Tetro (DVD-Import)

„Godfather“-Regisseur Francis Ford Coppola hatte das Filmemachen schon beinahe aufgegeben, bevor er vor zwei Jahren mit „Youth Without Youth“ wieder eine Regiearbeit vorlegte. Leider war der Film mit Tim Roth und Alexandra Maria Lara eine Enttäuschung. Zwei Jahre danach hat Coppola „Tetro“ gedreht, der hierzulande aber wohl gar nicht mehr oder arg verspätet anlaufen wird.  Was eigentlich schade ist, denn der Film ist um einiges besser und interessanter als sein letzter. Allerdings besitzt er keine großen kommerziellen Erfolgsaussichten.

Die zwei Söhne eines berühmten Dirigenten finden in Buenes Aires wieder zusammen. Der 18-jährige Benny (Alden Ehrenreich) erhofft sich vom Treffen mit seinem deutlich älteren Halbbruder Tetro (Vincent Gallo) mehr über die von Tragödien geprägte Familiengeschichte zu erfahren. Der Schatten des aus Argentinien nach New York ausgewanderten Patriarchen (Klaus Maria Brandauer in einer seiner seltenen Kinorollen) liegt die gesamte Handlung über dem Geschehen, auch wenn der nur in Rückblenden als handelnde Figur dabei ist.

Die Story kreist um große Themen, um Familie und Schicksal, Literatur und Theater, Liebe und Vergebung. In Schwarzweiß gedreht, mit nur wenigen Farbtupfern (Coppola verglich den Film mit „Rumble Fish“, den er ebenso gedreht hatte)  entwickelt sich langsam ein weit ausholendes Familiendrama. Die vielen Theaterszenen spiegeln die Handlung oder nehmen sie vorweg, in diesem Sinne ist „Tetro“ kopflastiges, anspruchsvolles Autorenkino.

Ein paar Schwächen sind nicht zu übersehen, vor allem der – trotz guter Schauspielerleistungen – insgesamt sehr künstliche Charakter des Ganzen hindert den Film daran, sein Publikum emotional wirklich mitzureißen. Trotzdem ist „Tetro“ mehr als nur eine dramaturgische Fingerübung und ist bis zum Schluss anspruchsvolles, mitunter virtuos inszeniertes Drama – mit einem Ende, das gar ein „Star Wars“-Zitat bereit hält. Etwas wohlwollend ergibt das …

4/5

Och nö!

Filme die kein Mensch braucht: Legendary Pictures und Warner sind sich offenbar einig eine Neu-Auflage von „Godzilla“ zu drehen. Das vermeldet Deadline Hollywood, wo man sich auch sicher ist, dass es eine 3D-Version geben wird. Selbst für die sich notorisch selbst kopierenden Studios ist das schon eine herbe Nummer. Schließlich war Emmerichs 1998er-Variante des Stoffes ein Griff ins Klo, und ich kann nicht so recht ersehen, wer auf eine Neuauflage mit dem Monster wartet.

Wäre es da wirklich zuviel verlangt, dass man jenseits breitgetretener Franchises denkt und mal 200 Mio. Piepen investiert, um einen neuen Action-Stoff umzusetzen? Offenbar schon, da verlassen sich die Studios lieber auf bekannte Namen und ihre teure Marketing-Armada. Sofern nicht ein richtig guter Regisseur mit dem Film betreut wird mache ich jedenfalls niemandem Konkurrenz um gute Plätze im Kino. Auch die 3D-Wut Hollywoods macht ja im Hinblick auf die Qualität der Filme eher Sorgen als Hoffnung. Mit Projekten wie der cineastisch längst ausgelutschten Riesen-Echse wird man das Kino kaum retten können…

Neues von Steven Soderbergh

Die nächsten Projekte des „Ocean’s 11“ und „Traffic“-Regisseurs stehen fest. Bereits gedreht wird „Knockout“, ein Thriller mit Michael Douglas und Ewan McGregor. Es geht um eine Soldatin, die sich nach einer schief gelaufenen Mission an den Drahtziehern der Aktion rächen will – soviel immerhin verrät die IMDB. Danach ist nochmal Spannungskino angesagt, in „Contagion“ geht es um den Ausbruch einer gefährlichen Seuche. Die Besetzung kann man gut und gerne als prominent bezeichnen, neben den Oscar-Gewinnerinnen Kate Winslet, Marion Cotillard und Gwyneth Paltrow geben sich Jude Law, Matt Damon und Lawrence Fishburn die Ehre. Drehstart soll Ende des Jahres sein, produziert werden laut Deadline Hollywood beide Filme von Warner Bros..

Laaangweilig!

Ein regnerischer Sonntag-Nachmittag ist eine gute Gelegenheit um das Kinoprogramm der kommenden Wochen zu checken. Das Ergebnis ist leider recht frustirerend, wirklich vielversprechende Filme sind nicht zu erwarten. Gerade noch im Kino und auf meinem Zettel sind „Auftrag: Rache“, Mel Gibsons erster Film als Schauspieler seit sieben Jahren, und der Agententhriller „From Paris with Love“ – beides wohl bestenfalls solide Genre-Kost. Paul Greengrass‘ Irak-Kriegsfilm „Green Zone“ kommt auch noch in Frage.

Ansonsten sieht es recht düster aus. „The Blind Side“ hat Sandra Bullock einen Oscar gebracht, aber auch den hartnäckigen Ruf eines tränenseligen Rührstücks. „Brooklyn’s Finest“ wiederum klingt nach klassischem Gangsterkino ohne besondere Merkmale, „Der Kautions-Cop“ vereint Jennifer Aniston und Gerard Butler in einer romantischen Komödie, die dem Trailer nach zu urteilen auch nicht zum Kino-Pflichtprogramm gehört. Einzig das Drama „Greenberg“, in dem Ben Stiller mal nicht den Kasper spielt, könnte richtig interessant sein.

Den „Kampf der Titanen“ werde ich mir auch eher klemmen, nach großem Kino sieht die Mischung aus GCI-Action und Motiven/Figuren des antiken Griechenlands nicht aus. Ähnliches gilt für die Cop-Komödie „Cop Out“ mit Bruce Willis, die kann sicher – wenn überhaupt – auch in ein paar Monaten auf DVD genossen werden. Ungefähr auf diesem Level geht es dann bis zum 6. Mai weiter, wenn „Iron Man 2“ die offizielle Blockbuster-Saison einleitet.

Precious

Der neue Film von „Shadowboxer„-Regisseur Lee Daniels hat in den USA für viel Aufsehen gesorgt. „Precious“ handelt von einer übergewichtigen schwarzen Teenagerin in Harlem anno 1987, also zur Hochzeit der ersten Crack-Epidemie. Sie erwartet ihr zweites Kind – beide vom Lebensgefährten ihrer Mutter (Mo’Nique). Die wiederum ist ein wandelnder Alptraum, eine verbitterte Frau, die alle ihre Launen und Unsicherheiten an ihrer Tochter auslässt. Nur in Tagträumen kann Precious (Gabourey Sidibe) ihrem trostlosem Alltag entkommen – bis sie von der Schulbehörde auf eine spezielle Schule geschickt wird und so etwas wie eine Perspektive fürs Leben bekommt.

Die Szenerie ist bedrückend, die Leistungen der Schauspieler gehen unter die Haut. Schonungslos ist man dem Geschehen als Zuschauer ausgeliefert. „Precious“ hat in den USA viele gute Kritiken (und zurecht auch Oscarnominierungen für Mo’Nique und Sidibe) bekommen, aber auch einstecken müssen. So wurde etwa behauptet, der Film inszeniere Afroamerikaner einseitig als hilfsbedürftige Sozialversager. Dagegen haben sich die Produzenten – u.a. Fernseh-Übermutter Ophrah Winfrey – heftig gewehrt und den tragischen Realismus verteidigt. Sehenswert ist der Film allemal, wenngleich das düstere Sozialdrama trotz einiger Lichtblicke sehr schwer verdaulich ist. In all dem Elend ist zwar noch Menschlichkeit zu finden, aber ob man sich auf die Suche danach machen möchte sollte man sich vorher gut überlegen.

4/5

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Harry Brown (DVD Import)

Sir Michael Caine ist inzwischen 76 Jahre alt, hat aber offenbar nicht vor, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen. In „Harry Brown“ spielt Caine die Titelfigur, einen einsamen Rentner in einem heruntergekommenen Stadtteil  von London. Kriminalität bestimmt den Alltag, gleich zu Beginn zeigt der Film in drastischen Szenen, wozu die gelangweilten, mit allen möglichen Drogen aufgeputschten Jugendlichen so fähig sind. Sie terrorisieren die gesamte Nachbarschaft, wer sich ihnen in den Weg stellt wird schlicht überrollt.

Ald die Gang Harrys einzig verbliebenen Freund ermordet, und die Polizei scheinbar ohne Beweise dasteht, ist für Harry der Ofen aus. Als ehemaliger Soldat mit Waffen und Gewalt vertraut nimmt er den Kampf mit den Kids auf. Das ganze macht mehr als nur ein paar Anleihen bei Klassikern wie „Ein Mann sieht rot“. Leider gehört „Harry Brown“ nicht zu den Rache-Filmen, die ihre Handlung und/oder die Hauptfigur auch kritisch hinterfragen.

Weil sich die Story nicht mal bemüht, die sozialen Mißstände in Harrys Stadtteil (gedreht wurde im Aylesbury Estate in Walworth) zu thematisieren ist der Film letztlich ohne erzählerische Tiefe. Die Figur von Harry ist durchaus glaubwürdig, und Caine wäre nicht Caine wenn er sie nicht überzeugend spielen würde. Doch seine Widersacher in der Story sind allesamt wandelnde Klischees.

Ein junger Krimineller mit sadistischen Neigungen und ein paar Junkies, die in ihrer Drogenhölle eine junge Frau beinahe verrecken lassen, werden schrecklich übertrieben und vereinfacht als Bösewichter benutzt, über deren Ableben sich der Zuschauer dann freuen soll. Am Ende kommt dann noch eine kleine „Überraschung“ dazu, die den reaktionären Charakter des Films aber nicht mehr verändert.

Die Inszenierung ist visuell sehr gelungen, und die Story hat durchaus Qualität was die realistische Milieuzeichnung angeht. Die Entwicklung der Hauptfigur und das Abdriften eines ganzen Stadtteils in die Gewalt – das sind die Stärken des Films. Leider vernachlässigt er zugunsten seiner genretypischen Handlung die Notwendigkeit, das Geschehen in seiner ganzen sozialen Dimension zu präsentieren. Dadurch wird „Harry Brown“ zum Plädoyer für Selbstjustiz und einen hart durchgreifenden Polizeistaat, das zwar zu unterhalten weiß, in seiner Aussage aber schwer bis gar nicht verdaulich ist.

2/5

Capitalism – A Love Story (DVD)

Michael Moore und seine Sicht der Welt ist hinreichend bekannt. Man kann ihn mögen oder hassen, sein Talent für unterhaltsame, polemische Dokumentationen ist nicht zu leugnen. Die Finanzkrise ist für Moore ein gefundenes Fressen. In seinem sarkastisch „Capitalism – A Love Story“ betitelten neuen Film zeichnet Moore ein düsteres Bild der USA und gibt einmal mehr den Anwalt der kleinen Leute. Sehr viele Höhepunkte hat der Film nicht zu bieten, aber wenn Moore ins Schwarze trifft, dann auch richtig.

So ist die Nachricht, dass die Lücke zwischen Arm und Reich immer größer wird, nicht neu. Mit welcher zynischen Präzision sich aber ein Memo der Citigroup dieser Tatsache annimmt (natürlich im Bestreben für die Reichen noch mehr rauszuholen) ist dann doch beängstigend. Denn es wird überdeutlich, dass für deren Verfasser soziale Verantwortung und Gemeinwohl keine relevanten Größen in ihren Gleichungen sind. Sie haben nur ein ungutes Gefühl, dass sich bei den Massen Widerstand regen könnte – denn der wäre angesichts der Realität nur zu verständlich…

Ebenso zeichnet Moore schlüssig nach, wie seit den Tagen von Schauspieler-Präsident Ronald Reagan Konzerne und Finanzindustrie durch Lobbyismus extrem an Einfluss gewonnen haben. Den Wählern wird einfach solange vorgegaukelt, man stehe für ihre Interessen ein, bis sie das glauben. Dabei wählen die Amerikaner ja zum Glück (für die Lobbyisten) traditionell mit dem Herzen (für/gegen Waffenbesitz oder Abtreibung) und nicht mit dem Portemonaie. So verzeihen sie ihrem Präsidenten auch Milliardengeschenke an Superreiche. „Steuersenkung“ klingt ja schliesslich immer gut!

Wenn Moore hingegen mit einem Geldtransporter bei den Banken vorfährt, um die Steuergelder des Rettungspakets wieder einzusammeln („You can trust me!“) ist das zwar durchaus komisch, aber pure Unterhaltung. Auch mit den Portraits der ‚kleinen Leute‘, die ihr Haus im Zuge der Krise verloren haben, kann Moore nur bedingt punkten. Sicher, sie haben Finanzprodukte genutzt, die ethisch fragwürdig sind. Aber ihr Motiv war dasselbe wie das der Anbieter. Sie waren gierig und wollten mehr.

Das wiederum ist symptomatisch für das Dilemma in Moores Filmen. Der kleine Mann ist immer der Dumme, aber er verhält sich auch selten wie ein mündiger Bürger in einer freien Welt. Wer Finanzprodukte nicht versteht muss sie auch nicht kaufen. Sparkonten gibt es auch in den USA genug, nur eben ohne die Hammer-Rendite.

Wie man es dreht und wendet, „Capitalism – A Love Story“ ist eine interessante Reise durch die USA. Moores Kapitalismus- und Gesellschaftskritik ist berechtigt. Und auch der Blick in die US-Verfassung, mit der Erkenntnis, dass darin von „free enterprise“ oder gar „capitalism“ keine Rede ist, muss erlaubt sein. Am Ende hat man eine Menge Stimmen zum Thema gehört, eine Lösung ist dennoch nicht in Sicht. Das wäre aber auch eine allzu hohe Erwartung an eine Dokumentation.

Weil Moores Filme das Publikum polarisieren wird seine Message auch bei diesem Film letztlich nur bei denen ankommen, die ohnehin schon ähnlicher Meinung sind wie er selbst (ich meine damit auch mich). Es ist trotzdem äußerst legitim den Finger in die Wunde der Finanzkrise zu legen und eine gute alte Grundsatzdebatte über Selbstverständnis und Ziele eines Gemeinwesens/Nationalstaates anzuregen. Erst recht, wenn man einen Fürsprecher wie Präsident Franklin D. Roosevelt hat. Der hatte kurz vor seinem Tod gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine zweite ‚Bill of Rights‘ im Sinn – die Moore nun wieder ins Gespräch bringen will.

4/5

[Update: Bin mal gespannt, ob Obamas Gesundheitsreform das Versprechen FDRs in Teilen einlösen kann – oder nur die Staatsverschuldung in irre Höhen treibt…]

Shrink (DVD)

Hätte ich beinahe vergessen: Kevin Spacey ist nun auch in Deutschland als „Shrink“ zu sehen, wenn auch nur auf DVD. Ohne dem Film Böses zu wollen – im Heimkino ist der Film auch gut aufgehoben. Zwischen Drama und Tragikomödie angesiedelt kann sich „Shrink“ durchaus sehen lassen. Die Story kreist um den Psychiater Henry Carter (Spacey), der sich nach dem (Unfall-)Tod seiner Frau hemmungslos Trauer und Hoffnungslosigkeit hingibt. Seinen Patienten kann er nicht mehr wirklich helfen, als selbstgewählte „Therapie“ wählt er konsequentes Dauerkiffen.

Erst ein angehender Drehbuchschreiber und zwei interessante Patienten können Henry langsam von seiner Lethargie befreien. „Shrink“ ist ein kleines, aber feines Independent-Drama, mit einigen sehenswerten Schauspielern. Safran Burrows, Dallas Roberts, Mark Webber, außerdem Robin Williams und Robert Loggia als Henrys Vater bieten wunderbare Leistungen. Das Drehbuch ist clever, psychologisch stimmig und variiert  bekannte Themen auf interessante Weise. Das ist nicht eben die Neuerfindung des erzählerischen Rades, aber immer noch ein richtig guter Film.

4/5

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Und nach den Oscars?

Bei Virginmedia.com haben die Kollegen mal zusammengestellt, was die aktuellen Oscar-Preisträger jeweils als nächstes auf dem Zettel stehen haben. Wer also wissen will, in welchen Rollen Jeff Bridges, Christopher Waltz und Konsorten demnächst zu sehen sein werden und was Pixar für neue Filme plant, der riskiere hier einen Blick

PS: Mein Favorit ist die Einschätzung der Lage bezüglich Christoph Waltz: „…he looks set to become Hollywood’s new favourite bad guy (which will probably put a lot of English actors out of work)..“ Ich hoffe für Gary Oldman und Alan Rickman bleiben noch ein paar fiese Rollen über!

The Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans

Die Konstellation ist schon ungewöhnlich. Der deutsche Regisseur Werner Herzog („Fitzcarraldo“, „Grizzly Man“) dreht eine Art Remake von Abel Ferraras „Bad Lieutenant“. Ferrara war wenig begeistert und ließ ausrichten „I wish these people die in hell.“. Herzog wiederum erwiderte er habe dessen Film von 1992 nie gesehen, sein Produzent habe ihm den Titel ‚aufgedrückt‘. Wie auch immer, ein paar Gemeinsamkeiten haben die Filme schon: In beiden geht es um einen bösartigen, unmoralischen Cop, dessen Leben dem endgültigen Abgrund entgegen taumelt.

Bei Ferrara war das Harvey Keitel, der in New York die Vergewaltiger von zwei Nonnen jagte, sich dabei für seine Sünden reinzuwaschen versuchte und letztlich seiner Spielsucht zum Opfer fiel. Herzog schickt in New Orleans Nic Cage als Terence  McDonagh ins Rennen. Während des Hurrikans Katrina rettet Terence einem Gefangenen das Leben und wird zum Lieutenant befördert. Chronische Rückenschmerzen, die er mit allen möglichen Drogen und Pillen bekämpft, erinnern ihn täglich an seine Heldentat.

Seinem Job geht Terence zynisch und gewissenlos nach, bei jeder Gelegenheit nimmt er harmlosen Jugendlichen ihre Party-Drogen ab, seine Spezialität ist die Nötigung vermeintlicher Krimineller – irgendwas ist immer für ihn drin. Seine freie Zeit verbringt er entweder mit Edel-Nutte Frankie (Eva Mendes) in deren Hotelzimmer oder mit seinem Buchmacher – bei dem er höhere Beträge auf College-Footballspiele setzt. Einen fünffachen Mord im Drogenmilieu soll Terence bald aufklären, und er geht dabei mit den fragwürdigsten Methoden vor, die man sich vorstellen kann.

Werner Herzogs Version des Materials geht ein paar ungewöhnliche Wege. Er baut unwirkliche Szenen von wilden Tieren in die Handlung ein, das Publikum betrachtet das Geschehen dann hin und wieder aus dem Blickwinkel eines Aligators oder zweier Echsen. Sein Blick auf das finstere Geschehen ist kühl und beobachtend, vereinzelt aufgelockert mit einem sehr eigenen Humor – oder etwas, was Humor durchaus ähnelt. Fressen oder gefressen werden sind die scheinbar einzigen Alternativen. Für das religiöse Vergebungsmotiv, das im ‚Original‘ des Katholiken Abel Ferrara im Vordergrund steht, hat Herzog keine Verwendung.

Nic Cage überzeugt als drogenvernebelter Cop auf Abwegen, dessen Leben zunehmend auf reine Schadensbegrenzung auf dienstlicher und privater Ebene hinausläuft. Eine Flucht aus dem selbstverschuldeten Elend und vor den bedrohlichen Konsequenzen seiner Eskapaden wird immer unwahrscheinlicher, „Port of Call – New Orleans“ dreht die dramatische Schraube an allen Fronten so fest wie möglich. Überzeugen tut dabei die scharfe Zeichnung der zahlreichen Nebenfiguren (u.a. Rapper Xzibit als Drogenboss und Tom Bower als Terence‘ Vater), die nicht in die üblichen Genre-Klischees hineinpassen wollen.

In den knapp zwei Stunden dieser Odyssey durch die kriminelle Unterwelt von New Orleans sind durchaus ein paar Längen und Wiederholungen zu finden. Doch die Story findet immer neue Wege dem Publikum etwas zu bieten – auch wenn die sicher nicht jedermans Sache sind. Mit klassischem Cop-Kino hat der Film von der Machart her wenig zu tun, Herzogs Hintergrund als eigenwilliger und intellektueller Autorenfilmer scheint auch dann durch, wenn typische Szenen des Gangsterkinos (Stichwort Schießerei) zelebriert werden. Insgesamt darf diese „Bad Lieutenant“-Variante als im besten Sinne interessant bezeichnet werden. Man darf nur auf keinen Fall einen handelsüblichen Hollywoodthriller erwarten…

4/5

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Public Enemy No. 1 – Todestrieb (DVD)

Wie jüngst hier berichtet hat mir „Mordinstinkt„, der erste Teil der Jacques-Mesrine-Saga, eine Menge Spaß gemacht. Heute war also Teil zwei an der Reihe. In „Todestrieb“ geht es – nun in den 70ern – zunächst weiter wie zuvor. Banküberfall folgt auf Banküberfall, der Festnahme folgt der Gefängnisausbruch. Mesrine hat ein paar Pfunde zugelegt, versprüht aber immer noch eine Menge kriminelle Energie und diabolischen Charme.

Eine neue junge Frau an seiner Seite (gespielt von Ludivine Sagnier) ist dabei, und auch ein neuer Partner. Bald ist Mesrine wieder auf Achse wie zu besten Zeiten. Von Paris ans Mittelmeer, nach London und zurück. Seine Attitude und auch seine Methoden sind dieselben, doch die Zeiten sind andere geworden. Die Politik bestimmt das Geschehen, die linken Terrorgruppen in Italien, Deutschland und anderswo machen große Schlagzeilen.

Der politische Ballast steht „Todestrieb“ dabei nicht sehr gut zu Gesicht. Mesrine gefällt sich als Enfant Terrible, das sich nur widerwillig vor den Karren einer Ideologie spannen lässt. Eigentlich ist die Figur Tony „Scarface“ Montana deutlich näher als linken Klassenkämpfern – sie will ein Leben im Luxus, liebt das Gefühl von Macht  und Gefahr. Das jedoch wurde in „Mordinstinkt“ bereits mehr als deutlich. Was da noch aufregend und aus zeitgeschichtlicher Sicht interessant war wird nun ohne große Steigerung weitergeführt.

Ob die Story dabei dem realen „Vorbild“ treu bleibt oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Was die Spannungs- und Überraschungsmomente angeht kann man sich kaum beklagen, auch wenn die zahlreichen Ballerszenen irgendwann zur Routine werden – trotz der weiterhin gekonnten und realistischen Inszenierung. Mich jedenfalls hat „Todestrieb“ nicht mehr wirklich fesseln können, was sicher auch an den gestiegenen Erwartungen lag.

Aber wenn man so eine Gangster-Saga in zwei Teile teilt, dann sollte man sich eben auch ein paar Highlights für den Schluss aufbewahren, siehe „Kill Bill“. „Todestrieb“ bemüht sich gegen Ende, die Tradition des französischen Politthrillers aufleben zu lassen und auf dieser (film-)geschichtlichen Note zu enden. So richtig passen tut das aber nicht. Die runden vier Stunden, die beide Filme zusammen benötigen, ergeben kein sonderlich großes oder rundes Ganzes, haben aber genug Qualitäten, um den Zeitaufwand solide zu rechtfertigen.

3/5

Everybody's Fine

Ich versuche mal, es gleich auf den Punkt zu bringen: „Everybody’s Fine“ ist sowas wie „About Schmidt“, aber in uninteressant und betont rührselig. Robert De Niro spielt Frank Goode, einen frisch verwitweten Rentner, dem allein zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Weil seine vier Kinder allesamt – unter fadenscheinigen Ausreden – dem Familientreffen über die Feiertage fernbleiben macht er sich auf den Weg, sie ohne Vorankündigung selbst zu besuchen. Dabei muss er nach New York City, Chicago und Las Vegas reisen, kann aber wegen seines Gesundheitszustandes nur Bus und Bahn nehmen.

Sohnemann Nummer eins ist der Maler David in New York. Frank übernachtet bei ihm vor der Haustür, weil er ihn nicht antrifft macht er sich auf den Weg zu Amy (Kate Beckingsale), dann zu Robert (Sam Rockwell), schließlich zu Rosie (Drew Barrymore). Im Laufe der Handlung werden zwei Dinge deutlich. Erstens, Frank hat als Vater nicht alles richtig gemacht, zweitens, David ist nicht einfach nur nicht zuhause, er ist in ernsten Schwierigkeiten in Mexiko.

Leider nimmt das Drama nie richtig Fahrt auf, sondern plätschert so vor sich hin. Nicht, dass der Film besonders schlecht wäre, aber ihm fehlen bemerkenswerte Szenen, die das Pubikum aufhorchen lassen. De Niro spielt seinen Part überzeugend, ist jedoch auch die einzige Figur mit sowas wie Tiefgang. Seine Kinder spielen in dem versöhnlichen Wohlfühl-Drama uninteressante Nebenrollen, die einzig dem Drehbuch verpflichtet sind. „Everybody’s Fine“ ist solide und emotional nachvollziehbar, aber auch langweilig und vorhersehbar. Es fehlen spannende, unerwartete Entwicklungen, die für Überraschungen sorgen. Am Ende überwiegt der Eindruck, einen Film von der Stange zu gucken. One size fits all, aber richtig gut sieht es einfach nicht aus…

2/5

Hollywood-Filme demnächst an der Börse?

Vor ein paar Jahren startete das Spaß-Projekt „Hollywood Stock Exchange„, bei dem man als Spieler Aktien von Filmen kaufen konnte. Hat ein Film dann kräftig Kasse gemacht ging die Aktie durch die Decke, Flops rissen Löcher in die Kasse. Die virtuelle Zockerei ähnelt ein bißchen dem von der Sparkasse veranstalteten „Planspiel Börse“.

Nun soll es aber reale Wetten geben, in denen Anleger auf Erfolge und Mißerfolge von Hollywood-Filmen spekulieren können. Wie die Süddeutsche Zeitung hier online berichtet will ein amerikanischer Broker eine Börse anbieten, bei der man sein Marktwissen zu Geld machen kann. Immer vorrausgesetzt, mal liegt richtig, versteht sich.

Ob es wirklich Anleger gibt, die große Summen auf Filme setzen von denen es noch nicht mal einen Trailer oder ein Marketing-Konzept gibt darf allerdings bezweifelt werden. Und bei ohnehin zum Erfolg verdammten Streifen wie „Transformers“ oder „Pirates of the Caribbean“-Sequels dürfte es auch im „Erfolgsfall“ nicht sehr viel zu verdienen geben…

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt (DVD)

Letzten Spätsommer gingen die zwei Teile von „Public Enemy No. 1“ im Kino an mir vorbei. Unter anderem deshalb, weil mir der Trailer nicht sonderlich gefiel. Nun aber, nachdem ich den ersten Teil mit dem nicht sehr subtilen deutschen Titel „Mordinstinkt“ gesehen habe, bereue ich das ein wenig. Die Filme basiert auf dem Leben des realen Gangsters Jacques Mesrine (gespielt von Vincent Cassel), nehmen sich dabei aber sicher einige künstlerische Freiheiten.

Das Tempo der Story ist flott, von Mesrines Erfahrungen im Algerienkrieg anno 1959 geht es nach Paris, wo er als Gangster unter der schützenden Hand von Guido (Gerard Depardieu) an Einfluss gewinnt. Drei Frauengeschichten, zwei Kinder, etliche Überfälle und einen Haufen Tote später erfindet sich Mesrine 1968 mit seiner neuen Liebe Jeanne (Cecile De France) im kanadischen Quebec neu, und legt sich dort sehr bald  mit den Autoritäten Nordamerikas an – vorläufige Endstation ist ein Hochsicherheitsgefängnis.

Visuell bedient sich „Mordinstinkt“ bei klassischen US-Gangsterfilmen, setzt auf lange Kamerafahrten und explizite Gewaltszenen.  Anleihen beim „Paten“ oder Scorseses „Goodfellas“ sind nicht zu übersehen. Doch der Film findet seinen eigenen Ton, was das Szenario und die Hauptfigur angeht. Mesrine ist ein Soziopath und eiskalter Verbrecher, was sich zum Teil durch seine Vergangenheit erklärt. Er macht Karriere in der Unterwelt, weil er für einen bürgerlichen Beruf zu ungeduldig ist und ohnehin nach seinen eigenen Gesetzen lebt.

Psychologisch gesehen ist es manchmal etwas dünn, was der Film seinem Publikum verkauft.  Doch vor allem Vincent Cassel (auch in deutscher Übersetzung) spielt groß auf und verleiht Mesrine einen „Scarface“-artigen Charme. Die Handlung hält ihr hohes Tempo ohne große Glaubwürdigkeitsverluste, lediglich einige dramaturgische Sprünge fallen ins Auge. „Mordinstinkt“ kommt erfrischend und unterhaltsam daher, obwohl alle Zutaten – Banküberfälle, Schießereien, Gefängnisausbrüche, Medienrummel –  hinreichend bekannt sind. Den zweiten Teil der Saga, „Todestrieb“, werde ich mir in Kürze auf jeden Fall mit deutlich gesteigerten Erwartungen zu Gemüte führen…

4/5

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