Top Ten Neo-Noir

Noch immer diskutieren Fach- und Fankreise darüber, ob ‚Film Noir‘ nun ein eigenes Genre ist, oder, wie Drehbuchautor Paul Schrader glaubt, lediglich eine Stimmung, ein Rahmen, der Stil, Atmossphäre und typische Themen vorgibt. Dasselbe gilt logischerweise auch für den noch schwammigeren Begriff vom Neo-Noir. Meine kurze Definition: jene Filme die seit den 70er Jahren die Charakteristika der alten Noirs wieder aufgreifen und neu variieren. Noch Fragen?

LA Confidential (1997)
Obwohl, oder vielleicht gerade weil Regisseur Curtis Hanson in seiner Verfilmung von James Ellroys Roman einen der wichtigsten Handlungsfäden einfach weglässt, steht „LA Confidential“ in dieser Liste. Die Geschichte dreier Polizisten in einem von Korruption und Mißgunst geprägten Umfeld ist stimmig, spannend und sehr unterhaltsam. Die Besetzung der Hauptrollen ist ein wahrer Glücksgriff, selten zuvor waren Spacey, Crowe und Konsorten besser als in diesem nostalgisch-verruchten Krimi.

Body Heat (1981)
Vom Aufbau der Handlung her ganz klassisches Noir-Material gibt es in diesem kleinen Thriller von Bob Rafelson. Kathleen Turner treibt in der Hitze Floridas ihre Spielchen mit dem gutgläubigen William Hurt. Ohne große Effekte und teure Sets baut „Body Heat“ erfolgreich auf seine durchdachte Story und die durchweg glänzenden Schauspieler. Spannend bis zum Schluss beeindruckt vor allem die (damals nie vorher gesehene) Art und Weise, wie die Geschichte zu Ende geht.

The Last Seduction (1994)
Eigentlich fürs US-Kabelfernsehen gedreht hat dieser feine Film doch noch seinen Weg ins Kino gefunden. Im Mittelpunkt steht eine eiskalte Verführerin (Linda Fiorentino), die sich mit großem Geschick ihre finanzielle Freiheit ergaunert ? koste es, was es wolle. Düster und intensiv gespielt ist „The Last Seduction“ ein wunderbares Beispiel dafür, was aus seinem Genre noch alles rauszuholen ist, wenn man es nur ernsthaft probiert.

Chinatown (1974)
Was soll ich sagen, oder besser schreiben, was nicht schon irgendwo anders geschrieben stünde? Roman Polanskis „Chinatown“ ist so gut, dass sich sogar Bücher über den Film glänzend lesen lassen. Ende der Durchsage.

The Long Goodbye (1973)
Nicht so bekannt wie „Chinatown“ ist Robert Altmans in Deutschland unter dem Titel „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ erschienene Verfilmung dieses Romans von Raymond Chandler. Entgegen den Konventionen des Genres hat sein Phillip Marlowe keineswegs immer den Durchblick, dafür hält er sich umso strenger an seinen persönlichen Ehrenkodex. Ein großartiger Film.

Zero Effect (1998)
Noch unbekannter ist dieser Streifen mit Bill Pullman und Ben Stiller. Pullman spielt die ominöse Superspürnase Daryl Zero, die sich in einem undurchsichtigen Plot bestens zurecht findet. Zuweilen grotesk überzeichnet ist „Zero Effect“ sowohl komisch als auch spannend. Die Figur des Privatdetektivs seziert der Film, indem er statt eines coolen Tough Guys einen introvertierten spleenigen Computerfreak präsentiert, dessen Gehversuche in der Realität sich sehr schwierig gestalten. Großes Kino mit kleinem Budget.

Angel Heart (1987)
Mickey Rourkes vielleicht beste Rolle ist die des abgewrackten Detektivs Harold Angel in diesem stimmungsvollen Horror-Noir von Alan Parker. Für seinen Auftraggeber Louis Cypher (Robert De Niro) sucht er nach dem verschollenen Schlagersänger Johnny Favorite. Die Reise führt ihn von New York in den tiefen Süden, wo sich die Ereignisse (und Morde) langsam zu überschlagen beginnen. „Angel Heart“ ist gerade auf DVD erschienen, allerdings bin ich nicht sicher, ob in der originalen FSK-18-Fassung oder der leicht gekürzten Version ab 16.

Mulholland Drive (2001)
David Lynch erzählt in seinem Meisterwerk „Mulholland Drive“ von zwei jungen Frauen in Los Angeles. Die eine leidet an Amnesie (ein Klassiker), die andere hilft bei der Suche nach Spuren aus der Vergangenheit. Der Film beinhaltet noch mehrere Nebenschauplätze, von denen einige erst nach dem zweiten oder dritten Betrachten so etwas wie einen Sinn ergeben. Viele herausragende Szenen helfen über den etwas zerklüfteten Charakter der Handlung hinweg. So machen.

Femme Fatale (2002)
Von der grandiosen Angangssequenz bei einer Filmpremiere bis zur finalen Auflösung des traumartigen Geschehens bietet Brian DePalma in seinem Thriller „Femme Fatale“ alles, was das Herz begehrt. Gleich zwei Mal beginnt der Film praktisch von vorne, ohne sich dabei in den Rücken zu fallen. Ganz nebenbei bedient und unterläuft er alle Erwartungen seines Publikums und überzeugt so letztlich auf der ganzen Linie. Das hat mir Spaß gemacht.

Blue Velvet (1986)
Mit dem Fund eines menschlichen Ohres beginnt David Lynchs Kleinstadt-Szenario, in dessen Verlauf ein junger Mann (und mit ihm die Zuschauer) die dunkle Seite der Provinz kennenlernt. Dennis Hopper gibt den durchgeknallten Bösewicht, Lynchs Ex-Frau Isabella Rosselini ist als Nachtclub-Sängerin dabei. Wenn „Blue Velvet“ aus heutiger Sicht nicht mehr so schockierend und perfide rüberkommt, liegt das vor allem daran, dass er unzählige Nachfolger inspiriert hat, die sich längst im Mainstream etabliert haben.

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