Kurzkritik – Hell Or High Water

Filmplakat: Hell or High WaterDrama/Thriller, USA 2016

Regie: Scott Mackenzie; Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges

Zwei Brüder (C. Pines und B. Foster) begehen eine Reihe von Banküberfällen in texanischen Kleinstädten, bei denen sie jeweils nur das „Kleingeld“ abstauben – nicht die großen Scheine, die die Banken nachverfolgen können. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Texas Ranger (J. Bridges) nimmt sich des Falles an. So unspektakulär lässt sich das grobe Handlungsgerüst von „Hell Or High Water“ beschreiben.

Regisseur Scott Mackenzie („Perfect Sense„) gelingt es, aus dieser einfachen Konstellation einen erstaunlich guten Film zu machen. Die atmosphärisch dichte Inszenierung fesselt das Interesse des Publikums, die pointierten und doch realistischen Dialoge kommen vor allem der Glaubwürdigkeit der (großartig gespielten) Figuren zugute. Die beeindruckenden Bilder und der passende Soundtrack überzeugen ebenso wie die einfache, dabei spannende und in sich schlüssige Story.

Jeff Bridges ist die Rolle als knarziger Ranger quasi auf den Leib geschrieben, er wandelt hier aber nicht im Autopilot durch den Film, sondern hat sich seine erneute Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller redlich verdient. Chris Pine überrascht positiv, schön ihn mal in einem anspruchsvollen und gut geschriebenen Film zu sehen. Ben Foster, zuletzt noch im miesen „Inferno“ in einer Nebenrolle, ist ebenfalls überzeugend.

„Hell Or High Water“ verbindet Elemente von bekannten Filmen wie Eastwoods „Perfect World“ und „No Country For Old Men“, besteht aber als eingeständiges Werk. Es geht hier nur vordergründig um Banküberfälle und Verbrecherjagd – die Taten, Worte und Motive der Figuren bringen eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik mit. Nur wer hier einen Action-Thriller erwartet, wird unweigerlich enttäuscht werden.

4/5

 

Kurzkritik: Come And Find Me

Come and find me FilmplakatDrama/Thriller, UK 2016

Regie: Zack Whedon; Darsteller: Aaron Paul, Annabelle Wallis, Garret Dillahunt

Claire (A. Wallis) und David (A. Paul) leben in Los Angeles und führen eine – soweit der Zuschauer das in den ersten Minuten erkennen kann – glückliche Beziehung. Bis Claire eines Tages plötzlich verschwindet. Ohnmächtig und verzweifelt beginnt David, sich mit ihrer Abwesenheit zu arrangieren, bis der Besuch eines alten College-Buddys von Claire der Story eine neue Wendung gibt.

„Come and Find Me“ ist kein sonderlich plausibler Film, wer Lücken oder offene Fragen in der Story sucht, wird zahlreiche finden. Dass der Film trotzdem Spannung aufbauen kann und auch Spaß macht, liegt an der gekonnten Inszenierung und den guten Darstellern.

Davids langsame Wandlung vom braven Bürger zum furchtlosen (wenn auch im Zweikampf recht unbegabten) Privatdetektiv, der Auftritt von fadenscheinigen Charakteren aus Claires mysteriöser Vergangenheit, die (wenig einfallsreichen, aber gut getimten) Rückblenden und auch das recht explosive Finale – das alles ergibt einen erstaunlich effektiven Film.

Die Schwächen liegen vor allem in der nicht sonderlich schlüssigen Story, wobei es scheint, als wäre Regisseur und Autor Zack Whedon das bewusst und schlicht egal. Das Ende des Films zitiert filmgeschichtlich berühmte Vorgänger, ergibt sich aber nicht sehr überzeugend aus dem Handlungsverlauf. In seinen besten Momenten erinnert der Film an die Thriller von David Mamet („Spartan“, „The Spanish Prisoner). Wer die mochte darf hier getrost zugreifen.

3/5

Sherlock – The Final Problem: Gedanken zum Finale der 4. Staffel

Es ist nun wahrlich nicht so, dass „Sherlock“-Folgen dafür bekannt wären, dass sie sich Zeit nehmen, wenig passiert und immer alles total plausibel ist. Doch das Finale der aktuellen Staffel (und die vielleicht letzte Folge der Reihe) setzt wahrlich neue Maßstäbe – wenn auch nicht nur im positiven Sinne.

„The Final Problem“ führt Sherlock und seinen Bruder Mycroft mit ihrer mysteriösen, verschollenen Schwester zusammen, der Dasein in den letzten Folgen bereits anklang. Natürlich ist auch Watson mit von der Party, und auch Moriarty hat seine Auftritte.

In rasendem Tempo, mit vielen Ideen und noch mehr Sperenzchen wird hier alles daran gesetzt, „Sherlock“ einen glamourösen und würdigen Abgang zu bescheren. Das funktioniert auch, schießt aber – selbst für meinen Geschmack – doch sehr oft über das Ziel hinaus.

Die Serie war nie wirklich ernst gemeint, wirkt hier aber manchmal wie eine Persiflage ihrer selbst. Zumal es im Vergleich mit frühreren Folgen auch an Humor, der ohne das Prädikat „unfreiwillig“ daherkommt.

Vielleicht war es den Machern der Show auch egal. Sie haben in einem Höllenritt noch einmal alles gegeben, und vermeiden es mit der Story auch, sich zu wiederholen. Der x-te „Moriarty/Mary/Sherlock sind tot/nicht tot“–Cliffhanger – soviel darf ich hier verraten – steht nicht am Ende dieser äußerst unterhaltsamen, grenzwertig trashigen und bemerkenswerten Folge…

Kurzkritik: The Girl On The Train

The Girl On The Train FilmplakatThriller, USA 2016

Regie: Tate Taylor; Darsteller: Emily Blunt, Haley Bennett, Rebecca Ferguson, Justin Thereaux, Luke Evans

Da ich den Roman gelesen habe (ideale Kost für Langstreckenflüge) war für mich klar, welche Überraschungen und Wendungen „The Girl On The Train“ zu bieten hat. Die Frage war, wie der Film die fragmentierte, in der Zeit springende Erzählung abbilden bzw. abwandeln würde. Die Antwort ist leider: mehr schlecht als recht…

Natürlich war die in der Vorlage verwendete Mischung aus unzuverlässigen Erzählern und dem Vorenthalten von entscheidenden Fakten/Geschehnissen keine große Neuheit. Aber sie hat ganz gut funktioniert – auch wenn man den Braten nach etwa der Hälfte schon ganz gut riechen konnte.

Der Film versucht, sich diese Machart weitgehend zu eigen zu machen. Die Perspektiven springen hin und her, was aber in einem Film nicht im Ansatz so funktioniert wie in einem Roman – da helfen auch die Off-Kommentare nicht. Was fehlt, ist eine bessere, eigene Idee, für Spannung und Überraschungsmomente zu sorgen.

Es entwickelt sich nurmehr ein „Guessing Game“, das für sich nicht ausreicht als Spaßfaktor. Die Schauspieler mühen sich, bekommen aber allesamt – auch wegen der nonlinearen Erzählung – zu wenig Möglichkeiten, ihre Rollen und Konflikte glaubwürdig zu entwickeln. Ein Vorbild des Films war sicher „Gone Girl“, dessen Klasse „The Girl On The train“ aber nicht im Ansatz erreicht.

2/5

Kurzkritik: Die Taschendiebin

Die Taschendiebin FilmplakatDrama, Südkorea 2016

Regie: Park Chan-Wook; Darsteller: Kim Min-Hee, Kim Tae-Ri, Ha Jung-Woo

Mit Anleihen und Zitaten von Hitchcocks „Vertigo“ und Kurosawas „Rashomon“, in Verbindung mit der Regisseur Park („Oldboy“, „Thirst“) eigenen Lust an psychologisch etwas abseitigen, brutalen und dabei merkwürdig eleganten Geschichten ist „Die Taschendiebin“ ein mehr als würdiger Start ins Kinojahr 2017.

Der Film handelt von einer Intrige, in der ein südkoreanischer Hochstapler mithilfe einer Kammerdienerin (die „Taschendiebin“ des Titels) ein reiche junge Japanerin heiraten und um ihr Vermögen bringen will. Im Spiel ist dabei auch deren böser Onkel, sowie dessen sonderbare Vorlieben, spielen tut das Ganze in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Die Taschendiebin“ ist in drei großartige Akte unterteilt, wobei es Park gelingt, trotz vieler Wendungen und Kniffe eine psychologisch stimmige Story mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen. In wunderbar komponierten Bildern – darunter auch explizite Gewalt- und Sexszenen – entspannt sich ein spannendes, doppelbödiges Spiel um Liebe, Lust und blutige Rache. Getragen von den Charakteren entwickelt sich vom ersten Moment an ein mitreißender Erzählfluss, dessen Faszination in den knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit nie wirklich nachlässt.

5/5

Kurzkritik: Inferno

Inferno FilmplakatThriller, USA 2016

Regie: Ron Howard; Darsteller: Tom Hanks, Felicity Jones, Omar Sy

Tom Hanks spielt zum dritten Mal Prof. Robert Langdon, der diesmal mit leichtem Gedächtnisverlust in einem Krankenhaus in Florenz erwacht. An der Seite der Ärztin Sienna (F. Jones) befindet er sich bald auf der Flucht vor dunklen Mächten. Und stellt fest, dass er den Ausbruch eines tödlichen Virus verhindern muss, den ein bekloppter Milliardär auf die Menschheit loslassen will.

Die erste Stunde von „Inferno“ ist pures Bewegungskino, in Verbindung mit den für Brown typischen (Kunst-)Geschichtsstunden und einigen gelungenen apokalyptischen Bildern, die Langdon – anstelle der Erinnerung an die letzten zwei Tage – im Kopf hat. Die Story ist nicht unbedingt plausibel (nach den Wendungen am Ende eher noch weniger als vorher), weiss aber zu unterhalten.

Nach gut der Hälfte der Laufzeit geht „Inferno“ etwas vom Gas, um sowohl seiner Story als auch einigen Figuren mehr Raum zu geben. Das geht leider nach hinten los, denn eine zentrale Romanze ist dabei wenig überzeugend, die großen „Überraschungen“ der Story bringen die Handlung nicht wirklich voran – das hat in der parallelen Erzählung der Romanvorlage besser funktioniert.

Wie immer bei Stoffen von Dan Brown ist der Weg das Ziel – und das Finale eher enttäuschend. Auf dem Weg dahin gibt es schöne Bilder von Florenz und anderen schönen Städten zu sehen, außerdem die Brown-typischen, wenig elegant integrierten, trotzdem interessanten „Lehrstunden“, in diesem Fall über den Dichter Dante Alighieri. Das ist insgesamt nichts neues (und wurde vor allem im „Da Vinci Code“ schon besser für die Leinwand aufbereitet) und aufregendes, kann aber bei akuter Langeweile – ich denke da vor allem an Langstreckenflüge – durchaus in Erwägung gezogen werden.

2/5

Kurzkritik: Closet Monster

Closet Monster FilmplakatDrama, Canada 2015

Regie: Stephen Dunn; Darsteller: Connor Jessup, Aaron Abrams, Aliocha Schneider, Joanne Kelly

Coming-of-Age Drama um einen Teenager in einer kanadischen Kleinstadt. Oscar hat in seiner Kindheit eine traumatische Entdeckung gemacht, die ihn – eben so wie die frühe Scheidung seiner Eltern – eindringlich geprägt hat. Beseelt vom Wunsch seine Heimatstadt zu verlassen muss sich Oscar den Dämonen von Vergangenheit und Gegenwart stellen.

„Closet Monster“ ist ein sehr gelungener Beitrag zu einem schwierigen Genre. Die „magische“ Komponente des Films (u. a. kann hier ein Hamster sprechen) ist mit einfachen Mitteln auf kreative Art integriert, Darsteller und die Story können überzeugen. Die thematisierten Motive sind nicht neu, werden aber glaubwürdig und intensiv erlebbar gemacht – ohne dass es plakativ oder sonst wie ärgerlich würde.

4/5

Nebenbei bemerkt: Sherlock – The Six Thatchers (Staffel 4, Episode 1)

Nachdem es letztes Jahr mit „The Abominable Bride“ nur eine „Appetizer“-Folge gab ist „Sherlock“ nun mit einer kompletten Staffel zurück. Komplett im Sinne von drei Folgen, versteht sich. Die erste Folge davon hält das bekannte Niveau, verbindet souverän Witz und hemmungslos zur Schau gestellte Cleverness (die zum Glück weiterhin nur bedingt ernst gemeint ist – was Kritiker der Show gerne übersehen).

Aufgefallen ist mir, dass die ohnehin immer temporeiche Reihe hier in knapp 90 Minuten extrem viel Handlung unterbringt. Damit ist sie eine Art Antipol zu „Better Call Saul“, der wohl im gemächlichsten Tempo erzählten (und dabei großartigen) Serie der Gegenwart. Ich freue mich auf die beiden kommenden Folgen, in der Hoffnung dass die Beteiligten ein angemessenes Ende finden – angeblich gestaltet sich eine Fortsetzung angesichts der vollen Terminpläne aller Beteiligten ja schwierig.

 

Kurzkritik: Sully

Sully FilmplakatDrama, USA 2016

Regie: Clint Eastwood; Darsteller: Tom Hanks, Aaron Eckhart

Die berühmte „Bruchlandung“ auf dem Hudson River in NYC im Jahre 2009 – in den USA ‚Miracle on the Hudson‘ genannt – hat Clint Eastwood hier zum Kinostoff gemacht. Die Eckdaten sind ja weitgehend bekannt: kurz nach dem Start fallen beide Triebwerke eines Passagierfliegers aus, weil Gänse hineingeflogen sind. Kurz danach landet Pilot Chesley „Sully“ Sullenberger die Kiste im Hudson, Passagiere und Crew können weitgehend unverletzt gerettet werden.

Das zentrale Drama des Films ist die Frage, ob der Pilot richtig gehandelt hat und als Held gefeiert werden sollte, oder ob er waghalsig handelte und eine normale Notlandung an einem nahe gelegenen Flughafen die bessere Option gewesen wäre. „Sully“ erinnert zuweilen an „United 93“, stellt detailliert und dokumentarisch die Szenerie nach (vom Start bis zur Rettung vergehen nur wenige Minuten). Die Rahmenhandlung zeigt wie Sullenberger und sein Co-Pilot versuchen mit dem Medienrummel zurecht zu kommen und der kritischen Kommission der Verkehrsbehörde Rede und Antwort stehen müssen.

Die Rolle des routinierten, bescheidenen Piloten ist Tom Hanks quasi auf den Leib geschrieben, was dem Film ein solides emotionales Fundament gibt. Doch trotz der soliden und unaufgeregten Inszenierung ist „Sully“ letztlich nicht mehr als eine Nacherzählung, die ihren Stoff zwar wunderbar aufzubereiten versteht, aber ohne echten Stimmungsbogen auskommen muss. Man kann sich das gut ansehen, es führt aber letztlich zu nichts. Womöglich wollte Eastwood einfach einen unterhaltsamen Anti-Katastrophenfilm drehen – das ist ihm sehr gut gelungen.

3/5

Die Top 10 Filme des Jahres 2016 [Update]

Alle Jahre wieder hier meine Top 10 Filme des just zu Ende gegangenen Jahres. Wie immer habe ich viel verpasst und werde gegebenenfalls nachbessern.

1. Everybody Wants Some!!
2. The Big Short
3. Paterson
4. Where To Invade Next
5. Toni Erdmann
6. Captain Fantastic
7. Doctor Strange
8. Hail, Caesar!
9. Midnight Special
10. The Revenant

Knapp dahinter:
A Bigger Splash, Arrival (NEU), Der Staat gegen Fritz Bauer, Eye in the Sky, The Hateful Eight, The Nice Guys

Kurzkritik: Toni Erdmann

Toni Erdmann FilmplakatDrama/Comedy, DE 2016

Regie: Maren Ade; Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller

Ines (Sandra Hüller) ist Unternehmensberaterin in Bukarest, ein totaler Workaholic ohne wirkliches Privatleben. Ihr Vater Winfried (Peter Simonischek) führt daheim in Deutschland das Leben eines verschrobenen Pensionärs mit einem ausgeprägten Faible für falsche Zähne und alberne Scherze. Als Winfrieds Hund stirbt macht er sich auf nach Bukarest, um seine Tochter zu sehen.

Diese Wiederannäherung von Vater und Tochter ist das erzählerische Herz von „Toni Erdmann“. Während Ines ein wichtiges Projekt zu Ende bringen will, mischt sich Winfried zunächst vorsichtig, später dreist und recht grotesk in ihr Leben ein. Er erfindet sich als kauziger „Coach“ namens Toni Erdmann neu, zum Erstaunen, Entsetzen, aber auch zur Erheiterung und Bewunderung seiner Tochter.

Dass die waghalsige Gradwanderung zwischen einer Farce mit fast schon Helge-Schneider-artigen Szenen und echtem emotionalem Drama funktioniert liegt an den großartigen Hauptdarstellern. Egal wie hoch der Fremdschäm-Faktor einzelner Situationen ausfällt (und er ist definitiv beträchtlich), die beiden sind als Figuren immer glaubwürdig. Auch das unsichtbare Band einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung wird, gemeinsam mit einigen geteilten Charakterzügen, langsam offenkundig.   

In den weit über zwei Stunden Laufzeit finden sich viele komödiantische und dramatische Höhepunkte – meist fallen sie gleich zusammen. Nicht selten überrascht „Toni Erdmann“ mit bizarren Momenten, die den Film prägen, ohne ihn komplett zu beherrschen. Hier geht es nicht um Schock-Effekte oder das Ausloten von Grenzen, diese Momente kommen aus dem Innenleben der Charaktere. Vor Regisseurin und Drehbuchautorin Maren Ade kann man nur den Hut ziehen, ihr Film ist ungewöhnlich, ideenreich, witzig und ergreifend.

4/5