Kurzkritik: Colossal

Filmplakat ColossalDrama/Sci-Fi, USA 2016

Regie: Nacho Vigalondo; Darsteller: Anne Hathaway, Jason Sudeikis, Tim Blake Nelson

Nachdem ihr versnobbter Freund sie aus seinem New Yorker Apartment geworfen hat, macht sich Gloria (A. Hathaway) auf den Weg in die heimische Provinz. Es ist für das dauertrinkende Partygirl Zeit für eine schmerzliche Neubewertung der Gesamtsituation.

Es dauert nicht lange, bis Gloria ein paar alte Schulfreunde wieder trifft und – ausgerechnet – einen Job in einer Bar annimmt. Vom anderen Ende der Welt, aus Südkorea, kommen derweil finstere News. Dort treibt ein Godzilla-ähnliches Riesenmonster sein Unwesen. Der Witz bei der Sache ist, dass zwischen Glorias nächtlichen Sauf-Eskapaden und dem Auftreten des Monsters eine Verbindung besteht…

Man muss, um den Film genießen zu können, Gefallen an der wahrlich ausgefallenen Prämisse des Films finden (über die man definitiv nicht mehr als das oben stehende wissen sollte). Zum Glück macht „Colossal“ einem das sehr leicht, denn trotz des fantastischen Elements funktioniert die Story auch als klassisches Drama.

Nacho Vigalondo, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, hat mit bescheidenen Mitteln, viel Einfallsreichtum und einem beeindruckenden Gespür für die Qualitäten (und Grenzen) seiner Geschichte einen absolut ungewöhnlichen, dabei aber in keiner Weise sperrigen Film geschaffen. Sicherlich der kreativste Monster-Film des Jahres – aber für ein ganz anderes Publikum gemacht.

4/5

 

 

 

Kurzkritik: John Wick – Chapter 2

Filmplakat: John Wick Chapter 2Action/Thriller, USA/HK/IT/CN 2017

Regie: Chad Stahelski; Darsteller: Keanu Reeves, Common, Ricardo Scarmacio, Ruby Rose, Ian McShane

Selten hat sich eine Fortsetzung so wenig vom Original unterschieden wie „John Wick: Chapter 2“ – und dabei so viel Spaß gemacht.

Das liegt vor allem daran, dass die Reihe in erster Linie von den Schauwerten, der Atmosphäre und ihrem Hauptdarsteller lebt. Story oder Figurenentwicklung sind bestenfalls nebensächlich. Und so geht es in „Chapter 2“ storytechnisch ziemlich genau wieder von vorne los, ohne dass das störend auffallen würde.

John Wick (K. Reeves) holt sich in den ersten Minuten des Films spektakulär sein geliebtes Auto zurück. Seine Rückkehr in die Unterwelt ist beendet, seine Waffen verbuddelt er im Keller, um seine friedliche, trauernde Existenz als Herrchen eines namenlosen Pitbulls weiter zu führen.

Doch dann klingelt der Mafia-Boss Santino D’Antonio an seiner Tür, dem John aus alten Zeiten einen Gefallen schuldet. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, was es mit dem „Gefallen“ auf sich hat. Die Fäden des Geschehens laufen im aus dem ersten Teil bekannten Hotel der besonderen Art zusammen, der Plot ist dabei so simpel wie das Szenario schwachsinnig.

„Chapter 2“ ist mindestens genau so stylish wie der Vorgänger geraten, die ultra-brutalen Prügeleien und Kopfschuss-Orgien sind erneut großartig inszeniert. Keanu Reeves spielt John Wick in mitten dieser vollkommen grotesken Dauer-Action erneut als stoischen, in sich ruhenden Antihelden.

Die ein oder andere neue Idee (kugelsichere Maßanzüge), ein temporärer Wechsel des Schauplatzes (nach Rom) sowie einige gute neue Darsteller (z. B. Lawrence Fishburne) sind alles, was es dann noch braucht, um „John Wick: Chapter 2“ zu einem nahezu perfekten Genrefilm zu machen. Einziges kleines Manko ist die Laufzeit, die mit genau zwei Stunden für meinen Geschmack einen Tick zu großzügig bemessen wurde. Einen dritten Teil wird es sicher auch bald geben, dafür spricht schon das – trotzdem sehr gelungene – Ende dieses zweiten Kapitels…

4/5

Kurzkritik: Get Out

Get Out FilmplakatMystery/Horror, USA 2017

Regie: Jordan Peele; Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford

Das erste Treffen mit den Eltern seiner (weissen) Freundin Rose wird für den jungen (schwarzen) Chris Stück für Stück zum Alptraum. Obwohl er oberflächlich freundlich aufgenommen wird merkt er schnell, dass mit der vermeintlichen Idylle auf dem herrschaftlichen Landsitz etwas nicht so ganz stimmt.

Geschickt gelingt es „Get Out“, satirisch und bitterböse das Thema Rassismus in eine recht klassische Horrorstory zu integrieren. Obwohl der Film aus seiner Stoßrichtung keinen Hehl macht erzeugt er viel Spannung aus der ausführlichen Exposition. Regisseur Jordan Peele hat sichtlich Spass daran, immer wieder neue Merkwürdigkeiten zu präsentieren.

Dank der überzeugenden Darsteller und dem starken Timing der Inszenierung wandelt der Film souverän auf dem schmalen Grat zwischen Satire, Horror und Comedy. Wunderbar unterhaltsam treibt er sein überspitztes Spiel bis zum gelungenen Finale. Dass hier zudem ein unbequemes, kontroverses Thema in einem ungewöhnlichen Format behandelt wird, macht den Erfolg des Films in den USA umso verdienter.

4/5

Kurzkritik: Personal Shopper

Personal Shopper FilmplakatDrama/Mystery/Thriller, FR/DE 2016

Regie: Olivier Assayas; Darsteller: Kristen Stewart, Nora von Waldstätten, Lars Eidinger

„Personal Shopper“ ist mit einem Begriff schwer zu beschreiben. Der Film ist eine Geistergeschichte, ein Drama um Verlust und Tod, aber auch ein minimalistischer Thriller. Und obwohl sich die meisten Passagen eher der einen oder anderen Richtung zuschlagen lassen, ist er das doch insgesamt alles gleichzeitig.

Im Zentrum der Handlung (und in fast jeder Einstellung zu sehen) ist Maureen, eine junge Frau, die ihren vor kurzem ihren Zwillingsbruder Lewis verloren hat. Die beiden Geschwister hatten einen Hang zur Parapsychologie, und ihre Abmachung war, sich im Todesfall Botschaften aus dem Jenseits zu schicken. Maureen ist auf der Suche nach Zeichen ihres Bruders aus dem Jenseits, und tatsächlich häufen sich unerklärliche Erscheinungen.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verdingt sich Maureen in Paris als „Personal Shopper“ einer berühmten Schauspielerin, ist unterwegs in Edelboutiquen und bei Modeschöpfern, besorgt Kleider und Accessoires. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Filmen und Büchern aus dem Bereich des Okkulten.

In gemächlichem Tempo erzählt der Film seine vielschichtige Story, die sich in mehrere Richtungen entwickelt. Die Spannungskurve steigt stetig, oft sind es vordergründig kleinere Ereignisse oder Treffen, die das Geschehen lenken oder doch mindestens dessen Deutung beeinflussen.

Wie oben erwähnt ist „Personal Shopper“ inhaltlich und formell ein Genre-Mix. Dass er so gut funktioniert liegt an der Konzentration auf seine stimmig entwickelte Hauptfigur, an Kristen Stewart, die diese mit natürlich wirkender Glaubwürdigkeit verkörpert und an der gelungenen Kombination der unterschiedlichen Themen und Motive.

Ohne hier zu viel verraten zu wollen kann doch gesagt werden, dass die innere Reise von Maureen mindestens so wichtig für die Handlung ist wie die äußere. Nicht wenige werden mit dem Ende und einigen Szenen auf dem Weg dahin so ihre Schwierigkeiten haben, denn der Film liefert keine ‚einfachen‘ Erklärungen für seine Handlung. Was er liefert ist Suspense auf hohem Niveau – zwischen den Stühlen vieler Genres, dabei stimmig und kurzweilig inszeniert.

4/5

 

Kurzkritik: Silence

Silence FilmplakatDrama, USA/Taiwan/Mexico 2016

Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Der neue Film von Martin Scorsese ist kein leichte Kost. Von den ausladenden 160 Minuten Laufzeit über das Thema (Erlebnisse von christlichen Missionaren im Japan des 17. Jahrhunderts) bis zu einigen schwer verdaulichen Szenen von Leiden und Gewalt – „Silence“ gibt sich keine Mühe, leicht verdaulich zu sein.

Die zwei jungen katholischen Priester Rodrigues (A. Garfield) und Garupe (A. Driver) machen sich von Macao aus auf den Weg nach Japan, wo ihr Mentor angeblich vom Glauben abgefallen ist, was die beiden nicht wahrhaben wollen. In Japan ist das Christentum verboten, Missionaren und Gläubigen drohen grausame Strafen. Der Film ist somit auch eine Geschichtsstunde, den wenigsten Zuschauern (mich eingeschlossen) dürfte dieser Teil der Geschichte – das Ganze fußt weitgehend auf wahren Begebenheiten – ein Begriff gewesen sein…

Wie man es von Scorsese nicht anderes erwartet bietet „Silence“ großartige Bilder, die sich durch den Kontrast zwischen wunderbaren Landschaften (gefilmt wurde nicht in Japan, sondern in Taiwan) und den ausgemergelten Körpern der Hauptdarsteller auszeichnen. Einen klassischen Soundtrack gibt es nicht, eher eine sehr gut passende Geräuschkulisse.

Die Story lässt sich viel Zeit, gerade in der ersten Hälfte des Films, die man sicher etwas hätte straffen können – auch wenn die kontemplative Stimmung (keine Sorge, so arg wie bei “Tree of Life” ist es nicht) natürlich nicht im Zeitraffer erzeugt werden kann.

Die ‚innere Reise‘ von Pater Rodrigues ist das Zentrum der Handlung und wird bestimmt durch Gedanken und Dialoge über die Stärke des Glaubens, persönliche Freiheit und politische Macht. “Silence” ist zwar das Werk eines vom Christentum geprägten Regisseurs (der Priester werden wollte), schafft es aber, die zwei hier aufeinander treffenden, sehr unterschiedlichen Kulturen differenziert zu betrachten.

Im letzten Teil des Films verdichten sich alle Motive in faszinerenden Szenen und Dialogen. Das Ende kann man als „offen“ bezeichnen, zumindest lässt es sich nicht einfach deuten. Doch es trägt definitiv eher zur Faszination des Stoffes bei, als das es einen frustriert zurück lassen würde.

4/5

Kurzkritik: Moonlight

Moonlight FilmplakatDrama, USA 2016

Regie: Barry Jenkins; Darsteller: Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali

Chiron lebt in einem Armenbezirk von Miami, mit seiner drogensüchtigen Mutter (N. Harris) aber, das versteht sich fast von selbst, ohne Vater. Seine Mitschüler hänseln den sensiblen Jungen, der zudem langsam begreift, dass er schwul ist – was seine soziale Stellung in dem schwierigen Milieu ebenso wenig fördert wie sein Selbstwertgefühl. Als der Drogendealer Juan (M. Ali) eine Art Ziehvater für ihn wird, scheinen sich die Dinge zum Guten zu wenden.

In drei Teilen und mit drei verschiedenen Hauptdarstellern (alle im Cover zu sehen, wenn man nur genauer hinsieht…) erzählt „Moonlight“ Chirons Geschichte. Das ‚Coming-of-Age“-Drama besticht durch die starken Darsteller und die lebensechte Inszenierung mit glaubwürdigen Dialogen. Ob das „lebensecht“ ist kann ich natürlich nicht wirklich beurteilen – aber das ist beim Thema „Authentizität in Spielfilmen“ ja immer eher eine Frage des Gefühls.

Durch die Schilderung einer – vorsichtig ausgedrückt – schwierigen Kindheit und Jugend eines Vertreters zweier Minderheiten wird „Moonlight“ zwangsläufig auch zum politischen Statement. Doch er ist deutlich stärker ein ergreifendes Drama um individuelle Figuren, als eine Anklage oder ein Gesellschaftsportrait.

4/5

PS: Die gestern gewonnenen Oscars („Bester Film“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“ und den „Bester Nebendarsteller“) sind sicherlich verdient, wobei es natürlich in allen Kategorien auch andere würdige Preisträger gegeben hätte.

Kurzkritik: T2 Trainspotting

T2 Trainspotting FilmplakatDrama/Komödie, UK 2017

Regie: Danny Boyle; Darsteller: Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Robert Carlisle, Ewen Bremner

Die Fortsetzung von Danny Boyles Kultfilm von 1996 kommt irgendwie überraschend. Andererseits hat Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die Story bereits 2002 mit „Porno“ fortgesetzt. Da ich dieses Buch nie gelesen habe kann ich nur vermelden, was ich darüber gelesen habe – die Handlung um Renton, Sick Boy, Spud & Begby wird zehn Jahre nach „Trainspotting“ weitergeführt.

Allerdings ist „T2 Trainspotting“ wie man liest keine Adaption dieser Fortsetzung, sondern basiert nur sehr vage darauf. Die ‚Neuen Helden‘ (na, erinnert sich noch jemand an den beknackten Untertitel des Originals?) sind hier nicht 10, sondern 20 Jahre älter geworden, leben noch (bzw. in Rentons Fall wieder) in Edinburgh und sind recht leicht wiederzuerkennen.

Im Vergleich zum Vorgänger gibt es relativ viel Handlung, was aber ja nur bedeutet, dass überhaupt eine solche erkennbar ist. Diese wiederum gehört nicht zu den Stärken des Films, was aber kein großes Problem darstellt – wegen eines ausgefeilten Plots geht hier sicher kaum jemand ins Kino.

Im Vordergrund steht aber ganz wie im Original das Interesse für die Figuren und alles, was sie den lieben langen Tag lang so tun. Dazu gehören wieder einige absurd zugespitzte Situationen, und auch das erste Wiedersehen (man ging ja damals nicht gerade in Freundschaft auseinander) bringt ordentlich Konfliktpotential mit sich.

Der Soundtrack ist noch ein wenig lauter und wilder geworden (sie haben im Kino International vielleicht auch einfach ungewöhnlich laut aufgedreht), das Tempo ist hoch, auch wenn „T2 Trainspotting“ gegen Ende recht ungehemmt die eigene ‚Vergangenheit“ abfeiert und sogar einige Szenen des Originals zeigt.

Es darf, soll und wird viel gelacht werden, wobei es Boyle und seine gut aufgelegten Darsteller (es sind alle wichtigen wieder dabei) hier insgesamt fast ein bißchen übertreiben, zumal nicht alle Tumulte überzeugen. Der Ton bzw. die Stimmung des Originals war ernster, doch das hatte auch mit dem Zeitgeist und dem erzählerischen Ansatz zu tun. Beides hat sich ganz offensichtlich gewandelt.

Unter dem Strich ist „T2 Trainspotting“ eine würdige und gelungene Fortsetzung, die den Faden auf hohem Niveau weiterspinnt. Ein Wiedersehen, das tatsächlich Freude macht. Ob man darauf euphorisiert gewartet hat, den Film eher wohlwollend und amüsiert zur Kenntnis nimmt, oder – aus Prinzip – als kommerzielle Ausschlachtung komplett ablehnt, muss jeder mit sich selbst ausmachen.

4/5

Kurzkritik: Manchester by the Sea

Filmplakat - Manchester by the SeaDrama, USA 2016

Regie: Kenneth Lonergan; Darsteller: Casey Affleck, Kyle Chandler, Michelle Williams, Lucas Hedges

Als sein großer Bruder plötzlich verstirbt muss sich Lee (C. Affleck) um seinen Neffen Patrick kümmern. Lee ist sichtlich bemüht, wenn auch nicht begeistert dabei, die neue Rolle als „legal guardian“ für den 16-jährigen anzunehmen. Warum das dem als Hausmeister jobbenden, etwas introvertiert wirkenden Onkel so schwer fällt, erzählt „Manchester by the Sea“ Stück für Stück in Rückblenden. Durch die Szenen aus der Vergangenheit erscheint das Geschehen des Films zunehmend in einem anderen Licht.

„Manchester by the Sea“ ist keineswegs ein langsames oder gar ermüdendes Trauerstück geworden – was wiederum nicht zuletzt an Hauptdarsteller Casey Affleck liegt, der für seine ruhige, intensive Darstellung einer komplexen Figur völlig zurecht für einen Oscar nominiert wurde. Genau wie seine Kollegen Michelle Williams, die seine Ex-Frau spielt, und Newcomer Lucas Hedge als Patrick.

Eine große Stärke des Films liegt darin, dass er nicht so sehr auf tränenreiche Dialoge und Reden seiner Figuren setzt, sondern für deren Innenleben und ihre Kommunikation treffende Bilder und Szenen findet. „Manchester by the Sea“ schafft es sein Publikum emotional tief zu berühren, ohne dabei sentimental zu sein – ein seltenes Kunststück.

4/5

Kurzkritik: Nocturnal Animals

Nocturnal Animals FilmplakatDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Tom Ford; Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon

Die Galeristin Susan (A. Adams) bekommt von ihrem Ex-Mann Edward (J. Gyllenhaal) das Manuskript eines Romans geschickt. Sie vertieft sich in das Buch (in dem Susan und Edward eine tragende Rolle spielen), während sie ein einsames Wochenende in ihrem extrem luxuriösen Anwesen in L.A. verbringt.

Der Film entfaltet seine Story auf drei Ebenen. Neben der oben genannten sind das einige Rückblenden, die Susans und Edwards gemeinsame Vergangenheit beleuchten, sowie die albtraumhafte Handlung des Romans, die als ‚Film im Film‘ große Teile der Spielzeit von „Nocturnal Animals“ einnimmt.

Darin fährt ein Ehepaar mit seiner Tochter durch die nächtliche Einöde von Texas. Bald treffen sie auf dem Highway auf drei aggressive junge Männer – und für die Familie beginnt eine Tour de Force des willkürlichen Schreckens.

„Nocturnal Animals“ hat einige offensichtliche Vorbilder bzw. Inspirationen. Visuell erinnert vieles an die Filme von David Lynch, die Story wiederum macht Anleihen bei „Mindfuck“-Filmen wie etwa „Frailty“ oder „Identity“. Die verschachtelte Erzählweise fordert das Publikum geradezu auf Anspielungen und Verknüpfungen der drei Handlungsebenen zu finden. Weil der Film dazu atmosphärisch dicht und durchweg spannend inszeniert ist fällt es leicht, sich auf die Handlung richtig einzulassen.

Die Darsteller sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, der Vorspann allein ist eine Attraktion (aber Vorsicht – keine leichte Kost!). Natürlich will ich hier wie gewohnt ohne Spoiler auskommen, was nicht so ganz einfach ist. Es darf immerhin gesagt werden, dass „Nocturnal Animals“ erzählerisch ein hohes Niveau erreicht, es am Ende aber sicher nicht allen Zuschauern recht macht. Sicher ist, dass man vorzüglich darüber diskutieren kann, worum es (in) dem Film hier eigentlich geht…

4/5

Filmkritik: Arrival

Arrival FilmplakatSci-Fi/Drama, USA 2016

Regie: Denis Villeneuve; Darsteller: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker

Die Ankunft von Aliens auf der Erde mal nicht als patriotisch-pathetisches Schlachtenepos – mir schien „Arrival“ eine interessante Idee zu sein, als ich den Trailer (halb) gesehen habe. Tatsächlich ist es ein spannender Film geworden, der sich bemüht, ein realistisches Szenario zu entfalten. Zumindest, was die Reaktionen der Menschheit auf die Landung von 12 UFOs auf der Erde angeht. Im Bezug auf die Aliens – Aussehen, Absichten, Sprache, etc. – beweisen die Autoren Einfallsreichtum, auch wenn sie es definitiv nicht allen damit recht machen werden.

Nach der Landung der Raumschiffe (aus unbekanntem Material, 300 Meter hoch und geformt wie gigantische konkave Gewürzgurken) organisieren die großen Nationen der Erde eine Telko. Gemeinsam diskutieren sie, was die Unbekannten wollen könnten – und wie man das herausfinden kann, ohne die eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Denn natürlich gibt es Stimmen, die nichts lieber täten, als dem ganzen Treiben mit einem gewaltigen Bombenhagel ein jähes Ende zu setzen.

Der befehlshabende General der USA (F. Whitaker) holt sich zwei Wissenschaftler zu Hilfe, die Linguistik-Expertin Louise (A. Adams) und den Physiker Ian (J. Renner). Die beiden dürfen ein Team von Soldaten ins Innere des in Montana gelandeten Raumschiffs begleiten. Dass dort die Gesetze der Schwerkraft nicht zu gelten scheinen, ist eine Überraschung – der Verlauf der Zusammentreffen mit den Aliens die andere, weitaus folgenreichere…

Den weiteren Handlungsverlauf werde ich hier nicht weiter beschreiben, „Arrival“ lebt davon, dass man sich auf das Szenario und seine Überraschungen einlässt. Dabei setzt Regisseur Villeneuve („Prisoners“, „Sicario“) auf einen inneren und einen äußeren Spannungsbogen, die früher oder später zusammen geführt werden. Das „guessing game“ des „Wie?“ und „Warum?“ ist Teil des Plans und beginnt bereits sehr früh.

Zu den Stärken des Films zählt die sorgfältige Entwicklung des Szenarios, welches als erzählerisches Fundament von entscheidender Bedeutung ist. Auch die Hauptdarsteller überzeugen und harmonieren. In beinahe vollkommener Abwesenheit von Actionsequenzen baut „Arrival“ seine Spannung um die Frage auf, wie man mit den unerwarteten Gästen kommunizieren kann.

Die Story ist clever und verdient es, entdeckt zu werden. Ob ihre Logik kritischen (oder gar wissenschaftlichen) Blicken wirklich standhalten kann, wage ich zu bezweifeln. Doch spielt das letztlich auch keine große Rolle, weil es „Arrival“ nicht um das stolze Herausposaunen bisher unbekannter Wahrheiten geht, sondern um eine faszinierende und fantastische Geschichte, die als Film wunderbar funktioniert. Die Art und Weise der Auflösung am Ende hat mir nicht so sehr gefallen, und zuweilen erscheint der Film (bzw. die Attitude seiner Macher) einen Tick zu überzeugt von sich und seinen Tricks. Dennoch werden Sci-Fi-Fans an „Arrival“ sicherlich großen Gefallen finden.

4/5

Kurzkritik: The Edge of Seventeen

Filmplakat - The Edge of SeventeenDrama, USA 2016

Regie: Kelly Fremon Craig; Darsteller: Hailee Steinfeld, Blake Jenner, Kyra Sedgwick, Woody Harrelson

Teenagerin Nadine durchlebt eine turbulente Zeit, in der sie viele Weichen für ihr Leben neu stellen muss. Familie, Freunde, Liebesleben, überall kriselt es gewaltig. Rotzfrech, clever, voller Selbstzweifel und verletzlich navigiert sich Nadine durch ihren Alltag, der immer noch bestimmt wird durch den plötzlichen Tod ihres Vaters einige Jahre zuvor.

Nichts an „The Edge of Seventeen“ ist neu, doch darum geht es dem Film (und auch dem Genre selbst) gar nicht. Glaubwürdigkeit, Witz und überzeugende Figuren sind gefragt, und die liefern Autorin/Regisseurin Kelly Fremon Craig und ihre Darsteller. Der Film verpackt seine Themen und Konflikte in eine schlüssige, witzige Story, und vermeidet Plattitüden (die ein oder andere ist aber wohl unvermeidlich). Erfreulich auch, dass mal eine weibliche Perspektive im Zentrum des Highschool-Geschehens steht.

4/5

Kurzkritik – Hell Or High Water

Filmplakat: Hell or High WaterDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Scott Mackenzie; Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges

Zwei Brüder (C. Pines und B. Foster) begehen eine Reihe von Banküberfällen in texanischen Kleinstädten, bei denen sie jeweils nur das „Kleingeld“ abstauben – nicht die großen Scheine, die die Banken nachverfolgen können. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger (J. Bridges) nimmt sich des Falles an. So unspektakulär lässt sich das grobe Handlungsgerüst von „Hell Or High Water“ beschreiben.

Regisseur Scott Mackenzie („Perfect Sense„) gelingt es, aus dieser einfachen Konstellation einen erstaunlich guten Film zu machen. Die atmosphärisch dichte Inszenierung fesselt das Interesse des Publikums, die pointierten und doch realistischen Dialoge kommen vor allem der Glaubwürdigkeit der (großartig gespielten) Figuren zugute. Die beeindruckenden Bilder und der passende Soundtrack überzeugen ebenso wie die einfache, dabei spannende und in sich schlüssige Story.

Jeff Bridges ist die Rolle als knarziger Ranger quasi auf den Leib geschrieben, er wandelt hier aber nicht im Autopilot durch den Film, sondern hat sich seine erneute Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller redlich verdient. Chris Pine überrascht positiv, schön ihn mal in einem anspruchsvollen und gut geschriebenen Film zu sehen. Ben Foster, zuletzt noch im miesen „Inferno“ in einer Nebenrolle, ist ebenfalls überzeugend.

„Hell Or High Water“ verbindet Elemente von bekannten Filmen wie Eastwoods „Perfect World“ und „No Country For Old Men“, besteht aber als eingeständiges Werk. Es geht hier nur vordergründig um Banküberfälle und Verbrecherjagd – die Taten, Worte und Motive der Figuren bringen eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik mit. Nur wer hier einen Action-Thriller erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden.

4/5

 

Kurzkritik: Die Taschendiebin

Die Taschendiebin FilmplakatDrama, Südkorea 2016

Regie: Park Chan-Wook; Darsteller: Kim Min-Hee, Kim Tae-Ri, Ha Jung-Woo

Mit Anleihen und Zitaten von Hitchcocks „Vertigo“ und Kurosawas „Rashomon“, in Verbindung mit der Regisseur Park („Oldboy“, „Thirst“) eigenen Lust an psychologisch etwas abseitigen, brutalen und dabei merkwürdig eleganten Geschichten ist „Die Taschendiebin“ ein mehr als würdiger Start ins Kinojahr 2017.

Der Film handelt von einer Intrige, in der ein südkoreanischer Hochstapler mithilfe einer Kammerdienerin (die „Taschendiebin“ des Titels) ein reiche junge Japanerin heiraten und um ihr Vermögen bringen will. Im Spiel ist dabei auch deren böser Onkel, sowie dessen sonderbare Vorlieben, spielen tut das Ganze in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Die Taschendiebin“ ist in drei großartige Akte unterteilt, wobei es Park gelingt, trotz vieler Wendungen und Kniffe eine psychologisch stimmige Story mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. In wunderbar komponierten Bildern – darunter auch explizite Gewalt- und Sexszenen – entspannt sich ein spannendes, doppelbödiges Spiel um Liebe, Lust und blutige Rache. Getragen von den Charakteren entwickelt sich vom ersten Moment an ein mitreißender Erzählfluss, dessen Faszination in den knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit nie wirklich nachlässt.

5/5

Kurzkritik: Closet Monster

Closet Monster FilmplakatDrama, Canada 2015

Regie: Stephen Dunn; Darsteller: Connor Jessup, Aaron Abrams, Aliocha Schneider, Joanne Kelly

Coming-of-Age Drama um einen Teenager in einer kanadischen Kleinstadt. Oscar hat in seiner Kindheit eine traumatische Entdeckung gemacht, die ihn – eben so wie die frühe Scheidung seiner Eltern – eindringlich geprägt hat. Beseelt vom Wunsch seine Heimatstadt zu verlassen muss sich Oscar den Dämonen von Vergangenheit und Gegenwart stellen.

„Closet Monster“ ist ein sehr gelungener Beitrag zu einem schwierigen Genre. Die „magische“ Komponente des Films (u. a. kann hier ein Hamster sprechen) ist mit einfachen Mitteln auf kreative Art integriert, Darsteller und die Story können überzeugen. Die thematisierten Motive sind nicht neu, werden aber glaubwürdig und intensiv erlebbar gemacht – ohne dass es plakativ oder sonst wie ärgerlich würde.

4/5

Die Top 10 Filme des Jahres 2016 [Update]

Alle Jahre wieder hier meine Top 10 Filme des just zu Ende gegangenen Jahres. Wie immer habe ich viel verpasst und werde gegebenenfalls nachbessern.

1. Everybody Wants Some!!
2. The Big Short
3. Paterson
4. Where To Invade Next
5. Toni Erdmann
6. Captain Fantastic
7. Doctor Strange
8. Hail, Caesar!
9. Midnight Special
10. The Revenant

Knapp dahinter:
A Bigger Splash, Arrival (NEU), Der Staat gegen Fritz Bauer, Eye in the Sky, The Hateful Eight, The Nice Guys

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