Das Parfum

Es war ein langer Weg bis Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“ den Weg auf die Leinwand gefunden hat. Lange Zeit – so heißt es – weigerte sich der Autor die Rechte für eine Verfilmung zu verkaufen. Schließlich hat er es doch getan, und der deutsche Produzent Bernd Eichinger („Der Name der Rose“) griff dankbar zu. Er heuerte mit Tom Tykwer einen renommierten Regisseur an und stellte ein für europäische Verhältnisse astronomisches Budget von kolportierten 50 Mio. Euro auf die Beine. Das Ergebnis ist eine aufwändige und schön anzuschauende Literaturverfilmung. Kein Meisterwerk, aber angesichts der schwierigen Vorlage eine gelungene Umsetzung des Stoffes.Dabei ist der Beginn wenig vielversprechend. Schauplatz ist zunächst das verlotterte und stinkende Paris Mitte des 18. Jahrhunderts. Von der Geburt des Antihelden Grenouille unter der Fischtheke bis zum Verlassen des Waisenhauses ist ein Off-Kommentar (im Original gesprochen von John Hurt) bemüht, uns die Welt dieses besonderen Kindes zu verdeutlichen. Die andauernden Nahaufnahmen seiner Nase und das ständige Schnüffeln derselben verfehlen dabei leider ihre Wirkung, denn wie es das Medium Kino so will: Der Zuschauer riecht dabei nichts. Nach kurzer Zeit jedoch findet „Das Parfum“ besser in seine Geschichte. Jean-Baptiste Grenouille, nun dargestellt von Ben Wishaw, heuert beim alten Meister-Parfümeur Guiseppe Baldini (Dustin Hoffman) an. Dessen beste Tage sind lange vorbei, er ist an seinem Tiefpunkt damit beschäftigt, ein Parfum der Konkurrenz zu fälschen.

Kein Problem für Grenouille, dessen überragender Geruchssinn es ihm ermöglicht aus dem Stehgreif ein noch viel besseres Duftwasser herzustellen. Abgesehen von seiner großen Begabung ist er jedoch aufgrund seiner Herkunft ein ungebildeter, linkischer junger Mann geblieben, der vom Leben wenig versteht und einzig von seiner Nase gelenkt wird. Sein besonderes Interesse gilt dem für ihn unwiderstehlichen Duft junger Frauen, dessen er unbedingt habhaft werden muss. Seine Zeit bei Baldini ist recht schnell vorüber, und Grenouille ist auf dem Weg nach Grasses, wo es ihm gelingen soll, diesen Geruch zu konservieren. Bald hat er die nötige Technik entwickelt, und für seine Obsession geht der Außenseiter über Leichen.

Die größte Herausforderung, der sich die Macher des Films stellen mussten, liegt darin, Bilder für die von Gerüchen bestimmte Welt der Geschichte zu finden. Etwa in der Szene, in der Baldini ein von Grenouille entworfenes Parfum zum ersten Mal riecht und sich sein Labor in einen farbenfrohen Blumengarten verwandelt, gelingt das hervorragend. Immer dann, wenn nicht das Riechen selber, sondern der Effekt der Gerüche im Vordergrund steht, macht der Film seine Sache sehr gut. Das größte Problem der Geschichte ist das Innenleben seiner Hauptfigur. Was Grenouille da im Schilde führt, und vor allem, was er damit bezweckt, bleibt lange etwas unklar. Die Logik seines kranken Geistes auf die Leinwand zu bringen ist eine harte Nuss, die „Das Parfum“ nicht immer zu knacken weiß.

Regisseur Tom Tykwer erzählt in opulenten, wunderbar ausgestatteten Bildern vom Leben seiner Hauptfigur, zumeist unterlegt von einem opernhaften, angemessen pathetischen Soundtrack. Doch für ein paar Schlüsselszenen benötigt er einen Off-Kommentar, der dem reinen, unmittelbaren Erleben etwas im Wege steht. An einigen Stellen wäre er vielleicht gar nicht nötig gewesen, andererseits wäre die Handlung für alle jene, die das Buch nicht kennen, möglicherweise komplett unverständlich geworden. Wer die Vorlage kennt, hätte auch ohne sie auskommen können.

Die Besetzung dagegen ist ein großes Plus des Films. Aus praktischen Gründen hat man sich für eine englischsprachige Besetzung entschieden, obwohl das ganze in Frankreich spielt. Ben Wishaw wandelt auf schmalem Grad zwischen Wahnwitz und Irrsinn auf der einen und Unsicherheit und Empfindsamkeit auf der anderen Seite. Die erst 16-Jährige Rachel Hurd-Wood spielt Laura, die schönste aller Jungfrauen, die Grenouille für sein Parfum unbedingt benötigt. An ihrer ätherischen, durch volles, rotes Haar betonten Schönheit kann sich der Film kaum sattsehen und inszeniert sie dementsprechend beinahe over-the-top. Aber auch nur beinahe, schließlich soll ihre Schönheit das Äquivalent dieses schönsten aller Düfte sein. Sichtbar Spaß an ihren Rollen haben Dustin Hoffman und Alan Rickman, der als reicher Grundbesitzer und Lauras Vater dabei ist.

Mit knapp zweieinhalb Stunden nimmt sich „Das Parfum“ viel Zeit für seine Geschichte. Änderungen an der Vorlage sind minimal, abgesehen von Grenouilles stark verkürztem einsamen Aufenthalt in den Bergen. Höhepunkt des Films ist – wenig überraschend – die große Szene, in der Grenouille vor den Augen der Massen hingerichtet werden soll. Diesen Ausbruch des Wahnsinns verbindet der Film mit der endgültigen Selbsterkenntnis seines Antihelden, während zu seinen Füßen hunderte von Menschen, von seinem Geruch betört und wie von Sinnen, zu einer riesigen Orgie hingerissen werden. Es sind genau diese stimmungsvollen, intensiven Bilder, die dem Film einen Anflug von Größe verleihen. Produktionen dieser Größenordnung sind in Europa immer noch Ausnahmen, und es macht Freude zu sehen, daß sie trotzdem gelingen können.

8/10

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