Trust

Wenn in Hollywood-Filmen Kinder zu Schaden kommen geht danach in der Regel ein erwachsener Mann auf einen blutigen Rachefeldzug. So hätte das auch in „Trust“ laufen können. Die 14-jährige Schülerin Annie (Liana Liberato) lernt im Internet einen Jungen kennen, mit dem sich sich blendend versteht. Auf Chats und Nachrichten folgen Telefonate, schließlich trifft sie „Charlie“ im richtigen Leben – und wird von dem tatsächlich weit über 30-jährigen in einem Motelzimmer vergewaltigt. Doch der Film nimmt nicht die einfache Ausfahrt und entwickelt sich zu einem ernsthaften und überzeugenden Drama.

Während ihre Eltern Will und Lynn (Clive Owen und Catherine Keener) wegen des Vorfalls entsetzt sind und das FBI die Ermittlungen aufnimmt will Annie nicht wahr haben, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden ist. Sie ist überzeugt, dass Charlie sie über alles liebt und sich nur deshalb nicht mehr meldet, weil ihre Eltern und die Polizei aus ihrer Beziehung zu ihm einen Skandal gemacht haben. Was deren Wut und Verzweiflung natürlich noch steigert, die Familie steht vor einer Zerreißprobe.

Regisseur und Ex-„Friends“-Star David Schwimmer und seinen Drehbuchautoren gelingt bei ihrem Film eine Gratwanderung, denn „Trust“ kommt weder als Lehrfilm noch als Rührstück daher. Dank der gut geschriebenen Figuren und deren starken Darsteller kann die Geschichte emotional überzeugen. Chris Henry Coffey als entwaffnend freundlicher „Charlie“ spielt dabei eine Schlüsselrolle, seine wenigen Szenen bilden das Fundament für das weitere Geschehen.

Das gute Drehbuch wiederum umschifft die meisten gängigen Klischees und liefert ein konzeptionell stimmiges Gesamtbild, bei dem die Folgen des Verbrechens im Zentrum stehen. Ein kleine Schwäche des Films ist vielleicht Annies allzu naives Verhalten am Anfang – sie ist ansonsten ein cleveres Mädchen -, aber das relativiert sich ob der perfiden Anziehungskraft und der psychologischen Tricks von „Charlie“. Die vielen Chats der beiden werden dabei wie Untertitel im Film eingeblendet, weshalb ein lästiges Abfilmen der Bildschirme von Computer und Telefonen entfällt.

Wie es bei einem guten Drama sein sollte entfaltet sich die Geschichte wie von selbst. Wegen des ernsten Themas ist „Trust“ ein unbequemer Film geworden, bei dem sich zwar alle Beteiligten (auch und vor allem die Figuren) eine einfache Lösung wünschen, aber weit und breit keine in Sicht ist. Kommerziell wird das der unabhängigen Produktion eher schaden, ein Clive Owen, der Kinderschänder über den Haufen schießt hätte an den Kinokassen sicher bessere Chancen. Es ehrt die Macher der Films, dass sie abseits von Populismus und reaktionärem Anti-Internet-Gerede ihren eigenen Weg gegangen sind – und dass sie daraus einen authentischen, überzeugenden Film gemacht haben.

4/5

PS: Einen Starttermin für Deutschland gibt es noch nicht, der Film läuft zur Zeit auf dem Filmfest in München.

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