt es nicht, eher eine sehr gut passende Geräuschkulisse.

Die Story lässt sich viel Zeit, gerade in der ersten Hälfte des Films, die man sicher etwas hätte straffen können – auch wenn die kontemplative Stimmung (keine Sorge, so arg wie bei “Tree of Life” ist es nicht) natürlich nicht im Zeitraffer erzeugt werden kann.

Die ‚innere Reise‘ von Pater Rodrigues ist das Zentrum der Handlung und wird bestimmt durch Gedanken und Dialoge über die Stärke des Glaubens, persönliche Freiheit und politische Macht. “Silence” ist zwar das Werk eines vom Christentum geprägten Regisseurs (der Priester werden wollte), schafft es aber, die zwei hier aufeinander treffenden, sehr unterschiedlichen Kulturen differenziert zu betrachten.

Im letzten Teil des Films verdichten sich alle Motive in faszinerenden Szenen und Dialogen. Das Ende kann man als „offen“ bezeichnen, zumindest lässt es sich nicht einfach deuten. Doch es trägt definitiv eher zur Faszination des Stoffes bei, als das es einen frustriert zurück lassen würde.

4/5

Kurzkritik: Moonlight

Moonlight FilmplakatDrama, USA 2016

Regie: Barry Jenkins; Darsteller: Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali

Chiron lebt in einem Armenbezirk von Miami, mit seiner drogensüchtigen Mutter (N. Harris) aber, das versteht sich fast von selbst, ohne Vater. Seine Mitschüler hänseln den sensiblen Jungen, der zudem langsam begreift, dass er schwul ist – was seine soziale Stellung in dem schwierigen Milieu ebenso wenig fördert wie sein Selbstwertgefühl. Als der Drogendealer Juan (M. Ali) eine Art Ziehvater für ihn wird, scheinen sich die Dinge zum Guten zu wenden.

In drei Teilen und mit drei verschiedenen Hauptdarstellern (alle im Cover zu sehen, wenn man nur genauer hinsieht…) erzählt „Moonlight“ Chirons Geschichte. Das ‚Coming-of-Age“-Drama besticht durch die starken Darsteller und die lebensechte Inszenierung mit glaubwürdigen Dialogen. Ob das „lebensecht“ ist kann ich natürlich nicht wirklich beurteilen – aber das ist beim Thema „Authentizität in Spielfilmen“ ja immer eher eine Frage des Gefühls.

Durch die Schilderung einer – vorsichtig ausgedrückt – schwierigen Kindheit und Jugend eines Vertreters zweier Minderheiten wird „Moonlight“ zwangsläufig auch zum politischen Statement. Doch er ist deutlich stärker ein ergreifendes Drama um individuelle Figuren, als eine Anklage oder ein Gesellschaftsportrait.

4/5

PS: Die gestern gewonnenen Oscars („Bester Film“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“ und den „Bester Nebendarsteller“) sind sicherlich verdient, wobei es natürlich in allen Kategorien auch andere würdige Preisträger gegeben hätte.

Kurzkritik: T2 Trainspotting

T2 Trainspotting FilmplakatDrama/Komödie, UK 2017

Regie: Danny Boyle; Darsteller: Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Robert Carlisle, Ewen Bremner

Die Fortsetzung von Danny Boyles Kultfilm von 1996 kommt irgendwie überraschend. Andererseits hat Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die Story bereits 2002 mit „Porno“ fortgesetzt. Da ich dieses Buch nie gelesen habe kann ich nur vermelden, was ich darüber gelesen habe – die Handlung um Renton, Sick Boy, Spud & Begby wird zehn Jahre nach „Trainspotting“ weitergeführt.

Allerdings ist „T2 Trainspotting“ wie man liest keine Adaption dieser Fortsetzung, sondern basiert nur sehr vage darauf. Die ‚Neuen Helden‘ (na, erinnert sich noch jemand an den beknackten Untertitel des Originals?) sind hier nicht 10, sondern 20 Jahre älter geworden, leben noch (bzw. in Rentons Fall wieder) in Edinburgh und sind recht leicht wiederzuerkennen.

Im Vergleich zum Vorgänger gibt es relativ viel Handlung, was aber ja nur bedeutet, dass überhaupt eine solche erkennbar ist. Diese wiederum gehört nicht zu den Stärken des Films, was aber kein großes Problem darstellt – wegen eines ausgefeilten Plots geht hier sicher kaum jemand ins Kino.

Im Vordergrund steht aber ganz wie im Original das Interesse für die Figuren und alles, was sie den lieben langen Tag lang so tun. Dazu gehören wieder einige absurd zugespitzte Situationen, und auch das erste Wiedersehen (man ging ja damals nicht gerade in Freundschaft auseinander) bringt ordentlich Konfliktpotential mit sich.

Der Soundtrack ist noch ein wenig lauter und wilder geworden (sie haben im Kino International vielleicht auch einfach ungewöhnlich laut aufgedreht), das Tempo ist hoch, auch wenn „T2 Trainspotting“ gegen Ende recht ungehemmt die eigene ‚Vergangenheit“ abfeiert und sogar einige Szenen des Originals zeigt.

Es darf, soll und wird viel gelacht werden, wobei es Boyle und seine gut aufgelegten Darsteller (es sind alle wichtigen wieder dabei) hier insgesamt fast ein bißchen übertreiben, zumal nicht alle Tumulte überzeugen. Der Ton bzw. die Stimmung des Originals war ernster, doch das hatte auch mit dem Zeitgeist und dem erzählerischen Ansatz zu tun. Beides hat sich ganz offensichtlich gewandelt.

Unter dem Strich ist „T2 Trainspotting“ eine würdige und gelungene Fortsetzung, die den Faden auf hohem Niveau weiterspinnt. Ein Wiedersehen, das tatsächlich Freude macht. Ob man darauf euphorisiert gewartet hat, den Film eher wohlwollend und amüsiert zur Kenntnis nimmt, oder – aus Prinzip – als kommerzielle Ausschlachtung komplett ablehnt, muss jeder mit sich selbst ausmachen.

4/5

Kurzkritik: Manchester by the Sea

Filmplakat - Manchester by the SeaDrama, USA 2016

Regie: Kenneth Lonergan; Darsteller: Casey Affleck, Kyle Chandler, Michelle Williams, Lucas Hedges

Als sein großer Bruder plötzlich verstirbt muss sich Lee (C. Affleck) um seinen Neffen Patrick kümmern. Lee ist sichtlich bemüht, wenn auch nicht begeistert dabei, die neue Rolle als „legal guardian“ für den 16-jährigen anzunehmen. Warum das dem als Hausmeister jobbenden, etwas introvertiert wirkenden Onkel so schwer fällt, erzählt „Manchester by the Sea“ Stück für Stück in Rückblenden. Durch die Szenen aus der Vergangenheit erscheint das Geschehen des Films zunehmend in einem anderen Licht.

„Manchester by the Sea“ ist keineswegs ein langsames oder gar ermüdendes Trauerstück geworden – was wiederum nicht zuletzt an Hauptdarsteller Casey Affleck liegt, der für seine ruhige, intensive Darstellung einer komplexen Figur völlig zurecht für einen Oscar nominiert wurde. Genau wie seine Kollegen Michelle Williams, die seine Ex-Frau spielt, und Newcomer Lucas Hedge als Patrick.

Eine große Stärke des Films liegt darin, dass er nicht so sehr auf tränenreiche Dialoge und Reden seiner Figuren setzt, sondern für deren Innenleben und ihre Kommunikation treffende Bilder und Szenen findet. „Manchester by the Sea“ schafft es sein Publikum emotional tief zu berühren, ohne dabei sentimental zu sein – ein seltenes Kunststück.

4/5

Kurzkritik: Nocturnal Animals

Nocturnal Animals FilmplakatDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Tom Ford; Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon

Die Galeristin Susan (A. Adams) bekommt von ihrem Ex-Mann Edward (J. Gyllenhaal) das Manuskript eines Romans geschickt. Sie vertieft sich in das Buch (in dem Susan und Edward eine tragende Rolle spielen), während sie ein einsames Wochenende in ihrem extrem luxuriösen Anwesen in L.A. verbringt.

Der Film entfaltet seine Story auf drei Ebenen. Neben der oben genannten sind das einige Rückblenden, die Susans und Edwards gemeinsame Vergangenheit beleuchten, sowie die albtraumhafte Handlung des Romans, die als ‚Film im Film‘ große Teile der Spielzeit von „Nocturnal Animals“ einnimmt.

Darin fährt ein Ehepaar mit seiner Tochter durch die nächtliche Einöde von Texas. Bald treffen sie auf dem Highway auf drei aggressive junge Männer – und für die Familie beginnt eine Tour de Force des willkürlichen Schreckens.

„Nocturnal Animals“ hat einige offensichtliche Vorbilder bzw. Inspirationen. Visuell erinnert vieles an die Filme von David Lynch, die Story wiederum macht Anleihen bei „Mindfuck“-Filmen wie etwa „Frailty“ oder „Identity“. Die verschachtelte Erzählweise fordert das Publikum geradezu auf Anspielungen und Verknüpfungen der drei Handlungsebenen zu finden. Weil der Film dazu atmosphärisch dicht und durchweg spannend inszeniert ist fällt es leicht, sich auf die Handlung richtig einzulassen.

Die Darsteller sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, der Vorspann allein ist eine Attraktion (aber Vorsicht – keine leichte Kost!). Natürlich will ich hier wie gewohnt ohne Spoiler auskommen, was nicht so ganz einfach ist. Es darf immerhin gesagt werden, dass „Nocturnal Animals“ erzählerisch ein hohes Niveau erreicht, es am Ende aber sicher nicht allen Zuschauern recht macht. Sicher ist, dass man vorzüglich darüber diskutieren kann, worum es (in) dem Film hier eigentlich geht…

4/5

Filmkritik: Arrival

Arrival FilmplakatSci-Fi/Drama, USA 2016

Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker

Die Ankunft von Aliens auf der Erde mal nicht als patriotisch-pathetisches Schlachtenepos – mir schien „Arrival“ eine interessante Idee zu sein, als ich den Trailer (halb) gesehen habe. Tatsächlich ist es ein spannender Film geworden, der sich bemüht, ein realistisches Szenario zu entfalten. Zumindest, was die Reaktionen der Menschheit auf die Landung von 12 UFOs auf der Erde angeht. Im Bezug auf die Aliens – Aussehen, Absichten, Sprache, etc. – beweisen die Autoren Einfallsreichtum, auch wenn sie es definitiv nicht allen damit recht machen werden.

Nach der Landung der Raumschiffe (aus unbekanntem Material, 300 Meter hoch und geformt wie gigantische konkave Gewürzgurken) organisieren die großen Nationen der Erde eine Telko. Gemeinsam diskutieren sie, was die Unbekannten wollen könnten – und wie man das herausfinden kann, ohne die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Denn natürlich gibt es Stimmen, die nichts lieber täten, als dem ganzen Treiben mit einem gewaltigen Bombenhagel ein jähes Ende zu setzen.

Der befehlshabende General der USA (F. Whitaker) holt sich zwei Wissenschaftler zu Hilfe, die Linguistik-Expertin Louise (A. Adams) und den Physiker Ian (J. Renner). Die beiden dürfen ein Team von Soldaten ins Innere des in Montana gelandeten Raumschiffs begleiten. Dass dort die Gesetze der Schwerkraft nicht zu gelten scheinen, ist eine Überraschung – der Verlauf der Zusammentreffen mit den Aliens die andere, weitaus folgenreichere…

Den weiteren Handlungsverlauf werde ich hier nicht weiter beschreiben, „Arrival“ lebt davon, dass man sich auf das Szenario und seine Überraschungen einlässt. Dabei setzt Regisseur Villeneuve („Prisoners“, „Sicario“) auf einen inneren und einen äußeren Spannungsbogen, die früher oder später zusammen geführt werden. Das „guessing game“ des „Wie?“ und „Warum?“ ist Teil des Plans und beginnt bereits sehr früh.

Zu den Stärken des Films zählt die sorgfältige Entwicklung des Szenarios, welches als erzählerisches Fundament von entscheidender Bedeutung ist. Auch die Hauptdarsteller überzeugen und harmonieren. In beinahe vollkommener Abwesenheit von Actionsequenzen baut „Arrival“ seine Spannung um die Frage auf, wie man mit den unerwarteten Gästen kommunizieren kann.

Die Story ist clever und verdient es, entdeckt zu werden. Ob ihre Logik kritischen (oder gar wissenschaftlichen) Blicken wirklich standhalten kann, wage ich zu bezweifeln. Doch spielt das letztlich auch keine große Rolle, weil es „Arrival“ nicht um das stolze Herausposaunen bisher unbekannter Wahrheiten geht, sondern um eine faszinierende und fantastische Geschichte, die als Film wunderbar funktioniert. Die Art und Weise der Auflösung am Ende hat mir nicht so sehr gefallen, und zuweilen erscheint der Film (bzw. die Attitude seiner Macher) einen Tick zu überzeugt von sich und seinen Tricks. Dennoch werden Sci-Fi-Fans an „Arrival“ sicherlich großen Gefallen finden.

4/5

Kurzkritik: The Edge of Seventeen

Filmplakat - The Edge of SeventeenDrama, USA 2016

Regie: Kelly Fremon Craig; Darsteller: Hailee Steinfeld, Blake Jenner, Kyra Sedgwick, Woody Harrelson

Teenagerin Nadine durchlebt eine turbulente Zeit, in der sie viele Weichen für ihr Leben neu stellen muss. Familie, Freunde, Liebesleben, überall kriselt es gewaltig. Rotzfrech, clever, voller Selbstzweifel und verletzlich navigiert sich Nadine durch ihren Alltag, der immer noch bestimmt wird durch den plötzlichen Tod ihres Vaters einige Jahre zuvor.

Nichts an „The Edge of Seventeen“ ist neu, doch darum geht es dem Film (und auch dem Genre selbst) gar nicht. Glaubwürdigkeit, Witz und überzeugende Figuren sind gefragt, und die liefern Autorin/Regisseurin Kelly Fremon Craig und ihre Darsteller. Der Film verpackt seine Themen und Konflikte in eine schlüssige, witzige Story, und vermeidet Plattitüden (die ein oder andere ist aber wohl unvermeidlich). Erfreulich auch, dass mal eine weibliche Perspektive im Zentrum des Highschool-Geschehens steht.

4/5

Kurzkritik – Hell Or High Water

Filmplakat: Hell or High WaterDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Scott Mackenzie; Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges

Zwei Brüder (C. Pines und B. Foster) begehen eine Reihe von Banküberfällen in texanischen Kleinstädten, bei denen sie jeweils nur das „Kleingeld“ abstauben – nicht die großen Scheine, die die Banken nachverfolgen können. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger (J. Bridges) nimmt sich des Falles an. So unspektakulär lässt sich das grobe Handlungsgerüst von „Hell Or High Water“ beschreiben.

Regisseur Scott Mackenzie („Perfect Sense„) gelingt es, aus dieser einfachen Konstellation einen erstaunlich guten Film zu machen. Die atmosphärisch dichte Inszenierung fesselt das Interesse des Publikums, die pointierten und doch realistischen Dialoge kommen vor allem der Glaubwürdigkeit der (großartig gespielten) Figuren zugute. Die beeindruckenden Bilder und der passende Soundtrack überzeugen ebenso wie die einfache, dabei spannende und in sich schlüssige Story.

Jeff Bridges ist die Rolle als knarziger Ranger quasi auf den Leib geschrieben, er wandelt hier aber nicht im Autopilot durch den Film, sondern hat sich seine erneute Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller redlich verdient. Chris Pine überrascht positiv, schön ihn mal in einem anspruchsvollen und gut geschriebenen Film zu sehen. Ben Foster, zuletzt noch im miesen „Inferno“ in einer Nebenrolle, ist ebenfalls überzeugend.

„Hell Or High Water“ verbindet Elemente von bekannten Filmen wie Eastwoods „Perfect World“ und „No Country For Old Men“, besteht aber als eingeständiges Werk. Es geht hier nur vordergründig um Banküberfälle und Verbrecherjagd – die Taten, Worte und Motive der Figuren bringen eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik mit. Nur wer hier einen Action-Thriller erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden.

4/5

 

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