Top-Ten 2005

Wie sicher allen Lesern aufgefallen ist, hat diese Website zur Feier des WM-Jahres 2006 ein neues Layout spendiert bekommen. Die Firma dankt ausdrücklich dem Gran Hermano im valencianischen Exil! Irgendwie ist mit der neuen Optik die Top-10-Liste für das abgelaufene Kinojahr abhanden gekommen, weswegen ich die Liste noch einmal hervorgekramt habe. Los gehts!

1. 2046
Ohne jede Vorkenntnis der Filme von Wong Kar Wai hat mich „2046“ sofort überwältigt. Gerne gestehe ich ein, dass ich die Handlung auch nach erneutem Betrachten auf DVD nicht gänzlich geschnallt habe, aber angesichts der Freude, die mir der Film dennoch wieder gemacht hat ist das eher eine gute Nachricht. Die Chancen stehen sehr gut, dass ich mir die DVD (Vorsicht: Mogelpackung: die Bonus-Scheibe hat den Namen nicht verdient) eigenhändig zum Fest der Hiebe als Geschenk aushändige. Nur ganz selten entfaltet Kino eine Sogwirkung wie dieses melancholische Science-Fiction-Liebes-Drama, deshalb findet sich dieser Film mit einem dicken Ausrufezeichen in den Top-10 des Jahres 2005.

2. A History Of Violence
Ein ausgezeichnetes Beispiel für die endlosen Möglichkeiten, die das Medium Film hat, um sich einem Thema anzunähern. David Cronenberg erweckt vor den Augen seines staunenden Publikums den kaltblütigen Mörder in Viggo Mortensen zum Leben. Doch auch die drastischen Bilder können nicht verhindern, dass man sich unweigerlich auf dessen Seite wieder findet. Als wohl formulierte Antithese zu standardisierten, mit zynischer Routine inszenierten Gewaltszenen funktioniert „A History of Violence“ ebenso gut wie als menschliche Fallstudie des auseinander brechenden Alltags einer oberflächlich durchschnittlichen und glücklichen Familie.

3. Batman Begins
Das Wiedersehen mit dem Fledermausmann ist zugleich der gelungenste Blockbuster des vergangenen Sommers. Mit einer prominenten und gut aufgelegten Besetzung macht Regisseur Christopher Nolan Schluss mit lustig und erzählt von den düsteren Anfängen des Comic-Helden. Zum ganz großen Wurf im Action-Genre fehlt ihm noch etwas, doch leistet sich „Batman Begins“ fast überhaupt keine Schwächen. Der Film ist packend, unterhaltsam, bietet spektakuläre Action und eine Story, die vor allem die zwei letzten Batman-Vehikel in ihrer ganzen Verkorkstheit bloßstellt. Ein Lob deshalb auch an die Produzenten, sie haben die richtigen Leute gefunden, um diesen Stoff weiter zu führen. Schönes Ding!

4. Hotel Ruanda
Nicht oft liegt ein Film schwerer im Magen als diese Schilderung des Bürgerkrieges in Ruanda. Fernab von Statistiken und bloßen Fakten verleiht der Film einer Katastrophe unermesslichen Ausmaßes ein schreckliches Gesicht. Großartig gespielt, mit bewundernswertem Gespür für Bilder, die man einem Kinopublikum gerade noch zeigen kann vermeidet „Hotel Ruanda“ sinnlose Schuldzuweisungen. Stattdessen führt er seinem Publikum vor Augen, wie eine kritische Situation völlig außer Kontrolle gerät, wenn alle eventuell zuständigen Kräfte mit der Macht dies zu verhindern die Augen verschließen. Ein Muss für alle, die sich ein wenig für den Rest der Welt interessieren.

5. Kiss Kiss Bang Bang
Als großer Freund der Krimis von Raymond Chandler und dem Genre des Detektivfilms bereitet mir diese Murder-Mystery-Farce besonderes Vergnügen. Mit Leidenschaft für seine vielen Vorbilder stürzt sich der Film in eine irrwitzig vorgetragene, brüllend komische und völlig hanebüchende Story. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn sich Robert Downey Jr. und Val Kilmer eifrig daran machen, diese cineastische Albernheit mit ihrer Anwesenheit zu beehren. „This whole ‚Dead people in L.A.‘ thing“ nennt Downey Jr. die Handlung im Off-Kommentar, und verweist schelmisch darauf, dass bei „Kiss Kiss Bang Bang“ eindeutiger als selten zuvor der Weg das Ziel ist.

6. Match Point
Mag es auch insgesamt kein so bombiges Filmjahr gewesen sein, für Freunde des kleinen bebrillten New Yorkers Woody Allen hat es sich gelohnt. Zunächst bog er im Sommer mit dem herrlich unterhaltsamen „Melinda & Melinda“ um die Ecke, und nun liefert er den grandiosen Schlusspunkt des Jahres. Sein brillant gespielter, ungemein spannender Charakter-Thriller überzeugt auf der ganzen Linie. Die Geschichte zweier gesellschaftlicher Aufsteiger, die sich samt romantischen Verwicklungen in der britischen Upper-Class einnisten wollen ist großartig besetzt, inszeniert und kann auf ein meisterhaftes Drehbuch zurückgreifen. Meine Wahl für das „Best Original Screenplay“. Die Academy wird?s aber wohl anders sehen.

7. Million Dollar Baby
Es hat bis in den Dezember gedauert, bis ich mir diesen Oscar-Gewinner von 2005 tatsächlich angesehen habe. Eine Geschichte, wie sie zu großen Teilen schon zigmal im Kino zu sehen war hat Clint Eastwood mit zusätzlicher Tiefe versehen und eine überraschende Wendung eingebaut, wie man sie eigentlich eher in einem Thriller vermuteten würde. Das Ergebnis ist ein fesselndes, wunderbar gespieltes Drama, dass so gelassen und unprätentiös nur von jemand gemacht werden kann, der nichts mehr zu beweisen hat. Eastwood interessierte sich für den Stoff, heuerte die richtigen Leute an und ließ sich von den ängstlichen Studiotypen nicht mehr reinreden. Erzählte man mir die Handlung in ein paar kurzen Sätzen, ich würde ums Verrecken den Film nicht sehen wollen. Manchmal liegt man einfach nur falsch.

8. Sideways
Ein rundum gelungenes Vergnügen ist dieses Roadmovie von „About Schmidt“-Regisseur Alexander Payne. Seine vier Hauptdarsteller brillieren als ganz gewöhnliche Menschen, deren Leben zwischen Enttäuschung, Euphorie, Melancholie und gutem Wein. Wenn auch zum Ende hin vielleicht ein bisschen arg zuckrig ist „Sideways“ doch ein klassisches Beispiel dafür, dass man erfolgreich Filme machen kann, ohne die ganz große Werbetrommel rühren zu müssen.

9. Sin City
Wenn je eine Comic-Umsetzung hervorragend gelungen ist, dann diese. Virtuos inszenierte Unterhaltung für ein erwachsenes Publikum, gespickt mit einer bestens aufgelegten Riege feinster Darsteller. Nebenbei ist Mickey Rourkes Comeback endgültig perfekt. Erstaunlich, dass es außer Robert Rodriguez nur Tarantino gelingt, mit vergleichsweise bescheidenem Budget erfolgreiches Actionkino zu schaffen. Sollte er beim nächsten Sin City seiner Story (eine könnte reichen) etwas mehr Raum geben, könnte er bei den besten Fortsetzungen ganz oben mitmischen.

10. Various Artists
Leider bin ich beim besten Willen nicht auf zehn Lieblingsfilme mit Kinostart im Jahre 2005 gekommen. Da ich einiges im Kino auch verpasst habe, bin ich aber bester Dinge, diese Lücke sehr bald schließen zu können. Solange hier noch mal drei Filme, die eben gerade so KEIN Material für die Top-10-Liste waren:
„Hautnah“
„Garden State“
„Haus aus Sand und Nebel“
Das kann ich anbieten.

Kritik, Anregungen, Karten für die WM und Barspenden bitte weiterhin an edzardo[at]gmail.com senden!

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