Filmkritik: The Wolf of Wall Street

The Wolf of Wall Street PosterComedy/Drama, USA 2013

Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey

Als ich zuerst den Titel von Scorseses neuem Film hörte, dachte ich an ein Drama zur globalen Finanzkrise. Weit gefehlt. Der Film erzählt – „based on true events“ – die Geschichte des jungen Brokers Jordan Belfort (DiCaprio). Der beginnt anno 1987 an der Wall Street bei einer Investmentfirma und leckt sofort Blut. Belfort will reich werden, und zwar schnell.

Weil er clever, skrupellos und ehrgeizig ist schafft er das auch. Sein Aufstieg geht über ein, zwei Umwege, aber mit Mitte Zwanzig ist Belfort unfassbar reich. Sein Lifestyle ist extravagant, voller Sex, Drogen und lukrativen (sowie äußert fadenscheinigen) Business-Deals. Dass sich bald auch Ordnungshüter mit seinen Geschäften befassen ist keine große Überraschung.

Der Film ist als bitterböse Komödie angelegt, die das wilde Treiben präsentiert und scheinbar abfeiert, ohne die große Moralkeule zu schwingen – wofür der Film in den USA kritisiert worden ist. Man muss in diesen Tagen einfach an den Fall PROKON denken, wenn Belfort irgendwelchen armen Säuen (und später auch reichen Säuen) irgendwelche Papiere andreht, bei denen Chancen und Risiken in keinem gesunden Verhältnis stehen. Einzige sichere Gewinner sind Belfort und seine Partner, sie verdienen prächtig an den Kommissionen.

Immer dann, wenn man denkt es sei der Gipfel (oder Tiefpunkt) erreicht, legt „The Wolf of Wall Street“ noch eine Schippe, einen krasseren Exzess drauf. DiCaprio überzeugt dabei auch noch in den skurrilsten Situationen – ohne dass die dramatischen Szenen darunter leiden. Seine Figur spricht nebenbei kumpelhaft mit dem Publikum, mal ganz direkt, mal im Off-Kommentar. Belfort ist keineswegs sympathisch, verströmt aber einen mitreißenden, grenzenlosen Enthusiasmus – genau die Qualität, die ihn zum begnadeten Verkäufer macht.

Trotz der drei Stunden Laufzeit sind keine Längen dabei, auch wenn das Ende vielleicht 10 Minuten kürzer sein könnte. Die Nebendarsteller, allen voran Jonah Hill und der in seinem Kurzauftritt unfassbar witzige Matthew McConaughey, sind überragend, ebenso wie die Dialoge und das Timing. „The Wolf of Wall Street“ ist große und scharfe Gesellschaftskritik in Form einer spritzigen Komödie, sexy und charmant dargereicht.

Nicht nur die großartige letzte Einstellung offenbart eine pessimistische Haltung zur Frage, ob der Fortbestand des globalen Raubtier-Kapitalismus in Gefahr sein könnte. In der Tradition von „A Clockwork Orange“ oder „Natural Born Killers“ hat Scorsese einen Film geschaffen, der gleichzeitig weh tut und Spaß macht – es ist am Zuschauer zu entscheiden, welches Gefühl letztlich überwiegt. Und warum.

5/5

 

 

 

Sherlock Season 3 – es geht auf höchstem Niveau weiter…

Nachdem die zweite Staffel mit einem Cliffhanger zuende ging nimmt die aktuelle Staffel den Faden geschickt wieder auf. Die drei Folgen sind allesamt keine klassischen, in sich geschlossenen Kriminalfälle, die Serie beschäftigt sich eingehend mit ihren Figuren. Was „Sherlock“ sehr gut tut, denn die Autoren haben eine Menge Ideen, die das Publikum zuweilen gar richtig schockieren können. Hut ab und bitte unbedingt weiter machen!

Kurzkritiken: Inside Llewyn Davis, Only Lovers Left Alive, Captain Phillips

Umzugsbedingt herrschte hier zuletzt Sendepause, nun geht es langsam weiter. Der Vollständigkeit halber reiche ich diese drei Filme mal kurz nach, bevor es nächste Woche mit „Wolf of Wall Street“ und „All is Lost“ und hoffentlich bald „12 Years a Slave“ weitergeht…

Die Coen-Brüder erzählen in ihrem neuen Film „Inside Llewyn Davis“ von einem fiktiven (lose auf Dave Van Ronk basierenden) Folksänger. Die Titelfigur tingelt anno 1961 über die Bühnen von Nachtclubs und Bars, bekommt aber irgendwie kaum ein Bein auf den Boden. Brillant gespielt, mit viel Witz, einer wunderbar rätselhaften Titelfigur und einem starken Soundtrack. 5/5

Jim Jarmuschs Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ kommt als Opus Magnum des internationalen Hipstertums daher, das die untoten Hauptfiguren quasi verkörpern. Ein konsequent zuende gedachtes Vampirszenario gespickt mit Anspielungen, lakonisch dargeboten, voller herrlicher Posen, in gemächlichem Tempo gespielt und dabei mit zunehmender Dauer immer betörender. 5/5

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich kein Fan von Tom Hanks bin. Doch dass der Mann ohne Frage Talent hat, beweist er in „Captain Phillips„, in dem Hanks den Kapitän eines Frachters spielt, der von somalischen Piraten gekapert wird. Packend und handwerklich überzeugend macht der Film aus der Geschichte eine gelungene Mischung aus Action- und Dokumentarfilm (denn er basiert auf wahren Begebenheiten). 4/5

Top-10 Filme 2013

Meine persönlichen Favoriten des Jahres, dieses Jahr mal nicht alphabetisch, sondern beginnend mit dem „Film des Jahres“. Wie immer habe ich nicht alles gesehen und so kann und wird sich diese Liste möglicherweise noch ändern!

1. 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Unfassbar witzig. Und auch ein wenig überraschend, dass Helge Schneider 19(!) Jahre nach dem Original eine so beschwingte, charmante und arnarchisch-komische Fortsetzung auf die Leinwand zaubert. Das komplette Publikum ist im Kino vor lachen halb verreckt – sensationelles Comeback in die Kriminalistik!

2. Gravity

Ein mitreißender Ritt in beeindruckenden Bildern und mit nahezu perfekten Tricks. Der beste Film in 3D überhaupt bietet vielleicht inhaltlich nicht sonderlich viel, ist aber ein echtes Kinoereignis und ein wichtiges Zeichen, dass das Medium (und die 3D-Technologie) so schnell nicht unterzukriegen sind.

3. The Grandmaster

Bildgewaltiges Martial-Arts- und Geschichts-Epos mit großer Liebesgeschichte. Nicht nur für Fans des Genres eine echte Empfehlung.

4. Blue Jasmine

Woody Allens Komödie des Jahrgangs 2013 ist tatsächlich ein zutiefst trauriger Film über eine bedauernswerte Frau. Dass er trotzdem Spaß macht UND dramatisch überzeugt zeigt einmal mehr, dass Allen ein gewitzter Meister des Erzählens ist.

5. Django Unchained

Tarantinos kruder Mix aus Spaghetti-Exploitation-Western und kreativer Geschichtsaufarbeitung glänzt wie üblich durch herrliche Dialoge und messerscharfe Figuren.

6. Inside Llewyn Davis

Lakonisch, mit wundervollem Humor und großartiger Musik. Ungewöhnlich straight für einen Film der Coen-Brüder, wie immer absolut überzeugend gespielt.

7. Only Lovers Left Alive

Jim Jarmusch hat mit seiner Vampir-Saga locker den besten Hipster-Film des Jahres gedreht. Die von den Menschen angewiderten Blutsauger – faszinierend gespielt von Tilda Swinton und Tom Hiddleston – posen sich traumhaft durch die karge Handlung.

8. This is the End

Bei einer Party von James Franco geht die Welt unter – und eine Reihe bekannter Schauspieler probiert, das Beste draus zu machen. Überraschend gelungene apokalyptische Farce, die keine Gefangenen macht.

9. Trance

Ich glaube keine meiner Top-10 Listen ist bisher ohne trashigen Thriller ausgekommen. Auch diese nicht – Danny Boyles Heist- und Mindfuck-Thriller trifft genau die schrillen Töne, die ich an diesem Genre so schätze.

10. Frances Ha

Alle mögen Greta Gerwig, stimmt schon. Aber es ist auch unmöglich sie und „Frances Ha“ nicht zu mögen. Amüsant, ehrlich, mit gekonnten Anleihen an Woody Allens frühere Filme – stark.