Caché

Ob Regisseur Michael Haneke seine Idee für diesen Film bei David Lynch abgeschaut hat, darüber ist mir nichts bekannt. Wie in Lynchs „Lost Highway“ bekommt auch hier ein Ehepaar anonym Videos zugespielt, auf denen ihr Haus zu sehen ist, ihr Alltag, ihr Kommen und Gehen. Bei Lynch entwickelte sich das dann zum surrealistischen Albtraum, bei „Cache“ nehmen die Dinge einen anderen Verlauf. Georges und Anne Laurent, ein wohlhabendes Ehepaar in Paris, sind zunächst unsicher, ob es sich vielleicht bloß um einen dummen Streich von Kameraden ihres 12-jährigen Sohnes Pierrot handelt. Als jedoch ein Video mit Bildern von Georges Geburtshaus auf dem Lande auftaucht,können sie diese Idee getrost verwerfen.Georges Laurent (Daniel Auteuil) kommt langsam ein ganz anderer Verdacht. Doch den will er seiner Frau Anne (Juliette Binoche) lieber nicht mitteilen. Das Leben der Laurents ist da längst auf den Kopf gestellt. Das Ehepaar gerät in Streit, weil Georges seiner Frau nicht alles anvertrauen will, und zu den Videos kommen Postkarten, die sogar ihren Sohn in der Schule erreichen. Ein weiteres Video führt zu einer ominösen Tür eines ärmlichen Appartements, hinter der die Lösung des unheimlichen Rätsels zu finden sein könnte. Über den weiteren Verlauf der Story soll hier geschwiegen werden, denn welche lang zurückliegenden Ereignisse einer verdrängten Vergangenheit ans Licht kommen werden, das sollte jeder Zuschauer für sich selbst entdecken.

Die plötzlich ins Leben der Familienidylle tretenden Videos sind monotone Einstellungen, ein reines Abfilmen von alltäglichem Leben. Und auch der Rest von „Cache“ besteht überwiegend aus langen, statischen Einstellungen und verzichtet komplett auf den Einsatz von Filmmusik. So entsteht ein realistisches, zugleich beklemmendes Portrait der ungewöhnlichen Situation. Haneke lässt die gängigen Mittel zum Dramatisieren beiseite, sein ruhiger Bilderfluss wird umso verstörender durch eine (einzige) Aktion unvermittelter Gewalt durchbrochen.

Wie bei den meisten Filmen, die ohne Action, Musik und wilde Kamerafahrten auskommen, rückt auch in „Cache“ der Fokus auf die Charaktere. Die Dialoge rücken in den Vordergrund, die Gesten und Handlungsweisen. Daniel Auteuil spielt Georges als einen korrekten, unscheinbaren Mann mit einem düsteren Hang zur Verdrängung. Juliette Binoch als Anne reagiert ungleich emotionaler auf die Bedrohung von Außen, und erlebt Georges Wortkargheit als schlimmen Vertrauensbruch. Die beiden spielen ihren Alltag genauso überzeugend wie das Ehepaar in einer Notlage, es herrscht ein vertrautes Klima, in dem jedoch bald Brüche sichtbar werden. Ohne diese überzeugenden Leistungen der Hauptdarsteller wäre das Material zum Scheitern verurteilt.

Ein großer Teil des Publikums wird an „Cache“ trotzdem keinen Spaß haben können. Er gehört in jene Kategorie Filme, die längeres Nachdenken nach dem Ende erforderlich machen und sich einer eindeutigen Auflösung entziehen. Der von Anfang an sich aufbauende Spannungsbogen wird über die letzte (wiederum statische) Einstellung verlängert, und lässt vielen Spekulationen ihren Raum. Doch auch während der Laufzeit entwickelt sich eine intensive Spannung, die von der spannenden Prämisse und der intimen Inszenierung lebt und den Film sehenswert macht.

8/10

PS: Wer den Film auf DVD sehen möchte, der sollte in der letzten Szene genauer auf die linke Seite des Bildes achten. Dort sind zwei Figuren im Gespräch zu sehen, die man inzwischen kennt, von denen man aber nicht annehmen konnte, dass sie miteinander Kontakt haben. Dieser Tipp stammt aus dem Internet, mir selbst wäre diese – nicht unwichtige – Feinheit auf meinem kleinen Fernseher sicher nicht aufgefallen.

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