Apocalypto

Nachdem Mel Gibson im Sommer besoffen am Steuer festgenommen wurde und dabei auch noch antisemitische Äußerungen von sich gab schien seine Karriere einen endgültigen Tiefpunkt erreicht zu haben. Sein voriger Film „Passion Christi“, dem einige Kritiker ebenfalls eine Tendenz zum Antisemitismus vorwarfen, hatte sein Image als fundamental-christlicher Wirrkopf etabliert. Durch den Vorfall im Sommer jedoch wurde Gibson für viele führende Köpfe in Hollywood untragbar. Einen Verleih für sein neuestes Werk „Apocalypto“ hat er in Disneys Buena Vista trotzdem gefunden, produziert hat er den Film durch seine Firma Icon Productions selbst. So steht das Publikum vor einem schwierigen Dielmma. Kann man sich guten Gewissens einen Film ansehen, dessen Regisseur höchstwahrscheinlich judenfeindliche Ansichten hat? Wer Gibson aus diesem Grund boykottiert, tut dies mit gutem Recht. Es ist aber ebenso legitim, den Film zunächst eigenständig zu bewerten, ohne ihn dabei blind von seinem Schöpfer zu trennen. Und um es vorweg zu nehmen, der Film bietet eine Menge Stoff für Diskussionen. Aber er spielt zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Reich der Maya, und bietet wenig bis keine Angriffsfläche, ihn mit der Debatte um seinen Regisseur in Verbindung zu setzen. Gedreht mit gänzlich unbekannten (Laien-)Darstellern und in einer wohl authentischen indianischen Sprache lässt „Apocalypto“ das Reich der Maya in Mittelamerika auf der Leinwand auferstehen. Der Beginn ist – abgesehen von der erfolgreichen Jagd eines Tapirs – weitgehend friedlich. Gezeigt wird das Leben eines kleinen Stammes, der in einem Dorf tief im Urwald lebt. Zur Identifikationsfigur für den Zuschauer dient der junge Jäger Jaguarpfote, dem als Sohn eines Anführers eine besondere Verantwortung zukommt. Er wohnt mit seiner schwangeren Frau und seinem Sohn in einer kleinen Hütte, umgeben von einem Gemeinwesen, in dem auch der Humor nicht unbekannt ist.

Mit dem Frieden ist es bald vorbei. Eine Gruppe finsterer Krieger überfällt das Dorf im Morgengrauen und überwältigt und tötet alle seine Bewohner. Jaguarpfote kann grade noch seine Familie in ein Versteck bringen, muss dann aber mit ansehen, wie die Eindringlinge seinem Vater die Kehle durchschneiden. Die Kette von ineinandergreifenden Ereignissen ist damit in Gang gesetzt, der Rest des Films besteht im Wesentlichen aus drei Teilen. Zunächst werden die Einwohner gefesselt und in einem langen Gewaltmarsch durch den Urwald getrieben. Ihr Ziel ist eine beeindruckende Stadt, in der sich die herrschenden Klassen von Sklaven ihre Tempel bauen lassen. Finsterer Höhepunkt ist eine Zeremonie, in der ein Hohepriester dem Sonnengott mehrere Menschenopfer bringt. Eine Sonnenfinsternis beendet diesen zweiten Teil, es folgt in der letzten knappen Stunde des Films eine schier endlose Verfolgungsjagd auf Jaguarpfote, der es geschafft hat seinen sadistischen Peinigern zu entkommen.

Auf der Leinwand gibt es dabei immer etwas zu entdecken. Ohne viel Vorwissen und ohne bestimmte vorgefertigte Bilder im Kopf kann man diese unbekannte Welt vollständig neu entdecken, mit all ihren Rätseln, Traditionen und Ritualen. Das ist es, was „Apocalypto“ aus der Masse aller Filme dieses Jahres heraushebt. Wie sonst nur in Terence Malicks „The New World“ gibt es etwas völlig neues, im Kino so nicht dagewesenes zu sehen. Diese Faszination, mit der man sich den in überwältigenden Bildern gefilmten Eindrücken widmet, ist den Gang ins Kino allein bereits wert. Gleichzeitig muss jedoch gewarnt werden. Der Film ist extrem brutal und enthält einige schlichtweg widerliche Szenen, die sich manche Zuschauern ganz sicher nicht zumuten möchten. Abgeschlagene Köpfe, unzählige Leichen, noch schlagende menschliche Herzen, massenhaft Blut und auf jede erdenkliche Weise malträtierte Körper nehmen einen großen Teil des Geschehens ein.

Hier aber stellen sich auch kritische Fragen. Sind die sadistischen Exzesse authentisch? Oder benutzt Gibson diese untergegangene Zivilisation nur, um vor exotischer Kulisse einen eingeboren „Indiana Jones“ zum Actionhelden machen zu können? Soll das alles am Ende nur Unterhaltung sein? Fest steht, dass der Film sein Publikum herausfordert. Es bleibt eindeutig dabei, Mel Gibson philosophiert mit dem cineastischen Hammer. Vielleicht ist es auch schon ausgewachsener Größenwahnsinn, wenn sich ein Regisseur nach der Leidensgeschichte Christi gleich den Untergang eines ganzen Volkes vornimmt.

Auch die möglichen Querverweise des Films auf die Gegenwart sind vielfältig zu interpretieren. So macht der Film deutlich, dass die Hohepriester eigentlich Scharlatane sind, die ihrem Volk eine Sonnenfinsternis (die sie als solche erkannt und sogar auf die genaue Uhrzeit bestimmt haben) als göttliche Intervention verkaufen. Sklaverei und Expansion, sowie fehlender Respekt vor dem Individuum werden eindeutig als Gründe für den inneren Zerfall der Maya ausgemacht. Betrachtet Gibson also Freiheit, Bescheidenheit und Individualismus als die höchsten Werte jedes Gemeinwesens? Auch die Rolle der europäischen Eroberer lässt „Apocalypto“ offen, ihre Ankunft liegt am Ende zwar in der Luft, das Aufeinandertreffen der verschiendenen Kulturen ist aber nicht mehr Teil des Films.

Als Abenteuer- und Actionfilm verdient sich „Apocalypto“ zweifellos Bestnoten. Wer die grenzenlose Gewalt auszuhalten vermag bekommt einen lohnenswerten Ausflug in die Geschichte zu sehen, ein am Ende rasendes Spektakel, das, ob man es mag oder nicht, sicher niemandem langweilig wird. Über den (untertrieben gesagt nicht ganz unwichtigen) Realitätsgehalt müssen jedoch andere urteilen. Mein Interesse für die Zivilisation der Maya ist jedenfalls durch den Film eindeutig gestiegen. Und wenn es auch manchmal schwerfiel, hinzusehen, gehörte dieser Gang ins Kino zu den unvergesslichsten der letzten Jahre.

8/10

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