Ein Prophet (DVD)

Im Kino ist mir „Un Prophete“ Anfang des Jahres entgangen, unter anderem deshalb, weil ich bei überlangen Filmen irgendwie immer (zu) vorsichtig bin. Doch dieses französische Gangster- und Gefängnisdrama ist mit gut zweieinhalb Stunden zwar lang, aber keineswegs zu lang. Nominiert für den Oscar, ausgezeichnet in Cannes und überhäuft mit neun Cesars (dem französischen Filmpreis) kommt der Film also mit einigen Empfehlungen daher. Und kann trotzdem auch hohe Erwartungen locker erfüllen – es würde mich sehr wundern, wenn er nicht auf meiner Top-10 Liste dieses Jahres auftauchen sollte…

„Ein Prophet“ erzählt die Geschichte des jungen Arabers Malik, der ins Gefängnis muss. Er hat keine Freunde innerhalb oder ausserhalb der Gefängnismauern, warum er verurteilt wurde ist nebensächlich, seine neue Realität heisst Knast. Die Fronten drinnen sind klar. Die Korsen-Mafia hat die Macht, weil sie die Wärter in der Tasche haben, die Araber sind zwar zahlreicher, aber ohne große Lobby. Malik wird schnell von Cesar, dem Chef des korsischen Clans, rekrutiert – nicht dass er da eine Wahl hätte. Weil er seinen ersten Auftrag – eine grausame und zugleich brillante Szene – zufriedenstellend erfüllt hat er sich den Schutz des Clans verdient.

Damit geht es für Malik aber erst richtig los. Aus dem stillen jungen Mann wird allmählich ein skrupelloser Krimineller, der geschickt seine Machtposition Stück für Stück verbessert. Nach drei Jahren hinter Gittern wird sein Antrag auf Freigänge bewilligt, und Malik kann somit auch außerhalb des Gefängnis seine Geschäfte aufziehen. Offiziell ist er immer noch Handlanger des Korsen Cesar, aber das hindert ihn nicht daran, seine eigenen Interessen mit aller Macht zu vertreten – koste es, was es wolle.

Das Genre des Gefängnis- und Gangsterfilms ist eigentlich recht ausgereizt. Um so überraschender ist es, dass „Ein Prophet“ es schafft, interessante, neue Wege zu gehen. Wer hier vom Drehbuch die klassische „Scarface“-Formel erwartet, der liegt falsch. Zudem ist das Setting mit den Arabern und Korsen eine willkommene Abwechslung zum bekannten „Schwarz gegen Weiss gegen Latino“. Eine weitere große Stärke des Films sind die Dialoge und das Spiel mit der Vielsprachigkeit (französisch, arabisch, korsisch), das auch für die Handlung von zentraler Bedeutung ist.

Hauptdarsteller Tahar Rahim, ein Newcomer auch in Frankreich, spielt äußerst überzeugend und ungekünstelt. Seine Figur Malik ist kein innerlich abgestumpfter Über-Gangster, sondern ein pragmatischer und intelligenter junger Mann, der sich seiner Umgebung so gut wie möglich anpasst. Natürlich ist das auch ein Statement des (ansonsten nicht offen politischen) Films: ein unsicherer, kleinkrimineller junger Araber wandert in den Bau, nur um als perfekt ausgebildeter Verbrecher wieder heraus zu kommen. Resozialisierung ist was anderes.

„Ein Prophet“ verbindet glaubwürdiges Drama und eine präzise Milieustudie mit spannenden Thriller-Elementen und einer ergreifenden Story. Einige Szenen sind so intensiv und brutal, dass man kaum hinsehen mag. Der Film zeigt keine übertriebene, parodierte Form der Gewalt (wie sie in Hollywood gerade in Mode ist), sondern bleibt bewusst realistisch. Für zarte Gemüter ist das sicherlich nichts, doch es verleiht der Geschichte einen Teil ihrer nicht unbeträchtlichen Wucht.

5/5

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