Alles Was Wir Geben Mussten

Auf diese Adaption des gleichnamigen Romans von Kazuo Ishiguro habe ich mich schon eine ganze Weile gefreut. Und ich kann sagen, dass ich trotz hoher Ansprüche nicht enttäuscht worden bin. Im Spannungsfeld von Melodram und Science-Fiction angesiedelt erzählt der Film vordergründig die Geschicke dreier ganz normaler Schüler im englischen Internat Hailsham.

Doch schon die ersten Szenen von „Never Let Me Go“ machen deutlich, dass irgendwas mit der (einigermaßen) heilen und sehr geschlossenen Welt von Hailsham nicht stimmt. Fliegt beim Spielen ein Ball über den Zaun traut sich keines der Kinder, ihn wiederzuholen – denn draußen, so erzählt man sich, passieren nur böse Dinge.. Die Story entwickelt sich bald zu einer Dreiecksgeschichte zwischen Cathy (Carey Mulligan), Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield), deren Wege sich im Laufe der Jahre auch nach der Internatszeit noch mehrfach kreuzen.

Vom eigentlichen Inhalt darf man viel mehr nicht verraten, denn die Stärke des Films liegt genau wie im Roman darin, dem Publikum langsam die Informationen zu geben, die er braucht um die Lage einschätzen zu können. Das geschieht aber nicht durch irgendwelche dramaturgischen Kniffe, sondern fast beiläufig und ohne Effekthascherei. Wenn am Ende Cathy die Story aus ihrer Sicht zusammenfasst wird aber jedem Zuschauer klar sein, wie die Geschichte zu verstehen ist.

Eine Schwäche von „Never Let Me Go“ (Originaltitel) liegt allerdings darin, dass er sein Szenario (das im Buch sehr stimmig ist) nicht bis ins Detail plausibel darstellen kann und man daher von den Figuren in einigen Situationen ein anderes Handeln erwartet. Am Zusammenspiel der drei Hauptdarsteller ist dagegen absolut nichts auszusetzen. Es wundert mich angesichts der grandiosen Romanvorlage auch nicht, dass der Stoff die drei derzeit begehrtesten jungen Schauspieler Englands für sich gewinnen konnte (Garfield, oscarnominiert für seine Rolle in „The Social Network“, ist in den USA geboren, aber in England aufgewachsen).

Bis auf die genannten Defizite ist der Film wahrlich großes Kino. Die ruhige Inszenierung von Mark Romanek gibt der Geschichte die nötige Zeit, sich zu entwickeln. Die Bilder sind von melancholischer Schönheit und zeichnen ein stimmiges Bild des englischen Hinterlands. Weil die Story in den 80er Jahren spielt hat das ganze zudem einen gewissen Retro-Charme. Inwiefern der Film spannend und mitreißend ist für diejenigen (und es dürfte die große Mehrheit sein), die das Buch nicht kennen, kann ich schwer sagen. Von der Vorlage ist er auf jeden Fall nicht weit entfernt, und auch wenn er es nicht ganz schafft dessen emotionale Kraft und seine große Vision ohne Verluste auf die Leinwand zu bringen, habe ich ihn würde die Top-10 von 2011 schon einmal vorgemerkt.

5/5

PS: Warum der Film

  • a) bei uns erst jetzt anläuft, obwohl er seit Herbst 2010 fertig ist wird nur der deutsche Verleiher selber wissen
  • b) keine einzige Oscar-Nominierung bekam ist mir absolut schleierhaft, auch wenn er finanziell nicht sonderlich erfolgreich war

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